Ihr Lieben,
heute gibt es ein Jubiläum zu feiern. 70 Tage klingt nach nix, aber zehn Wochen nüchtern, hej, das ist doch was!
Die meiste Zeit war es erstaunlich einfach, nüchtern zu bleiben, aber eben nur die meiste Zeit. Es gab auch ein paar Momente, zum Beispiel gestern, wo ich aus Langeweile heraus am liebsten zum Kiosk gerannt wäre. Leider reicht ja schon ein schwacher Moment, um das ganze Projekt zum Einsturz einzubringen. Eigentlich denke ich die ganze Zeit, ich will gar nichts trinken, aber manchmal muß ich mir doch deutlich klarmachen, daß ich nichts trinken darf. Es ist einfach herrlich, jeden Morgen nüchtern aufzuwachen, das ist ein großes Geschenk.
Ich bin beeindruckt von mir selbst, was ich in den letzten zehn Wochen alles so geregelt bekommen habe. Die Welt ist wieder größer geworden, und ich hab Lust, mal ein paar Dinge anzupacken, die ich schon seit ewig vor mir hergeschoben habe. Führerschein und Wohnung renovieren sind zwei Sachen, die mir sofort einfallen. Auf der Arbeit läuft alles super, endlich zeige ich mal, daß ich auch zuverlässig sein kann. Heute ist übrigens Tag 4 ohne Zigaretten, es wird nur noch elektrisch gedampft. Ganz aufhören wäre natürlich noch besser, aber ich bin schon froh, daß es wenigstens keinen Qualm mehr in der Wohnung gibt, damit bin ich jetzt erstmal zufrieden.
Zwei neue Rituale habe ich eingeführt; Jeden zweiten Tag geht es aufs Rudergerät, und abends werden die Zahne geputzt, und damit meine ich richtig geputzt, mit Zahnseide und Mundspülung und so. Das hat noch den Nebeneffekt, daß ich danach nichts mehr im Bett nasche. Sonst habe ich mir nämlich gerne noch irgendeinen überflüssigen Käse oder Joghurt reingepfiffen. Das gibt es jetzt auch nicht mehr.
Das sind schon ganz schön viele Veränderungen auf einmal, weitere Ziele werde ich mir deshalb erstmal gar nicht stecken. Jetzt geht es darum, das alles mal einzuüben und für eine längere Zeit durchzuhalten. Ziele sollten immer realistisch sein, finde ich, es bringt ja nichts und frustriert doch nur, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.
So ganz nebenbei passiert etwas anderes Wundervolles: Ich lehne mich jetzt endlich mal so kennen, wie ich wirklich bin. Da stellt sich heraus, daß ich eigentlich eher ein schüchterner, ruhiger Typ bin und gar nicht der Partyheld, Wirbelwind und Sprücheklopfer, als den ich mich gerne ausgegeben habe. Es ist ja wirklich so: In meiner nassen Zeit hatte ich nie ein klares Bild von mir selbst, alle Gefühle im guten wie im schlechten habe ich in Bier und Cola-Whisky ertränkt.
Damit komme ich zu einem Thema, das ich bisher noch nicht so richtig angesprochen habe: Depressionen. Ich leide, seit ich zurückdenken kann, an wiederkehrenden depressiven Schüben. Allerdings trinke ich auch, seit ich zurückdenken kann. Bin ich jetzt depressiv, weil ich saufe, oder saufe ich, weil ich depressiv bin? Ich wußte es bisher einfach nicht. Solange ich Alkohol trinke, werde ich jedenfalls nie eine Chance haben, das herauszufinden. Das ist ja genau die Zwickmühle, in dem behandlungsbedürftige Menschen oft stecken: Solange sie trinken, ist eine Therapie ausgeschlossen, aber ohne Therapie schaffen sie es nicht, von der Trinkerei zu lassen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es nützt also alles nichts: man muß "den Tresor von innen aufschließen", wie ich mal irgendwo so schön gelesen habe, und sich erstmal fit für eine Therapie machen.
Zum Anfang meiner nüchternen Zeit war ich für ein paar Tage regelrecht euphorisch, aber die Wogen haben sich dann schnell wieder geglättet. Es folgte Normalität, Alltag, und, ja, auch Langeweile. Aber besonders niedergeschlagen oder krankhaft depressiv habe ich mich in den letzten zehn Wochen nicht ein einziges Mal gefühlt. Das macht mir Mut, daß ich gar keine Depressionstherapie brauche. Nach allem, was ich so erlebt und überlebt habe, wird eine Psychotherapie bestimmt nicht verkehrt sein, aber ich glaube, eine spezielle Therapie gegen Depressionen oder sogar medikamentöse Behandlung brauche ich gar nicht. Das wäre eine tolle Nachricht.
Wo wir gerade bei guten Nachrichten sind: Laut MRT-Befund habe ich gar keinen Bandscheibenvorfall, da habe ich zehn Jahre lang mit einer falschen Diagnose gelebt. Auch so ist bei meinem Rücken nicht alles eitel Sonnenschein, ich habe Haltungsschäden vom vielen Sitzen, aber immerhin ist es nichts völlig Schlimmes. Hätte ich weiter gesoffen, wäre ich nie zum Orthopäden gegangen und hätte das gar nicht gewußt.
So, auf mich wartet ein langweiliger, ereignisloser Sonntag. Ich werde einfach gammeln und entspannen, Sport hatte ich gestern schon. Immerhin kann ich ohne schlechtes Gewissen gammeln, denn ich habe diese Woche alles erledigt, was es zu erledigen gab.
Euch wünsche ich natürlich einen kurzweiligen, ereignisreichen, Sonntag! :b
Hanseat