Beiträge von Hartmut

    Und deine Meinung interessiert mich natürlich auch sehr, Hartmut. Wie ist es bei dir? Denkst du manchmal: Ich bin nun 19 Jahre trocken, hätte aber 20 Jahre trocken sein können, wenn ich ein Jahr früher aufgehört hätte?

    Ja, den Gedanken kenne ich. Aber ich halte mich da nicht lange mit auf. Sentimentalität ist nicht gerade meine Stärke, wenn es um Sucht geht. ;) Ich habe mich in meiner nassen Zeit oft genug in irgendeine weinerliche Opferrolle gesoffen. Das brauche ich heute auch keinen Trockenrausch mehr.

    Natürlich könnte ich sagen: Hättest du ein Jahr früher aufgehört, wären es heute 20 Jahre. Oder fünf. Oder zehn. Oder ich könnte anfangen zu überlegen, welche Entscheidungen damals vielleicht anders gelaufen wären.

    Nur wird es genau da schon schwierig.

    Jahrelang gesoffen zu haben heißt nicht, dass man all die Jahre nur aus der Sucht heraus gelebt hat. Das Leben ging trotzdem weiter , mit Beziehungen, Trennungen, Kindern, Arbeit, Entscheidungen und guten wie schlechten Phasen.

    Ich hatte auch schöne Jahre während der Saufzeit. War ja nicht alles schlecht. Schlimm war die Sucht, nicht jedes einzelne Erlebnis. Und ich werde sicher keine Krankheit für alles verantwortlich machen. Was ich verbockt habe, trage ich , aber ich gehe nicht kniend durchs Leben.

    Ich weiß heute ziemlich gut, was ich meiner Sucht zurechnen kann. Aber ich weiß genauso, dass ich manche Entscheidungen auch nüchtern getroffen hätte. Nicht jede Trennung, jeder Streit oder jeder Bockmist war automatisch der Alkohol.

    Zwischen jahrzehntelangem Saufen und heute 19 Jahren Trockenheit hat schließlich auch noch das ganz normale Leben seine Musik gespielt. Deshalb bringt mir dieses rückwirkende „Was wäre gewesen, wenn?“ nur begrenzt etwas.

    Und ich werde mich nicht jahrelang dafür bestrafen, dass ich damals nicht früher kapiert habe, was ich heute weiß. 19 Jahre trocken. Das ist die Realität. Nicht 20. Nicht 25. Nicht „hätte, wäre, wenn“. Also ja, der Gedanke ist mir nicht fremd. Aber ich wohne nicht darin.:saint:

    Mich interessiert mehr, was ich mit dem Rest meines Lebens mache, als wie viele trockene Jahre ich theoretisch schon haben könnte. Die Vergangenheit ist bezahlt. Mit Lebenszeit und Erfahrungen. Heute versuche ich nur, keine Zinsen mehr draufzulegen.

    Krümel,

    eigentlich hast du den wichtigsten Satz schon selbst geschrieben.

    Und es ist absurd, dass ich immer noch hier sitze und bei ihm bin..

    Alles andere ist für mich reine Suchtdynamik und typisches nasses Geschwätz. Ohne Alkohol fehlt die Geselligkeit, Kontakte brechen weg, das Leben wird leer – und am Ende sind andere oder das Umfeld schuld, dass Saufen wieder „notwendig“ ist ;)

    Kann man sich alles zurechtlegen.

    Der entscheidende Satz von ihm ist viel einfacher „Ich brauche den Alkohol und ich will ihn nicht aus meinem Leben streichen.“ Mehr Erklärung braucht es nicht. Oder?

    Weiter im Text.

    Meine Anfänge hier sind ja bekannt. Aufgeschlagen, alles besser gewusst, das komplette nasse Denken gleich mitgebracht – und nach zwölf Wochen der Rückfall. Den Pfad der Grundbausteine bin ich damals jedenfalls nicht mit wehenden Fahnen hochmarschiert.:whistling:

    Es meldet sich niemand aus Langeweile in einem Alkoholikerforum an. Auch nicht, weil er zu Weihnachten zwei Gläser Wein trinkt oder mal irgendwo ein Bier. Irgendwas im Kopf hat vorher schon gesagt: Mit meinem Trinkverhalten stimmt etwas gewaltig nicht mehr. Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen – und das braucht zusätzliche Hilfe.

    Nur bringt man beim ersten Auftauchen natürlich kein trocken denkendes Hirn mit. Man bringt das typische nasse, suchtorientierte Denken mit. Genau das Denken, das einen vorher jahrelang beim Trinken gehalten hat und zuverlässig darauf ausgerichtet war, wo der nächste Suff herkommt: relativieren, vergleichen, Sonderfälle bauen.

    Dann der Klassiker: Erst mal vor dem Begriff Alkoholiker wegducken. Einen schöneren Namen suchen, damit es sich nicht ganz so beschissen anfühlt. Und natürlich erklären, warum man selbst nicht so ist wie „die anderen“. Dann wird aus Alkoholabhängigkeit schnell „problematisches Trinken“, „schwierige Phase“, „ich muss halt aufpassen“ oder irgendetwas, das besser in die eigene Schublade passt.

    Nur gibt es für mich kein „Alkoholiker‑Light“ und auch keinen „Lifestyle‑Alkoholiker“. Irgendwann zeigt die Sucht ziemlich deutlich, wer hier das Kommando hat.

    Und genau da lag auch bei mir der Denkfehler: Mit demselben Denken, das mich jahrelang hat weitersaufen lassen, will ich plötzlich beweisen, dass ich jetzt trocken bleiben kann. Hat bei mir übrigens hervorragend funktioniert. Zwölf Wochen lang. Bescheuert , oder?

    Mein Tiefpunkt war dann auch kein philosophisches Kunstwerk, das ich mir passend erklären musste. Er war schlicht der Punkt, an dem nichts mehr ging. Wie jemand seinen Tiefpunkt beschreibt, kann unterschiedlich sein. Meiner war jedenfalls eindeutig – fast tot.

    Was ich hier auch immer wieder sehe: Kaum wird etwas unbequem, wird auf andere Gruppen verwiesen. „Die machen das anders.“ „Dort ist das erlaubt.“ „Da sieht man das lockerer. Mag alles sein. Nur sind wir hier keine Diskussionsplattform für sämtliche Wege, die irgendwo zum Thema Alkohol angeboten werden. Wir sind eine Selbsthilfegruppe mit einer klaren Ausrichtung und Grundbausteinen, die aus den Erfahrungen vieler Langzeitrockener entstanden sind.

    Natürlich kann sich hier jeder austauschen. Aber unsere Grundbausteine werden nicht jedes Mal passend zurechtgebogen, nur weil es irgendwo anders anders gemacht wird.

    Wir sind schließlich alle Gäste hier.

    Wer einen anderen Weg gehen will, darf das selbstverständlich. Aber ich muss hier nicht den dicken Max machen und erklären, dass alle anderen sich gefälligst meinem Weg anpassen sollen.

    Ich bin schließlich auch nicht hier angekommen, weil ich schon wusste, wie Trockenbleiben funktioniert. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich vermutlich gar kein Alkoholikerforum gebraucht.

    Weiter im Text, etwas länger also „Schlagzeilenleser“ das ist jetzt nichts für euch.:saint:

    Auch wenn ich inzwischen 19 Jahre Trockenheit auf dem Buckel habe: Ich bin keine Gebrauchsanweisung fürs Trockenbleiben. Ich komme auch nicht aus der klassischen Selbsthilfegruppe, wo einer erzählt, alle hören zu und danach ist der Nächste dran. So bin ich nicht trocken geworden. Und so wichtig bin ich nun wirklich nicht, dass hier nur meine Geschichten stehen müssten.

    Eine Therapie habe ich übrigens auch nicht gemacht. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas dagegen hätte, sondern weil es nicht mein Weg war, mir etwas überstülpen zu lassen und anschließend nach außen zu zeigen: „Schaut her, ich mache doch was.“ Schublade auf, Therapie rein, zu Hause erzählen „Ich kümmere mich“, der Partner denkt „Prima, jetzt passiert endlich etwas“, und schwupps sieht von außen alles wunderbar beschäftigt aus. Nur trocken macht mich das noch lange nicht.

    Was ich immer wieder sehe: Menschen, die selbst nie süchtig waren, halten Therapie gern für eine Art Allzweckwaffe. „Mach eine Therapie, dann wird alles gut.“

    Nö. So einfach ist es nicht. Und wenn ich lese: „Mein Therapeut hat damals gesagt …“, werde ich irgendwann hellhörig. Nicht weil der Therapeut automatisch falsch liegt, sondern weil mich viel mehr interessiert, was der Süchtige selbst daraus gemacht hat.

    Ich bin hier trocken geworden. Mit Klartext. Mit Fragen. Mit Hinterfragen. Mit Widerspruch. Auch mal kritisch, auch mal auf den Putz hauen. Und vor allem nicht nur reden, sondern tun. Deshalb taucht bei mir dieser Satz auch immer wieder auf: Tun muss man tun. ;)

    Ich war schließlich auch kein passiver Säufer. Ich habe zuverlässig dafür gesorgt, dass meine Umgebung stimmt, Vorrat da ist und mir bloß nicht irgendwann die Trinkmenge ausgeht. Das lief schon sehr aktiv. Und beim Trockenwerden nur dasitzen und von Saulus bis Paulus zuhören? Nö. Dann brauche ich keine Selbsthilfegruppe.

    Also bin ich auch aktiv trocken geworden. Nicht mit: „Man könnte vielleicht mal darüber nachdenken, eventuell irgendwann etwas zu verändern.“ Und auch nicht damit, mir aus den Grundbausteinen nur die Teile rauszupicken, die gerade bequem sind, den Rest wegzulassen und anschließend das Schild hochzuhalten: Ich lebe nach den Grundbausteinen.

    Brauche ich nicht. Innen nass und außen trocken hilft auch nicht weiter.

    Wer nicht ehrlich zu sich selbst ist, wird es meiner Meinung nach schwer haben, lange trocken zu bleiben. Es geht nicht darum, nach außen die passende Maske zu tragen. Und auch nicht darum, jede Sauerei aus der nassen Zeit öffentlich auszubreiten. Es geht darum, die eigenen Fallstricke zu erkennen. Auch die, die man sich selbst baut.

    Dieses „Ich bin Alkoholiker, also muss ich jetzt überall dabei sein, sonst reden die Leute“ ist weit verbreitet. Ich muss mein Trockenleben nicht nach außen präsentieren. Am Ende entscheidet sowieso nicht irgendein Weg, den der Einzelne propagiert. Jeder muss mit der Sucht klarkommen, die er selbst mit sich herumträgt.

    Und je mehr Risiken ich mir selbst einbaue, desto größer wird für mich die Rückfallgefahr. Eigentlich eine einfache Rechnung.

    Die Grundbausteine sind übrigens nicht am Stammtisch zusammengebastelt worden, sondern stammen aus den Erfahrungen Langzeitrockener. Manche, die hier früher sehr überzeugt aufgetreten sind, sitzen heute wieder am Stammtisch und erzählen eine These nach der anderen, warum sie es „ab morgen wieder im Griff haben“.

    Das ist es ja: Ab morgen wieder im Griff. Kennen wir doch alle. Oder doch nur ich? Egal :whistling:

    Und nur weil das Glas weg ist, verschwindet das alte nasse Denken nicht automatisch mit. Wer 20 oder 30 Jahre gesoffen hat, hat sich im Kopf einiges eingerichtet,.Verniedlichungen, Rechtfertigungen, Gewohnheiten, Bewertungen, Verknüpfungen. Das wird nicht mit dem letzten Schluck gelöscht. Wäre schön. Ist aber leider kein Windows-Papierkorb.

    Mir selbst war in meiner nassen Zeit nicht besonders zu trauen. Warum sollte ausgerechnet mein Denken am ersten trockenen Tag plötzlich unfehlbar sein?

    Wenn mir jemand, noch frisch und pitschnass hinter den Ohren, erzählt, wie problemlos er auf einer Feier war, auf der ordentlich gesoffen wurde, werde ich hellhörig.

    Dann kommen oft Sätze wie: „Das macht mir nichts aus.“ oder „Ich hatte keine Verzichtsgedanken.“ Und da denke ich mir zuerst: Der weiß doch noch gar nicht, was Verzicht für ihn überhaupt bedeutet. Wenn Alkohol wirklich keine Rolle spielt, warum muss ich dann extra erwähnen, dass ich keine Verzichtsgedanken hatte? Der Alkohol saß gedanklich doch mit am Tisch.

    Wenn ich jahrelang bei jeder Gelegenheit gesoffen habe und dann das erste Mal auf einer Feier sitze und nicht trinke, dann fehlt erst einmal etwas. Und wenn es nur der Gedanke ist: „Da hätte ich früher mitgetrunken.“ Auch das ist schon Verzicht.

    War bei meinen Trinkpausen früher doch nicht anders. Ich habe nicht getrunken, aber der Alkohol war deshalb noch lange nicht aus dem Kopf verschwunden.

    Und ja, natürlich macht man sich gerade am Anfang auf nassen Feiern Gedanken. Das gehört für mich zur Suchtmechanik. Die anderen am Tisch sind schließlich auch nicht bescheuert und merken irgendwann, wenn einer plötzlich nichts mehr trinkt. Dann kommt es zur Sprache.

    Ich kenne dieses Gefühl noch gut: Hupps, jetzt bin ich aufgeflogen. Jetzt hat mich einer erwischt. Auch das sortiert sich mit der Zeit, je stabiler ich werde. Aber genau da fängt für mich Ehrlichkeit an.

    Sich selbst etwas vorzumachen, war lange genug Bestandteil der Sucht. Das brauche ich beim Trockenbleiben nicht auch noch.


    Reicht für heute:saint:

    Bergfloh, willkommen bei uns. Etwas spät, aber ich habe deinen Thread gerade einmal überflogen. Und ja, ich erkenne einiges davon aus meiner eigenen Erfahrung wieder. ;)

    Am Anfang versucht man, das eigene Trinkverhalten irgendwie zu sortieren. Viel von diesem nassen Denken nimmt man aus der aktiven Zeit mit ins trockene Leben: Frusttrinken, Stress, Belohnung, zu Hause schlimmer, auf Veranstaltungen kontrolliert. Das klingt erst einmal logisch. Ist aber eben noch die alte Einteilung aus der nassen Zeit.;)

    Nur: Wenn eine Sucht da ist, interessiert sie diese Einteilung herzlich wenig. Ob Frust, Freude, Stress, Feier oder Belohnung. Der Mensch liefert den Grund, die Sucht will das Ergebnis.

    „Ich war Frustdrinkerin“, um bei deinem Beispiel zu bleiben, beschreibt deshalb für mich ein Muster, aber nicht die Abhängigkeit. Heute ist es der Frust, morgen gibt es etwas zu feiern und übermorgen ist einfach ein schöner Abend. Die Sucht ist bei ihren Begründungen erstaunlich kreativ.

    Da arbeitet sie zuverlässiger als so mancher Sachbearbeiter. Auch dieses „dort hatte ich mich im Griff“ kenne ich. Im Nachhinein sehen solche Situationen schnell besser aus.

    Da ging es doch. Da habe ich nicht weitergetrunken. Da war alles kontrolliert. Nur sagt das über die Sucht wenig aus. Entscheidend ist nicht die einzelne Situation, in der es einmal funktioniert hat.

    Genau da sitzt für mich das nasse Denken. Nicht erst bei „Ich will trinken“, sondern schon dort, wo alte Erklärungen weiterleben und Alkohol im Rückblick noch Bedingungen bekommt, unter denen er angeblich funktioniert hat.

    Was ich bei dir gut finde. Du schaust hin, erkennst Muster und suchst andere Wege für Ärger und Frust. Das ist ein guter Anfang.

    Was dir später aber auf die Füße fallen kann, ist die fehlende Risikominimierung. Dieses „da muss ich halt dabei sein“ oder „das gehört eben dazu“ mag beruflich oder gesellschaftlich logisch klingen. Die Sucht interessiert das nur nicht. Sie diskutiert nicht darüber, ob ein Termin wichtig ist oder ob du glaubst, dort sicher zu sein.

    Trocken werden heißt nicht nur, nichts mehr zu trinken. Es heißt auch, nicht mehr jedes Risiko mitzunehmen, nur weil der Kopf noch eine vernünftige Begründung dafür findet.

    Dir weiterhin alles Gute auf deinem Weg.

    Schmetterling, du drehst dich gerade wieder um seinen Konsum: zwei Bier, zwei Sambuca, eine Woche nichts, heimlich oder nicht, Alkoholiker oder vielleicht doch keiner.

    Du kannst das noch hundertmal zählen, kontrollieren und neu bewerten. Es bleibt sein Trinken.;) Die wichtigere Frage ist doch . Was macht das alles mit dir?

    Wenn es dir dauerhaft schlecht damit geht, musst irgendwann du Konsequenzen für dich ziehen. Nicht, damit er weniger trinkt, sondern damit du nicht ständig um sein Trinken kreist. Vielleicht ist dein Leidensdruck im Moment einfach noch nicht groß genug, um diesen Schritt wirklich zu gehen. Wir Alkoholiker sagen dann gern: „Dann musst du eben noch ein paar Runden drehen.

    Aber du musst nicht erst beweisen, dass er Alkoholiker ist, bevor du sagen darfst.

    So möchte ich nicht leben.

    Letzte Ansage.

    Wir sind ein Forum für Sucht und Co-Abhängigkeit. Unser Fokus liegt auf Suchtmechanismen, Co-Abhängigkeit, Stabilisierung und Austausch.

    Nicht auf Rechtsberatung, Finanzplanung, Wohnungstipps oder kompletten Lebensentscheidungen. In den letzten Beiträgen sind die Themen mehrfach in Bereiche abgedriftet, die nicht zum Rahmen dieses Forums gehören.

    Darum noch einmal klar: Keine juristischen Ratschläge. Keine finanziellen Konstrukte.
    Keine Behörden-Anleitungen. Keine Fremdsteuerung. Keine „Mach dies, mach das“-Lebensberatung.

    Und nochmals der Hinweis: Der offene Bereich ist öffentlich einsehbar.

    Wenn dieser Rahmen weiterhin missachtet wird, wird der Thread für ein paar Tage geschlossen, damit sich alle wieder sortieren können.

    Danke.

    Kann ich in den geschlossenen Bereich?

    Schau mal, da stehen die Voraussetzungen, und wenn sie passen, erst dann bei einem Moderator per PN melden.

    Zitat

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    Bitte darauf achten.

    Ich denke, es wird mal wieder Zeit, den Sinn dieses Threads klarzumachen. Das hier ist kein Diskussionschat über Beziehungen, Hypothesen oder persönliche Lebensgeschichten.

    Hauptbestandteil ist die Mechanik der Sucht. ;) Nicht das Innenleben einzelner Partnerschaften.

    Wenn ein neuer User hier aufschlägt, soll er nicht erst seitenlang wühlen müssen, um die Grundgedanken zu finden.

    Was Persönliches angeht: Bitte tauscht euch dafür im eigenen Thread aus. Hier geht es um Sucht, nicht um Beziehungsdramen.

    Ich mach mal weiter hier mit den Mythen des Alkoholikers und wie sie so gern gesehen werden.

    Mir war Alkohol nie „wichtiger“ als Familie. Das wird ja gern mal von Co-Seite, Familienangehörigen oder ähnlichen Gruppen pauschal rausgehauen.

    Das lasse ich so nicht stehen. Ich war/bin süchtig, ja. Aber „wichtiger“ im Sinne von Wert, Bedeutung oder Gefühl war Alkohol für mich nicht. Die Sucht hat mir meine Familie nicht ersetzt. Sie hat mir nur den Zugriff darauf blockiert.

    Die Sucht verschiebt Prioritäten, übernimmt zunehmend die Steuerung und drängt anderes nach hinten. Aber sie löscht nicht automatisch Gefühle aus.

    Für mich war das nie: „Alkohol ist mir wichtiger als ihr.“ Sondern: Ich hatte die Kontrolle verloren, und die Sucht hat zunehmend bestimmt, was ich tue.

    Der Mythos vom Alkoholiker, dem alles andere egal ist, weil nur noch die Flasche zählt, ist mir deshalb zu einfach gestrickt. Von außen kann das so aussehen. Innen muss es deshalb noch lange nicht so sein.

    Und ja. Erklären kann man viel. ;)

    Ändern kann es am Ende trotzdem nur der, der säuft . Auch wenn er die Verschiebung seiner Prioritäten selbst gar nicht wirklich wahrnimmt oder wahrnehmen kann.

    ich meinte starke Schwankungen der Persönlichkeit zwischen nüchtern und betrunken?

    Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung.

    Ich kenne keine Erkrankung, bei der das Verhalten stabil bleibt, wenn die Symptome Vollgas geben. Warum sollte ausgerechnet eine Suchterkrankung die große Ausnahme sein?

    Natürlich verändert Alkohol das Verhalten. Aber daraus gleich zwei Persönlichkeiten zu basteln – Dr. Jekyll und Herr Korn – ist genau dieses Schubladendenken. Praktisch, aber daneben.

    Und wenn ich mir die Fragen der letzten Tage anschaue, nicht nur deine, und wir das inzwischen mehrfach durchgekaut wurde , ohne dass sich am Kern irgendwas bewegt, dann sieht das langsam nach der klassischen Co‑Schleife aus ;)

    Irgendwo noch eine Restlücke suchen, um die Sucht des anderen so hinzubiegen, dass ein Zusammenleben damit doch irgendwie noch passen könnte. Co‑Denke, Co‑Suche, Co‑Hoffnung – das ganze Paket.

    Wenn’s nicht passt, dann passt’s nicht. Egal, wie viele Erklärungen man noch drüberklebt.

    Ist es normal, dass starke Alkoholiker besoffen freundlich und gut gelaunt sind?
    Nüchtern hingegen unerträglich und streitlustig?

    Schubladendenken? Als gäbe es irgendwo ein Handbuch: „Alkoholiker, Modell 0815“.Gibt’s nicht.;)

    Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung. Der Mensch dahinter bleibt trotzdem ein Mensch. Deshalb ist es für mich ziemlich schräg, daraus eine allgemeingültige Kategorie zu basteln. „So ist der Alkoholiker, so muss man mit ihm umgehen.“ Nein.

    Da steckt immer mehr Mensch als Alkoholiker drin. Die Sucht mischt kräftig mit aber sie ersetzt nicht die Persönlichkeit. Der eine wird aggressiv, der nächste still, der nächste lustig, der nächste unerträglich. Einer lügt, einer verschweigt, einer redet sich alles schön.

    Und manches davon hätte er auch ohne Alkohol im Sortiment. Überraschung. ;)

    Wie geht ihr als trockene Alkoholiker mit nassen Alkoholikern um?

    Ist er ansteckend?;)

    Ich gehe ganz normal mit ihm um. Verständnis für seine Sucht ist für mich irrelevant. Ich muss nichts verstehen. Ich will ihn weder trockenlegen noch therapieren.

    Wenn er reden will, kann man reden. Wenn er saufen will oder muss, soll er saufen. Das ist nicht mein Thema. Wenn er sich zu Tode säuft, ist das seine Entscheidung, nicht meine Baustelle.

    Nur wenn er meint, bei mir oder mit mir saufen zu müssen, ist die Sache schnell geklärt. Dann passt es eben nicht.

    Will er Hilfe, zeige ich ihm Möglichkeiten. Nimmt er sie an: gut. Wenn er glaubt, ich nehme ihn an die Hand und gehe mit ihm den Weg — nein.

    Schuld oder nicht schuld. Ganz ehrlich. Diese Frage hatte ich mir als Alkoholiker nie gestellt. Weder in der nassen Zeit noch später trocken. Wozu auch? Selbst wenn ich irgendwann herausgefunden hätte, wer angeblich schuld gewesen sein soll, was hätte sich dadurch geändert? Ich hätte nicht weniger gesoffen, meine Sucht wäre nicht kleiner geworden und mein Leben hätte sicher keinen Premium-Modus freigeschaltet.;)

    Ich wusste, dass ich saufe, und irgendwann hatte ich auch begriffen, was das mit mir und meinem Umfeld anrichtete. Dafür brauchte ich keinen Familienrat und keine höhere Eingebung.

    Die einzige interessante Frage war irgendwann schlicht: Was mache ich mit dem, was ich längst weiß? Noch eine Erklärung suchen, noch jemanden verantwortlich machen, noch einmal versprechen, dass es diesmal anders wird? Konnte man alles tun. Hat nur nichts geändert.

    Solange ich nichts änderte, blieb es mein Saufen, meine Baustelle, mein Chaos. Nicht die Frau, nicht die Kindheit, nicht der Chef, nicht das Wetter und meinetwegen auch nicht der Vollmond. Wenn ich weitersoff, dann tat ich das. Wenn ich aufhörte, dann tat ich das ebenfalls.

    Aufgehört hatte ich übrigens nicht aus einer großen, bewussten Entscheidung heraus, sondern aus der schlichten Notwendigkeit des Tiefpunkts. Irgendwann gab es nicht mehr viel zu entscheiden. Einfach die letzte Option.

    Und beim Co läuft es für mich genau andersherum. Während der Alkoholiker mit seinem Saufen beschäftigt ist, kann der Co herausfinden, warum er gesoffen hat, wann, wie viel und ob er dabei gelogen hat. Man kann Flaschen zählen, Stimmungen scannen, Werkstätten kontrollieren und Vereinsabende auswerten wie ein Kriminaltechniker auf Nachtschicht.

    Und dann? Es bleibt trotzdem sein Saufen. Die eigene Baustelle beginnt dort, wo entschieden werden muss, was man mit all dem anfängt: kontrollieren, aushalten, sich arrangieren, Grenzen setzen oder aussteigen.

    Der Alkoholiker kann seine Verantwortung nicht beim Co abladen, und der Co seine Entscheidung nicht beim Alkoholiker parken. Menschen haben nur diese erstaunliche Begabung, aus zwei klaren Zuständigkeiten einen gemeinsamen gordischen Knoten zu basteln und sich dann zu wundern, warum er sich nicht löst.

    Jeder fährt seinen eigenen Zug und muss selbst wissen, an welcher Haltestelle er aussteigt.

    Wenn alle Versuche kontrolliert zu trinken oder ganz aufzuhören alleine scheitern, wenn man ganz genau weiß, dass man süchtig ist, warum holt man sich keine professionelle Hilfe? Warum dauert das so lange oder passiert nie?

    Unabhängig davon: „Kontrolliertes Trinken“ funktioniert für einen Alkoholiker nicht. Kontrollverlust ist schließlich ein Hauptmerkmal der Sucht. Einen Alkoholiker weiter mit Mengen, Regeln und Trinkplänen zu quälen, ist für mich kein Weg. Betreutes Saufen bis zum Tod gehört jedenfalls nicht zu unserer Agenda hier.

    Deshalb wird das hier auch nicht weiter diskutiert.

    Aber zu deinem Kern der Frage:

    Solange der Leidensdruck noch irgendwie auszuhalten ist, wird eben weitergemacht, verschoben, erklärt und gehofft, dass es doch noch irgendwie geht. Sucht ist da ziemlich genügsam. Sie braucht keine guten Argumente. Nur noch einen weiteren Tag.;)

    Und professionelle Hilfe holt man sich meistens nicht dann, wenn es vernünftig wäre, sondern dann, wenn einem die eigenen Auswege langsam ausgehen. Selbst dann ist es nicht sicher , wenn die Sucht schon so weit ist, säuft man sich eben zu Tode.