Hier und Jetzt – lebe im Augenblick

  • Früher zu Saufzeiten war ich derjenige, der immer funktionierte,
    ich ließ es zu, dass ich überfordert wurde, meine Grenzen wurden oft verletzt
    und immer wollte ich 100-Prozent liefern. Und weil das nicht immer klappen wollte
    bekam ich Angst vor dem Versagen. Mein Zwang immer gut zu sein zu wollen,
    ich überforderte mich am laufenden Band; und meine Arbeitgeber sahen das gerne,
    meine Familie, meine Frau, auch hier war ich immer lieb.

    Meine Depris und meine Ängste und meine Zwänge, ja die hatte ich schon in der Schule,
    Mutter prügelte schon, wenn’s nur eine Drei war.

    Und dann soff ich immer mehr, 27 Jahre lang, so lange, wie ich von Muttern weg war,
    genauso lange, wie ich verheiratet war.

  • Hallo Larc,

    jetzt sitze ich hier, um Dir zu antworten und merke, dass das gar nicht so einfach ist. Aber ich versuch 's mal.

    Den Hang zum Perfektionismus kenne ich sehr gut von mir selbst und der ist wohl auch bei Alkoholikern ein weit verbreitetes Phänomen.

    Mit dieser Einstellung geht ein sehr hoher Anspruch an sich selbst einher, wir schreien ja geradezu nach Überforderung und gehen oft über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus.

    Dass andere davon profitieren können wie z.B. Dein früherer Arbeitgeber, ist logisch, sollte aber in der weiteren Betrachtung eher nebensächlich bleiben.

    Entscheidend ist, dass Dir/Uns diese permanente Überbelastung schadet und krank machen kann. Und durch die Sauferei haben wir versucht, den aus der Überlastung resultierenden Druck zu kompensieren, natürlich vergeblich, ich denke, dadurch ist es noch zu einer weiteren Verstärkung gekommen.

    Und konnten sich nicht Deine Depris, Ängste und Zwänge nicht in diesem teuflischen Gemisch immer weiter ausbreiten?

    Das würde mich interessieren, wie diese sich in den Jahrzehnten des Saufens im Vergleich zu der Intensität zu Schulzeiten verändert haben. Und auch, wie sich sich in den Jahren Deiner Trockenheit verändert haben.

    LG zerfreila

  • Hallo zerfreila

    Dadurch, dass ich nicht mehr saufe sind nicht meine „alten Kameraden“ verschwunden,
    denn die waren ja auch schon vor dem Saufen da.

    Ich merkte nur, nachdem die Trockenheit für mich fast Normalität wurde , dass ich es mir nicht leisten kann nicht immer bewusst zu leben, will damit sagen:

    Ich wurde nicht trocken durch den NUR-FÜR-HEUTE-GEDANKEN, sondern weil ich wusste, wenn ich nochmal saufe ist es AUS mit mir und vorher kommen Wahnsinn und Panik.

    Das hatte ich ja erlebt, den schleichenden Wahnsinn, als ich meinen TIEFSTEN PUNKT hatte, die Panik und den schleichenden Wahnsinn.

    Ich bin von jeher ein Kopfmensch und Gedächtnislücken und Nervosität und all’ so ein Krimskrams sind für mich Horror.

    Also lebte ich die ersten Jahre nicht im HEUTE, sondern fiel zusehens wieder in „alte Schienen zurück“. In alte Denkschablonen.

    Ich ging auch nicht mehr zu den AA.

    -----Fortsetzung folgt ----

    Herzliche Grüße von Larc

  • Ich bin durch den Suff und durch das Internet nach Hamburg ausgewandert.
    Das ist eine andere Geschichte.

    Ich war in Hamburg, ich war einsam, ich hielt mich bei der neuen Frau (auch die andere Geschichte….) mit dem Saufen etwas zurück, weil sie’s so wollte.

    Als wir uns trennten holte ich alles nach, und kriegte dann den tiefsten Punkt hin…
    Meine „neue Liebe“ sagte mir, dass ich süchtig bin und ich ging in Therapie. so die Kurzfassung erstmal.

    Und mit der Therapie hatte ich erstmal ein Seelenpolster, meine Philosophie, wenn’s mal ein Schiettag wurde: Hauptsache trocken !

    Ich lebte in Scheidung und kam mit meiner Philosophie durch all’ den Schiet, den solch ein Scheidungskampf in Verbindung mit einem Rosenkrieg so mit sich bringt.

  • Hallo Larc,

    ich verstehe Deine Ausführungen in etwa so, dass Du "Die Alten Kameraden" durch Dein trockenes Leben so einigermaßen in Schach halten kannst. Ist das richtig?

    Und nochmal zu der Überforderung. Die meidest Du doch heute sicher.

    Aber Unterforderung finde ich auch ungünstig. Ich z.B. bin gerade auch auf der Suche nach einem für mich goldenen Mittelweg.

    Wie siehst Du das?

    LG zerfreila

  • Hallo zerfreila,

    ja, wichtig ist die Balance zwischen den beiden Zuständen. Als trockener Alkoholiker neige ich zu Extremen, aber ich muss schon bewußt darauf achten, dass ich mich nicht zu sehr in einem UNTER oder ÜBER verstricke.

    LG Larc

  • Hallo Larc,

    wenn ich hier in deinem Thread lese, finde ich sehr viel, was ich auch durchlebt habe.

    Ich kriegte auch für schlechte Noten Prügel, ich musste auch immer für andere da sein, ich sollte einfach PERFEKT sein.
    Und der ständige Druck und die Fragen:was sagen "die" anderen?

    Ojoj, das wichtigste, dass wir das endlich erkennen.

    Ich sage mir jetzt jeden Tag: das ist mein Leben und wenn anderen es nicht gefählt, na und? dann sollen die sich ver....

    Ich wünsche dir einen schönen Tag, viel Kraft und einfach auch sehr gute Laune.

    LG
    live2008

  • Zitat von live2008

    Hallo Larc,

    Ich kriegte auch für schlechte Noten Prügel, ich musste auch immer für andere da sein, ich sollte einfach PERFEKT sein.
    Und der ständige Druck und die Fragen:was sagen "die" anderen?

    Hallo live2008,

    ja, sie brauchten auch gar nicht soooo schlecht sein, aber dadurch, dass meine Mutter sagte: "Wenn Du nochmal so eine Arbeit ablieferst, kriegst Du noch mehr, aber das schaffst Du ja sowieso nicht..." da hat sich das alles sehr verselbstständigt und verkrampft.

    Wenn ich hier so darüber schreibe, dann merke ich wo der Hase im Pfeffer liegt. Schön hier zu sein, ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg, danke, dass Ihr alle Eure Erfahrungen mit mir teilt.

  • Hallo Larc,

    ja, das Lesen und Schreiben hier im Forum tut echt gut und hilft auch mir sehr.

    Ich habe heute schon Stunden in etwas älteren Threads gelesen, und obwohl es eigentlich um ein großes, gemeinsames Thema geht, stelle ich immer wieder fest, wie facettenreich das Thema Alkoholismus ist.

    Ich denke auch, dass wir hier auf einemm guten Weg sind.

    LG zerfreila

  • Hallo zerfreila,

    vielleicht hatte ich etwas provozierend gewirkt, als ich
    von nassem Denken schrieb und kommal sah es
    als Hilferuf. Was jedoch mein Anliegen ist:
    Nach 5 Jahren scheint es ganz normal zu sein, dass man keinen Alkohol trinkt, sondern Wellness-Birne.

    Viele andere Dinge scheinen normal zu sein.
    Ja, im Hinterkopf habe ich es immer, aber wie ich schrieb:
    Der Wahnsinn, der schleichende, die Panik .... sie sind wie alte Wunden verheilt sind nicht mehr da. Scheinen nie existent gewesen zu sein, und das ist gefährlich.

    Mir hat damals AA sehr geholfen, wenn ich mich mal auskotzen musste;
    das kann jedem helfen, auch Normalos, doch ich bin hinterher weggeblieben und nun habe ich Kopfkino, sehr oft. Das müsste nicht sein, wenn ich regelmäßig zu den AA gehen würde, aber stattdessen hatte ich viele Ausreden, warum ich nicht mehr hinging, erst ganz wenig und dann gar nicht mehr.

    Und wie sagte man doch zu Beginn der Therapie: Wehret den Anfängen Also .... das Eis scheint dünn; mache ich hier lieber weiter mit dem Trockensein, damit ich ein kleines Wenig sicher sein kann.

    LG von Rainer

  • Hallo L'arc,

    ich möchte Dich nur 'mal fragen, warum Du nicht mehr zur SHG gehst, trotz Deiner guten Erfahrung damit.

    Hast Du vielleicht einen solchen Durchhänger, dass Du Dich dazu nicht aufraffen kannst?

    Du schreibst "das Eis scheint dünn"!?

    Was hälst Du von weiterem Austausch?

    LG zerfreila

  • Zitat

    Du schreibst "das Eis scheint dünn"!?


    Heute denke ich nicht so, ist wohl wieder eine Depri in Aussicht , ich kenne das zur Genüge.

  • Hallo Reiner,
    ich kann aufgrund meiner Arbeizszeiten nicht mehr regelmäßig in SHG, dewegen ist dies hier mein SHG, und meine tägliche Trockenarbeit, die mir von Anfang an gut getan hat und es weiter tut.
    Bei Depris ist halt immer dir Frage, ist sie Anflug, ist es überhaupt eine, wie weit nähere ich mich dadurch an alten Verhaltensmuster an.
    Kommt drauf an wie gut du dich mittlerweile einschätzten kannst.
    LG
    Jürgen

  • Zitat von jürgen42

    ... ist es überhaupt eine, wie weit nähere ich mich dadurch an alten Verhaltensmuster an.
    Kommt drauf an wie gut du dich mittlerweile einschätzten kannst.
    LG
    Jürgen


    Hallo Jürgen,

    das ist eine, ja, mometan ist sie wieder kommend.
    Ich merke das daran, dass ich Tage vorher unkonzentriert bin, dass ich beginne innerlich zu beben; ich werde ungeduldig in allem und dann werde ich aggressiv und ungehalten mit den Menschen in meiner Nähe und, wie heute z.B. habe ich gar keine Lust hinaus zu gehen. Muss ich aber mit unserem Hund.
    Das Beben habe ich gestern verspürt. Ich nenne das immer

    meine weinerliche Art, bin auch in Behandlung deshalb.

    Liebe Grüße von Rainer

  • Zitat von Larc_Vincent

    6 Jahre trocken und doch nicht trocken ? Doch trocken schon, aber nicht nüchtern.

    Wie kann ich nüchtern werden ? :shock:


    Schrieb' ich, denn man kann trocken sein und nass denken.

  • Hallo Larc,

    mir ist immer noch nicht klar, worin der Zusammenhang zwischen Deinen beschriebenen gesundheitlichen Problemen und den Begriffen "Nasses Denken" und "Nicht Nüchtern Sein" bestehen soll.

    Vielleicht kannst Du mir das ja 'mal erläutern, da ich es bis jetzt immer noch nicht verstanden habe.

    LG zerfreila

  • Hallo zerfreila,

    es gibt auch gar keinen Zusammenhang zwischen meinen Gedundheitlichen Problemen und NASSEM DENKEN.

    Es geht darum, dass man das Saufen aufgibt, indem man sein Verhalten ändert. Das Verhalten wird dadurch bestimmt, wie man denkt und mein Denken ist manchmal so, wie vor meinem Trocken werden, also wie in meiner nassen Zeit. Ein Beispiel: Ich versuche wieder zu funtionieren, ich lasse wieder zu, dass meine Grenzen verletzt werden, usw.

  • Hallo Larc,

    ja, das kann ich gut nachvollziehen.

    Und das ist ein wichtiges Thema. Grenzen für sich zu definieren und anderen aufzuzeigen, sich nicht instrumentalisieren lassen. Damit hängt ja auch zusammen, sein eigenes Leben zu leben und nicht das der Anderen bzw. für Andere.

    In diesem Sinne

    zerfreila

  • Zitat von zerfreila

    HGrenzen für sich zu definieren und anderen aufzuzeigen, sich nicht instrumentalisieren lassen. Damit hängt ja auch zusammen, sein eigenes Leben zu leben und nicht das der Anderen bzw. für Andere.

    Hallo zerfreila und alle anderen,

    ja deshalb habe ich die Kurve über dieses Forum genommen, damit ich wieder Bodenhaftung bekomme, ich bin froh hier zu sein.

    Liebe Grüße von Rainer

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