Schwester mit Alkoholproblem, wie helfe ich meiner Nichte?

  • Hi matzbloeke,

    erstmal herzlich willkommen hier.

    Ich denke, Du solltest sie schon offen darauf ansprechen, auch und gerade wegen ihres Kindes bzw. Deiner Nichte, das arme Kind kann sich ja selbst nicht helfen, wegschauen waere da eine nicht gute Variante. Ich glaube Klaro hat auch schonmal von seiner Tochter berichtet und wie er damit umgegangen ist, gerade weil auch sein Enkelkind darunter leidet. Ich denke ihr solltet euch in der Familie zusammensetzen und als erstes muss eure Nichte auf dem Plan stehen, wenn das Kind schon verwahrlost, dann ist es hoechste Zeit, ich denke die gesamte Familie sollte da Deiner Schwester die Pistole auf die Brust setzen, entweder sie tut was oder ihr werdet dafuer sorgen, dass das Kind ihr erstmal weggenommen wird. Wenn Deine Schwester euch beschimpft, dann ist es ein Suchtverhalten, was da aus ihr herausspricht, denn sie will ihre Sucht weiterausleben, ihr koennt Deiner Schwester nicht helfen davon loszukommen, ihr koennt nur konsequent sein und dem einzigen Wesen dem ihr helfen koennt ist Deiner Nichte.

    Alles Liebe,

    Jenny

  • liebe matzbloeke,
    von mir auch ein herzliches willkommen

    ach, da hast du wirklich ein thema wieder wachgeruettelt in mir. ich werde dir keine meinung dazu geben koennen, aber dir die geschichte meiner schwester dazu erzaehlen, sie aehnelt sich ziemlich mit deiner:

    meine schwester wird in diesem jahr 35 jahre alt und sie trinkt, seit sie ungefaehr 18 ist. sie hat zwei kinder (10 und 5 jahre alt), die beide heute nicht mehr bei ihr sind, da sie ihre krankheit einfach nicht einsehen wollte, chancen dazu hatte sie etliche.
    als ich 2006 nach spanien zog, hatte ich mich ein gutes jahr davor verstaerkt fuer meine aeltere nichte eingesetzt. die juengere nichte lebte da bereits bei ihrem vater. meine schwester und er waren auch schon nicht mehr zusammen und er hatte es irgendwie geschafft, das alleinige sorgerecht zu bekommen.
    2004 begann ich aus verschiedenen gruenden selbst eine therapie und stellte unter anderem fest, dass ich unter dem helfersyndrom leide, vor allem stark ausgepraegt bei meiner schwester, sie hatte mich mein ganzes leben lang gut im griff, gab mir fuer vieles die schuld und so weiter. als sie mit dem ersten kind schwanger war, dankte ich gott, weil meine schwester in diesem augenblick fast nicht mehr lebensfaehig war, so stark war sie taeglich zugedroehnt mit vielen sachen. ploetzlich hoerte sie mit dem trinken auf und ich erkannte in ihr die schwester wieder, die ich so sehr liebte... doch das hielt nicht lange an. von dem vater hatte sich meine schwester schnell getrennt...
    ein baby zu haben, ist ja ganz suess, auch wenn es in den kindergarten geht, nimmt man das mit dem "schwaenzen" noch nicht so ernst, aber dann die schule... die lehrer, die mit dir ruecksprache halten, wenn das kind zu spaet kommt oder gar nicht kommt oder die aufgaben nicht gemacht und so weiter... da kommt eine weitere verantwortung auf dich zu... wie oft besuchte ich meine schwester und stellte fest, dass sie "schlecht drauf" war und meine nichte tanzte irgendwie den ganzen tag so rum, war unheimlich nervoes... den ganzen tag lief der fernseher, musikkanal mit techno-musik... meine nichte tanzte dazu... als ich dann mit meinen kinderliedern kam, lachte meine schwester mich aus...
    ich merkte mehr als einmal, dass meine nichte nichts richtiges zu essen bekam, dass fuer sie die verantwortung fuer ihre mutter zu viel war, DAS IST JA AUCH VERSTAENDLICH, schliesslich ist sie das kind
    ich besuchte sie immer weniger, weil ich nicht mehr zusehen konnte, immer, wenn ich von dort wegging, weinte ich bitterlich, weil ich mich meiner nichte gegenueber so hilflos fuehlte... (oft weinte ich sogar in anwesenheit meiner nichte... ich schaemte mich so)

    bis ich in therapie kam und mein therapeut mir einen entscheidenden satz sagte: dass ich meiner schwester nicht helfen kann aber meiner nichte, in dem ich ihr gute momente schenke, wenn ich sie sehe, ich solle mich auf meine nichte konzentrieren, denn nur so hat wenigstens sie eine chance.
    das gefiel mir, wenn ich schon unter dem helfersyndrom leide, dann wenigstens dort genutzt, wo sie sinnvoll ist, ich fing an, mich stark zu fuehlen und grenzte mich mehr und mehr von meiner schwester ab, wenn ich dann bei ihr war und meine nichte sah, machte ich spaesse mit ihr, sang und spielte mit ihr und fragte sie nach den aufgaben, ich lernte schnell, nicht mehr zu weinen und so ergab das eine das andere... dadurch, dass meine schwester mehr als einmal in der oeffentlichkeit "auffiel" durch ohnmachtsanfaelle mitten auf der strasse und leute die polizei riefen, wurde auch automatisch das jugendamt verstaendigt... da meine mutter selbst in ihrer co-abhaengigkeit steckte und sich nicht auch noch um meine nichte kuemmern konnte, rief sie mich an und ich fing ab da an, mich um das wohl meiner nichte zu kuemmern, zusammen mit dem jugendamt, ich war woechentlich mit ihnen in kontakt, sie fanden dann eine pflegefamilie, in die meine nichte fuer kurze zeit konnte, da meine schwester nicht in der lage war, sich um sie zu kuemmern.
    meine schwester war zwar in allen entscheidungen immer mit eingebunden, trank allerdings weiter, so dass sie ihre entscheidung damit getroffen hatte: gegen ihr kind (so hart das klingt)
    so sehr sie auch versuchte, mir oder dem amt oder sonstwem die schuld zu geben, sie hatte damit keine chance mehr, da ich durch meine therapie immer "staerker" wurde und mich weiterhin auf meine nichte konzentrierte... sie versuchte wirklich alles: anschuldigungen, wueste beschimpfungen, totalsuff mit rueckzug (ich nenne es mitleidstour), aber es nutzte alles nichts mehr, ich half der, die wirklich leben wollte und das war meine nichte!!! ihr ging es in der pflegefamilie wirklich besser und als meine schwester keine einsicht oder fortschritte bezueglich einer entziehungskur zeigte, da zog das jugendamt die konsequenz, meine nichte in einer dauerpflegefamilie unterzubringen

    weder das jugendamt noch ich haben das entschieden, das war ganz allein meine schwester durch ihr verhalten

    meine nichte lebt nun seit 2 jahren in der dauerpflegefamilie und ich sage dir, liebe matzbloeke, es war mehr als richtig, sich dafuer stark zu machen, denn sie hat jetzt ein geordnetes leben mit wirklichem kindsein, in die schule gehen, hausaufgaben machen, ist in einem verein drin, macht in allem gute fortschritte
    ich habe mit ihr regelmaessig kontakt, zwar nur telefonisch, aber wichtig ist, sie kann sich auf mich verlassen
    ende 2006 sagte sie zu mir, sie kommt mich besuchen, wenn sie so 19 jahre alt ist, ich war ein wenig enttaeuscht, liess es mir aber nicht anmerken, da ich dachte, ich kann sie ja besuchen, wenn ich sie sehen will, schliesslich bin ich die erwachsene
    im vorigen jahr meinte sie dann, wenn sie etwas aelter ist, so 15 vielleicht
    und erst vor zwei wochen hat sie mich zum ersten mal ueber verschiedene dinge in spanien gefragt (wie die haeuser und baeume und so aussehen) und sagte, dass sie mich besuchen will, wenn sie 11 jahre alt ist, das heisst, im naechsten jahr... ihr leute!!! ihr koennt euch nicht vorstellen, was das fuer mich bedeutet... ENDLICH hat sie vertrauen zu mir fassen koennen, nach so vielen jahren... ich habe mich so gefreut... nicht nur fuer mich, sondern fuer sie ist es ein grosser schritt!!!

    wie ihr seht dauert es lange, bis so etwas passiert, denn ein so junges menschlein, das so oft im stich gelassen und verlassen wird, kann zu keinem wirkliches vertrauen fassen, lebt in staendiger angst, jemanden lieb zu haben und diesen wieder zu verlieren, so wie sie es staendig erlebt hat...

    was mir in dieser sache auch noch aufgefallen ist und ich auch in meiner therapie verarbeitet habe: als ich mich auf meine nichte konzentrierte, war es so, dass ich mich auch im gleichen augenblick um mein inneres kind kuemmere, dass ich auch mir selbst halt und liebe gebe und auch das gab mir von mal zu mal mehr kraft, denn auch meine kindlichen beduerfnisse wurden dadurch mehr und mehr befriedigt, so dass ich "2 fliegen mit einer klappe schlagen konnte"

    meine schwester lebt heute alleine und so weit ich weiss, ist sie immer noch nicht trocken, aber mittlerweile stoert es mich nicht mehr, ich habe mit ihr so gut wie keinen kontakt mehr und bereue nicht einen einzigen tag, dass ich mich FUER meine nichte entschieden habe, auch wenn das bedeutet, dass ich "gegen" meine schwester "kaempfen" musste

    matzbloeke, WIR sind die erwachsenen und wenn wir sehen, dass ein kind in "gefahr" ist, dann muessen WIR handeln, wenn deine schwester trinkt und ist - aus eigener entscheidung - nicht faehig, verantwortungsbewusst zu handeln, dann sind die erwachsenen drum herum gefragt

    GIB DEINER NICHTE EINE CHANCE ZUM LEBEN und glaube mir, sie will leben und lieben und tanzen und spielen...

    ich werde nun bald selbst mama (in den naechsten tagen) und auch ich musste fuer mein kind in den letzten monaten einige wichtige entscheidungen treffen, die ich verantwortungsvoll FUER mein kind getroffen habe, egal wie schmerzhaft sie fuer mich waren oder vielleicht noch werden (in den momenten der einsamkeit)

    wenn du dir sorgen machst um deine nichte, dann hat gott dafuer gesorgt, dass sie jetzt hilfe bekommt von aussen.. man sagt, dass alle 7 jahre etwas entscheidendes passiert im leben, bei meiner nichte war der wechsel auch, als sie im 7. lebensjahr steckte und deine nichte kommt da im moment auch rein...


    uff... da habe ich jetzt aber viel geschrieben... :roll:

    ich wuensche dir viele gedanken und gute einfaelle und ein paeckchen mut und dazu schicke ich dir die kraft der staerksten welle vom mittelmeer und glaube mir, die ist im moment besonders stark, weil es hier zurzeit sehr windig ist :wink:

    daffi

  • Hi Matzbloeke,

    ich gebe da Daffi vollkommen Recht. Es ist wichtig, dass die Aussenstehenden etwas fuer dieses Kind tun. Ihr bzw. Du seht, dass Deine Nichte verwahrlost. Es ist so wichtig dort etwas zu tun, soll erst etwas schlimmes passieren, bevor ihr reagiert. Der Angst, dass der Kontakt abgebrochen wird ist hoch, ich versteh das ja, aber ich haette vielmehr Angst um Deine Nichte. Es ist nicht gesund fuer sie in solch einer Umgebung aufzuwachsen, sie ist ein Kind, sie kann sich nicht wehren. Wie alt ist sie eigentlich? Sprich mit Deiner Familie, versuche soviel wie Moeglich ueber die Alkoholsucht und Co-Abhaengigkeit zu lernen und zu lesen und ich an Deiner Stelle wuerde zu einer Suchtberatung gehen und fragen was Du machen kannst, die koennen sehr gut Hilfestellungen geben und behandeln das ganze sehr vertraulich. Du machst Dir Sorgen um Deine Nichte, Deine Schwester musst Du machen lassen, aber Du kannst, wie Daffi schon gesagt hat, etwas fuer Deine Nichte tun. Dieses Wesen hat ein Recht darauf in einer guten und gluecklichen Umgebung aufzuwachsen.

    Alles Liebe,

    Jenny

  • Hallo Daffi! Ich habe auch eine Tochter und sehr viele Jahre sehr viel getrunken,doch ich habe immer irgendwie funktioniert.Ich meine häuslich bezogen wie früh aufstehen,putzen,kochen,waschen das ging aber Elternabende besuchen oder mit anderen Müttern treffen das war unmöglich. Es ist schwer zu raten Jugendamt ja oder nein einzuschalten.Wenn jemand von meiner Familie versucht hätte mir meine Tochter wegzunehmen über das Jugendamt, hätte ich vor Hilfslosigkeit ,Selbstmitleid und Wut einfach weiter getrunken. Als mein Bruder oder meine Mutter mich mal auf meine Fahne oder aufgedunsenes Gesicht angesprochen haben,war ich beleidigt,erschrocken und wollte das nicht hören.Ich wollte dann am liebsten auch keinen Kontakt mehr zu Ihnen, denn sie hatten meinen wunden Punkt getroffen,mein Alkoholproblem.Natürlich stritt ich alles ab und wurde agresiv.Ich dachte viel darüber nach,jeden Tag,es war mir peinlich und unangenehm das meine Familie etwas ahnt und auch darauf ansprach.Es verging einige Zeit bis ich kapierte Du musst was tun,an erster Stelle für MICH und an zweiter für meine Tochter. Mir konnte nur eine neutrale Person dabei helfen den ersten Schritt zu machen,keiner aus der Familie.Vielleicht kennt Deine Schwester jemanden dem sie vertraut und auch reden kann.Bekannte,Freunde Nachbar?Ich kann nur von mir und meiner Erfahrung reden.Aus meiner Familie durfte mich keiner drängen,darauf ansprechen,keinen Druck machen.Man muss es selber einsehen und auch Hilfe wollen,ansonsten macht man zu und will mit denen die Druck machen nichts mehr zu tun haben. Ich wünsche Deiner Schwester viel viel Glück.[/quote][/list]

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