Ich will mal erzählen

  • Hallo Lume,

    ich verstehe Dich sehr gut, mir geht und ging es ähnlich. Ich musste auch sehr früh erwachsen werden und viel Verantwortung übernehmen, zum Kind und Jugendlicher sein blieb da kein Platz, ich bin da irgendwie auf der Strecke geblieben. Ich war ein sehr pflegeleichtes und liebes Kind was immer gemacht hat was es sollte keine Widerworte gegeben hat und immer brav war, auch in der Pubertät war ich immer pflegeleicht hätte mich aber auch nicht getraut nicht lieb zu sein. Ich habe genau wie Du Eltern die Selbstständig waren und mir wurde von klein auf eingetrichtert den Mund zu halten und meinen Vater zu decken. Heute hab ich das Gefühl mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen auf der Strecke geblieben zu sein.
    Allerdings habe ich heute einen wundervollen Ehemann und zwei tolle Kinder die mich überalles lieben.

    Lieben Gruß
    Marina

  • hi lume

    je älter man wird und wenn man sich auch mit beschäftigt, da wird einem bewußt das die kindheit doch nicht so toll war wie man's in erinnerung hatte. beschönigen is nicht schwer, nur auf dauer nicht wirklich hilfreich. wobei ich glaube das es nicht immer beschönigen is, vieles vergisst bzw. verdrängt man - selbstschutz??? ich z.b. hab noch nie tagebuch o.ä. geführt, kann erst alles zurückverfolgen was ich in meinem thread hier geschrieben hab - da les ich mitunter sachen, wo ich schon ganz vergessen hatte :oops:

    wie fühlst du dich mit dir als "kunstprodukt"? eine rolle aus der du ausbrechen möchtest? schon oder?

    ich weiß, du hast geschrieben das es dir schwer fällt deine gefühle bzw. überhaupt deren existenz zu akzeptieren - aber vielleicht gelingts dir ja wenn du's hier schreibst - deine gefühle aus der kindheit kannst du ja auch benennen (is auch oft nicht so leicht) und die waren/sind auch vollkommen berichtigt. kann verdammt schwer sein, bei anderen hört sich das thema gefühle so einfach an, is glaub aber nie so leicht :roll:

    liebe grüße -Summer-

  • hallo lume,

    mit einigen punkten, die du beschreibst, kann ich mich ziemlich gut identifizieren.
    das mit der erinnerung kenne ich auch, die negativen erlebnisse werden verdrängt, das positive bleibt im vordergrund. das ist auch in familienkrankheit alkoholismus, dem buch, sehr sehr deutlich beschrieben (lese ich gerade). ich habe selbst auch tagebuch geschrieben und lese an einzelnen stellen dinge aus früheren zeiten, die ich mir so drastisch nicht vor augen führen würde, die mich dann auch erschrecken.
    ich glaube, man muss auch lernen, diese negativen gefühle zuzulassen, traurig sein, ärgerlich. das war ja nicht möglich. ich habe zum beispiel den zwang zur guten stimmung, zu extremer fröhlichkeit, das ist zum teil echt, zum teil aber auch spannungsabbau. ich habe ja nicht zeigen können, wie sehr ich unter der situation zuhause leide.
    zu den werten: da sehe ich auch parallelen, da ich ja keine familie habe, bin jetzt nicht familienfeindlich, aber sagen wir mal so, ich hatte nie das gefühl, dass ich eine familie haben muss. das hat zum beispiel auch meine therapeutin thematisiert. sie meinte, dass es auch das gegenteil gibt: diejenigen, die aus einer kaputten familie kommen und gerade das bestreben haben, eine familie zu haben. warum die einen so sind und die anderen so, weiß ich nicht.
    wenn ich so zurück blicke, hat es bei mir sicherlich auch mit innerer stabilität und selbstvertrauen und überhaupt mit vertrauen zu tun.
    da war bei mir lange zeit nicht sehr viel vorhanden. ich fühlte mich ganz extrem als außenseiterin.
    das hat sich gebessert.
    es hilft auf jeden fall sich anderen mitzuteilen.

    grüße simmie

  • hi lume

    karsten hat dir ja scho den link geschickt wo paar bücher für erwachsene kinder zu finden sind - "um die kindheit betrogen" kann ich dir übrigens auch noch sehr empfehlen, genauso wie das bereits von simmie erwähnte "familienkrankheit alkoholismus". gerade das zweite ham hier im kinderbereich scho einige durch und ich hab noch nix schlechtes drüber gelesen :wink: ich hab mir scho vorgenommen, es demnächst noch ein zweites mal durchzulesen... mit buchläden hab ich wie du schlechte erfahrung gemacht, aber im internet is dann doch einiges zu finden.

    meine hand is oben, brav melden wie ich's halt in der schule gelernt hab :wink: hier is nochmal eine die wenig von familie und so krimskrams hält :roll:
    mir fehlt da des vertrauen, das es noch ne heile familie gibt, ok ich wurde manchmal (wenn auch eher selten) dabei schon eines besseren belehrt, da denk ich mir dann aber, das ich nicht glaube, das gerade mir dieses glück vergönnt sein sollte :?
    und letztendlich san mer ja noch jung, wer weiß was uns das leben noch bringt - hält bestimmt noch einige überraschungen für uns parat :lol:

    Zitat

    aber es gibt doch auch die anderen, und warum sollte das weniger normal oder einsamer sein


    seh ich genauso und außerdem: normal is doch langweilig :wink:

    ich wünsch dir was :D

    liebe grüße -Summer-

  • Hallo Lume!

    Vielen Dank für das Erzählen deiner Geschichte.
    Ich kann so viele Dinge, die du geschrieben hast, nachvollziehen. Einfach toll; diese Ehrlichkeit.
    Trotz, dass ich mich schon länger mit dem Thema Alkoholismus beschäftige und seit einem halben Jahr in Therapie bin, fühlte ich mich manchmal immer noch wie eine "Ausserirdische".
    Dieses Gefühl "unnormal" zu sein, nicht dazuzugehören kenne ich nur zu gut.

    Manchmal denke ich, wenn ich von anderen Jugendlichen aus "normalen Familien" höre, wie ihre Pupertät war, dann merke ich wieder, wie angepasst und lieb ich war. Ich war nie aufmüpfig, immer gut in der Schule und überhaupt wusste ich in jeder Lage, was zu tun war. Viele nannten mich "weise", hochintelligent und was weiss ich nicht alles. Die haben nicht das kleine, weinende Kind in mir gesehen, dass gerne zum Vorschein gekommen wäre.

    Es ist toll, dieses Forum zu kennen, und mich in dem ein oder anderen wiedererkennen zu können.
    Im September gehe ich in eine Selbsthilfergruppe. Das wird mir sicher auch noch einmal gut tun.

    Liebe Grüsse

    Carina

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