Beiträge von Hanseat

    Das mit den depressiven Phasen kenne ich auch. Dann trinkt man gegenan und macht alles schlimmer.

    So ist es. Man versucht verzweifelt, mit Alkohol die Zustände zu bekämpfen, die dieser zu einem großen Teil oder sogar insgesamt verursacht hat. Für eine Stunde oder so mag das klappen, sonst wäre man ja nicht so bescheuert, es immer wieder zu versuchen, aber hinterher ist der Katzenjammer groß und alles kommt zweifach und dreifach so dicke zurück.

    Ihr Lieben,

    heute gibt es ein Jubiläum zu feiern. 70 Tage klingt nach nix, aber zehn Wochen nüchtern, hej, das ist doch was!

    Die meiste Zeit war es erstaunlich einfach, nüchtern zu bleiben, aber eben nur die meiste Zeit. Es gab auch ein paar Momente, zum Beispiel gestern, wo ich aus Langeweile heraus am liebsten zum Kiosk gerannt wäre. Leider reicht ja schon ein schwacher Moment, um das ganze Projekt zum Einsturz einzubringen. Eigentlich denke ich die ganze Zeit, ich will gar nichts trinken, aber manchmal muß ich mir doch deutlich klarmachen, daß ich nichts trinken darf. Es ist einfach herrlich, jeden Morgen nüchtern aufzuwachen, das ist ein großes Geschenk.

    Ich bin beeindruckt von mir selbst, was ich in den letzten zehn Wochen alles so geregelt bekommen habe. Die Welt ist wieder größer geworden, und ich hab Lust, mal ein paar Dinge anzupacken, die ich schon seit ewig vor mir hergeschoben habe. Führerschein und Wohnung renovieren sind zwei Sachen, die mir sofort einfallen. Auf der Arbeit läuft alles super, endlich zeige ich mal, daß ich auch zuverlässig sein kann. Heute ist übrigens Tag 4 ohne Zigaretten, es wird nur noch elektrisch gedampft. Ganz aufhören wäre natürlich noch besser, aber ich bin schon froh, daß es wenigstens keinen Qualm mehr in der Wohnung gibt, damit bin ich jetzt erstmal zufrieden.

    Zwei neue Rituale habe ich eingeführt; Jeden zweiten Tag geht es aufs Rudergerät, und abends werden die Zahne geputzt, und damit meine ich richtig geputzt, mit Zahnseide und Mundspülung und so. Das hat noch den Nebeneffekt, daß ich danach nichts mehr im Bett nasche. Sonst habe ich mir nämlich gerne noch irgendeinen überflüssigen Käse oder Joghurt reingepfiffen. Das gibt es jetzt auch nicht mehr.

    Das sind schon ganz schön viele Veränderungen auf einmal, weitere Ziele werde ich mir deshalb erstmal gar nicht stecken. Jetzt geht es darum, das alles mal einzuüben und für eine längere Zeit durchzuhalten. Ziele sollten immer realistisch sein, finde ich, es bringt ja nichts und frustriert doch nur, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.

    So ganz nebenbei passiert etwas anderes Wundervolles: Ich lehne mich jetzt endlich mal so kennen, wie ich wirklich bin. Da stellt sich heraus, daß ich eigentlich eher ein schüchterner, ruhiger Typ bin und gar nicht der Partyheld, Wirbelwind und Sprücheklopfer, als den ich mich gerne ausgegeben habe. Es ist ja wirklich so: In meiner nassen Zeit hatte ich nie ein klares Bild von mir selbst, alle Gefühle im guten wie im schlechten habe ich in Bier und Cola-Whisky ertränkt.

    Damit komme ich zu einem Thema, das ich bisher noch nicht so richtig angesprochen habe: Depressionen. Ich leide, seit ich zurückdenken kann, an wiederkehrenden depressiven Schüben. Allerdings trinke ich auch, seit ich zurückdenken kann. Bin ich jetzt depressiv, weil ich saufe, oder saufe ich, weil ich depressiv bin? Ich wußte es bisher einfach nicht. Solange ich Alkohol trinke, werde ich jedenfalls nie eine Chance haben, das herauszufinden. Das ist ja genau die Zwickmühle, in dem behandlungsbedürftige Menschen oft stecken: Solange sie trinken, ist eine Therapie ausgeschlossen, aber ohne Therapie schaffen sie es nicht, von der Trinkerei zu lassen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es nützt also alles nichts: man muß "den Tresor von innen aufschließen", wie ich mal irgendwo so schön gelesen habe, und sich erstmal fit für eine Therapie machen.

    Zum Anfang meiner nüchternen Zeit war ich für ein paar Tage regelrecht euphorisch, aber die Wogen haben sich dann schnell wieder geglättet. Es folgte Normalität, Alltag, und, ja, auch Langeweile. Aber besonders niedergeschlagen oder krankhaft depressiv habe ich mich in den letzten zehn Wochen nicht ein einziges Mal gefühlt. Das macht mir Mut, daß ich gar keine Depressionstherapie brauche. Nach allem, was ich so erlebt und überlebt habe, wird eine Psychotherapie bestimmt nicht verkehrt sein, aber ich glaube, eine spezielle Therapie gegen Depressionen oder sogar medikamentöse Behandlung brauche ich gar nicht. Das wäre eine tolle Nachricht.

    Wo wir gerade bei guten Nachrichten sind: Laut MRT-Befund habe ich gar keinen Bandscheibenvorfall, da habe ich zehn Jahre lang mit einer falschen Diagnose gelebt. Auch so ist bei meinem Rücken nicht alles eitel Sonnenschein, ich habe Haltungsschäden vom vielen Sitzen, aber immerhin ist es nichts völlig Schlimmes. Hätte ich weiter gesoffen, wäre ich nie zum Orthopäden gegangen und hätte das gar nicht gewußt.

    So, auf mich wartet ein langweiliger, ereignisloser Sonntag. Ich werde einfach gammeln und entspannen, Sport hatte ich gestern schon. Immerhin kann ich ohne schlechtes Gewissen gammeln, denn ich habe diese Woche alles erledigt, was es zu erledigen gab.

    Euch wünsche ich natürlich einen kurzweiligen, ereignisreichen, Sonntag! :b

    Hanseat

    Geht es euch auch so, dass ihr das Gefühl habt nirgends wirklich hin zu gehören, euch gleichzeitig danach sehnt aber dennoch Angst habt irgendwo tatsächlich anzukommen?

    Darin erkenne ich mich wieder, ja. Meine Eltern, beide früh verstorben, waren auch Alkoholiker, ich bin ein Scheidungskind, und die klassische, glückliche Rama-Familie aus der Werbung habe ich auch nie erlebt. Ich habe die Jahre ohne Familienplanung ins Land ziehen lassen, und nun bin ich 50, und die Zeit hat mir die Entscheidung abgenommen: In diesem Leben gibt es keine Kinder mehr. Vielleicht wollte ich auch nie eine Familie. Haus mit Carport, Garten mit Sandkiste, ein Hund und zwei Kinder -- das war nie meine Welt, die hat mir eher Angst gemacht. Vielleicht habe ich da einen Dachschaden aus meiner Kindheit mitgenommen.

    Eine Zeitlang war ich bei der Drogenberatung, und meine Suchtberaterin hat immer mal wieder versucht, das Thema auf diese Zeit zu lenken. Mir war das immer etwas unangenehm. Gut möglich, daß ich da einiges noch nicht aufgearbeitet habe, aber ich sträube mich dagegen, meine Drogen- und Alkoholsucht mit meiner Kindheit zu erklären, das wäre mir irgendwie zu einfach. Ich möchte lieber die Gründe bei mir selbst suchen.

    Inzwischen habe ich mir aber mal in der Großstadt eine hübsche Single-Burg gebaut, und das Projekt "Schöner wohnen" ist gerade wieder angelaufen. Ich hab hier also ein kleines Zuhause, wenn auch ohne Familie und ohne Partnerin. Das letztere würde ich gerne nochmal ändern, irgendwann.

    Grüße,

    Hanseat

    Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, daß in Baldrian-Tabletten Ethanol enthalten ist, höchstens in Flüssigkeiten. Ich bin kein Chemiker, ist Ethanol nicht das gleiche wie Alkohol? Dann ist das natürlich tabu. Ob Baldrian-Pillen irgendwas bewirken, weiß ich nicht, ich schätze mal, bei starker Unruhe und Depressionen sind die machtlos. Tja, nun ist Sonnabend, gestern hättest Du noch zum Hausarzt gehen können. Wenn es Dich wirklich hart erwischt, kannst Du am Wochenende höchstens noch in eine Notfallpraxis gehen. Wir sind hier keine Ärzte oder Apotheker, medizinische Hilfe gibt es bei Medizinern!

    Selbstverständlich gehören Depressionen zum Alkoholismus dazu. Wer ständig in dem Kreislauf Saufen-Kater-Saufen-Kater gefangen ist, der hat gar keine andere Möglichkeit, als darüber depressiv zu werden. Aber nochmal: Geh zum Arzt, Mensch! In dringenden Fällen kann der Dich auch gleich zu einem Psychiater weiterschicken.

    So lange der Proband der Auffassung ist, nach einer gewissen Zeit sei er geheilt und könne dann von vorne loslegen, wird es schwer mit einer dauerhaften und zufriedenen Abstinenz.

    Man ist ja eben nie "geheilt". Der Körper baut sich ein Suchtgedächtnis auf, das nie wieder erlischt. Deshalb sind Rückfällige auch ruckzuck wieder auf ihrem alten Niveau, selbst nach noch so vielen Jahren. So ganz wissenschaftlich kann ich das auch nicht erklären, das hat irgendwas mit Enzymen und ihrer Produktion zu tun, die sofort wieder anläuft. Das hat auch Auswirkungen auf die Wirksamkeit aller sonstigen Betäubungsmittel, deshalb muß man vor einer Betäubung unbedingt dem Arzt oder Anästhesisten mitteilen, daß man Alkoholiker ist. Ich schreib's nur hin, für den Fall, daß das jemand noch nicht weiß.

    Ein Buch, das die Dinge ganz unterhaltsam auch für Nichtwissenschaftler erklärt, ist "Alk" von Simon Borowiak.

    Hallo Estenbol,

    zunächst einmal Hut ab dafür, daß Du 8 Monate trocken warst. Diese Zeit kann Dir niemand nehmen, und hoffentlich kannst Du sie auch in der Zukunft für Dich nutzen und jetzt da weitermachen, wo Du schonmal warst.

    Zitat

    Dachte wäre genug Zeit um das kontrolliert zu trinken.

    Tja, das war wohl ein Schuß in den Ofen. Vielleicht etwas naiv, der Gedanke, oder? Ein Suchtkranker kann nicht kontrolliert trinken, das ist ja genau das Kennzeichen der Sucht. Ich will da gar nicht belehrend rüberkommen. Obwohl ich längst weiß, daß ich nicht kontrolliert trinken kann, habe ich es die letzten 20 Jahre immer wieder versucht, natürlich ohne Erfolg.

    Zitat

    mir ging es dan 2-3 Wochen gut mit extremer Motivation und hab auch seit dem nichts mehr getrunken.

    Jetzt sind es genau 1 Monat das ich wieder trocken bin. [...] Aber seit par Tagen fühle ich mich beschissen :(

    Ich hab ne extreme innerliche Unruhe so eine innerliche Angst, Stimmungsschwankungen, extrem Labil und depressiv bis fast Hoffnungslosigkeit.

    Das mit der Euphorie zum Anfang der Nüchternheit, die dann irgendwann wieder verfliegt, habe ich auch so ähnlich erlebt. Daß Du aber nach einem Monat Trockenheit plötzlich unter innerer Unruhe und Angstzuständen leidest, das finde ich nicht normal. Das würde ich auf jeden Fall mal mit einem Hausarzt besprechen. Und sei ehrlich dem Arzt gegenüber und erzähle ihm gleich die ganze Geschichte, nur dann kann er Dir bestmöglich helfen.

    Grüße und viel Erfolg,

    Hanseat

    Hast ja alles richtig gemacht und noch rechtzeitig die Kurve gekratzt. Aber daß Du den Leuten noch den Alk hinterherträgst, das war schon ziemlich gefährlich und reichlich dumm. Ich verstehe schon, daß Du vielleicht einfach nur freundlich und hilfsbereit sein wolltest, aber warum mußt ausgerechnet Du für Nachschub sorgen? Da hätte ich nein gesagt.

    Und für eine Lügengeschichte würde ich mich auch nicht einspannen lassen. Da müßte das schon ein sehr guter Freund mit einem sehr guten Grund sein.

    Bleib wacker!

    Ein viertel Jahr betreutes wohnen mit Alkoholverbot.

    Damit ist meine LZT vor 14 Jahren zutreffend beschrieben. Von zwei "Kursen", die ich da gebucht habe, hat nur einer stattgefunden, der andere wurde wegen Personalmangels abgesagt. Der Swimmingpool blieb geschlossen, obwohl wir uns alle sehr dafür engagiert haben, den zu reparieren. Weil sich dann jemand beim Volleyball verletzt hatte, wurde auch noch die Turnhalle geschlossen. Alle vierzehn Tage gab es ein mickriges Einzelgespräch von einer halben Stunde, da hat man mir eine blutjunge, unerfahrene Therapeutin vorgesetzt, die mich nur mit großen Augen anguckte und ständig die Frage wiederholte, was man denn nun für mich tun könne. Das einzige, was regelmäßig stattfand, waren die morgentlichen Gruppengespräche, die sich zwar ständig im Kreis drehten, aber eigentlich noch das beste an der ganzen Veranstaltung waren. Ansonsten saß ich da tagsüber nur rum, rauchte, reparierte hin und wieder mal ein Fahrrad in einer Werkstatt, in der es an so gut wie allem mangelte, und wartete auf das nächste Essen. Die Wochenenden waren unfaßbar langweilig.

    Natürlich ist es in allererster Linie meine persönliche Schuld, daß ich bei meiner zweiten Heimfahrt rückfällig geworden bin, da will ich niemandem den Schwarzen Peter zuschieben. Aber diese Therapie war die Zeit und das, wie ich vermute, viele Geld nicht wert. Da würde ich gerne anderen den Rat geben, die zukünftige Reha-Einrichtung vorher gut zu prüfen, aber in der Praxis ist das natürlich unmöglich, das ist leider ein Lotteriespiel.

    Liebe Cadda,

    ich hab das gleich vor allen klargestellt, daß ich keinen Tropfen Alk anrühren werde, das ist ein sehr guter Schutz. Ich brauchte den aber gestern nicht, hatte auch gar nicht die Faust in der Tasche, es gab keinen Saufdruck.

    Aber ich nehme Eure Warnungen ernst und werde die nächsten Tage noch mehr als sonst auf mich achten, daß ich nicht übermütig werde. Die Gefahr eines Rückfalls ist immer da, das weiß ich.

    Grüße,

    Hanseat

    Hallo Hartmut, ich habe mir das schon gedacht, daß Du nicht ganz so begeistert bist. Ist angekommen, ich respektiere das und höre Dir zu. Ich wir mir halt sicher, daß nichts Schlimmes passiert, sonst wäre ich gar nicht erst losgefahren. Und ich bin seit diesem ganzen Corona-Mist verdammt einsam, lebe die meiste Zeit wie ein Einsiedler und brauchte dringend mal wieder ein soziales Erlebnis.

    Es ist ja nicht so, daß ich solche Situationen gezielt suche, um mich zu beweisen. Ich mache um Veranstaltungen aller Art sonst einen großen Bogen, aber das hier mußte mal für mich sein. Es ging auch darum, ein bißchen mit der Vergangenheit aufzuräumen.

    Liebe Leute,

    nun habe ich die neun Wochen voll. Das habe ich zum Teil auch diesem Forum zu verdanken, deswegen sage ich mal danke. Es war beruflich eine anstrengende, aber erfolgreiche Woche, Antrag auf Führerschein ist eingereicht, bei der Fahrschule habe ich auch schon alles eingefädelt -- die Sache kommt jetzt also endlich ins Rollen. Es wird ernst in Sachen Führerschein.

    Abi-Treffen war super. Bin mit dem Taxi hin und dachte, ich bleibe zwei Stunden, dann ist es doch etwas länger geworden. Viele waren mit dem Auto da und haben alkoholfreies Bier getrunken, ich hatte also Leute, an die ich mich halten konnte. Alkoholfreies Bier trinke ich nicht, weil es mir erstens nicht schmeckt und zweitens viel zu dicht am Original dran ist -- ich hab mich an großstädtische Hipster-Bio-Brausen gehalten. Wie sich herausstellte, mußte ich meine Lebensgeschichte gar nicht groß erzählen, es wurde in den letzten 15 Jahren offenbar viel über mich getratscht. Alle haben sich gefreut, mich gesund und frisch zu sehen. Ich habe nicht einmal gewackelt -- die Entscheidung, nichts zu saufen, stand felsenfest. Am Ende gab's sogar noch 'ne spannende Rückfahrt in einer Oldtimer-Klapperkiste ganz ohne Airbags, Elektronik oder Rollgurte. Das Auto ist ein Jahr jünger als ich. Und jetzt es ein schöner Morgen, ich war auf einer Party, kann mich an viele gute Gespräche erinnern und bin nicht verkatert -- das ist tatsächlich immer noch etwas ungewohnt, aber ganz wunderbar. Und ich muß mich nicht schämen, so wie bei meinem letzten furchtbaren Auftritt vor 15 Jahren.

    Habt alle einen schönen Sonntag!

    Hanseat

    "Sollte es mir zu viel werden, kann ich jederzeit zu mir nach Hause, es sind nur ein paar Meter."

    Ausgezeichnet. Immer für eine Exit-Strategie sorgen, und dann auch wirklich frühzeitig nachhause gehen, wenn das Bechern losgeht. Ich hab das schon öfter so gemacht, und ganz ehrlich: Wenn ich nüchtern bin, kann ich über die betrunkenen Sprüche nicht lachen, höchstens darüber, wie bekloppt das alles ist. Nach 22 Uhr verpaßt man da nichts Wichtiges mehr.

    Heute ist das Abi-Treffen, ich werde in letzter Minute entscheiden, ob ich hingehe oder nicht. Ich bin jedenfalls unabhängig und kann jederzeit gehen. Meinetwegen kann jeder wissen, daß ich dauerhaft nichts mehr trinken will, in dem Umfeld kann ich ehrlich sein, da muß ich niemandem was verheimlichen. Bei der Arbeit habe ich mich unter einem Vorwand vom Sommerfest abgemeldet, da wollte ich nicht zu privat werden. Das ist eine Baustelle, die ich später angehe.

    Mal wieder ein P. S., weil's mir gerade so einfällt: Wie krank das eigentlich ist, daß man glaubt, sich dafür rechtfertigen zu müssen, wenn man nichts trinkt. Leider ist das ja manchmal wirklich so. Das ist schon reichlich kaputt. "Wie, was, du schüttest kein Lösungsmittel und Zellgift in dich rein, was stimmt mit dir nicht?"

    Ich fände einen Chat cool. Ich weiß zwar, daß das technisch und personell ein ziemlicher Aufwand ist, aber dennoch ... Nicht jeder hat eine Buddy-Liste für den Notfall (ich zum Beispiel nicht), vielleicht kann da ein Chat in dringenden Fällen mal eine echte Hilfe sein. Oder auch einfach so, wenn man sich mal allein und gelangweilt fühlt und keine nüchternen Freunde in der echten Welt hat.

    Gleich mal Windows+. testen: 💋🌹👀😃. Jo, funzt. Hab leider keinen Mac zum Testen. Ist das ein Plugin? Wie heißt das?

    Unicode-Emojis: 😂😍😋. Check. Die sind dann etwas umständlicher, klappen aber auch.

    Ja, auch Shopping kann zur Sucht werden, wie wohl alles im Leben. Wie ich mir leicht vorstellen kann, ist "Shopping" ein relativ teures Hobby, Paß auf! Ich habe auch in den letzten Wochen viel Geld ausgegeben, allerdings zielgerichtet für alles, was meinem Rücken gut tut. Bei der Gesundheit möchte ich keine Kompromisse eingehen. Ich würde mir wünschen, ich könnte zum Workoholic oder zum Sportsüchtigen werden, aber da bin ich wohl leider nicht gefährdet. Das Rudergerät macht schon Spaß und hat auch ein meditatives Element, das mir gut gefällt, aber trotzdem muß ich immer drauf zwingen.

    Wenn man nicht mehr trinkt, hat man plötzlich viel Energie und Zeit, die man sinnvoll verbringen kann. Ich bin da selbst noch auf der Suche, will daher gar nicht klugscheißen, Aber es ist wichtig, neue Lebensinhalte zu finden. Shopping verleiht einem vielleicht mal einen kurzen Kick, aber nach einer Woche haben die tollen Anschaffungen doch ihren Reiz schon wieder verloren. Normalerweise würde ich ja sagen, vor allem in der Anfangszeit, alles ist besser als Saufen, sogar Shoppen, aber daß Du Dich in Schulden stürzt, finde ich schon sehr bedenklich. Hör auf damit! Dann vielleicht lieber Kaffee, TV-Serien, Joggen und Gummibärchen -- irgendwas anderes halt.

    Ganz toll wäre für mich mal wieder eine Freundin, aber das ist im Moment noch ganz weit weg für mich und steht gar nicht ganz oben auf meiner Strichliste. Da steht bei Punkt 1: Nicht saufen. Punkt 2: Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich Verantwortung für mich selbst übernehmen und mal für sieben Tage im voraus planen.

    P. S.: Weil ich's vergessen hab: Glückwunsch zu den 22 Tagen! Drei Wochen sind schon eine gute Basis, um das Gehirn mal wieder einigermaßen klar zu bekommen.

    Ich würde an Freunde nicht zu viele Ansprüche stellen, vielleicht nur den einen, daß sie es respektieren, wenn ich nichts trinke. Einen Kumpel, der ständig versucht, mich zum Trinken zu animieren, oder der mich langweilig findet, wenn Alkohol nicht dabei ist, brauche ich nicht. So eine Freundschaft kann ich mir auch nicht vorstellen. Ansonsten habe ich da gar keine so festen Erwartungen. Meine Freunde müssen nicht abstinent sein und auch keine guten Suchtberater. Hilfe kann man sich woanders holen, bei anderen Menschen mit Suchterfahrung oder bei Profis. Wie gesagt, meine Freunde trinken eigentlich alle, einer sogar richtig viel, aber ich habe nicht vor, deshalb die Freundschaft abzubrechen. Ich hoffe allerdings auch, daß ich in Zukunft mal ein paar mehr dauerhaft nüchterne Menschen kennenlerne, die sind bei mir auch Mangelware.

    Mhm, wann war es denn zuletzt mal so richtig lustig mit Alkohol, ohne Selbstvorwürfe und Scham hinterher? Das muß bei mir mehr als 20 Jahre her sein. Ja klar, da habe ich auch viel Spaß gehabt und 'ne Menge dummes Zeug gebaut, was man als junger Mensch eben so tut, aber das ist alles so weit weg, dem Zugriff entzogen. Die letzten 20 Jahre waren für mich eigentlich nur noch ein Martyrium. Ich stelle mich dem und akzeptiere meine Vergangenheit, eine andere Wahl habe ich eh nicht, aber der Gedanke "es war nicht alles schlecht" kommt mir höchstens noch, wenn ich an ganz alte Tage denke. Sonst sehe ich eher: Es war tatsächlich alles schlecht.

    Zum Thema "unter die Leute gehen": Ich hab ja diese Woche ein Abi-Treffen, und Hartmut rät mir davon ab. Ich habe mich noch nicht entschieden. Es ist ja nun nicht so, daß ich derzeit gezielt auf Veranstaltungen gehe, eher gar nicht, ich vermeide Versammlungen aller Art, und auf Versammlungen wird ja leider eigentlich immer gesoffen, aber ich kann mich auch nicht völlig abschotten. Ist es nicht gut, wenigstens hin und wieder auch mal was zu wagen? Ich habe ja schon alles alkoholfrei überstanden, von der Hochzeitsfeier bis zum Heavy-Metal-Konzert. Bei letzterem bin ich übrigens nach der Hälfte der Zeit einfach nachhause gegangen, weil mir die Musik nicht gefallen hat. Besoffen wäre ich bestimmt begeistert gewesen.

    Liebe Grüße,

    Hanseat

    So Ihr Lieben,

    heute habe ich acht nüchterne Wochen voll. Die Letzte Woche verlief einigermaßen unkompliziert. Irgendwann war mal abends kurz der Gedanke an ein Bier da, aber da habe ich mich sofort ans Forum und an die letzten Bücher erinnert, die ich so gelesen habe, und dann war auch sofort wieder Ruhe im Karton.

    Das ist sowieso meine Beobachtung: Phasen der Sauflust sind nach 30 Minuten wieder vorbei. Wenn man in der Zeit einfach was anderes macht, wie essen, trinken, duschen oder telefonieren, dann hat man eigentlich schon gewonnen.

    In der Wohnung hat sich etwas verändert. Ich habe auf meinen Orthopäden gehört und mir einen höhenverstellbaren Schreibtisch zugelegt. In der Tat tippe ich diese Zeilen gerade im Stehen. Mal gucken, ob aus mir so ein Hemingway wird und mir noch kürzere Sätze einfallen. ;) Das Heimbüro sieht frisch, aufgeräumt und sauber aus, das tut der Seele gut.

    Es geht mir blendend. Nur das Rudergerät mußte ich heute morgen in der Ecke lassen, denn ich habe wieder ziemliche Rückenschmerzen. Diese Woche habe ich jede Menge Termine: Zahnarzt, MRT, Verkehrsbehörde, Orthopäde, Abi-Treffen. Die Woche ist also pickepacke voll.

    Mein absolutes Highlight ist der Führerschein-Termin. Ich habe gar nicht vor, mir ein Auto anzuschaffen, aber meinen Führerschein, den ich mal vor Jahren unter ... äh ... Umständen verloren habe, möchte ich wiederhaben. Da hätte ich das Gefühl, daß mal wieder irgendwas in richtigen Bahnen verläuft.

    Und heute geht's bei schönstem Regenwetter ins Kino, ich werde mir mit einem Freund "Dune" anschauen, da freue ich mich schon sehr drauf.

    Ich wünsche allen Foristen, und selbstverständlich auch den Foristinnen, einen schönen Sonntag.

    Hanseat