Weiter im Text.
Angelehnt an einige andere Threads und die unterschiedlichen Denkweisen darüber, warum jemand trocken geworden und geblieben ist. Hier mal wieder meine immer wiederkehrende und offenbar nicht auszurottende Sichtweise dazu. 

Bei mir hat damals kein besonderer Schalter umgelegt und ich hatte auch keinen mystischen Klick-Moment. Ich war schlicht an einem Punkt angekommen, an dem klar war. Entweder ich höre auf zu saufen oder ich gehe daran zugrunde.
Es war eine Notwendigkeit, wie ich hier schon öfter beschrieben habe. Und ob das nun eine Entscheidung war oder nicht, ist mir sowas von egal. Für mich ist es nicht notwendig, das heute noch einmal anders zu betrachten oder irgendwelche Erklärungen dafür zu suchen. So einfach und gleichzeitig so beschissen war das.
Und daran hat sich in meinen inzwischen 19 trockenen Jahren eigentlich nichts geändert. Ich habe später auch nicht versucht, mir zu erklären, warum der Saufdruck weniger wurde oder warum mir das Trockenbleiben heute vielleicht leichter fällt als anderen.
Wenn andere dafür Erklärungen finden, ist das völlig in Ordnung. Vielleicht hilft es ihnen sogar. Mir persönlich liegt diese Denkweise nicht besonders. Es bleibt eine chronische Krankheit. Und wenn ich das so betrachte, habe ich sogar noch den „Vorteil“, zwei weitere chronische Krankheiten zu besitzen. Ich habe wohl früher bei der Verteilung immer besonders laut „Hier!“ gerufen. 😁
Da reicht es auch nicht, gedanklich einen Schalter umzulegen. Die werden mal ruhiger, mal stärker und können sich jederzeit wieder bemerkbar machen.
Warum sollte ich also ausgerechnet bei meiner Alkoholabhängigkeit davon ausgehen, dass ein Schalter im Kopf die Krankheit grundsätzlich verändert hat? Bei meinen anderen chronischen Krankheiten käme ich jedenfalls nicht auf die Idee, mir große Erklärungsmodelle zusammenzubauen. Die Krankheiten interessiert schließlich herzlich wenig, welche Theorie ich gerade über sie habe.
Bei der Alkoholabhängigkeit habe ich immerhin die Möglichkeit, sie durch konsequente Abstinenz zum Stillstand zu bringen. Das ist doch schon eine ganze Menge. Warum sollte ich mir dann noch zusätzliche Konstrukte bauen?
Manche erklären sich ihre Risikobereitschaft damit, dass sie ja nur Bier und keine harten Sachen getrunken haben. Andere damit, dass sie nur zu Hause oder zu bestimmten Zeiten gesoffen haben. Interessiert das die Sucht? Hat die etwa feste Saufzeiten oder besondere Getränkekategorien in ihrem Terminkalender stehen?
Und bei der Trockenheit geht es dann manchmal ähnlich weiter. Da gab es plötzlich eine Erleuchtung, ein Schalter im Kopf wurde umgelegt oder man hat eine besondere innere Einstellung gefunden. Das eine soll das frühere Saufen erklären, das andere die heutige Abstinenz. Von mir aus. Wer darin etwas Hilfreiches für sich findet, soll das gerne tun. Mir gibt das nichts.
Denn an der Tatsache, dass ich Alkoholiker bin, ändern solche Erklärungen nichts. Ich möchte meiner Sucht gar nicht mehr Raum geben, als sie ohnehin schon lange genug hatte. Das heißt nicht, dass mein Weg für jeden der richtige sein muss.
Ich kann andere Wege anschauen und teilweise auch nachvollziehen. Wenn bei dem einen etwas im Kopf seine Nüchternheit erklärt, beim anderen eine Erkenntnis gereift ist und beim nächsten etwas ganz anderes geholfen hat, dann ist das eben so.
Wenn ich jemandem zu seiner langjährigen Abstinenz gratuliere, dann doch nicht wegen seines Weges, sondern weil er einen Weg gefunden hat, der für ihn funktioniert. Irgendetwas müssen die anderen Langzeittrockenen schließlich auch richtig gemacht haben . Sonst wären sie nicht langzeittrocken. Nicht wahr?
Ich bin halt Pragmatiker und kein Philosoph. Und ja, ich bin hier manchmal eher der Holzhammer unter den Austauschenden. Das dürfte inzwischen auch der Letzte mitbekommen haben. Von mir aus kann jemand auf dem Oktoberfest sitzen, alkoholfreies Bier trinken und ein besonderes Gedankenmodell im Kopf haben, von dem er überzeugt ist, dass es ihm Sicherheit gibt. Wenn das für ihn bis heute funktioniert hat, bitte.
Es ist nur nicht mein Weg. Mir reichen die Grundbausteine und meine Risikominimierung. Das Forum ist schließlich darauf aufgebaut. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Sucht gar nicht für so kompliziert halte, wie sie manchmal gemacht wird?
Kompliziert wird es oft erst, wenn man anfängt, sich Erklärungen zusammenzubauen, warum und weshalb ausgerechnet man selbst Alkoholiker geworden ist. Da wird dann manchmal relativiert, abgeschwächt oder schöngeredet. Und ehe man sich versieht, steht mehr die Frage im Mittelpunkt, warum es einen getroffen hat, als die Frage, wie man mit seiner Sucht umgeht.
Nur interessiert das die Sucht herzlich wenig. Die fragt nicht nach der persönlichen Lebensgeschichte, bevor sie zuschlägt
Ich muss meine Sucht nicht bis ins letzte Detail verstehen, um keinen Alkohol zu trinken. Und schon gar nicht muss ich meinen Weg rechtfertigen, nur weil ich manches anders sehe oder handhabe. Genauso wenig muss ich anderen hineininterpretieren, dass das, was sie machen, grundsätzlich falsch ist.
Aber ich werde immer wieder den Finger in die Wunde legen, wenn es um mögliche Risiken geht. Denn die Sucht kann solche Risiken nun mal ausnutzen. Risiken bleiben Risiken. Egal, wo der Schalter im Kopf gerade steht.