Beiträge von Hanseat

    Hallo Sutera,

    es ist nie zu spät und natürlich immer möglich, sich für ein abstinentes Leben zu entscheiden. Vermutlich sind 20 Jahre gar keine so ungewöhnliche Zeitspanne. Wahrscheinlich helft Ihr dem Mann am besten, wenn Ihr ihn jetzt nicht wieder bei Euch unterkriechen laßt. Die Entgiftung ist jetzt der Ort, an dem er sein sollte. Da er ja Einsicht gezeigt hat und sogar schon in der Klinik war, würde ich persönlich ihm wohl noch ein letztes Mal helfen, daß er da sofort wieder hinkann, aber das mußt Du entscheiden.

    Grüße,

    H.

    Danke für den Bericht, Petter, ich konnte gut mit Dir mitfühlen. Ich weiß, welches Lied Du meinst, das ist ein echter Tränendrücker, dem man sich herrlich hingeben kann, um sich im Leid zu baden. Daß Du selbst angesichts der Apokalypse nichts trinken wirst, das glaube ich Dir aufs Wort, aber die Sache nimmt Dich ja doch mit, jeden Tag. Wie ist denn Deine persönliche Situation? Hast Du es trocken und wohnlich? Würde es Dir helfen, das Trauma zu überwinden, wenn Du mit anpackst? Oder wäre vielleicht sogar ein Wohnungswechsel eine gute Idee?

    Danke euch.

    Seeblick ich könnte momentan niemanden bitten mir hier beim aufräumen oder putzen zu helfen, es ist echt ekelhaft schmutzig, überall Dreck, schmutzige Wäsche und vieles mehr, dafür schäme ich mich zu viel. Ich dachte mir ich mach jetzt das gröbste und wenn ich mir denke jetzt gehts, hol ich mir eine Reinigungsfirma, wird zwar teuer aber ich räume jetzt nicht nur bei mir auf...

    Btw. Ich hab mir einen Termin für eine Psychotherapie ausgemacht, die Warteliste ist lang, aber das krieg ich hin.

    Die Idee mit der Reinigungsfirma finde ich gut, wenn Du Dir das leisten kannst ... ;) Hast Du die Nacht also gut überstanden?

    Anonsten bin ich leider auch Profi, was das Putzen nach Sauf-Sessions angeht ... Spaß macht das nicht, aber hinterher hat man wenigstens das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, daß es wieder nach vorne geht. Außerdem ist man abgelenkt beim Putzen und kommt mal wieder klar in der Birne. Ich weiß ja nicht, wie es bei Dir aussieht, aber kipp undedingt alles, was noch möglicherweise an Alk da ist, sofort ins Waschbecken.

    Das Reduzieren wird erfahrungsgemäß nichts werden.

    Das kann man nur nochmal so unterstreichen. So reden Menschen, die sich nicht eingestehen, daß sie mit Alkohol nicht umgehen können, die einfach weitersaufen wollen. Und wer im Vollrausch auf seine Frau einprügelt, hat ein massives Alkoholproblem und hoffentlich auch entsprechenden Ärger mit der Justiz. Nein, mit dem "Reduzieren" wird das nichts werden.

    Bei schlaflosen Nächten haben mir manchmal Hörspiele auf Youtube geholfen, Sherlock Holmes oder sowas. Oder irgendeine Serie im Fernsehen laufen lassen, ist egal was, kann zur Not auch die "Schwarzwaldklinik" sein. Akzeptiere einfach, daß Du nicht gut schlafen kannst, versuche trotzdem, etwas zur Ruhe zu kommen, und mach Dich nicht verrückt. Viel Erfolg und gute Nacht!

    Ich glaube in einem Podcast gehört zu haben, dass sich das "Mikromomente" nennt. Es ist wichtig, sich auch über die kleinen Dinge zu freuen.

    Das kann ich im Moment tatsächlich sehr gut. Ich freue mich über die warme Dusche morgens, zwei Spiegeleier auf Toast sind das pure Glück für mich. Das ist vielleicht ein Segen, wenn man aus einem so tiefen Tal kommt: Das, was für andere Leute selbstverständlich ist, ist für mich ein kleines Wunder.

    "und fürchte mich vor der Nacht, da ich noch weiß, wie schlimm das Einschlafen am Anfang ohne Alkohol ist."

    Ja, die Schlafstörungen kenne ich auch zur Genüge. Aber was soll schon Schlimmes passieren, außer daß Du Dich im Bett ständig umdrehst und am nächsten Tag gerädert aufstehst? Das ist alles nicht schön, aber kein Weltuntergang. Wenn die Schlafstörungen über eine längere Zeit fortbestehen, kann der Arzt vielleicht mal ausnahmsweise ein paar Schlafmittel verschreiben, aber ich finde es gut, daß Du es erstmal ohne probierst.

    Also mich spricht die Schreibe von Dir eigentlich sowieso immer an. Und ich nehme - aufgrund Deiner langjährigen Erfahrung als Trockener - Deine Aussagen sehr ernst.

    Das geht mir ganz genauso. Hartmut, ich schätze Deine direkte, knorrige Art, und nehme Deine Worte sehr ernst. Ich nehme sowieso alle Berichte der Langzeittrockenen ernst, aber aus irgendeinem Grund haben Deine Worte für mich besonderes Gewicht. Und ja, was dieses Treffen angeht, da habe ich das Gefühl, mich nachträglich rechtfertigen zu müssen. Ich war ja vorsichtig und habe, denke ich, alles richtig gemacht. Letztlich war es für mich auch ein schöner, wichtiger Abend. Wenn ich so drüber nachdenke: Ich finde nicht, daß der Wunsch nach sozialen Kontakten automatisch "nasses Verhalten" ist, nein. Viel bedenklicher finde ich es, daß ich manchmal den ganzen Tag Kaffee trinke, das Essen vergesse, und es mir dann abends total miserabel geht. Das ist für mich so typisches Suchtie-Verhalten, das ich genau im Auge behalten muß.

    EIgentlich wollte ich heute tüchtig arbeiten und das Forum links liegen lassen, aber nun habe ich mich für heute mal krank gemeldet. Bin nach dem Boostern, wie das heutzutage heißt, ziemlich müde und kann mich nicht so richtig konzentrieren.

    Aber es sind zwei kleine Dinge im Alltag passiert, die mich sehr freuen. Die kann ich ja mal teilen.

    Ich hatte einem Nachbarn neulich zwei Monitore geschenkt, die ich nicht mehr brauche, da kam er am Sonntag vorbei und hat sich mit einem Stück selbstgebackenen Kuchen und einer großen Portion Schlagsahne revanchiert. Normalerweise geht das hier im Haus für mich ziemlich anonym zu, ich kenne meine Nachbarn zwar und grüße immer artig, aber ich habe keinen Kontakt zu ihnen, weiß häufig noch nicht einmal ihre Namen. Hier ziehen regelmäßig junge Leute ein und aus, ich vermute, manche machen hier auch Airbnb oder sowas. Umso schöner fand ich es, daß es mal etwas persönlicher zuging. Das habe ich ganz klar meiner neuen Nüchternheit zu verdanken.

    Und heute morgen flatterte eine Mail vom Kunden rein, in der es, versteckt in einem Nebensatz, hieß, daß sie mit meiner Arbeit sehr zufrieden sind. Daß ich neuerdings zuverlässig und bestimmt auch besser als früher arbeite, liegt natürlich auch an meiner Abstinzenz.

    Mir war schon klar, daß die Welt kein großes Feuerwerk für mich abbrennen würde, aber es ist doch schön, wenn im Alltag mal so kleine Erfolgserlebnisse kommen, die mir zeigen, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Ich kann es auch kaum abwarten, bis es endlich mit der Fahrschule losgeht, dann werde ich auch wieder ein paar soziale Kontakte mehr haben ...

    Liebe Anna,

    ich kenne solche Bilder von meinem inzwischen lange verstorbenen Junkie-Freund. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber "kniehoch" habe ich den Müll auch noch in Erinnerung, da war nirgendwo ein freies Stück Teppich zu sehen. Es tut mir sehr leid für Dich, daß Du diese traumatische Erfahrung machen mußtest. Bei meinem Freund hat mich das damals schon sehr mitgenommen, bei dem eigenen Vater stelle ich mir das nochmal etwas schwieriger vor, denn man möchte ja gerne zu seinem Vater hochgucken können.

    "Er möchte lt. ihm nach der Entgiftung direkt in eine Reha."

    Einen anderen Weg sehe ich für ihn gar nicht. Der Mann ist ja, wie Du es beschreibst, dramatisch von Obdachlosigkeit bedroht und gar nicht mehr alleine lebensfähig, der muß jetzt erstmal lückenlos betreut und untergebracht werden. Es gibt solche Hilfsangebote, die sind in der Entgiftungsstation natürlich auch bekannt. Ob Dein Vater jetzt, wo alles in Scherben liegt, vielleicht doch nochmal die Kurve bekommt? Wenn Du die Kraft dazu hast, kannst Du ja versuchen, ihn zu unterstützen, aber Du bist nicht verantwortlich für ihn, er muß jetzt die Hilfe von Profis annehmen. Wenn er alles wieder wegwirft, dann bist Du da leider machtlos.

    Kopf hoch! Wenn es Dich zu sehr belastet, dann such Dir gute Gespräche und im Extremfall sogar einen Therapeuten.

    Grüße,

    H.

    Ich fühle mich ein bißchen als Neuer angesprochen, da war ja die Sache mit dem Jahrgangstreffen ...

    Ich habe mir die Entscheidung, ob ich gehe oder nicht, wirklich bis ganz zum Schluß offengelassen. Ich habe mir gesagt: Wenn Du Dir auch nur ein bißchen unsicher bist, dann hörst Du auf Hartmut und bleibst zuhause. Als ich dann da war, habe ich gleich als erstes vor meinem engeren Bezugskreis klargestellt, daß ich nichts trinken werde. Die Gastgeberin ist sofort begeistert an den Kühlschrank gerauscht und hat mir eine Himbeer-Limo kredenzt, damit war die Sache dann geklärt. Außerdem hatte ich im Vorfeld dafür gesorgt, daß ich die Veranstaltung jederzeit verlassen kann, ich hatte die Nummer eines Taxi-Fahrers in der Hosentasche.

    Eine Betriebsfeier und eine Geburtstagsfeier habe ich schon sausen lassen. Auch ansonsten meide ich gesellige Anlässe, da spielen mir Corona und Homeoffice sehr in die Hände. Auf der Arbeit weiß ich noch nicht so recht, wie ich mich outen soll. Ganz selten wird mal Sekt im Büro gereicht, da gibt es aber auch immer O-Saft als Alternative, da gibt es keine Diskussionen. Ansonsten wird Freitags zum Mittagessen Wein und dann noch der Verdauungsschnaps getrunken, da habe ich die letzten Monate immer dankend abgelehnt, auch da gab es keine Diskussionen bisher. Es trinken da längst nicht alle bei der Arbeit. Aber zur Sicherheit gehe ich derzeit gar nicht zu den Freitagsessen.

    Für mich gilt der Grundsatz, daß ich nur dort irgendwo in der Nähe von Alkohol bin, wo alle wissen, daß ich nichts trinken will.

    Zum Glück triggern mich Supermärkte null, denn ich habe meinen Stoff ja immer am Kiosk gekauft. Aber da ich hauptsächlich allein zuhause gesoffen habe, triggert mich eventuell meine Wohnung. Deshalb bin ich ja dabei, sie umzugestalten, und es hat sich auch schon vieles verändert hier.

    Das ist der Plan. Sind ja nur noch ein paar Stündchen bis zur 101. Ich bin absolut zufrieden und habe nicht das Gefühl, auf irgendwas verzichten zu müssen. Ganz im Gegenteil, ich habe eher die letzten 20 Jahre auf Glück verzichtet. Da ist viel Matsch und Nebel, der sich in meinem Kopf noch gar nicht so richtig sortiert hat. Und ich will mich auch gar nicht an alles erinnern.

    Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß ich ein Doppelleben geführt habe. Es gab mich zweimal. Da gab es Dr. Jekyll, der seinen Job gerade noch so mit Ach und Krach hingekriegt hat, und es gab Mr. Hyde, der sich nachts in der Dunkelheit verlaufen hat. Mr. Hyde soll sich zum Teufel scheren, Dr. Jekyll darf gerne bleiben.

    Danke für Eure Motivation. Ich war im Juli mal wieder an einem ziemlichen Tiefpunkt, dann kam noch die Sache mit meiner ersten großen Liebe dazu, die noch immer an mir nagt, da wurde mir nicht zum erstenmal klar, wie verdammt kurz das Leben ist. Und ich wollte meins endlich wieder leben. Es ist ein Glücksfall, daß ich dieses Forum gefunden habe, Ihr habt mir alle sehr geholfen.

    100 Tage. Wie sagte Neil Armstrong: "Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Riesensprung für mich." Oder so ähnlich. ;)

    Puh, gruselig, Fee. Wenn er Dich im Auto verfolgt hat, wird er wohl vorher vor dem Haus geparkt und auf Dich gewartet haben. Ruf immer sofort die Polizei, wenn Du Dich bedroht fühlst. Schade, daß sie ihn nicht hat pusten lassen, dann wäre wenigstens schonmal der Führerschein futsch gewesen. Der Typ bringt das noch fertig und kracht Dir hinten rein.

    Ich weiß, wie das ist, wenn man sich in seinen eigenen vier Wänden nicht sicher fehlt. Das ist ein Scheißgefühl, und an tiefen Schlaf ist da nicht zu denken.

    Ja, es ist viel sprituelles Brimborium bei den AA. Für mich als nicht-spirituellen, nicht-religiösen Menschen einfach zuviel. Es ist vor allem der direkte Austausch, der mir bei den AA gefehlt hat. Man läßt einander ausreden und lernt mal wieder zuzuhören -- dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, aber die persönlichen Gespräche, die mir wichtig sind, bleiben da leider auf der Strecke.

    Das sollte jetzt keine grundsätzliche Rede gegen die AA sein. Ich habe großen Respekt vor dieser Organisation und deren Arbeit. Ich bin mir sicher, die helfen sehr vielen Menschen. Nur ich persönlich bin mit denen leider nie so richtig warm geworden.

    Hallo Sunshine,

    jetzt haben wir es endlich richtig mit den Mandarinen, danke für die Klarstellung.

    Ich denke nicht groß darüber nach, ich hab's gerne mal etwas humorvoll und schreibe so, wie es mir aus den Fingern quillt. Ich weiß, daß wir nicht nur zum Spaß beim Kaffeeplausch hier sind, sondern uns über eine tödliche Krankheit austauschen, aber deshalb müssen wir ja nicht ständig gebückt gehen und wie sieben Tage Regenwetter dreinschauen. Tatsächlich war diese allgegenwärtige tiefe Betroffenheit und Bedrücktheit manchmal etwas, das mich von Selbsthilfegruppen ferngehalten hat. Ich wollte endlich wieder leben und in eine Selbsthilfegruppe gehen, nicht auf ein verdammtes Begräbnis.

    Von Respekt und Rücksichtnahme halte ich sehr viel, aber man kann es mit der Korrektheit auch übertreiben. Wie Hartmut sagt, es ist noch niemand trockengestreichelt worden. Politische Korrektheit wird mir nicht helfen, nüchtern zu bleiben, ich brauche das Zuckerbrot und auch die Peitsche.

    LG,

    H.