Ich habe mal eine etwas exotische Frage, die ich mir leider selber nicht beantworten kann. Zumal "Logik" wohl in den seltensten Fällen herangezogen werden kann.
Ich für mich versuche bei jeder meiner Aktionen zu bedenken, dass selbiges Verhalten auf mich zurück kommen könnte. Im Sinne von "Was Du nicht willst, dass man/frau Dir tut, das füg auch keinem andren zu".
Nun habe ich mir die Frage gestellt, wie das ist bei Verhaltensweisen, die diktiert werden von einem "benebelten" Kopf. Das mag meine Co-Abhängigkeit sein (bei der mir aber mein Denken im Vorfeld "jetzt" extremes Handeln nahezu unmöglich macht) bei Süchtigen das Suchtmittel.
Bspw. der Fall eines Heroinabhängigen der jemanden "anspritzt" oder der Fall wenn jemand betrunken einen Menschen zu Tode oder zum Krüppel fährt. Auf der einen Seite scheinen Suchtmittel zu Blackouts und mangelnder Erinnerung zu führen, auf der anderen Seite wird von schlechtem Gewissen bei Trockenen geredet. Ich habe mich gefragt, in wie weit etwas "übrig" bleibt von Gewissen.
Ich komme darauf, weil ich mal bei mir eine Leasingkraft hatte. Heroinabhängige junge Frau (besser gesagt, sie war Polytoxoman (mehrfachabhängig, ich weiss nicht, ob man das so schreibt). Sie hatte in ihrer Junkiezeit in die Portokasse unserer Firma gegriffen und wurde mir nach Entzug von einer Zeitarbeitsfirma angeboten. Während die Personalabteilung sagte "no" war ich für "yes". Bei uns in der Abteilung gab es keine Wertgegenstände, die Arbeiten waren nachvollziehbar und eine Chance, dachte ich, hat jeder verdient.
Diese Frau war eine TOPPPPP Arbeitskraft (ich weiß leider nicht was aus ihr geworden ist) und sehr, sehr ehrlich und direkt. Diese Frau war offen, kooperativ aber auch sehr kritikfreudig - ich fand sie klasse. Ich habe viel erfahren über ihre Beziehung (vor, nach und während der Sucht) über das Elternhaus und und und. Aber nie sprach sie den Diebstahl bei uns in der Firma an. Erst jetzt stelle ich mir die Frage, was es für sie wohl für ein Gefühl war - oder gab es dabei eines - wieder in dieses Haus zurückzukehren, wo sie auf dem Höhepunkt der Suchtkariere war. Wie gesagt, diese Überlegungen habe ich erst jetzt und kann sie leider nicht mehr fragen, wo durch meine Fotoalben meine Vergangenheit wieder lebendig wurde.
Davon mal abgesehen, dass diese Frau durch super Arbeit und Zuverlässigkeit meines Erachtens ein tolles Bild von sich hinterlassen hat habe ich mich jetzt (da ich nun selber mit dem Thema Sucht konfrontiert wurde) gefragt was in ihr wohl vorgegangen sein musste? War das ihre Chance zur Bewältigung? Hätte sie das Vertrauen einen Geldbeutel relativ unbeobachtet liegen zu lassen? Was ist mit einem Autofahrer, der jemanden anfährt, hat der/die nicht selber einmal Angst angefahren zu werden - nach all jenem was er/sie selber verursacht hat.
Mir geht es weniger um schuldig oder nicht schuldig sondern die Frage, wie man/frau damit klar kommt einen Teil des Lebens nicht nach der eigenen - nüchternen - Moral verbracht zu haben und wie das trocken wie auch nass (wenn überhaupt) im realen Leben umgesetzt wird.
Lieben Gruß von Dagmar