Liebe ladyinred,
eigentlich wollte ich dir nur eine kurze Antwort schreiben, hatte den Inhalt schon grob im Kopf sortiert.
Aber dann habe ich den Glasmüll in einem Karton gepackt, hatte eine Flasche alkoholfreien Sekt in der Hand und plötzlich schoss mir durch den Kopf: „na hoffentlich sieht dich damit keiner am Container“ Inklusive beschämtem Gefühl und dem Bedürfnis noch in der Küche rechts und links zu gucken, ob auch niemand in der Nähe ist.
Denkst du, das war ein erwachsener, ein logischer Gedanke?
Ich denke das nicht!
Ich denke, sowas ist Teil eines Kilometerlangen Rattenschwanz, der Menschen mit unserer Geschichte ein Leben lang begleiten wird. Dabei sind solche recht harmlosen Gedanken die, die noch am wenigsten belastend wirken.
Alle Kinder von Suchtkranken sind Opfer. Sie sind der Situation hilflos ausgeliefert und haben keine andere Chance als Mechanismen zu entwickeln, um irgendwie zu überleben. Aber die Seele leidet und sie nimmt erheblichen Schaden. Es entstehen psychisch und oft auch physisch zahlreiche tiefe Wunden.
Irgendwann sind diese Kinder aber erwachsen und können sich entscheiden wie sie nun damit umgehen wollen.
Es war sicher als Kind für ihn mit einer Alkoholikern als Mutter nicht leicht, aber man kann auch nicht seine ganze Misere darauf schieben. Er war mit 14 quasi raus aus der Nummer, ich habe das Theater bis zu ihrem Tod mitgemacht...
Dein Bruder scheint sich für die Opferrolle entschieden zu haben und nun sollt ihr anderen ihm es da bitteschön so gemütlich machen wie möglich.
Manchmal komme ich mir so herzlos vor, wenn ich denke, dass man ihm nicht mehr helfen kann. Und dann denke ich, dass ich auch bei meiner Mutter nicht genug gemacht habe. Er hat auch in der Zeit, als wir noch Kontakt hatten, oft versucht mir ein schlechtes Gewissen zu machen, indem er mir vorgeworfen hat, dass bei unserer Mutter auch alle immer nur geschimpft haben und niemand ihr geholfen hat..
Du bist nicht herzlos! Ich kann aber gut verstehen, wenn es sich für dich so anfühlt.
Dein Bruder hat mit aller Macht versucht es dir ein zu reden. Manchmal geben einem Freunde, die selbst keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht haben, ganz doll das Gefühl herzlos zu sein. Ein schiefer Blick, die Friede Freude Eierkuchen Filme, in denen jeder Suchtkranke gerettet wird, wenn er nur genügend Liebe und Unterstützung bekommt. Die gesellschaftlich anerkannte Rolle der Frau. Du bist bei deiner Oma und deiner Mutter geblieben und hast dich gekümmert. Er ist irgendwann beim Vater gelandet. Du kümmerst dich jetzt um den kranken Vater, er ist mit sich selbst beschäftigt. Das ist ja auch kein Zufall. Und und und…
Aber du kannst gar nicht entscheiden ihn nicht auf zu geben, denn das macht er ja gerade ganz alleine!!!
Ich habe auch schon mal überlegt, eine Therapie zu machen und die Vergangenheit aufzuarbeiten, aber dann denke ich wieder, dass ich eigentlich nicht mehr so viel Energie investieren will. Man bekommt sein Leben eigentlich gut hin und macht alles halbwegs richtig und trotzdem ist man am Ende diejenige, die in Therapie geht und die eigentlich kranken ändern nichts...
Hast du dir mal überlegt wieviel Energie es dir raubt keine Therapie zu machen?
Wieviel glücklich verbrachte Lebenszeit dir verloren geht, weil dein Bruder dir nicht aus dem Kopf geht. Wie oft du deine eigenes Leben nicht genießen kannst, weil du gefangen bist in den Mustern einer erneuten Co Abhängigkeit…
Für mich selbst mag ich die bildliche Vorstellung von alten Verwundungen. Manche sind inzwischen verheilt. Viele sind vernarbt und erinnern mich durch ihren Anblick immer wieder mal an früher. Und es gibt welche, die werden nie ganz verheilen, die brechen unvermittelt auf, sind fürchterlich schmerzhaft, lassen mich am Boden liegen und ohne Hilfe würde ich am liebsten nie wieder aufstehen.
Was für Hilfe am besten passt ist natürlich sehr individuell. Aber Hilfe suchen und Hilfe annehmen halte ich für den einzigen Weg, um nicht selbst auf der Strecke zu bleiben.
Lass dich nicht runter machen!
Lass dir kein schlechtes Gewissen machen!
Fühle dich frei, dein Leben in vollen Zügen zu genießen!
Und vielleicht guckst du dich doch nochmal um, wo du passende Unterstützung bekommen kannst.
😘 Lea