• „Tu etwas für Dich!“
    Das war der Satz, den ich zu der Zeit, als ich mich hilflos der Alkoholabhängigkeit meines Ex gegenüber fühlte, oft zu hören bekam. Und es macht mich wütend, dieses „tu etwas für Dich“, denn ich war der Meinung, dass ich das schon täte. Ich wusste nicht, was ich denn noch tun sollte.

    Zwischendurch waren immer schon einmal die Gedanken gekommen, dass meine Woche (wir hatten zuerst eine Wochenendbeziehung) nur daraus bestand, zu arbeiten, morgens und abends mit ihm zu telefonieren und mich von einem Wochenende zum anderen zu hangeln. Ich habe es ganz einfach verdrängt und mir selbst gegenüber immer wieder Erklärungen dafür gefunden, dass ich nichts anderes unternahm. Beim Telefonieren waren meine Ohren wie die feinsten Seismographen, die auf jede Schwingung in der Stimme anschlugen, die vielleicht nach Trinken klingen konnte.

    Irgendwann zogen wir dann zusammen und wieder hatte ich nichts Anderes im Sinn, als mich um ihn zu kümmern. Unternehmungen fanden nur gemeinsam statt. Erst als ich mich gefühlsmäßig auf eine Trennung einstellte, mir in Gedanken Ultimaten setzte, begann ich mehr, mich mit mir selbst auseinander zu setzen. Und ich habe angefangen, mich nach anderen Menschen umzuschauen, hab mich verabredet, mir Menschen gesucht, mit denen ich etwas unternehmen konnte.

    Seither habe ich auch viel gelesen, eine psychosomatische Reha absolviert, an meinem Selbstwertgefühl gearbeitet, mich mit meiner Persönlichkeitsentwicklung befasst und immer wieder das Loslassen geübt. Ich lese täglich einen kleinen Absatz dazu, auch heute morgen. Es ist ein täglicher Balanceakt, zu entscheiden, ob ich etwas sehen will oder ob es tatsächlich so ist. Und ich muss mich immer wieder an die Kandare nehmen und überprüfen, ob ich etwa wieder Dinge nicht wissen will, die ich schon weiß, aber einfach verdränge.

    Es reichte nicht, sich nur ein mal schönes Bad zu gönnen oder sich etwas anderes Gutes zu tun, habe ich für mich festgestellt. „Tu etwas für Dich“ hat für mich bedeutet, dass ich mich ebenfalls therapeutisch unterstützen lassen musste, um meinen Weg zu finden und gehen zu können, egal, ob ich von meinem Ex getrennt bin oder nicht. Egal, ob da eine Beziehung ist oder nicht. Es dauerte lange, bis ich soweit war, mit MEINEM Leben halbwegs im Reinen zu sein. Und ich hätte mir immer gewünscht, dass derjenige, der zu mir sagte: „Tu etwas für Dich“, mir auch einen Tipp gegeben hätte, wie dies denn aussehen kann. Damals fühlte ich mich mit diesem Satz quasi „abgefertigt“, anstatt daraus eine Hilfestellung sehen zu können.

    Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gefunden habe, was ich für mich tun musste, damit es mir besser geht. Aber dann war es meine Entscheidung und meine eigene Verantwortung. Vielleicht war das ja der Grund, warum ich keinen Tipp bekommen hatte, was zu tun sei. Ich musste die Verantwortung für MEIN Leben übernehmen, statt immer nur das zu leben, von dem ich dachte, dass es dem Anderen gut tut.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Hallo Ette

    Vielleicht wäre das auch eine gute Möglichkeit für mich.
    Ich war während der Therapie meines Mannes etwas eingebunden (Paarseminar) und habe gemerkt wie viel bei mir verschüttet ist und das es durchaus guttut drüber zu sprechen, wenn man seine Gedanken überhaupt sortiert kriegt.

    An wen muss man sich den da wenden?

    LG

    vergissmeinnicht

  • Hallo Vergissmeinnicht,

    jede Hilfe annehmen, die es auf diesem Gebiet nur gibt, war für mich in der schlimmsten Zeit meine Devise. Ich habe die kostenlosen Gespräche für Angehörige bei der Drogenberatung in Anspruch genommen und danach noch eine Weile weitergemacht, dies wurde mir dann allerdings zu teuer, weil ich die Gespräche selber bezahlen musste. Über die Volkshochschule habe ich verschiedene Kurse gemacht, in denen es um Abgrenzung, Kommunikation, Persönlichkeitsentwicklung ging. Dies sind gute erste Schritte gewesen. Ich glaube, wenn wir mit offenen Augen Bildungsangebote lesen, finden sich viele hilfreiche Seminare.

    Jedoch hatte ich nach wie vor Probleme, die sich bis zu einer Depression mit Suizidgedanken steigerten. Als ich meinem Hausarzt davon erzählte, meinte der, es wäre nun doch Zeit für eine Reha. Es ging dann sehr schnell, dass ich diese antreten konnte. Gruppentherapie, Einzelgespräche und viel Zeit, mich nur mit mir auseinander zu setzen. Das waren dann die hilfreichsten 6 Wochen meines Lebens.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Ette, du sprichst mir mit deinem 1. Beitrag aus der Seele.

    Hab mir schon oft überlegt ob es ein Überbleibsel aus meiner Co-Zeit ist oder ob bei mir das Loslassen schon immer schlecht klappt.

    Depressionen bis zu Selbstmordgedanken hatte ich auch. Auch bei meinem Nicht-Alki Mann.

    Du schreibst so schön - dass du das "Loslassen" übst. Darf ich fragen, wie du das machst? Könnte in der Richtung schon noch Hilfe gebrauchen.

  • Hallo Liesele,

    das Loslassen – ein ständiger Prozess, so nehme ich es für mich jedenfalls wahr. Ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass ich nicht alles bewegen und verändern kann. Es gibt Dinge, die muss ich akzeptieren, wie sie sind, ohne sie auf mich persönlich zu beziehen. Ich habe in der Regel ein Buch, in dem ich jeden Morgen eine kleine „Epistel“ lese, was mir sehr hilft, weil es oftmals genau die Dinge betrifft, die mich belasten.

    „Mut zur Veränderung“ von Al Annon ist ein solches oder „Kraft zum Loslassen“ von Melody Beattie. Aber wie gesagt, ich muss es mir noch immer ständig bewusst machen, dass nicht alles von mir beeinflusst werden kann, auch wenn ich es gern möchte.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Vielen Dank,

    ich übe überwiegend im Alltag - das ist gar nicht so einfach :wink: und finde dann Bücher, die mich bestätigen. Werd bestimmt was finden - gute Tipps.

    Ette, da hast recht - ich beziehe viel auf mich, das mich eigentlich gar nichts angeht und komm dann immer in´s schleudern. Wird aber immer besser :) .

    Vor allem höre ich meinem Gegenüber immer sehr genau zu und werte das dann aus :roll: - anstatt es einfach so anzunehmen.

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