Beiträge von Hartmut

    Ob ich nun Rauschtrinker, Quartalssäufer oder sonst irgendein Trinkertyp war, hat mich eigentlich nie besonders interessiert. In rund 30 Jahren Sauferei war so ziemlich alles dabei. Da wäre ich mit dem Etikettieren vermutlich gar nicht mehr fertig geworden.

    Also abgehakt und um meine Trockenheit gekümmert.

    Entscheidend war für mich nicht, wie ich früher gesoffen hatte, sondern dass ich Alkoholiker geworden war und deshalb nicht mehr saufen kann. Aber bevor ich mich darüber wieder ausführlich auslasse: Wir sind hier schließlich im Thread von Abstinenzler. :whistling:

    Also Absti, empfehlen kann ich dir eigentlich nichts, was du nicht schon weißt.

    Auch bei mir war früher nicht jeder Rausch schlecht. Ich war schließlich nicht rund 30 Jahre nur elend oder schlecht gelaunt besoffen. Es gab durchaus schöne Zeiten. Sonst hätte ich vermutlich kaum so lange gesoffen.

    Warum sollte ich mir das heute schönreden oder alles im Nachhinein schlechtreden?

    Dass solche Erinnerungen auftauchen, finde ich nicht ungewöhnlich. Nur unterscheide ich für mich zwischen einer Erinnerung an früher und dem Gedanken, so etwas vielleicht doch noch einmal erleben zu wollen.

    Das ist für mich nicht dasselbe.

    Weiter im Text.

    Was mir über die Jahre immer wieder aufgefallen ist: Da wird analysiert, wissenschaftlich auseinandergenommen, der neueste Podcast gehört, die nächste Erkenntnis gesucht und wieder irgendeine Theorie diskutiert.

    Da frage ich mich manchmal: Wozu eigentlich? Was davon brauche ich konkret, um heute trocken zu bleiben?

    Natürlich kann es interessant sein, sich mit neuen Erkenntnissen über die Sucht zu beschäftigen. Nur muss ich deshalb nicht jede neue Erklärung gleich auf meine eigene Abstinenz übertragen. Ob irgendwelche Neurotransmitter dieses machen und die Neuronen jenes veranstalten, mag wissenschaftlich durchaus interessant sein. Nur hat mich dieses Wissen nicht trocken gemacht.

    Ich musste verstehen, dass ich alkoholabhängig bin, wie meine Sucht grundsätzlich funktioniert und welche Konsequenzen ich daraus ziehen muss. Und dann musste ich entsprechend handeln. Das war für mich der entscheidende Punkt.

    Und manchmal frage ich mich schon: Wenn jemand seit Jahren trocken ist, zufrieden lebt und für sich einen funktionierenden Weg gefunden hat, warum muss er sich dann ständig mit neuen psychologischen Modellen, Podcasts und Erklärungen beschäftigen? Aus Interesse? Kann ich eventuell noch verstehen. Weil er sie für seine Abstinenz braucht? Oder weil er immer noch nach Erklärungen für seine eigene Sauferei sucht? ;)

    Da würde ich schon genauer nachfragen.

    Denn wenn mein Weg funktioniert, muss ich ihn doch nicht bei jeder neuen Erkenntnis wieder auf den Prüfstand stellen. Ich muss meine Sucht auch nicht wissenschaftlich bis in die letzte Gehirnzelle zerlegen, um keinen Alkohol mehr zu trinken.

    Das ist doch wie mit dem Rad. Das muss auch nicht ständig neu erfunden werden. Man kann es verbessern, hier etwas verändern, dort etwas ergänzen, damit es vielleicht noch runder läuft. Aber am Ende bleibt es ein Rad. Und Alkoholabhängigkeit gab es sogar schon, bevor irgendjemand auf die Idee kam, eines zu erfinden. :whistling:

    Natürlich wissen wir heute wesentlich mehr darüber, was bei einer Sucht im Gehirn passiert. Nur ändert das nichts daran, dass ich als Alkoholiker keinen Alkohol mehr trinken kann. Ich muss meine Trockenheit schließlich nicht bei jeder neuen Erkenntnis neu erfinden. Ich bin Alkoholiker. Deshalb saufe ich nicht mehr.

    Und wenn morgen jemand wissenschaftlich herausfindet, warum das Rad rund ist, muss ich deshalb noch lange keine eckigen Räder ausprobieren. Obwohl das vielleicht sogar Spaß machen könnte. Nur meine Sucht versteht keinen Spaß. Die will saufen.

    Für mich sind Trigger, Saufgedanken und Suchtdruck zunächst einmal Symptome meiner Sucht. Die muss ich erkennen und einordnen können. Dazu brauche ich aber keine große Analyse, kein Zu-Ende-Denken und auch keine Wortklauberei.

    Ob ich das nun Saufhirn, Suchtstimme, Suchtgedächtnis oder sonst wie nenne, ist für mich dieselbe Baustelle. Sobald mir Alkohol wieder als Lösung angeboten wird, weiß ich, aus welcher Ecke das kommt.

    Ich habe für mich gelernt, diesen Gedanken nicht mehr Raum zu geben als nötig. Ich muss weder mit meiner Sucht verhandeln noch jeden Gedanken bis ins letzte Detail auseinandernehmen. Und wenn daraus tatsächlich Suchtdruck wird, muss ich entsprechend handeln.

    Jeder soll ja mit seiner Sucht so umgehen, wie er es für richtig hält. Modelle und Methoden können dabei durchaus hilfreich sein. Ich persönlich mache daraus nur keine Wissenschaft.

    Was mich allerdings aufhorchen lassen würde, wäre ein wiederkehrendes Abwägen, ob sich das Saufen vielleicht doch noch lohnen könnte. Denn da geht es für mich nicht mehr nur um einen auftauchenden Saufgedanken, sondern darum, ob Alkohol vielleicht doch wieder eine Möglichkeit wäre. Und genau da fängt für mich die Verhandlung mit der Sucht an.

    Für mich gibt es da nichts mehr zu verhandeln. Ich bin Alkoholiker und deshalb trinke ich keinen Alkohol mehr.

    Entscheidend ist für mich nicht, wie ich meine Suchtgedanken nenne, sondern wie ich darauf reagiere.

    Weiter im Text.

    Heute mal ein paar Gedanken darüber, was ich unter Loslösung vom Alkohol verstehe.;)

    Alkohol gibt es weiterhin überall. Ich kann schließlich nicht die ganze Welt trockenlegen. Mir ging es von Anfang an darum, die über Jahrzehnte entstandenen Verknüpfungen zum Alkohol zu lösen. Egal ob Gewohnheiten, Situationen, Gedanken oder Gefühle. Mein Saufhirn hatte schließlich für fast alles eine passende Verbindung zum Saufen parat.

    Und genau diese Verbindungen wollte ich kappen, statt sie immer wieder neu zu füttern. Das betraf nicht nur den Suchtdruck, sondern auch die Zeit danach, als langsam Ruhe einkehrte. Natürlich hat sich durch meine Abstinenz vieles verbessert. Darüber freue ich mich auch. Nur habe ich irgendwann aufgehört, jede Veränderung wieder mit meiner früheren Sauferei zu vergleichen. Heute geht es mir besser, weil ich nicht mehr saufe. Heute schaffe ich mehr, weil ich nicht mehr saufe. Mag alles stimmen.

    Aber muss ich deshalb dem Alkohol bei jeder Verbesserung wieder einen Platz in meinem Leben einräumen? Und was ist mit den Dingen, die sich nicht verbessert haben oder sogar schlechter geworden sind? Soll ich die auch noch mit meiner Abstinenz verrechnen?

    Nööö. Diese Buchhaltung habe ich längst eingestellt.:saint:

    Am Anfang war es notwendig, sich intensiv mit meiner Sucht auseinanderzusetzen. Schließlich hatte sie über Jahrzehnte mein Leben bestimmt, und es gab einiges zu verändern. Aber im Laufe der trockenen Zeit oder gar nach fast 20 Jahren?

    Muss ich wirklich noch jede Veränderung darauf abklopfen, ob sie etwas mit Alkohol oder meiner Abstinenz zu tun hat?

    Für mich wäre das eher eine neue Form der Bindung als Loslösung. ;)

    Ich habe damals meine Konsequenz gezogen:.Aufhören oder daran zugrunde gehen. Danach ging es darum, mein Leben ohne Alkohol zu gestalten. Mit Risikominimierung, veränderten Gewohnheiten und dem Wissen, wie mein Saufhirn funktioniert.

    Manche Verknüpfungen waren schnell gelöst, andere brauchten länger. Und manche können sich auch nach Jahren wieder melden. Deshalb bleibt Risikominimierung für mich wichtig.

    Meine Sucht interessiert es herzlich wenig, ob ich gesünder bin, mehr wiege, weniger schlafe oder sportlicher geworden bin. Genauso wenig interessieren sie meine Erfolge oder Rückschläge. Ich bin Alkoholiker. Mit guten Tagen, schlechten Tagen und allem, was dazugehört. Daran wird sich auch nichts ändern.

    Das ist für mich Loslösung vom Alkohol. Nicht die Sucht vergessen, sondern ihr nicht mehr Raum geben, als nötig ist.

    Der Alkohol ist weiterhin da. Aber deshalb muss er nicht ständig gedanklich mit am Tisch sitzen. Und einen eigenen Stuhl bekommt mein Saufhirn schon gar nicht mehr. Das hat lange genug auf meinem Platz gesessen. :whistling:

    Ich würde das als Klick-Moment bezeichnen 😬 nicht mystisch aber eben ein Klick-Moment.

    Hallo Arno, vielleicht haben wir einfach unterschiedliche Vorstellungen von einem Klick-Moment. Für mich klingt das nach einer plötzlichen Erkenntnis. Nach dem Motto: Aha, jetzt habe ich es begriffen!


    Bei mir gab es nichts mehr zu begreifen und nichts mehr abzuwägen. Ich war schlicht im Überlebensmodus. Aufhören oder verrecken. Galle kotzen, Blut kotzen, Blut im Urin, körperlich komplett am Ende. Da braucht es keinen Klick-Moment mehr und auch keine große Erkenntnis.


    Das war für mich kein Klick. Das war der Punkt, an dem die Realität sämtliche Diskussionen beendet hatte.;)

    Steevie, der Drahtseilakt braucht eigentlich keine weitere Bestätigung. An deiner Situation hat sich ja nichts geändert.;)

    Ich mache es deshalb mal kurz.

    Ein saufendes Umfeld bleibt ein saufendes Umfeld. Ob zu Hause, auf Feiern, an Weihnachten oder Silvester. Und wenn eine Situation für meine Abstinenz gefährlich wird, gibt es für mich nur eines: Raus da. Dass in einem solchen Umfeld irgendwann wieder Gedanken ans Trinken auftauchen, wundert mich überhaupt nicht. Da greifen selbst Menschen ohne Alkoholabhängigkeit manchmal zum Glas, obwohl sie es ursprünglich gar nicht vorhatten.

    Und jetzt frage ich mich. Was macht eine solche Umgebung erst mit einem Alkoholiker und seinem Saufhirn? Da muss ich doch nicht noch ausprobieren, wie lange das gut geht.

    Ich weiß durchaus, wie verlockend es sein kann, einem nassen Umfeld doch noch etwas Positives abgewinnen zu wollen. Nur verschwindet das Risiko dadurch nicht. Man kann sich damit arrangieren und die Risiken in Kauf nehmen. Aber man sollte sich dann auch nichts vormachen, was man da eigentlich riskiert.

    Ich habe am Anfang selbst gemeint, vieles besser zu wissen. Nach zwölf Wochen hier im Forum hatte ich einen Rückfall, der mich an einen absoluten Tiefpunkt gebracht und beinahe mein Leben gekostet hätte. Danach kam mir der Gedanke, irgendwann wieder trinken zu können, nicht mehr.

    Und wäre dieser Gedanke heute noch da, würde ich mich selbst fragen, wie sicher meine Abstinenz tatsächlich schon ist.

    Servus Avalon,

    ich sehe das etwas entspannter. Wir verteilen hier schließlich keine Maulkörbe, aber auch keine Freifahrtscheine, wenn es um Themen geht, die nach unseren Forenregeln ausgeschlossen sind. Ganz einfach

    Wir sind wie du ja weißt ein Selbsthilfeforum mit einer klaren Ausrichtung. Dazu gehören unsere Grundbausteine Vor allem für User, die noch ganz am Anfang stehen.

    Aber wir sind eben auch ein Erfahrungsforum. Sonst könnten wir den Laden dichtmachen und stattdessen ein Merkblatt verschicken. Wäre deutlich kürzer, aber auch ziemlich langweilig. Und wo bliebe da mein Anteil? ;)

    Alkoholiker machen unterschiedliche Erfahrungen. Das gilt hier genauso wie in anderen Selbsthilfegruppen. Alle haben ihre Grundideen, und trotzdem gehen die Leute ihren Weg oft unterschiedlich. Oder glaubt jemand, dass beispielsweise bei den AA jeder die berühmten zwölf Schritte gleichermaßen mitgeht?

    Kritisch wird es für uns, wenn aus einer persönlichen Erfahrung plötzlich eine allgemeingültige Empfehlung entsteht. Dann wird nachgefragt. Dann gibt es Widerspruch. Und manchmal auch Gegenwind. Das gehört dazu.

    Wenn ich hier etwas schreibe, ist das übrigens auch nicht immer in Watte gepackt. Kennst ja. Gerade wenn es um Abstinenz, Risikominimierung oder meine eigenen Erfahrungen geht, werde ich durchaus deutlich. Das gefällt nicht jedem. Muss es auch nicht.

    Aber deshalb eine Diskussion löschen? Warum denn? Hier wurden unterschiedliche Erfahrungen geschildert, Risiken benannt und Schlussfolgerungen hinterfragt. Genau dafür ist ein Forum doch da.

    Oder anders gesagt: Erfahrungen kann jeder schildern. Aber das Denken können wir den User nicht auch noch abnehmen. Ich weiß übrigens, wovon ich rede. ;) Ich gehöre selbst zu den Alkoholikern, die am Anfang so ziemlich alles ignoriert haben, was hier geschrieben wurde. Nach zwölf Wochen im Forum erlebte ich einen massiven Rückfall, der beinahe das Ende bedeutete.

    Gerade deshalb halte ich es für wichtiger, über Risiken zu reden, als solche Diskussionen verschwinden zu lassen.

    Weiter im Text.

    Sucht und Triggerwarnungen. Wie oft lese ich das inzwischen? Mhhh ... :whistling:

    Aber gibt es bei der Sucht eigentlich den Trigger? Oder werde ich durch irgendetwas getriggert? Für mich ist das ein Unterschied. Die Sucht kennt weder Uhr noch Kalender. Nur weil mich etwas jahrelang nicht gejuckt hat, heißt das noch lange nicht, dass es morgen genauso bleibt.

    Da kann ich hundertmal in einer Gaststätte sitzen, der Wirt stellt alkoholische Getränke auf den Tisch und nichts passiert. Beim hundertersten Mal sieht die Sache vielleicht anders aus.

    Denn es ist nicht allein das Glas Alkohol, die Werbung oder irgendeine Erinnerung. Da spielen auch meine Stimmung, meine Gefühle und meine Tagesverfassung mit hinein. Und die sind nun mal nicht jeden Tag gleich. Emotionen werden dabei oft unterschätzt.

    Genau das ist für mich die Tücke an der Suchtmechanik. Nicht die Situation allein entscheidet, sondern auch, in welchem Zustand sie mich erwischt.

    Deshalb habe ich auch keine Triggerliste, die ich irgendwann abhake und für erledigt erkläre. Natürlich verliert vieles mit den Jahren seinen Reiz oder interessiert mich schlicht nicht mehr. Schön so. Aber daraus eine Garantie für morgen zu basteln, wäre mir zu gewagt.

    Was mit den Jahren zur Routine geworden ist, ist mein Umgang mit solchen Situationen. Das gibt mir Stabilität. Vieles, was mich früher beschäftigt hat, lässt mich heute kalt.

    Aber deshalb habe ich meine Sucht noch lange nicht unter Kontrolle. Ich sage doch immer. Ein Rückfall beginnt im Kopf. Und ausgerechnet dort soll ich mir sicher sein, dass ich alles im Griff habe? Ich kann mein Verhalten steuern, Risiken minimieren und Situationen immer wieder neu bewerten.

    Ich muss meine Sucht nicht austricksen. Ich muss ihr nur nicht auch noch die Tür aufhalten.

    Vorsicht? Ja. Aufpassen? Auch. Respekt vor der Sucht? Den habe ich bis heute. Aber deshalb verkrampft durchs Leben laufen? Nein danke.;)

    Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meiner Sucht umzugehen. Genau deshalb habe ich heute mehr Freiheit als zu meiner nassen Zeit. Risikominimierung bedeutet für mich nicht, mich vor dem Leben zu verstecken. Sie sorgt dafür, dass ich trocken mittendrin bleiben kann.

    Ist der Gang zum Bahnhof noch ein Risiko, wenn man nicht mal mehr darüber nachdenkt? Wenn man quasi diesen Trigger "aufgelöst" hat? Was denkt ihr?

    Ob der Bahnhof für dich noch ein Risiko ist? Das musst du selbst beurteilen.

    Nach all den trockenen Jahren wirken manche Risiken auf mich längst nicht mehr so wie am Anfang. Trotzdem mache ich mir nichts vor. Ein alter Spruch, der mich immer begleitet hat. Ich kann nicht jedes Risiko vermeiden. Aber ich muss auch nicht bewusst darauf zulaufen.

    Und wenn ich unerwartet in eine kritische Situation geraten bin, hat mir immer eines geholfen. Raus da, so schnell wie möglich. Nicht lange diskutieren und auf keinen Fall ausprobieren, wie viel ich aushalte.

    Weiter im Text.

    Angelehnt an einige andere Threads und die unterschiedlichen Denkweisen darüber, warum jemand trocken geworden und geblieben ist. Hier mal wieder meine immer wiederkehrende und offenbar nicht auszurottende Sichtweise dazu. :whistling::mrgreen:

    Bei mir hat damals kein besonderer Schalter umgelegt und ich hatte auch keinen mystischen Klick-Moment. Ich war schlicht an einem Punkt angekommen, an dem klar war. Entweder ich höre auf zu saufen oder ich gehe daran zugrunde.

    Es war eine Notwendigkeit, wie ich hier schon öfter beschrieben habe. Und ob das nun eine Entscheidung war oder nicht, ist mir sowas von egal. Für mich ist es nicht notwendig, das heute noch einmal anders zu betrachten oder irgendwelche Erklärungen dafür zu suchen. So einfach und gleichzeitig so beschissen war das.

    Und daran hat sich in meinen inzwischen 19 trockenen Jahren eigentlich nichts geändert. Ich habe später auch nicht versucht, mir zu erklären, warum der Saufdruck weniger wurde oder warum mir das Trockenbleiben heute vielleicht leichter fällt als anderen.

    Wenn andere dafür Erklärungen finden, ist das völlig in Ordnung. Vielleicht hilft es ihnen sogar. Mir persönlich liegt diese Denkweise nicht besonders. Es bleibt eine chronische Krankheit. Und wenn ich das so betrachte, habe ich sogar noch den „Vorteil“, zwei weitere chronische Krankheiten zu besitzen. Ich habe wohl früher bei der Verteilung immer besonders laut „Hier!“ gerufen. 😁

    Da reicht es auch nicht, gedanklich einen Schalter umzulegen. Die werden mal ruhiger, mal stärker und können sich jederzeit wieder bemerkbar machen.

    Warum sollte ich also ausgerechnet bei meiner Alkoholabhängigkeit davon ausgehen, dass ein Schalter im Kopf die Krankheit grundsätzlich verändert hat? Bei meinen anderen chronischen Krankheiten käme ich jedenfalls nicht auf die Idee, mir große Erklärungsmodelle zusammenzubauen. Die Krankheiten interessiert schließlich herzlich wenig, welche Theorie ich gerade über sie habe.

    Bei der Alkoholabhängigkeit habe ich immerhin die Möglichkeit, sie durch konsequente Abstinenz zum Stillstand zu bringen. Das ist doch schon eine ganze Menge. Warum sollte ich mir dann noch zusätzliche Konstrukte bauen?

    Manche erklären sich ihre Risikobereitschaft damit, dass sie ja nur Bier und keine harten Sachen getrunken haben. Andere damit, dass sie nur zu Hause oder zu bestimmten Zeiten gesoffen haben. Interessiert das die Sucht? Hat die etwa feste Saufzeiten oder besondere Getränkekategorien in ihrem Terminkalender stehen?

    Und bei der Trockenheit geht es dann manchmal ähnlich weiter. Da gab es plötzlich eine Erleuchtung, ein Schalter im Kopf wurde umgelegt oder man hat eine besondere innere Einstellung gefunden. Das eine soll das frühere Saufen erklären, das andere die heutige Abstinenz. Von mir aus. Wer darin etwas Hilfreiches für sich findet, soll das gerne tun. Mir gibt das nichts.

    Denn an der Tatsache, dass ich Alkoholiker bin, ändern solche Erklärungen nichts. Ich möchte meiner Sucht gar nicht mehr Raum geben, als sie ohnehin schon lange genug hatte. Das heißt nicht, dass mein Weg für jeden der richtige sein muss.

    Ich kann andere Wege anschauen und teilweise auch nachvollziehen. Wenn bei dem einen etwas im Kopf seine Nüchternheit erklärt, beim anderen eine Erkenntnis gereift ist und beim nächsten etwas ganz anderes geholfen hat, dann ist das eben so.

    Wenn ich jemandem zu seiner langjährigen Abstinenz gratuliere, dann doch nicht wegen seines Weges, sondern weil er einen Weg gefunden hat, der für ihn funktioniert. Irgendetwas müssen die anderen Langzeittrockenen schließlich auch richtig gemacht haben . Sonst wären sie nicht langzeittrocken. Nicht wahr?

    Ich bin halt Pragmatiker und kein Philosoph. Und ja, ich bin hier manchmal eher der Holzhammer unter den Austauschenden. Das dürfte inzwischen auch der Letzte mitbekommen haben. Von mir aus kann jemand auf dem Oktoberfest sitzen, alkoholfreies Bier trinken und ein besonderes Gedankenmodell im Kopf haben, von dem er überzeugt ist, dass es ihm Sicherheit gibt. Wenn das für ihn bis heute funktioniert hat, bitte.

    Es ist nur nicht mein Weg. Mir reichen die Grundbausteine und meine Risikominimierung. Das Forum ist schließlich darauf aufgebaut. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Sucht gar nicht für so kompliziert halte, wie sie manchmal gemacht wird?

    Kompliziert wird es oft erst, wenn man anfängt, sich Erklärungen zusammenzubauen, warum und weshalb ausgerechnet man selbst Alkoholiker geworden ist. Da wird dann manchmal relativiert, abgeschwächt oder schöngeredet. Und ehe man sich versieht, steht mehr die Frage im Mittelpunkt, warum es einen getroffen hat, als die Frage, wie man mit seiner Sucht umgeht.

    Nur interessiert das die Sucht herzlich wenig. Die fragt nicht nach der persönlichen Lebensgeschichte, bevor sie zuschlägt

    Ich muss meine Sucht nicht bis ins letzte Detail verstehen, um keinen Alkohol zu trinken. Und schon gar nicht muss ich meinen Weg rechtfertigen, nur weil ich manches anders sehe oder handhabe. Genauso wenig muss ich anderen hineininterpretieren, dass das, was sie machen, grundsätzlich falsch ist.

    Aber ich werde immer wieder den Finger in die Wunde legen, wenn es um mögliche Risiken geht. Denn die Sucht kann solche Risiken nun mal ausnutzen. Risiken bleiben Risiken. Egal, wo der Schalter im Kopf gerade steht.

    Unser Forum ist nun mal auch auf den Grundbausteinen und der Risikominimierung aufgebaut. Gerade für Neue sind sie eine wichtige Orientierung, aber keine lebenslange Gebrauchsanweisung.

    Natürlich kann hier jeder seine Erfahrungen schildern, auch wenn er einen anderen Weg geht. Das war doch nie die Frage.

    Aber er muss eben auch damit leben können, dass mögliche Risiken immer wieder angesprochen werden. Wir werfen doch nicht unsere Grundbausteine über Bord, nur weil jemand seit Jahren mit einem anderen Weg gut fährt. Anders als in mancher Therapie im Stuhlkreis wird hier eben nicht nur zugehört und freundlich genickt, sondern auch hinterfragt und diskutiert.

    Und manchmal gibt’s Gegenwind. Genau das macht für mich den Austausch aus. ;)

    Vielleicht nervt der „Hartmut“ ja manchmal mit seiner Risikominimierung. Kann ich sogar verstehen. :mrgreen: Ich kenne den Typ ganz gut. ;) Aber mir ist lieber, ich nerve einmal zu viel, als dass wir mögliche Gefahren aus lauter Rücksicht unkommentiert stehen lassen.

    Denn der Sucht ist es völlig egal, welchen Weg einer gegangen ist, wie überzeugt er davon war und wie lange er trocken geblieben ist. Ein Rückfall macht da keine Unterschiede. Auch nicht bei denen, die auf Risikominimierung setzen.

    Und wenn jemand deshalb seine Erfahrungen nicht mehr schildern möchte, ist das seine Entscheidung. Nicht die des Forums.

    Aber wie gesagt, ich versuchte nur zu schildern, wie ich das mit dem Klick meine.

    Das habe ich auch verstanden. Und wenn das dein Weg ist und für dich funktioniert, ist doch alles gut.

    . Aber du bist da schon ein paar jahre voraus zu den "frischlingen" und jemand der neu ist könnte das in den falschen hals bekommen.darum gehts

    Das sehe ich etwas zweigeteilt. Natürlich kann ein Neuer denken: „Oh, so einfach geht das? Dann mache ich das auch

    Wenn sich jemand aus zwanzig unterschiedlichen Erfahrungen ausgerechnet die eine heraussucht, die ihm am besten in den Kram passt, darf man schon fragen, ob er sich mit seiner Sucht und deren Mechanismen wirklich ausreichend auseinandergesetzt hat.

    Ich kann auf Gefahren hinweisen, aber das Denken kann ich niemandem abnehmen.

    Mir ist lieber, wir sprechen auch unbequeme Erfahrungen offen an, als dass wir aus Rücksicht darauf schweigen, weil jemand etwas in den falschen Hals bekommen könnte.

    Natürlich gibt es auch unter den langjährig Trockenen einige, die andere Wege gehen. Und warum sollten sie ihre Erfahrungen nicht schildern dürfen? Nur eines sollte dabei klar bleiben. Ihr Weg hat bis heute funktioniert. Ob er morgen unter anderen Umständen noch genauso funktioniert, weiß keiner von uns.

    Deshalb sind persönliche Erfahrungen wertvoll, aber eben keine Garantie und schon gar keine allgemeingültige Anleitung für andere Alkoholiker.

    Und soweit ich das zumindest bei mir beurteilen kann, bekommt ein "Neuer" hier auch unsere Grundbausteine um die Ohren gehauen.;) Zumindest die Basic im ersten Jahr.

    Und die beruhen nun mal auf Risikominimierung und den Erfahrungen vieler langjährig trockener Alkoholiker. Sie wurden nicht von denen entwickelt, die irgendwann später dazukamen und einen anderen Weg eingeschlagen haben.

    Dass es auch andere Wege gibt, bestreite ich überhaupt nicht. Nur sollte man nicht vergessen, auf welchen Erfahrungen unsere Grundbausteine beruhen und warum es sie überhaupt gibt.

    Es ist nicht immer der Alkohol selbst, der einen wieder zum Saufen bringt. Oft sind es die vielen Verknüpfungen, die man sich in der nassen Zeit aufgebaut hat.

    Alkoholfreies Bier, alkoholfreies Tiramisu oder Schwarzwälder Kirschtorte. Irgendwann taucht vielleicht der Gedanke auf: „Da fehlt doch was!“ Bei mir ist es beispielsweise Bitter Lemon.

    In einem anderen Thread habe ich geschrieben, dass ich gegen Ende meiner nassen Zeit morgens Blut und Galle gekotzt habe. Habe ich deshalb aufgehört? Nö. Da musste eben ein Konterbier her oder irgendein anderer Blödsinn.

    Wer das unbedingt an sich ausprobieren möchte, kann das natürlich tun. Ich brauche solche Feldversuche nicht mehr. Ich muss auch nicht herausfinden, wo meine persönliche Absturzkante heute genau verläuft. Es reicht zu wissen, dass sie da ist.

    Angenommen, Alkohol würde nicht süchtig machen, die Wirkungsweise würde auch "nur bis zu einem bestimmten Grad, aber nicht drüber" gehen, und es wäre auch kein krank machendes Nervengift. (oder noch weitere üblen Eigenschaften, die mir grad nicht einfallen): Würde man da wieder trinken?

    warum soll ich etwas annehmen, was es in Wirklichkeit gar nicht gibt? Alkohol hat nun mal seine Wirkung, und die Sucht hat ihre eigenen Mechanismen. Die kann ich doch nicht einfach ausklammern und aus meiner Antwort darauf ableiten, wie entschieden ich mich gegen Alkohol entschieden habe.

    Aber du hast recht, du willst dir mit der Brücke nichts beweisen, sondern einfach auf die andere Seite. Das habe ich dir auch nicht unterstellen wollen. Mir geht es dabei schlicht um Risikominimierung und mögliche Folgen. Wer eine Gefahr bewusst meidet, hält sie sich deshalb doch nicht als Option offen.

    Solche Gedankenspiele brauche ich für meine Sucht nicht. So viel Aufmerksamkeit bekommt sie von mir gar nicht mehr. Meine Alkoholabhängigkeit ist nicht heilbar, also richte ich mein Leben so ein, dass sie möglichst nicht wieder aktiv wird.

    Ich habe übrigens gegen Ende meiner nassen Zeit fast jede Woche morgens Blut und Galle gekotzt und trotzdem weitergesoffen. Eine persönliche Abneigung gegen Alkohol ist bei mir also durchaus vorhanden. Nur ist auch die kein Garant dafür, dass die Sucht nicht irgendwann wieder zuschlägt.

    Für mich zählt, wie ich mit meiner Sucht in der Realität umgehe, und damit können wir doch beide gut leben. Auch wenn ich das Thema Risikominimierung hier ziemlich auseinandernehme, laufe ich trotzdem ganz entspannt durchs Leben.

    Ich vergesse nur nicht die Suchtmechanismen, denn die bleiben mir ein Leben lang erhalten.

    Was morgen ist, weiß ich morgen. Heute reicht mir, dass ich trocken bleibe.

    Hallo Avalon,

    Deine Beschreibung erinnert mich allerdings stark an die Allen-Carr-Idee „Nie wieder Alkohol“. Die habe ich selbst ausprobiert. Anschließend war ich ebenfalls überzeugt, dass Alkohol für mich keine Rolle mehr spielt. Nur folgte darauf ein Rückfall, der mich beinahe das Leben gekostet hätte.

    Deshalb werde ich bei solchen Aussagen etwas hellhörig. Nicht weil ich dir deine Erfahrung abspreche, sondern weil ich selbst erlebt habe, wie trügerisch diese Sicherheit sein kann.

    Du schreibst ja selbst, dass du nicht genau erklären kannst, was deinen Klick ausgelöst hat. Ob dein Schlaganfall dabei eine Rolle gespielt hat, ist eine Möglichkeit, die du selbst in Betracht ziehst. Wissen tun wir es nicht. Und gerade deshalb wäre ich vorsichtig damit, den Klick anderer Alkoholiker danach zu beurteilen, wie du deinen eigenen erlebt hast.

    Auch bei deinem Brückenvergleich gehe ich nicht mit.

    Nur weil ich eine Brücke meide, bedeutet das doch nicht, dass ich insgeheim darüber nachdenke, herunterzuspringen. Vielleicht kenne ich einfach die Gefahr und habe beschlossen, sie nicht einzugehen? Und warum sollte ich überhaupt über diese Brücke laufen müssen, nur um mir zu beweisen, dass ich nicht runterspringe?

    Was wäre denn damit bewiesen? Und was, wenn ich doch springe? Für mich wäre das eine unnötige Konfrontation mit meiner Sucht, bei der ich im schlimmsten Fall einen Rückfall in Kauf nehme. Wozu?

    Risikominimierung ist für mich keine fehlende Entscheidung, sondern eine Konsequenz aus meiner Entscheidung.

    Du gehst davon aus, dass sich eine steigende Gefährdung rechtzeitig ankündigt und du dann gegensteuern kannst. Das kann funktionieren. Darauf verlassen würde ich mich allerdings nicht. Was morgen unter anderen Lebensumständen funktioniert, wissen weder du noch ich.

    In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg auf deinem Weg. ;)

    Hallo Avalon,

    erst einmal freut es mich für dich, dass du dein Leben verändert hast, seit fast sieben Jahren trocken bist und dich damit wohlfühlst. Wenn deine Einstellung für dich funktioniert, ist doch alles bestens.:thumbup:

    Bei einigen Aussagen sehe ich es allerdings anders.

    Du schreibst, dass es bei dir im Gegensatz zu vielen anderen hier ordentlich „Klick“ gemacht hat. Woran misst du eigentlich, ob es bei jemandem ordentlich Klick gemacht hat? Und wie kommst du zu dem Schluss, dass andere noch gefährdet sind, weil sie sich im Grunde nicht wirklich entschieden haben?

    Kannst du tatsächlich beurteilen, was bei anderen Alkoholikern im Kopf vorgeht?

    Den Willen, nicht mehr zu saufen, hatte ich schon in meiner nassen Zeit. Sogar ziemlich oft. Nur hat mich dieser Wille damals nicht davon abgehalten, trotzdem weiterzusaufen. Mein Wille hat sich nicht verändert, die Sucht hat den Willen verändert.

    Natürlich hat es auch bei mir irgendwann Klick gemacht. Aber ein Klick macht keinen Alkoholiker trocken. Er bedeutet zunächst einmal nur, dass ich etwas erkannt oder begriffen habe. Entscheidend ist, welche Konsequenzen ich daraus ziehe und ob ich sie auch umsetze.

    Wäre es anders, müssten wir nur auf den berühmten Klick warten und wären anschließend alle Probleme los. Schön wär's. 😉

    Natürlich gibt es Denkweisen und Verhaltensmuster, mit denen sich Alkoholiker selbst in ihrer Sucht festhalten. Die erkenne ich hier im Forum durchaus auch. Aber daraus kann ich nicht ableiten, wie ernsthaft jemand seine Entscheidung getroffen hat.

    Ich gehöre übrigens auch zu denen, die nur in der Anfangszeit Saufdruck hatten. Trotzdem würde ich niemals behaupten, dass es bei mir mehr Klick gemacht hat als bei jemandem, der auch nach Jahren noch damit zu kämpfen hat oder rückfällig wird.

    Du schreibst, du würdest nie wieder zur Flasche greifen. Ich wünsche dir, dass das so bleibt. Ich selbst würde das nach 19 trockenen Jahren nicht so sicher behaupten. Nicht weil ich an meiner Entscheidung zweifle, sondern weil ich weiß, dass ich Alkoholiker bin.;)

    Strategien können unterschiedlich sein. Und wenn du deinen Weg gefunden hast, ist doch alles gut. Ich sehe darin auch keine Überheblichkeit.

    Nur haben wir hier im Forum auch schon erlebt, dass langjährig trockene Alkoholiker rückfällig wurden, obwohl sie überzeugt waren, ihren Weg gefunden zu haben.

    Für mich bedeutet „Heute nicht trinken“ deshalb mehr, als nur an diesem Tag keinen Alkohol anzurühren. Es bedeutet auch, meine Situation immer wieder neu zu beurteilen. Denn niemand weiß, welche Lebensumstände morgen auf ihn zukommen und ob seine bisherige Strategie dann noch ausreicht.

    Was gestern funktioniert hat, kann mich heute unter anderen Umständen schon wieder an die Theke bringen. Denn "unsere" Sucht und ihre Mechanismen interessieren sich herzlich wenig dafür, wie sicher wir uns gerade fühlen.

    Dir alles Gute weiterhin.