Leben ohne Rausch

  • Ach und noch eine Frage spukt mir Kopf herum:

    Wie bahnt sich ein Rückfall an? Gibt man irgendwann auf und sagt sich bewußt "Sch.. drauf" und macht sofort da weiter wo man aufgehört hatte oder belügt man sich selbst und glaubt irgendwann man sei stabil genug um nur "das eine Mal" mal wieder ein oder zwei Bier mittrinken zu können?

  • Die Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Ich nehme mal meine 2 Entgiftungen. Nach der ersten, wie ich schon sagte ...Arbeiten, Arbeiten,...
    Erst mal verdrängen. Das war nichts.

    Ich sags mal so, nach der zweiten Entgiftung wochenlang primär erstmal zur Salzsäule erstarrt. Lag aber leicht entschuldigend, auch wirklich an meiner "leicht angeschlagenen" körperlichen Verfassung.
    Einen sanften "Tritt", weißt schon wohin, bekam ich dann in der Entwöhnungstherapie von der für mich zuständigen Psychologin. Also letztendlich eigentlich nur mit einem leichten Druck, nicht vor der Gruppe bei der Morgen- und Tagesabschlußrunde als "geistig flexibel wie ein Betonklotz" da zu stehen.

    Einer dort hatte wenigstens einen Hund :wink:

    LG

    Martin

  • Zitat von bloona

    Gibt man irgendwann auf

    Ich glaube, daß kommt drauf an. Aufgeben kann man nur, wenn man noch kämpft. Du hast sicherlich schon reichlich gelesen, daß es, ja eine Art Ziel ist, zu einem Punkt zu kommen, den Kampf ruhigen Gewissens aufgeben zu können, da man gemerkt hat, daß man nichts ohne Alkohol verpasst. Ganz im Gegenteil...Das muß man erst erfahren und lernen. geht aber irgendwann von alleine. Aber auch dort verbrigt sich eine geweisse Gefahr, läuft doch...

    Zitat von bloona

    oder belügt man sich selbst und glaubt irgendwann man sei stabil genug um nur "das eine Mal" mal wieder ein oder zwei Bier mittrinken zu können?

    Das ist natürlich das, wovor jeder , mit Sicherheit selbst Langzeittrockene, Angst hat. Man wird zwar in sich ruhiger, was das Thema angeht, muß aber ständig ein "Ohr oben" haben. Genau deshalb bin ich hier, um die Gedanken wach zu halten. Vielleicht hilfts Dir, mir bringt es meine Erfahrungen wieder ins Bewußtsein. Ich ziehe dort einen großen Nutzen raus.

    LG

    Martin

  • Vielen Dank Martin für deine Antworten - ich sehe - ich kann hier noch vieles lernen und hoffe es hilft mir dabei nicht erst alles selbst erleben zu müssen...

    PS: Ein Hund ist wirklich eine tolle Sache, weil man ja immer raus muss und somit auch immer eine Beschäftigung hat. Allerdings ist diese Aufgabe nicht sooo anspruchsvoll und wenn man sie trotz regelmäßigem Alkoholmissbrauch bewältigt bekommt, gibt einem dies das beruhigende Gefühl, dass man doch noch gut funktioniert und alles in Ordnung ist. Ein Hund wendet sich ja auch nicht von einem ab, bloß weil man reglmäßig betrunken oder verkatert ist. Ist also so was wie ein vierbeiniger Co-Abhängiger :wink:


    Am WE steht ein Treffen mit einer Freundin an, mit der ich exzessiven Alkoholkonsum verbinde. Wenn wir uns getroffen haben, konnte ich hemmungslos trinken und wir haben zusammen fast einen kompletten Kasten geleert (bei anderen Freunden habe ich immer aufgepasst, dass keiner bei mir die Flaschen mitzählt).
    Dieses mal soll es allerdings ein reines "Arbeitstreffen" und natürlich alkoholfrei sein. Trotzdem macht mich allein der Gedanke an das Treffen nervös. Ich hoffe das legt sich noch.

  • Dann streichel deinem schweigenden Co mal in meinem Namen über den Kopf :wink:

    Ob das Treffen am WE für dich gut ist, kannst nur du für dich entscheiden. Ob das dann wirklich beim "Arbeitstreffen" bleibt und es ausgeschlossen ist, daß Alk in irgendeiner Form auf den Tisch kommt.
    Ich weiß es nicht, höre auf deinen Bauch.

    Ich selber habe in der Vergangenheit schon öfter daran gedacht, mal wieder bei einem alten Arbeitskollegen zu melden und ihn zu besuchen. Wir hatten uns damls sehr gut verstanden. Ich traue mich aber bis heute noch nicht, da er, mächtig..., weißt schon. Ich muß einfach sehr vorsichtig sein.

    Hast ja noch Zeit zum Überlegen.

    LG

    Martin

  • Bin heute abend im Supermarkt um meine bevorzugten Biersorten herumgeschlichen und von einem Bein auf das andere getreten. Bin dann zum alkoholfreien Bier gegangen und dachte "Na komm, dann wenigstens ein einziges alkoholfreies". Das gab's aber nur im Sixpack. Ich weiß nicht wieviele Minuten ich vor dem Bierregal gestanden habe, bis ich laut zu mir gesagt habe "Jetzt ist Schluss" und zur Kasse gegangen bin. Als ich den Supermarkt hineingegangen bin, hatte ich bereits beschlossen es drauf ankommen zu lassen. Liegt vielleicht am bescheidenen Wetter, dass ich heute in so einer Stimmung war.
    Vorhin habe ich mich zuhause erst mal auf die Suche nach meinem alten Zeichenblock gemacht und bin auch fündig geworden. Ist leider nur noch eine Seite frei. Aber reicht ja um einen Anfang zu machen. Morgen werde ich mal die Pastellkreide in die Hand nehmen.

    Martin :
    Hab' den Co-Hund von dir gegrüßt :wink:

  • Haua, haua, nunmehr alterslose Frau :wink:

    wie dir Martin schon schrieb: Mit der Faust in der Tasche auf dem Drahtseil...

    Behalte dir das im Hinterstübchen und denke in solchen Momenten daran.
    Und zieh dir sofort den fix und fertig, gelochten... aus der Tasche.
    Selbst bei "Alkoholfreiem". Bringt doch sowieso nichts, wirft dich nur zurück.
    Vom "Richtigen" ganz zu schweigen.

    Wo ich dir recht gebe: das Schmuddelwetter. Ich hab da heute mittag noch irgendwie in dem Zusammenhang daran gedacht.

    Möchte dich doch noch weiter hier lesen...

    LG

    Martin

  • Zitat von bloona

    erst mal auf die Suche nach meinem alten Zeichenblock gemacht

    Super. Das find ich klasse.

    Ich bekomme nicht mal ein Strichmännchen hin. Ich fand meine "Gemälde" bei der Therapie immer nur peinlich. Äääähhh, Hund, Katze, Maus?

  • Hi,

    ich frag mal nach: Kannst du es in Worte fassen, warum du mit dem Gedanken schon in den Markt gegangen bist? Warum du bis zu den Bierkisten gelaufen bist? Was hast du gefühlt?

    Du merkst wohl, die Sucht hat eine Stimme.

    Es war wichtig, richtig und gut, daß du dir letztendlich nichts mitgenommen hast.

    Ich für meinen Teil, gehe pauschal z.B. nicht mehr in einen Getränkemarkt. Die können dort von mir aus Ihre Säfte und Wasser dort verschenken, geht nicht. Diese Präsenz von verkaufspsychologisch präsentierten Mengen an Alkohol macht mir Angst.
    Auch an die Getränkeabteilung im Supermarkt pirsche ich mich wirklich ganz vorsätzlich und bewußt nur noch von einer alkoholfreien Seite. In dem SM in dem ich mich in früheren Zeiten am meisten eingedeckt hatte, war ich vor ein paar Wochen mit meinem Sohn. Dort gibt es einen Gang, auf der rechten Seite die Hochprozentigen, auf der Linken Säfte. Mein Sohn hatte dort eine wohl 3 Liter-Schnapsflasche gesehen und mir zugerufen, doch mal zu gucken. Ich habe mich seit ich trocken bin, nicht einmal getraut zu dieser Seite zu schauen. Als ich mich umdrehte, sprang mir sofort "meine" Doppelkornmarke nur so ins Auge. Damals in 2-er Reihe dort eingeräumt, jetzt auf einen Meter in die Breite gewachsen! Ich habe richtig Angst bekommen und bin sofort da raus. Ich werde diesen Gang nicht mehr betreten. Geht einfach nicht, macht mir Angst. Säfte gibt es auch woanders.

    LG

    Martin

  • Hallo bloona,

    Zitat

    Bin heute abend im Supermarkt um meine bevorzugten Biersorten herumgeschlichen und von einem Bein auf das andere getreten. Bin dann zum alkoholfreien Bier gegangen und dachte "Na komm, dann wenigstens ein einziges alkoholfreies". Das gab's aber nur im Sixpack. Ich weiß nicht wieviele Minuten ich vor dem Bierregal gestanden habe, bis ich laut zu mir gesagt habe "Jetzt ist Schluss" und zur Kasse gegangen bin. Als ich den Supermarkt hineingegangen bin, hatte ich bereits beschlossen es drauf ankommen zu lassen.

    Alarmstufe rot, DefenseCondition5 würde der "WarGamesFan" sagen.
    Wie gedenkst Du, wieder zu deeskalieren ???

    LG Jürgen

  • Hi

    Zitat von Equinoxe

    ich frag mal nach: Kannst du es in Worte fassen, warum du mit dem Gedanken schon in den Markt gegangen bist? Warum du bis zu den Bierkisten gelaufen bist? Was hast du gefühlt?


    Ich war gestern ziemlich mies drauf und wollte testen, ob's mies genug ist um alles über Bord zu werfen. Ich brauche das manchmal um mir bewußt zu werden in welche Richtung ich tatsächlich gehen möchte.


    Zitat von juergenbausf

    Alarmstufe rot, DefenseCondition5 würde der "WarGamesFan" sagen.
    Wie gedenkst Du, wieder zu deeskalieren ???


    Tja, ich denke ich sollte abends nicht mehr einkaufen gehen.

  • Hallo bloona,

    Zitat

    Als ich den Supermarkt hineingegangen bin, hatte ich bereits beschlossen es drauf ankommen zu lassen.

    Zitat

    Ich brauche das manchmal um mir bewußt zu werden in welche Richtung ich tatsächlich gehen möchte.

    mach dir doch mal Gedanken ob das immer gut geht, was wäre wenn du einen schlechten Tag gehabt hättest :?:

    LG Martin

  • Zitat von Martin

    mach dir doch mal Gedanken ob das immer gut geht, was wäre wenn du einen schlechten Tag gehabt hättest :?:


    Hallo Martin,
    ich weiß, dass ich, wenn ich im Supermarkt zugegriffen hätte, ganz übel und tief abgestürzt wäre.
    Ich habe so Phasen, da will ich es dem Zufall überlassen, ob und wie es mit mir weiter geht. Hatte ich immer schon und bin immer noch hier.
    Der Selbsterhaltungsinstinkt scheint also trotzdem zu funktionieren.
    Mehr Einfluss habe ich darauf in solchen Phasen leider nicht. Aber ich hoffe, dass es bald wieder besser wird und ich bis dahin ohne weitere Grenz-Experimente auskomme.

  • Hallo bloona
    Ich habe mich mal durch deinen Thread gelesen. Dabei hatte ich nicht den Eindruck, dass sich Deine „Bemühungen“, um Herausforderungen an die Adresse des Zufalls richten oder sich um bewusste Versuche von Grenzerfahrungen handeln.
    Es stellt sich mir eher so dar, als wenn Du dir schon jetzt eine Entschuldigung für eine längst gefällte Entscheidung zurechtlegst.
    Ich kenne niemanden, der seine Trinkpause mit der ernsthaften Begründung: „… und zufällig war dann eine Flasche Alkohol in meinem Einkaufskorb! Das Schicksal hat es so gewollt!“ beendet hat.
    Für meine Entscheidungsfindung war die Frage: „Wie will ich weiterleben?“ ausreichend. Wie ich sterben kann, hatte ich bereits erfahren.
    Dass ein abstinentes Leben nicht gleichbedeutend mit sofortiger und dauerhafter Problemlosigkeit verbunden war, ist selbstredend. Im Gegenteil - Nüchtern habe ich meine zu bewältigenden Aufgaben erst erkannt.
    Egal wie dein zukünftiges Handeln aussieht – es sind deine Entscheidungen. Und die sind unabhängig von äußeren Glücksmomenten oder Pechsträhnen, sonder liegen einzig in deiner Verantwortlichkeit.
    Gruß – Uwe.

  • Hallo Uwe,
    danke dafür, dass du dich durch meinen Thread gearbeitet hast - meine ich ernst.
    Du hast natürlich Recht und es bleibt letztlich meine Verantwortung und meine Entscheidung was ich tue oder lasse.

    Zitat von uwe.rothaemel

    Dass ein abstinentes Leben nicht gleichbedeutend mit sofortiger und dauerhafter Problemlosigkeit verbunden war, ist selbstredend. Im Gegenteil - Nüchtern habe ich meine zu bewältigenden Aufgaben erst erkannt.


    Aber ich ringe seit ich denken kann immer mit dem selben Mist (ich könnte auch sagen mit mir) und habe bis heute keine Lösung gefunden.
    Und auch oder gerade nüchtern - diesmal im wahrsten Sinne des Wortes - betrachtet, sehe ich da keine Aufgaben die ich bewältigen könnte.

  • Nun, bloona,
    ich habe zu Beginn meinen unübersichtlichen „Problem-Berg“ in überschaubare „Hügel“ zerlegt. Das war mir alleine nicht möglich. Dafür habe ich einige Gespräche mit jemandem der sich damit auskennt, gebraucht. (Die gibt es in Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen jeder Art, in Person von guten – meist lange vernachlässigten - wirklichen Freunden…)
    Die nächsten Schritte - kleine, unsichere Schritte – waren nach der Realisierbarkeit sortiert.
    Für mich war dies am Anfang die Familie, dann der Arbeitsplatz. Nebenbei und begleitet, die Aufarbeitung der finanziellen Schwierigkeiten. Das hat gedauert und ist auch noch nicht alles komplett in „trockenen Tüchern“. Jedoch hat sich mit dem entstandenen Überblick einiges auch einfach von selbst erledigt.
    Ich bin einfach dran geblieben – und ich habe darüber gesprochen. Mit den Menschen, die mir wichtig waren. Und die Menschen, denen ich wichtig war und auch wieder wichtig wurde, haben mit mir darüber geredet. Rückblickend war das die entscheidende Veränderung, zu meinem Leben davor.
    Gute Nacht für heute - Uwe

  • Zitat von Equinoxe

    Hallo bloona,

    die dunklen Wolken...

    Bekommst du / sähest du eine Möglichkeit diesbezüglich eine Hilfe zu bekommen? Gab es da schon mal was?

    LG

    Martin

    Hallo Martin,

    ich hatte vor rund 10 Jahren mal eine Gruppentherapie, die hat allerdings nicht viel gebracht. Nächste Woche habe ich noch mal einen Termin bei der Suchtambulanz. Da werde ich das mal ansprechen.
    Ist ja hier auch kein Psychoforum. :wink:

  • @Uwe:

    Ich danke dir für deine Gedanken und Anregungen. Ich nehme sie mr zu Herzen und versuche sie umzusetzen, wenn sich die Gelegenheit dafür ergibt.

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