Mit demKaffee beginne ich einfach mal etwas früher heute. Immerhin habe ich über 4 Stunden geschlafen. Das ist mehr als ich erwartet habe. Der Tag gestern war anstrengend .. nicht körperlich, aber geistig.
Nein, trocken zu werden mache ich nicht nur für meine Ehe. Aber ich sehe was der Alkohol in meiner Beziehung angerichtet hat. Der Gedanke aufzuhören war ja in der Vergangenheit auch schon ab und an mal da. Aber offenbar brauchen manche Menschen einen heilenden Schock um wirklich an sich zu arbeiten. Der gesundheitliche Aspekt war schon da, aber er konnte sich nicht durchsetzen. Es war für mich einfach schön, dass die lieb gewonnenen Rituale und Gewohnheiten meinen Alltag ausgekleidet haben. Natürlich habe ich es bemerkt ,dass wir Abends oft nicht weggegangen sind weil ich lieber zuhause noch ein Bierchen auf der Couch trinken wollte. Das nur als Beispiel. Der Alkohol hat mir offenbar meine Leichtigkeit, Tatendrang, Dynamik, Humor, und was weiß ich noch alles genommen. Das hat meine Frau gemerkt, ich aber offenbar nicht. Ich mache ihr da keine Vorwürfe. Ich ärgere mich eher über mich, dass ich das nicht bemerkt habe. Schleichende Prozesse sind mitunter hinterhältig.
Nein, wieder zu trinken ist keine Option. Und auch wenn gerade um mich herum mein Leben vollkommen aus den Fugen gerät, bin ich Stolz Tag 10 heute "feiern" zu können. Nur schade das meine Frau nicht dabei ist um diesen kleinen Erfolg mit mir zu feiern.
MIt fast 65 Jahren wieder am Nullpunkt zu stehen ist schwer. Alles zu verlieren, und wieder neu beginnen zu müssen ist schwer. Das Haus das wir mit Liebe und Schweiß renoviert haben, unser gemeinsames Leben mit all seinen auch schönen Momenten zu verlieren, ist einfach unbeschreiblich schmerzhaft.
Gestern Abend habe ich mit einer Bekannten telefoniert. Wir haben eigentlich noch nie Abends miteinander telefoniert/ gesprochen. Der Abend gehört ihr und ihrem Mann. Trotzdem war sie da, und wollte mir zur Seite stehen und zuhören. Wie das Leben so spielt, und vielleicht auch den Spiegel vorhält. Sie trinkt gerne Rotwein. Und im Verlaufe des Abends bemerkte ich wie sie sich verändert hat. Auch sie hat ihre Probleme zu stemmen. Die Stimme wurde gedehnter, emotionaler, schleppender. Ob ich auch so klinge, wenn ich mal etwas mehr getrunken habe? Sie bleibt lieb dabei, nicht aggressiv. Und auch wenn sie hier nicht mitließt, möchte ich mich bei ihr bedanken. Von den Leuten die gesagt haben, dass sie "natürlich" jederzeit für mich da sind, wenn ich reden möchte, haben sich alle weggeduckt. Ich bin niemandem böse, aber so ist eben die Realität.
Ja, es werden große Veränderungen kommen. Das Jahr 2026 hält schon jetzt eine Menge Prüfungen für mich bereit. Der Übergang vom Arbeitsleben in die Rente, der Leistenbruch mit Operation, und jetzt die wohl größte Veränderung in meinem Leben. Der Übergang von Arbeit nach Rente war noch berechenbar und langsam, aber die anderen Dinge passieren gerade unvorbereitet und mit Wucht. Also für mich unvorbereitet und mit Wucht. Für andere Menschen wäre es vielleicht nicht so dramatisch.
Ein Moment der Ruhe wäre schön, damit ich mich sammeln kann. Aber ich befürchte das wir mir nicht vergönnt sein. Ich war noch nie ein Mensch der sich schnell auf jede neue Situation einstellen kann. Eine Eigenschaft die gerade jetzt in dieser Form nicht besonders hilfreich ist. Friedrich Nietzsche sprach von Amor Fati, der Liebe zum Schicksal. Die Dinge annehmen, und nicht als etwas schlechtes zu sehen. Davon bin ich wohl noch recht weit entfernt ...
Im Moment wäre ich schon dankbar, wenn nicht ständig neue Schläge auf mich einprasseln würden. Morgen werde ich mein Gespräch in der realen Welt mit der Suchtberatung haben. Neben dieser hilfreichen SHG hier, sicherlich gut für mich auch in der realen Welt das Thema anzugehen. Gerade die Isolation muss ich jetzt durchbrechen. In der Isolation fährt der Kopf Karussel. Jede Hilfe ist willkommen.
Beginnen wir den Tag ...