Ich brauche einen Ratschlag

  • Liebe Forumsgemeinschaft,

    ich bin neu hier und habe mich nun schon tagelang durch dieses Forum gelesen. Zusätzlich habe ich mir das Buch "Um die Kindheit betrogen" gekauft. Ich habe einen Freund, dessen Eltern alkoholabhängig sind und meines Erachtens hat er durch die verkorkste Beziehung zu seinen Eltern diverse Probleme, auch gesundheitlich.

    Nun weiß ich nicht genau, wie ich mich verhalten soll. Er selber ist sich der Situation nicht so bewusst; sieht alles als normal an. Dabei ist er in hohem Maße in die Abhängigkeit seiner Eltern involviert. So sehr, dass man die Beziehung schon als unnormal enttarnt, wenn man noch gar nichts von dem eigentlichen Grund, der Abhängigkeit der Eltern, weiß.
    Ich möchte ihm irgendwie helfen, ihn darauf hinweisen, dass er sich praktisch ausnutzen lässt. Kann ich meinen Freund überhaupt mit den Begriffen Co-Abhängigkeit und erwachsene Kinder von Alkoholikern konfrontieren? Oder wie sensibel würdet ihr auf diese "Durchleuchtung von außen" reagieren?

    Es ist bestimmt schwer zu dieser Situation einen Tip zu geben. Ich würde jedoch gerne wissen, ob ihr meint, dass ich ihn auf seine Problematik (die er ja im Moment gar nicht sieht) ansprechen soll und wenn ja, wie ich ich das am geschicktesten mache, ohne dass er sich vor den Kopf gestoßen fühlt. Soll ich ihm einfach ein Buch zu dem Thema in die Hand drücken, oder wäre das unsensibel? Oder sollte ich mich lieber gar nicht in diese ganze Geschichte einmischen (was für mich aber ein Ende der Beziehung bedeuten würde)?

    Herzliche Grüße und ein frohes neues Jahr!

  • Hallo Franziska!

    Willkommen hier im Forum!

    Du siehst es wahrscheinlich schon ganz richtig, dass es für deinen Freund "normal" ist, was da zuhause abläuft. Er ist es ja nicht anders gewöhnt, und ausserdem ! es ist sooooo unsagbar schwer aus dem Sog herauszukommen, wenn man jahrelang drinnen steckt.
    Für mich war alles auch sehr, sehr lange normal, bis ich den Mut fand, eine entgültige Entscheidung zu fordern.

    Jetzt, aus meiner erarbeiteten Sicht würde ich auch auf deinen Freund zugehen, und ihn auf seine "Krankheit" hinweisen. Er ist sicher krank, co-abhängig. Schon alleine das "Verdrängen" würde mich stutzig machen.

    Aber! helfen muss er sich selbst! Er muss es wollen, sich Hilfe zu suchen und evtl. eine Therapie machen.
    Das klingt jetzt wie bei den Alkoholikern, ist aber genauso.
    Ich musste auch erst mal erkennen, dass ich MIR helfen konnte, nur mir, und sonst niemandem!
    Das Buch würde ich ihm zeigen, erklären um was es geht. Das Lesen anbieten. Nicht mehr.
    Den Rest muss er selbst tun.

    Ich wünsche dir noch ganz viel guten Austausch hier, und vlt. auch im realen Leben und schicke liebe Grüße, Gotti.

    Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.

  • Danke, liebe Gotti, für deine Antwort.
    Ich hab gehofft, dass ich so eine ausführliche Antwort erhalten würde. Es ist so hilfreich mit Leuten zu sprechen. Es hilft die eigenen Gedanken zu sortieren; erst dann kann man vernünftig handeln. Ich sehe jetzt auch viel klarer, dass ich ihn nicht nachhaltig beeinflussen kann.

    Es ist irgendwie traurig, dass es so schwer ist, aus dem Sog heraus zu kommen. Andererseits finde ich es immer wieder toll, wie sich Co-Abhängige aus diesem System herauswinden. Man braucht bestimmt viel Kraft dafür, aber ich kann mir auch vorstellen, dass es Kraft gibt. Denn man gewinnt ja dadurch viel. Freiheit, Selbstbestimmtheit und somit Lebensqualität.

    Ich bin mir auch sicher, dass er "krank" ist. Er nimmt Sachen apathisch hin, bei denen sich mir die Haare (und mein Gerechtigkeitssinn) sträuben. Das ist mir vor einiger Zeit schon aufgefallen; jetzt bin ich mir sicher zu wissen warum das so ist. Wobei Krankheit ja ein seltsamer Begriff für diesen Zustand ist, da er, wie ich finde, so schwer zu greifen ist. Man muss erst einmal die Essenz aus diesem Zustand finden und sehen, ob das Positive oder das Negative überwiegt, um eine Krankheit zu erkennen. Was bleibt ist die Ironie, dass man den Süchtigen am meisten hilft, wenn man ihnen nicht hilft.

    Ich kann ihn also nur anstupsen und ihn darauf aufmerksam machen, dass vielleicht etwas schief läuft. Das es auch anders sein könnte. Ich werde ihn vorsichtig fragen wie es ihm dabei geht, ob er nicht gerne etwas ändern würde und werde dabei ausloten wie weit ich gehen kann.

  • Muss jetzt so über dein "Anstupsen" nachdenken.

    Wie oft habe ich meinen Mann "angestupst"?! Habe ihm Prospekte zum Lesen hingelegt. Habe interessiert an Ständen in der Fußgängerzone geschaut, habe Telefonnummern herausgesucht, hingelegt.....
    Für ihn. Was mein Fehler war, den ich damals nicht wusste.

    Mir hat es damals sehr geholfen, mit Gleichgesinnten direkt zu reden. In der Gruppe. Die Gespräche haben mich auf den Boden der Tatsachen gebracht, mir Wege aufgezeigt, gleich Schritte zu gehen. Haben mich sehr gestärkt.

    Ich wünsche dir weiterhin Hilfe und Austausch.
    Und ein heilsames neues Jahr.
    Gotti.

    Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.

  • Hallo Franziska,

    ein herzliches Willkommen hier im Forum! Schön, dass Du diesen Schritt für Dich gemacht hast.

    Ich frage mich gerade: hast Du ihn für Dich oder für Deinen Freund gemacht? Ich kann gut verstehen, dass Du ihm helfen, ihn anstupsen willst. Aber Gotti hat recht: Helfen kannst Du nicht! Anstupsen: ja. Wenn er dann die Chance zur Selbsthilfe ergreift, ist es gut so. Wenn nicht, und dies das Ende Eurer Beziehung bedeuten würde...tja..
    passe gut auf Dich auf, dass Du nicht auch co-abhängig wirst, denn Du bist auf dem besten Wege dorthin.

    Wenn Du hier im Forum weiter aktiv bist, tu dies für Dich, für Deine Genesung. Diesen Ratschlag möchte ich Dir mit auf den Weg geben, verbunden mit den besten Wünschen für das neue Jahr.

    Bis zum nächsten Mal! :wink:

    Alles Liebe.. Pedi

  • Hallo pedi,

    ich bin auf jeden Fall wegen mir hier im Forum. Ich habe vorher schon mit meinem Vater (kein Alkoholiker) darüber gesprochen, gefragt was er meint. Der konnte mir aber auch keinen Rat geben. Ich glaube "normale" Leute wissen auch gar nicht, welch schwierige Geschichte hinter solch einer Situation stecken kann.

    Ich hab oft daran gedacht die Beziehung zu beenden. Wegen seinen Eltern (die auch mir schon auf die Nerven gehen und mich einer Gehirnwäsche unterziehen wollen) und auch weil mein Freund gerne trinkt. Er ist nicht abhängig, hat aber meiner Ansicht nach gute "Chancen", es irgendwann einmal zu werden. Davor habe ich Angst. In solch eine Beziehung möchte ich auf keinen Fall geraten, solange ich mir das noch aussuchen kann.

    Auf der anderen Seite merke ich selber, dass ich, immer wenn ich an seine "Krankheiten" denke (es kommt hinzu, dass er nicht nur - meiner Meinung nach - Co-abhängig ist, sondern noch eine Krankheit hat), das Gefühl habe ihn nicht verlassen zu können. Ich will nicht ausschließen, dass es etwas mit Mitleid zu tun hat. Das macht mir auch Angst, denn ich habe mich viel durch dieses Forum gelesen und weiß genau was dahinter steckt. Ich merke förmlich, wie Verstand und Gefühl mir zwei verschiedene Dinge sagen.

    Dazu möchte ich noch sagen, dass die Merkmale eines EKA's bei mir selber auch ausgeprägt vorhanden sind. Ich möchte mich nicht auf eine Ebene mit EKA'S stellen, denn ich bin mir sicher, ihr habt viel durchmachen müssen. Allerdings kann auch ich keine vernünftigen Beziehungen, geschweige denn Freundschaften, führen. Ich lebe auch in einem Schneckenhaus und ziehe mich immer weiter zurück. Wie viele von euch auch. Ich habe auch keinen emotionalen Zugang zu Kindern, was mich sehr an mir selbst zweifeln lässt. Ich denke für mich, dass es daher kommt, dass ich immer ein ruhiges, genügsames Kind war. Mich konnte man in eine Ecke setzen und ich konnte mich stundenlang selbst beschäftigen. Von dieser Eigenschaft wurde Gebrauch gemacht, denn meine Eltern waren beide selbständig berufstätig und gingen voll in ihrem Job auf. Meine Oma, die oft so eine Art Erziehungsersatz war, vor allen Dingen nachdem meine Mutter an Krebs gestorben war, ist oft egoistisch und gefühlskalt. Sie macht einem gerne ein schlechtes Gewissen, was ich in diesem Forum unter dem "schönen" Begriff "emotionale Erpressung" kennengelernt habe. Gefühle, Zuneigung, Lob, Vertrauen in mich, Unterstützung und Zuspruch sind auch in meiner Familie Fremdwörter.

    Pedi, ich denke du hast vollkommen Recht! Ich bin wirklich ein Kandidat für eine Co-Abhängigkeit. Das habe ich auch früher im leben schon gemerkt, ohne zu wissen, worum es sich wirklich handelt, bzw. dass das eine Krankheit ist. Ich glaube bekannter ist diese Verhaltensweise unter "Helfer-Syndrom". Ich hatte schon einmal überlegt, ob ich jemand mit einem Helfer-Syndrom sein könnte, habe den Gedanken jedoch verworfen, weil ich mir nicht vorstellen konnte warum.

    Tja und nun habe ich, wie niemals vorher, das Gefühl, dass es Zusammenhänge gibt, zwischen all den Sachen, die in meinem Leben nicht funktionieren.

  • Hallo Franzi,

    bei mir war es auch so, dass so nach und nach die Zusammenhänge ans Licht kommen... der Verstand fängt an zu begreifen, aber das Herz kommt nicht hinterher. Das Herz braucht etwas länger, und so gebe ich mir gerade die Zeit, die es braucht. Es lehrt mich zudem, geduldig zu sein, nicht gerade meine Stärke...

    Ich glaube und das hab ich auch gelesen, dass viele, die aus sog. "dysfunktionalen" Familien kommen, ähnliche Probleme wie die EKAs haben. Daher kann es gut so sein, dass Du Dich dort wiederfindest. Aber das ist doch gut, so kannst Du hier prima profitieren! Stimmt, "normale" Leute können sich gar nicht uns hinein versetzen. Aber ist ja auch o.k., wir verstehen auch vieles nicht, von dem wir nicht selbst betroffen sind.

    Lass Dir einfach Zeit; Du mußt ihn ja nicht Hals über Kopf verlassen.. Hauptsache, Du behälst Dich und Dein Wohl im Auge und erkennst Deine Zusammenhänge und läßt das Herz aufholen. :wink:

    Wünsche Dir alles Liebe und freu mich weiter über Deine Beiträge und Berichte, wie´s Dir geht.

    VLG.. Pedi

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