Meine liebe Backmaus,
ich bin immer wieder geplättet, wie oft du aus deinem Leben erzählst und ich mich dabei ertappe, dass ich beim Lesen eifrig nickend vor dem Rechner sitze und mir denke: "Jawoll, genau so isses!" *drückerchen* ![]()
Ich habe also das erste Jahr meiner Abstinenz genau wie du in sehr engen Kreisen erlebt, soll heißen, ich war sehr mit mir selber beschäftigt. Ich glaube, das ist auch gut so. Mein Leben spielt sich ja nun um mich herum ab, wobei ich der Mittelpunkt bin, der Dreh- und Angelpunkt sozusagen, und wenn ich nicht an mir arbeite, dann können alle Bemühungen, Dinge außerhalb meiner selbst zu verändern, nur scheitern. Also habe ich mich mit mir selber beschäftigt, mit meinem Seelenleben, mit meiner Gefühls- und Gedankenwelt, und bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo ich allen Ernstes behaupten würde: "Liebe espoir, des passt schon so, wie du des machst!" Das feedback anderer - besonders im Job bei Kunden, aber auch bei Freunden und Kollegen - gibt mir ja recht. Sooo falsch kann ich also mit meinen Meinungen, Ansichten und Äußerungen wohl nicht liegen.
Darüber hinaus habe ich äußerlich eine "Wandlung" vollzogen. Nicht nur, dass ich mir im Februar die Haare wieder blondieren ließ, ich habe zunächst durch den Trink-Stopp auch einiges an Gewicht verloren. Gut, der Ehrlichkeit halber will ich nicht unerwähnt lassen, dass da mittlerweile auch wieder was dazugekommen ist
, aber ich sehe das ganz pragmatisch. Dank meiner Abstinenz und des ADs empfinde ich ja wieder so etwas wie Lebensfreude, ein für mich lange Jahre gänzlich unbekanntes Gefühl. Im Halbdunkel meiner stets benebelten Sinne habe ich ja nur noch stumpf vor mich hingebrütet, völlig unfähig, Freude zu empfangen geschweige denn auszustrahlen. War doch immer alles Kacke, nur Probleme, soweit das trübe Auge reicht, ach Gott, ich arme Sau, mein Gott, ich bin doch jung und gesund
, und dann führe ich so ein Leben?
Heute kann ich mich über so vieles freuen, so vieles genießen, und sorry, da gehört für mich Essen und Naschen einfach dazu. Ich bin ja nicht ständig bei McDoof, aber wenn ich mal essen gehe, bestelle ich mir garantiert keinen Salatteller, sondern was Ordentliches...
Tja, und nachdem ich mich selber wieder so halbwegs gefangen habe und ein völlig normales Leben führe, fällt nun mein Blick auf meine Partnerschaft. Und hier merke ich, wie unzufrieden und enttäuscht ich bin. Ich habe - subjektiv - den Eindruck, dass mein Mann und ich uns immer weiter auseinander entwickeln. Er ließ mir völlig freie Hand, als ich noch gesoffen habe. Und er ließ mir völlig freie Hand bei meinem Kampf um die Abstinenz. Hin und wieder kam Zustimmung, aber ich wurschtelte eben so vor mich hin. Jetzt mittlerweile habe ich ja so gar nichts mehr von ihm. Er arbeitet meistens bis etwa 21 Uhr, kann gerne auch später werden, und wenn er dann nach Hause kommt, ist er verständlicherweise fertig und völlig ausgelaugt. Ich verstehe das ja, mir ginge es ja nicht anders, würde ich so viel arbeiten wie er, aber ich fühle mich zunehmend wie ein verheirateter Single. Ein Single weiß wenigstens, warum ihm keiner zuhört.
Ich traue mich schon gar nicht mehr, ihm irgendwas zu erzählen, was ich so tagsüber erlebt habe, denn obwohl ich genauso hart arbeite wie er, komme ich mir immer so vor, als wäre meins Käsekram im Vergleich zu seinem. Kleinigkeiten erzähle ich schon gar nicht mehr, aber es tut mir weh, es nicht erzählen zu können. Ich habe ihn schon öfters darauf angesprochen, warum er denn so gar nicht reagiert, aber dann heißt es nur müde: "Sorry, da weiß ich jetzt nicht, was ich groß drauf sagen soll." Ich dränge ihm weder ein Gespräch über Quantenphysik auf noch langweile ich ihn mit Geschichten aus der Rubrik "Was Mutti heute Aufregendes zwischen Waschküche und Mülltonne erlebt hat!".
Tja, und dann passieren solche Sachen wie neulich.
Er hat ja schon öfters angedeutet, dass das Arbeitszimmer dringend renoviert werden müsse, denn ich habe darin in den letzten neun Jahren viel geraucht, außerdem haben unsere Katzen Gefallen an der Raufasertapete gefunden. Es ist tatsächlich nicht mehr schön, aber mei, es ist mein Arbeitszimmer, in dem ausschließlich ich arbeite. Er hat wohl auch einen Rechner dort, aber das ist mehr so eine Notlösung, da daddelt er bestenfalls am Computer. Ich dagegen habe dort alle meine Unterlagen für den Job sowie gefühlte 1500 Bücher, da ich gerne lese. Juni und Juli sind bei uns die schlimmsten Monate, da geht es hoch her und ich weiß kaum, wo mir der Kopf steht. Also nehme ich's mit dem Aufräumen nicht so genau und lege auch schon einmal Unterlagen auf verschiedene Stapel am Boden. Auf dem Schreibtisch ist schließlich kein Platz mehr...
Und nun ist er förmlich explodiert. Ich habe erst recht ruhig reagiert, ich würde das sehr wohl auch so empfinden, und er hätte ja Recht, da müsse dringend was passieren, aber eben nicht jetzt, weil ich den Kopf nicht frei habe. Als er aber nicht locker ließ, bin ich auch langsam sauer geworden und habe wütend darauf hingewiesen, dass er sich das ja wohl auch nicht bieten ließe, wenn ich ankäme und ihm vorschreiben würde, wie er seinen Arbeitsplatz zu gestalten habe.
Lange Rede, kurzer Sinn:
Ich habe am Wochenende - an dem er sich nonstop am Laptop im Wohnzimmer aufhielt (!) - über seine Kritik nachgedacht und angefangen, vor mich hinzuträumen. Das Zimmer sähe ja wirklich geil aus, wenn es aufgeräumt und geputzt wäre, dazu ein neues Bücherregal, Laminat für den Boden und die hellen Möbel passen sicher hervorragend zu einem freundlichen Kornblumenblau an den Wänden... Dann heute Morgen meine Frage: "Duuhuuu, wenn was renoviert wird, was macht man dann zuerst? Erst die Wände und dann den Boden oder umgekehrt?" Seine Reaktion: ![]()
Nach einer Schrecksekunde hatte er sich wieder gefangen, ging mit mir ins Zimmer und ich erklärte kurz, was ich mir so vorstelle. Aber egal, was ich auch sagte, er hatte an allem etwas auszusetzen. Abwehr pur. Im Grunde genommen die gleiche Reaktion wie bei mir, als er mich neulich so überraschte und ich mir nur Freiraum verschaffen konnte, indem ich deutlich wurde - was ich ja eigentlich gar nicht wollte. Und mir schien, als sei seine größte Angst, ich könne die erforderlichen Maßnahmen hinter seinem Rücken einleiten (Kostenvoranschlag für den Maler einholen, Büromöbelprospekte studieren und notfalls was ordern...) ![]()
Es ist ja keine wirkliche Katastrophe, aber ich sage ganz ehrlich, dass ich mich mittlerweile mit unserer Beziehungsarbeit überfordert fühle. Ich habe den Eindruck, dass - egal, was ich sage oder wann ich es sage - es immer falsch ist. Und danach geht dann die mühsame Schadensbegrenzung los. Dieses Sich-erklären-müssen und Missverständnisse-beseitigen. Ich empfinde das als sooo anstrengend und zermürbend.
Liebe Backmaus, bitte erzähle mir noch ein bisschen, wie du das mit deinem Backmäuserich auf die Reihe gekriegt hast! Und falls noch ein Angehöriger mitliest - bitte, ich bin dankbar für jedwedes feedback auch von "eurer Fraktion"!
Vielleicht sehe ich ja vor lauter lauter Bäumen den Wald nicht, vielleicht tue ich meinem Mann auch Unrecht. Das möchte ich natürlich nicht. Aber ich weiß bald nicht mehr weiter. Ausziehen ist für mich keine Lösung. Und für ihn sicher auch nicht. Wer wäscht ihm denn dann seine Socken und krault ihm zum Einschlafen den Po? ![]()
LG
espoir