Hallo Petra,
es gab viele Gründe, sie ähneln sich zum großen Teil hier mit allen anderen Cos.
Erstmal war für mich das Trinken in geselliger Runde normal. Weil ich es von klein auf kannte. Daher ist mir das Trinkverhalten meines ersten Mannes lange garnicht aufgefallen. Er trank bei Zusammenkünften genauso wie die anderen.
Aber er trank auch zuhause, nach Feierabend zum Beispiel war seine erste Amtshandlung sich ein Bier aufzumachen. Und oft trank ich was mit, er hat mich auch oft dazu animiert.
Im Laufe der Jahre wurde es aber komisch für mich. Und es fing an mich auch zu stören, dass er dauernd eine Fahne hatte. Oder bei Feiern sehr betrunken war. Er saß gerne neben meinen Onkeln...
Dass er Alkoholiker sein könnte war mir allerdings sehr, sehr lange garnicht bewusst, so blöd es sich auch anhört. Und ob er am Anfang unserer Beziehung schon süchtig gewesen war, weiß ich nicht, denke aber eher nicht. Und von Coabhängigkeit wusste ich schon garnichts.
Mit der Zeit habe ich immer öfter mit ihm gestritten. Hab abends Tee gekocht und bestimmt, dass wir den trinken und nicht Bier, was er abends immer trank. Dass er wohl heimlich trank habe ich lange, lange nicht gemerkt.
Mich hat alles immer mehr gestört aber ich habe immer wieder versucht, ihn von Trinken abzuhalten. Zumal er ja auch Ende der 80ger Jahre eine Gehirnblutung gehabt hatte und Medis gegen Epilepsie nehmen musste. Da hab ich vieles, was eigenartig war, darauf geschoben.
Und meine Schwiegermutter hat auch immer wieder betont, dass ihr Sohn eben auch nicht so belastbar wäre, sensibel wäre, Ruhe bräuchte. Und es meine Aufgabe wäre, gut für ihn zu sorgen. Damals war ich nicht so selbstbewusst wie heute. Ich wollte gut dastehen und hab alles gemacht um eine heile Welt zu haben.
Um zeigen zu können, dass ich eine gute Ehefrau, Hausfrau und Mutter wäre. Ich wollte den Kindern ihr Zuhause erhalten. Ich dachte, ich könne ihn zum Aufhören bewegen wenn ich mich nur genug anstrengen würde. Und ich dachte eben auch, dass vieles Folgen seiner Gehirnblutung und den Medis wäre. Das hat mir viel Angst gemacht.
Trennungsgedanken hatte ich ca Anfang der 90ger Jahre immer mal wieder. Aber da gab es immer wieder auch noch gute Zeiten und ich hab dann immer gedacht, es wird alles gut. Ich wollte nicht aufgeben. Ihn nicht, mein Zuhause nicht, die Ehe nicht.
Es wäre mir wie ein Scheitern vorgekommen. Wie ein Versagen. Und ich hatte auch nicht den Mut, alles aufzugeben. Es ging mir doch gut, wir hatten ein schönes Zuhause, gesunde Kinder, waren finanziell gut aufgestellt. Ich dachte immer, er müsste sich doch bloß zusammenreißen und dann wäre alles gut.
Im Laufe der Jahre dann wurde es für mich aber immer anstrengender. Er war immer öfter schon tagsüber am Wochenende betrunken, kam sonntags nicht aus dem Bett. Bei Feiern fiel er ab und am vom Stuhl, war mega schnell völlig betrunken usw. Ich hatte immer mehr Stress alles am Laufen zu halten.
Vor Feiern usw war ich bemüht ihn zu kontrollieren damit er nicht schon sofort betrunken war. Von der Familie bekam ich oft zu hören, ich solle auf meinen Mann aufpassen, er würde wieder so viel trinken. Und dann auch wurde mir gesagt, wenn du ihn verlässt, wird er völlig untergehen.
Ich fühlte mich verantwortlich für ihn, für alles. War immer erschöpfter. Und hing fest. Er gab ja immer wieder mir die Schuld an seinem Konsum. Und ich fühlte mich schuldig. Und Schwiegermutter machte mich auch verantwortlich für seine Sauferei. Und dass er hilflos und so sensibel und empfindlich wäre.
Und Trennungen, Scheidungen, das war ein No Go. Ich hatte auch kein Vorbild dafür, meine Tantchens zum Beispiel. Die hatten durchgehalten.
Aber irgendwann dachte ich an sie und wie sie gelebt hatten. Einige waren schon längst verstorben. Und dann die Schwiegerfamilie meines Bruders, da war mir alles nochmal ganz präsent. Und irgendwann, als es bei meinem Exmann eskalierte, er immer übergriffiger wurde, konnte ich handeln. In meinem Kopf war, " willst du so enden wie die Tanten, wie die Bruder Schwiegermutter" und " hör auf zu heulen, dich holt hier kein Ritter raus".
Und dann konnte ich handeln.
Das ist ein grober Überblick. Es steht ja auch viel hier in meinem Fädchen und in meinem Tagebuch geschrieben, im Laufe der Jahre habe ich viel darüber nachgedacht und aufgeschrieben, was mich festgehalten hat.
Und es gibt noch immer Gefühle, die ich bis heute nicht benennen kann oder verstehe.
Aurora