Guten Morgen Aruula,
das mit Deiner Mutter tut mir sehr leid.
Was Du zu dem Thema Hoffnung schreibst, ist tatsächlich so: Ein zweischneidiges Schwert. Es ist wichtig, was zu im vorletzten Absatz schreibst, nämlich, dass man mit einkalkulieren sollte, enttäuscht zu werden bzw. die Hoffnung gar nicht so weit voranschreiten lassen, dass es überhaupt möglich ist, enttäuscht zu werden. In dem Fall ist es vielleicht sogar besser, sich mit der Situation abzufinden und die Hoffnung zurückzuschrauben und sich lieber - wenn es denn doch soweit sein sollte - positiv überraschen zu lassen.
Ich kann Dir als Schwester, die Jahre lang getrunken hat und eine Schwester hatte, die eben nicht abhängig war und ist nur sagen, dass ich meine Schwester sehr lieb hatte, aber auch wir haben uns voneinander entfernt, als ich getrunken habe. Sie hat zunächst versucht, mir zu helfen, hat Gespräche mit mir geführt, ich war einsichtig, wollte etwas ändern, konnte das aber nicht, weil ich eben abhängig war. Sie selbst war dann wohl mal bei einem Beratungsgespräch in dem man ihr sagte, sie könne absolut nichts tun für mich. Und daher zog sie sich etwas zurück. Wir hatten Kontakt, aber der war oberflächlicher, als er vorher war. Ich merkte das und konnte ahnen, warum. Ich selbst konnte mich ja auch nicht mehr öffnen, weil ich ja versucht hatte, alles zu verharmlosen.
Erst als ich aufhörte zu trinken, war sie wieder komplett da für mich und konnte mir dann auch eine HIlfe sein, das ist sie heute nach über 6 Jahren noch. Wir haben ein besseres Verhältnis als je zuvor, wie sie neulich treffend sagte: Zwischen uns passt kein Blatt Papier.
Nun möchte ich Dir mit meinem Bericht natürlich nicht unnötige Hoffnung machen, wo wir wieder beim Thema sind, denn es gibt eben viele, die nicht den Absprung schaffen, keinen Tiefpunkt erreichen und eben nicht aufhören zu saufen. Wenn das so sein sollte bei Deiner Schwester, dann liegt das nicht in Deiner Verantwortung oder in Deiner Macht.
Denn eines kann ich Dir sagen, ich hatte auch zu Saufzeiten meine Schwester unendlich lieb, genau wie meine Eltern bzw. mein Vater, denn meine Mutter starb, als ich noch trank und bekam die schwerste Zeit mit mir nicht mehr mit.
Meine Schwester, mein Vater, meine beste Freundin, Vater meiner Kinder: Keiner konnte mir helfen. Weder auf die einfühlsame Art, noch auf die Art, in der man mir volle Breitseite die Meinung geigte.
Erst als ich an dem Punkt war, wo nur noch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung fehlte, da erst konnte mich eine letzte Ansage erreichen (aber wie gesagt auch nur, weil ich innerlich soweit war, es brauchte nur noch einen kleinen Anschubser).
Wie gesagt erreichen diesen Punkt aber nicht alle Alkoholiker, insofern würde ich an Deiner Stelle versuchen, die Hoffnung so klein wie möglich zu halten.
Du wirst erkennen, wenn sie soweit ist und wirklich aufhört. Dann kannst Du wieder für sie da sein. Bis dahin ist alles einzig und allein in den Händen Deiner Schwester.
LG Cadda