Guten Morgen.
Also bei der Suchtberatung/ambulanten Therapie, wo ich war, wollte meines Erachtens eher vermittelt werden, dass die Schuldgedanken einen eben nicht weiterbringen. Dass es zwar richtig ist, dass die Verantwortung/Schuld beim Süchtigen lag, aber das es jetzt keinen weiter hilft, vor schlechtem Gewissen wegen der Schuld, die man (in dem Fall ich) hatte, traurig zu sein und ständig daran zu denken.
Es wurde mir damals schon bestätigt, dass es natürlich in dem Sinne meine Schuld war, was alles passiert ist, dass Alkoholismus aber eben eine Krankheit ist, die sich eben dadurch kennzeichnet, dass man sich selbst nicht zeitig genug stoppen kann und trinken "muss".
Wir wurden dort nicht mit Samthandschuhen angefasst. Es wurde klar gesagt, dass wir eben Verantwortung übernehmen müssen, für das, was durch unsere Krankheit entstanden ist (Vertrauensmissbräuche usw.). Dass wir dazu stehen sollten, was wir getan haben, um Verzeihung bitte können, wenn wir möchten und den Fokus darauf setzen sollen, es eben zukünftig besser zu machen.
Wenn ich persönlich mit meinen Söhnen darüber spreche, was früher alles so war, dann habe ich schon das Gefühl, dass es meine Schuld war, dass sie leiden mussten. Wer denn auch sonst???
Dass diese Schuld aber eben entstanden ist, weil ich eine Krankheit hatte/habe, macht die Sache für mich zwar nicht besser (und für meine Söhne sicherlich auch nicht), aber eben erklärbar.
Das ist meine Sicht als trockene Alkoholikerin.
Das Thema Schuld ist ja auch im Co-Abhängigenbereich natürlich vorhanden. Da sehe ich es aber ähnlich, wie oben beschrieben. Co-Abhängige sind eben Menschen, die nicht in der Lage sind, nach ihrem Verstand zu handeln. Sie sind emotional abhängig (das geht auch, ohne dass der Partner alkoholabhängig ist). Das Problem dabei ist eben, dass sie es nicht schaffen, sich zu lösen. Sie hoffen, dass es besser wird. So ging es mir auch.
Auf der Strecke dabei bleiben die Kinder.
Auch hier bin ich der Meinung, dass das Drama zwar erklärbar ist, weil es eben krankhaft ist, dennoch kann es nicht schön geredet werden, dass die Schuld definitiv beim Co-Abhängigen liegt, dass Kinder leiden mussten. Wer denn auch sonst????
(Mal abgesehen vom Alkoholiker, aber da ist ja ebenfalls der Verstand ausgesetzt, wie oben beschrieben).
Jemandem das im Nachhinein vorzuwerfen "Du hast Schuld, dass das Leid sich so lang zog" ist insofern ja richtig. Dennoch bin ich der Meinung, dass es niemanden voranbringt, das ständig hinterherzutragen. Wenn die Situation hinter einem liegt, man bereits auf einem guten Weg ist, finde ich nach vorne schauen wichtiger.
Wenn sich jemand aber noch in der Situation - handlungsunfähig - befindet, finde ich es richtig, vor Augen zu führen, wer gerade die Schuld hat, dass es für die Kinder schlimm ist. Denn wie sollen sie sich denn sonst aus der Situation befreien, wenn sie in Watte gepackt werden und sie eben nicht den nötigen Druck spüren, um an den Tiefpunkt zu gelangen? Betroffene sind doch nicht hier, um NICHTS zu verändern, sondern sie sind hier, um etwas zu verändern und das funktioniert nur, indem die Wahrheit klar und deutlich gesagt wird, wie sie ist. Meine Meinung....
Ein verwandtes Thema ist der Vorwurf "Egoismus".
Das sehe ich etwas anders. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Alkoholiker und ein Co-Abhängiger nicht so handelt, wie er eben handelt, weil er egoistisch ist. Nein. Er handelte so, weil er krank ist.
Für mich ist es so: Solange der Alkoholiker oder Co-Abhängige sich seiner Schuld bewusst ist (ja, das drücke ich absichtlich so aus) und weiß, dass es im Grunde genommen nicht richtig ist, wie es gelaufen ist und es ihm im Nachhinein, wenn sich der Zustand verbessert hat leid tut, dann sind die Weichen gestellt für eine bessere Zukunft. Denn dann bin ich als Betroffene, z. B. co-Abhängige Mutter darum bemüht, es nicht mehr wieder soweit kommen zu lassen und an mir zu arbeiten.
Wenn es aber im Nachhinein, wenn der Zustand gezwungenermaßen geendet hat, heißt: "Ja, ich hab das so und so gemacht, weil ich das und das gern wollte und das ist dann nun mal eben so", es also im Nachhinein offenbar als Tatsache sieht, die man auch zukünftig nicht anders machen würde, dann finde ich es schon egoistisch.
Es kommt also immer auf die Haltung und Einstellung an.
LG Cadda