Aus meinem Tagebuch von heute:
9:30 Uhr: 20. Tag ohne Alkohol und damit bin ich heute seit fast drei Wochen abstinent. Wobei ich zugeben muss, heute ist eine kleine Herausforderung, sprich: die "Gelegenheit ist günstig" (Hallo, Suchthirn!). - Spätestens um 10:00 Uhr ist heute Endabnahme der Strangsanierung in meiner Wohnung. Danach werde ich für die folgenden Wochen nicht mehr darauf angewiesen sein, die Wohnung - abgesehen von ihrem derzeitigen Zustand - müll- und schmutzfrei zu halten (sprich handwerkertauglich). Ich könnte locker, leicht wieder mit dem Weitertrinken und Rumaasen anfangen, so wie schon mehrere Male in meiner Vergangenheit geschehen. Oder die Herausforderung annehmen, auf maximal die letzten drei Wochen zurückblicken und mir vergegenwärtigen, was ich alles geschafft und wie lange ich bisher durchgehalten habe. Ich weiß, ich stehe noch ganz am Anfang und verlasse mich noch zu sehr auf Struktur von außen (zur Zeit eben die Handwerker, die die letzten zwei Wochen täglich da waren), bin auch noch zu sehr in meiner Suchtidentität gefangen und der Sog der Komfortzone ist noch zu stark, zu verführerisch. Ich könnte jederzeit tun (saufen) und lassen (abstinent bleiben), was ich will. Deswegen heißt es heute ganz besonders: wachsam und aufmerksam bleiben. Was fühle ich gerade? Wonach ist mir gerade zumute, wozu bin ich motiviert und wozu nicht? Wo könnte es gefährlich werden, wo auch nur kritisch? Was außer der bloßen Gelegenheit könnte mich triggern?
11:00 Uhr: Die Endabnahme ist erfolgt. Nun habe ich den ganzen restlichen Tag für mich, keine Handwerker mehr, keine Termine, keine Verabredungen - ich bin völlig auf mich allein zurückgeworfen.
Ich gehe es langsam an, will mich nicht überfordern. Ein schöner warmer Pudding als "erstes" Mittagessen, eine deutsche Gerichtssendung (jaaahaaa) und Kuscheln mit Kater Teddy tun bei diesem regnerischen, vorherbstlichen Wetter richtig gut.
Eine Schriftstellerin, die selbst einmal alkoholabhängig war und darüber geschrieben hat, hatte Recht: Jetzt bleibt nur noch die ungeschminkte Wahrheit. Jetzt muss ich durch jedes Gefühl hindurch, das ich fühle. Jetzt muss ich mich den "faulen Stellen" meines Lebens stellen.
17:20 Uhr: Ich habe bisher keinen kleinen Finger gerührt, um meine von den Handwerkern freigegebene Wohnung zu putzen und aufzuräumen. Ich habe mich dann doch von einem meiner inneren Schweinehunde kleinkriegen lassen. Warum? Wenn ich wieder auf meine Beinmuskelschwäche, Hintergrundmüdigkeit oder Antriebslosigkeit verweise (wie um alles in der Welt habe ich die Putzmarathonwoche vor zwei Wochen gestemmt???), klingt das in meinen Ohren nur wie eine faule Ausrede. Es wird immerhin nicht besser bzw. wie heißt es so schön: Von nichts kommt nichts. Stattdessen habe ich mich noch Mal mit dem Fliesenleger auseinandergesetzt, weil meine Badewanne nicht ordentlich verfugt worden war, dann gab es Mittagessen (Tofu-Gemüde-Pfanne, yammi) - ok, auch erst gegen 15 Uhr, weil ich so viel (zum Thema Alkohol) gelesen und geschrieben habe. Aber immerhin: kein Alkohol! Nicht Mal ansatzweise akuter Suchtdruck. Dafür könnte ich Wasser schlucken wie verrückt ...
(P.S.: Es ist tatsächlich der 20. Tag ohne Alkohol 🤞😊)