Liebe Mitabstinentler,
ich möchte mich auch mal vorstellen. Ich bin Alyfee, 41 Jahre alt und alleinerziehende Mutter eines 15-jährigen Jungen der im Autismus-Spektrum ist.
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, denn mein Leben mit Alkohol hat schon sehr früh begonnen, dauerte lange und ist seit 7 Monaten vorbei. Dass ich ein Alkoholproblem habe, wusste ich irgendwie schon lange, habe aber, suchttypisch, immer Ausreden gefunden, warum das alles nicht so schlimm ist, mir eingeredet, dass ich, trotz des immer steigendem Konsums, alles noch im Griff habe und mir das Zeug hilft, meinen stressigen Alltag, meine schwere Vergangenheit, das schlechte Wetter (füge hier noch mehr Ausreden ein) zu ertragen. Verstecken konnte ich das auch immer sehr gut, denn ich habe immer noch allein zu Hause getrunken. Wenn ich unterwegs war (war ich fast nie, denn der Alkohol hat mich träge, depressiv, mürrisch und misanthropisch gemacht) habe ich immer darauf geachtet, moderat zu trinken, um nicht aufzufallen. 2 Bierchen am Abend in Gesellschaft und zu Hause kam dann die Pulle Schnapps auf den Tisch. Auch vor meinem Sohn konnte ich das verbergen, denn ich trank nur, wenn er schon im Bett war. Eigentlich...denn im letzten Jahr habe ich vermehrt angefangen, auch schon nachmittags zu trinken. Vodka gemischt mit Cola, riecht man nicht so sehr. War super, keiner merkts. (Spoiler, natürlich merkt man es, auch mein Sohn, der wusste nur nicht, warum ich so merkwürdig bin)
Und dann kam ein Abend, letztes Jahr ca. im Mai, da habe ich schon nachmittags angefangen zu trinken. Warum? Weiß ich nicht mehr, gab ja immer irgendeinen Grund. Und als mein Sohn abends nach Hause kam, war ich so sturzbesoffen, dass ich weder mit dem Hund Gassi gehen konnte, noch einen geraden Satz rausbringen konnte, ich bin nur noch durch die Wohnung getorkelt. Und da habe ich die Angst in den Augen meines Sohnes gesehen. Den Ekel, das Entsetzen, das Unverständnis. Ich glaube, ich habe mich in meinem Leben noch niemals so geschämt, wie in diesem Moment. Ich habe in den Augen meines Sohnes meine eigenen Augen gesehen, als ich klein war, und meine eigenen Eltern so erleben musste. (komme aus einer Alkohokikerfamilie)
Das war der letzte Tag, an dem ich getrunken habe. Am nächsten Tag habe ich alle Alkoholvorräte weggekippt und bin abends zu einem Meeting der Anonymen Alkoholiker gegangen. Seitdem bin ich trocken. Seitdem lerne ich, jeden Tag, wie erfüllend ein Leben sein kann, das nicht von Gift bestimmt wird. Nach über 20 Jahren, in denen ich eigentlich selten wirklich nüchtern war. Ich liebe das neue Leben. Aber es ist auch wirklich, wirklich anstrengend. Es fühlt sich an, als müsste ich alles neu lernen, muss ich ja eigentlich auch. Gefühle aushalten ohne sie zu betäuben. Ehrlich sein mit sich selbst, die Fehler der Vergangenheit eingestehen, überlegen, wie es im Leben weiter geht, Freundschaften und Beziehungen neu strukturieren, weil sie alle nur auf Alkohol basierten und somit falsch und unecht waren.
Das ist alles eine ganz schöne Herausforderung. Und trotzdem fühlt es sich mittlerweile so unglaublich gut an, nicht mehr trinken zu müssen. Ich fühle mich endlich frei und unabhängig und finde allmählich wieder zu mir selbst.
Ich wünsche mir hier vielleicht einen Austausch mit anderen, die auch alkoholfrei leben wollen. Erfahrungen, welche Hilfen euch im Alltag etwas bringen, um weiterhin ohne Alkohol zu leben. Wie man mit schwierigen Situationen umgeht aber auch, warum ein Leben ohne Alkohol wunderschön ist und nicht bedeutet, etwas aufzugeben, sondern etwas zu gewinnen...Lebensqualität, Freiheit, Gesundheit.
Soweit erstmal zu mir.
LG Alyfee