Weiter im Text, etwas länger also „Schlagzeilenleser“ das ist jetzt nichts für euch.
Auch wenn ich inzwischen 19 Jahre Trockenheit auf dem Buckel habe: Ich bin keine Gebrauchsanweisung fürs Trockenbleiben. Ich komme auch nicht aus der klassischen Selbsthilfegruppe, wo einer erzählt, alle hören zu und danach ist der Nächste dran. So bin ich nicht trocken geworden. Und so wichtig bin ich nun wirklich nicht, dass hier nur meine Geschichten stehen müssten.
Eine Therapie habe ich übrigens auch nicht gemacht. Nicht, weil ich grundsätzlich etwas dagegen hätte, sondern weil es nicht mein Weg war, mir etwas überstülpen zu lassen und anschließend nach außen zu zeigen: „Schaut her, ich mache doch was.“ Schublade auf, Therapie rein, zu Hause erzählen „Ich kümmere mich“, der Partner denkt „Prima, jetzt passiert endlich etwas“, und schwupps sieht von außen alles wunderbar beschäftigt aus. Nur trocken macht mich das noch lange nicht.
Was ich immer wieder sehe: Menschen, die selbst nie süchtig waren, halten Therapie gern für eine Art Allzweckwaffe. „Mach eine Therapie, dann wird alles gut.“
Nö. So einfach ist es nicht. Und wenn ich lese: „Mein Therapeut hat damals gesagt …“, werde ich irgendwann hellhörig. Nicht weil der Therapeut automatisch falsch liegt, sondern weil mich viel mehr interessiert, was der Süchtige selbst daraus gemacht hat.
Ich bin hier trocken geworden. Mit Klartext. Mit Fragen. Mit Hinterfragen. Mit Widerspruch. Auch mal kritisch, auch mal auf den Putz hauen. Und vor allem nicht nur reden, sondern tun. Deshalb taucht bei mir dieser Satz auch immer wieder auf: Tun muss man tun. 
Ich war schließlich auch kein passiver Säufer. Ich habe zuverlässig dafür gesorgt, dass meine Umgebung stimmt, Vorrat da ist und mir bloß nicht irgendwann die Trinkmenge ausgeht. Das lief schon sehr aktiv. Und beim Trockenwerden nur dasitzen und von Saulus bis Paulus zuhören? Nö. Dann brauche ich keine Selbsthilfegruppe.
Also bin ich auch aktiv trocken geworden. Nicht mit: „Man könnte vielleicht mal darüber nachdenken, eventuell irgendwann etwas zu verändern.“ Und auch nicht damit, mir aus den Grundbausteinen nur die Teile rauszupicken, die gerade bequem sind, den Rest wegzulassen und anschließend das Schild hochzuhalten: Ich lebe nach den Grundbausteinen.
Brauche ich nicht. Innen nass und außen trocken hilft auch nicht weiter.
Wer nicht ehrlich zu sich selbst ist, wird es meiner Meinung nach schwer haben, lange trocken zu bleiben. Es geht nicht darum, nach außen die passende Maske zu tragen. Und auch nicht darum, jede Sauerei aus der nassen Zeit öffentlich auszubreiten. Es geht darum, die eigenen Fallstricke zu erkennen. Auch die, die man sich selbst baut.
Dieses „Ich bin Alkoholiker, also muss ich jetzt überall dabei sein, sonst reden die Leute“ ist weit verbreitet. Ich muss mein Trockenleben nicht nach außen präsentieren. Am Ende entscheidet sowieso nicht irgendein Weg, den der Einzelne propagiert. Jeder muss mit der Sucht klarkommen, die er selbst mit sich herumträgt.
Und je mehr Risiken ich mir selbst einbaue, desto größer wird für mich die Rückfallgefahr. Eigentlich eine einfache Rechnung.
Die Grundbausteine sind übrigens nicht am Stammtisch zusammengebastelt worden, sondern stammen aus den Erfahrungen Langzeitrockener. Manche, die hier früher sehr überzeugt aufgetreten sind, sitzen heute wieder am Stammtisch und erzählen eine These nach der anderen, warum sie es „ab morgen wieder im Griff haben“.
Das ist es ja: Ab morgen wieder im Griff. Kennen wir doch alle. Oder doch nur ich? Egal 
Und nur weil das Glas weg ist, verschwindet das alte nasse Denken nicht automatisch mit. Wer 20 oder 30 Jahre gesoffen hat, hat sich im Kopf einiges eingerichtet,.Verniedlichungen, Rechtfertigungen, Gewohnheiten, Bewertungen, Verknüpfungen. Das wird nicht mit dem letzten Schluck gelöscht. Wäre schön. Ist aber leider kein Windows-Papierkorb.
Mir selbst war in meiner nassen Zeit nicht besonders zu trauen. Warum sollte ausgerechnet mein Denken am ersten trockenen Tag plötzlich unfehlbar sein?
Wenn mir jemand, noch frisch und pitschnass hinter den Ohren, erzählt, wie problemlos er auf einer Feier war, auf der ordentlich gesoffen wurde, werde ich hellhörig.
Dann kommen oft Sätze wie: „Das macht mir nichts aus.“ oder „Ich hatte keine Verzichtsgedanken.“ Und da denke ich mir zuerst: Der weiß doch noch gar nicht, was Verzicht für ihn überhaupt bedeutet. Wenn Alkohol wirklich keine Rolle spielt, warum muss ich dann extra erwähnen, dass ich keine Verzichtsgedanken hatte? Der Alkohol saß gedanklich doch mit am Tisch.
Wenn ich jahrelang bei jeder Gelegenheit gesoffen habe und dann das erste Mal auf einer Feier sitze und nicht trinke, dann fehlt erst einmal etwas. Und wenn es nur der Gedanke ist: „Da hätte ich früher mitgetrunken.“ Auch das ist schon Verzicht.
War bei meinen Trinkpausen früher doch nicht anders. Ich habe nicht getrunken, aber der Alkohol war deshalb noch lange nicht aus dem Kopf verschwunden.
Und ja, natürlich macht man sich gerade am Anfang auf nassen Feiern Gedanken. Das gehört für mich zur Suchtmechanik. Die anderen am Tisch sind schließlich auch nicht bescheuert und merken irgendwann, wenn einer plötzlich nichts mehr trinkt. Dann kommt es zur Sprache.
Ich kenne dieses Gefühl noch gut: Hupps, jetzt bin ich aufgeflogen. Jetzt hat mich einer erwischt. Auch das sortiert sich mit der Zeit, je stabiler ich werde. Aber genau da fängt für mich Ehrlichkeit an.
Sich selbst etwas vorzumachen, war lange genug Bestandteil der Sucht. Das brauche ich beim Trockenbleiben nicht auch noch.
Reicht für heute