Hilfe zur Selbsthilfe ist für mich der eigentliche Sinn dieses Forums. Und eigentlich auch der Kern jeder Selbsthilfegruppe.
Wir geben Erfahrungen weiter. Was hat funktioniert? Wo bin ich auf die Fresse gefallen? Wo habe ich mir selbst etwas vorgemacht? Was habe ich daraus gelernt? Was der andere damit macht, ist seine Sache. Wenn ich meine Erfahrungen weitergebe, erwarte ich deshalb auch kein: „Du hast recht.“![]()
Wäre natürlich praktisch. Dann könnte ich mir noch einen weißen Kittel kaufen und Sprechstunden anbieten. ![]()
So funktioniert Selbsthilfe für mich aber nicht. Wer kommt schon gerne irgendwo an und hört ausgerechnet das, was er eigentlich nicht hören wollte? Vielleicht wollte ich erst einmal erzählen, jammern, Dampf ablassen und bestätigt bekommen, dass die anderen schuld sind. So eine Opferrolle kann schließlich ausgesprochen gemütlich sein. Ein paar Kissen rein, Füße hoch und ein Schild an die Tür:„Bitte nicht stören. Die anderen sind schuld.“
Und dann kommt irgendein Depp daher und fragt „Und was kannst du selbst verändern?“ Frechheit. Da wird abgewehrt. Bei mir ist das anders. Das kann man nicht vergleichen.Du verstehst mich nicht.
Oder der Klassiker „Das ist deine Meinung.“ Nö. Wenn ich erzähle, was ich erlebt habe, ist das zunächst meine Erfahrung. Über meine Schlussfolgerungen daraus können wir gerne diskutieren. „Bei mir war das anders“ ist Erfahrungsaustausch. „Deine Erfahrung stimmt nicht“ eher weniger.
Natürlich kann es sein, dass ich etwas gerade nicht sehen kann oder nicht sehen will. Gerade bei Sucht können Scheuklappen ausgesprochen praktisch sein.Kenne ich. Ich war schließlich auch nicht schon immer dieses unglaublich vernünftige Kerlchen, das hier heute schreibt.![]()
Schwierig wird es für mich, wenn ich alles abwehre, nichts verändere und anschließend wieder am selben Punkt stehe. Ich kann mir jeden Tag eine neue Erklärung dafür ausdenken, warum ich mich im Kreis drehe. Es bleibt trotzdem ein Kreis. Und bei Sucht kann dieses Kreisen irgendwann verdammt ernste Folgen haben.
Mir ist dabei relativ wurscht, ob mich jemand ernst nimmt oder in irgendeine Schublade steckt. Da war ich vermutlich sowieso schon in einigen. Hoffentlich wenigstens ordentlich beschriftet.
Es geht nicht ums Rechthaben.
Es geht um Erfahrungsaustausch. Vielleicht widersprechen sich Erfahrungen. Na und? Meine trockenen Jahre machen meine Erfahrungen schließlich auch nicht zur Wahrheit für alle anderen.
Respekt gehört dazu. Wattebauschpflicht nicht. Und wenn wir uns irgendwann mehr über die Verpackung unterhalten als über den Inhalt, haben wir vielleicht schon wieder eine hübsche Nebenbaustelle gefunden. Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet für mich auch nicht, den anderen davon überzeugen zu wollen, was er gefälligst zu tun hat.
Ich muss ihm weder meine Sicht auf Sucht überstülpen noch jedes frisch gelernte Therapiewissen um die Ohren hauen oder meine eigene Empörung über sein Leben bei ihm abladen.
Ich kann meine Erfahrung weitergeben. Mehr nicht.
Was davon für den anderen brauchbar ist, muss er selbst herausfinden.
Tun muss es jeder selbst.
So verstehe ich jedenfalls Hilfe zur Selbsthilfe. Vielleicht sehen andere das völlig anders. Gerade bei einem Thema wie Selbsthilfe würde mich allerdings wundern, wenn wir uns ausgerechnet darüber alle einig wären. Und vielleicht ist genau das schon wieder ein Teil davon.