Wie gehst Du HEUTE in deinem Alltag damit um, wenn solche Stimmungen auftauchen? Was hat sich in den letzten - fast 20 Jahren - verändert?
Wie ich heute damit umgehe? Ganz unspektakulär. Ich war fast umd die 20 Jahre massiv im Rausch, und kenne diese Stimmungen sowohl aus dem Vollrausch als auch aus der Nüchternheit. Früher habe ich sie weggesoffen oder mich in irgendein Koma geflüchtet – Hauptsache, ich musste mich und mein Umfeld nicht selbst ertragen..
Der entscheidende Punkt war, dass ich die Sucht vom Leben getrennt habe. Ich habe akzeptiert, dass das eine chronische Krankheit ist. Nicht heilbar, aber berechenbar. Die Sucht macht ihren Job: Stimmungen verzerren, Druck erzeugen, Lösungen vorgaukeln, die keine sind. Das ist ihr Programm. Ich nehme das zur Kenntnis, mehr nicht. Ich muss ihr ja nicht auch noch ein Arbeitszeugnis ausstellen .
Und ja, am Anfang gab es Situationen, die mich angekotzt haben. Das Leben hört ja nicht auf, nur weil man nüchtern ist. Manchmal gab es keine Lösung außer aussitzen, durchhalten, sich anders beschäftigen. Das war nicht heroisch, das war schlicht Alltagsbewältigung.
Was sich in 20 Jahren verändert hat? Ich erkenne Trigger schneller, ich sortiere schneller, ich bleibe am Ball. Früher war jede Stimmung ein Anlass zum Saufen .Heute – wenn überhaupt noch etwas aufflammt – ist es ein Hinweis, dass ich kurz hinschauen muss. Mehr nicht.
Und ja, ich bin sogar froh, wenn die Sucht nach fast 20 Jahren noch irgendwo mal kurz kitzelt.
Das hält wach. Schlimmer ist es, wenn gar nichts mehr da ist ,zumindest bei denen, die sich für langzeittrocken hielten und plötzlich wieder gesoffen haben und angeblich nicht wussten, warum.
Aber das hat gedauert. Trockenwerden ist kein Sprint, es ist ein Marathon. Mit Jahrelangen Saufen stellt man sein Leben nicht in drei Wochen um. Aber irgendwann trennt sich das: Die Sucht macht ihr Ding, das Leben macht sein Ding – und ich entscheide, welchem ich folge.
Je mehr Bedeutung ich einer Stimmung gebe, desto mehr Bedeutung kommt zurück. Je weniger ich sie füttere, desto schneller ist sie weg. Das musste ich erst lernen