Beiträge von Lea

    Als Angehörige, verfolge ich die Diskussion sehr interessiert. Nicht immer kann ich mit den Begriffen nass oder trocken, im jeweiligen Kontext etwas anfangen. Aber es erinnert mich daran, wie ich als Kind und als junge Erwachsene das Verhalten meiner Eltern eingeordnet habe. Vor allem in die Kategorie: „aus dir spricht doch die Sucht“. Später, als ich angefangen hatte mich wirklich komplett raus zu halten, konnte ich von außen nicht mehr zuverlässig einordnen ob es sich um eine trockene oder eine nasse Phase handelte. Was ich immer erkennen konnte, war entsprechendes Verhalten. Für mich war es dann völlig unerheblich, ob konsumiert und gesoffen wurde oder halt nicht.

    Verharmlostendes, beschönigendes, Erlaubnis erteilendes Verhalten, all das hat sich für mich genauso verletzend angefühlt, wie das offene ausleben der Sucht.

    Die Suchtstoff freie Phase war dann eben nicht mehr wert als jede andere Phase, ganz offensichtlich nicht von Dauer. Was sich im Falle meiner Eltern auch meistens bestätigt hat - ich schreibe nur nicht immer, weil ich aufgehört habe es zu überprüfen.

    Ich hätte es früher nie nasses Denken genannt, aber der Begriff trifft eben sehr genau, was sich natürlich anderes umschreiben lässt, aber nichts an dem Kern ändert.

    Es ist übrigens auch gut daran zu erkennen, dass die Abwehrhaltung gegenüber dem Angehörigen oder jemandem der einen darauf hinweist besonders hoch ist. So jedenfalls meine Erfahrung damit.

    Gute Nacht, Lea

    Liebe Julia, ich halte das nicht für einen bösen Gedanken, ich könnte es mit meinem Gewissen nie vereinbaren zu wissen, wenn jemand mit Alkohol im Blut Auto fährt.

    Er könnte jemanden töten oder für immer an den Rollstuhl binden, er könnte Leben zerstören und du hast es gewusst.

    Als Kind habe ich mit im Auto gesessen, es ist nie etwas passiert, was ich bis heute für das reinste Wunder halte.

    Verstanden habe ich es nicht, es war einfach der aggressive unsichere Fahrstil, ich hatte oft solche Angst!

    Diese Angst hab ich mit genommen und Auto fahren war immer eine gewisse Hürde für mich. Eins der zahlreichen, etwas besser greifbaren Beispiele dafür, wie viel es eben doch mit den Kindern macht und das auf Dauer.

    Liebe Grüße, Lea (EKA)

    Ja, liebe PB so im Kern der Sache ist mir das auch absolut klar!

    Gleichzeitig gibt es aber auch meine Gefühle.

    Und wenn ich mir dann vorstelle, dass ein trockener Angehöriger „unnötige“ vermeidbare Risiken eingeht, noch dazu an einem Tag der für mich super wichtig ist. Dann finde ich das genauso egoistisch und über mich und meine Bedürfnisse drüber fahrend, wie die Sauferei vorher.

    Für EKA oder Angehörige ist es ja auch ein Risiko, wenn ich einen trockenen Alkoholiker einlade. Nicht das er wieder säuft, sondern wie gehe ich mit mir um, wenn er wieder säuft.

    Und was macht es mit mir, wenn meine Hochzeit, die Taufe der Kinder oder ein anderer besonderer Moment für immer davon überschattet wird.

    Sowohl davon, wenn an dem Tag gesoffen würde, mit allen unangenehmen Situationen und Gefühlen, die dann in dem Moment entstehen. Oder alternativ, wenn es später passiert und ich mich für immer fragen muss, ob wohl auf meiner Hochzeit der Grundstein für den endgültigen Absturz gelegt wurde.

    Was macht das dann mit mir?

    Und warum darf ich mir keine Gedanken machen, wie das optimal verhindert werden kann?

    Ich frage ja jemanden, der Alkohol trinkt auch nicht, wie ich ihm helfen kann.

    Ich frage aber vielleicht was er gerne trinkt.

    Und ich frage die Familie mit kleinen Kindern, wie ich es ihnen leichter machen kann die Feier zu genießen. Und ich frage bei denen mit mir bekannten Lebensmittelunverträglichkeiten nach Alternativen.

    Selbst wenn ich einen Kindergeburtstag ausrichte, frage ich doch die Eltern mit chronisch kranken Kindern, ob es Besonderheiten gibt und ob ich irgendwas möglich machen kann, damit die Kinder ein Minimum an Einschränkungen haben.

    Und wenn ich diese Informationen eingeholt habe entscheide ich, was für mich passt und was nicht und teile das dann mit.

    Ich empfinde das als übergriffig.

    Hm… das kann ich gut nachvollziehen!

    Fühle aber parallel etwas völlig anderes.

    Für mich bedeutet das ja, ich hatte bereits zu saufzeiten irgendwie mit den Folgen klar zu kommen und nun bin ich weiterhin hilflos ausgeliefert und darf mir nicht einmal Gedanken machen die mich selbst davor schützen könnten ungewollt an einem Rückfall beteilig zu sein 🤔

    Es geht ja nicht um Augen zu und durch, es geht um Eigenverantwortung, die ich als Alkoholiker für mich übernehme.


    Will mir mein Umfeld diese absprechen ist das Coverhalten

    Aber ist es denn kein Unterschied, wenn ich als Angehöriger frage: „kann ich etwas tun, um das Risiko für dich zu minimieren oder es für dich leichter zu machen?“

    Da spreche ich meinem Gegenüber ja nicht die Eigenverantwortung ab.

    Wenn ich über seinen Kopf hinweg entscheide und irgendwas mache z.B. alles alkoholfrei… klar, das finde ich auch übergriffig, aber darüber reden und gucken, wie beide Seiten sich am wohlsten fühlen. Das empfinde ich nicht als Coverhalten.

    Es ist spannend, was diese Gedanken mit mir als EKA machen.

    Ich kann nämlich nicht abschließend sagen, ob ich aus Rücksicht auf mein Gegenüber handeln würde oder aus dem Bedürfnis heraus bestmöglich für mich selbst zu sorgen. Auch wenn mir klar ist, dass ich keine Verantwortung trage… bei einem Rückfall rund um meine Hochzeit oder ein anderes feucht fröhliches Fest, würde ich den Gedanken nie los werden, dass ich es hätte verhindern können.

    Und was ist bitte falsch daran, durch Gespräche und Kompromisse einen Weg zu finden, der eventuelle Risiken minimiert. Egal ob das bedeutet das ich mitteile „es ist für mich in Ordnung wenn du gehst, sobald du das Gefühl hast es wäre besser für dich“ oder „wenn es dir damit besser geht und du dich sicherer fühlst, dann musst du nicht auf die Feier kommen“ oder ich eine Feier komplett alkoholfrei gestalte.

    Reden und sich der Gefahren bewusst werden oder eben auch der Fülle an Möglichkeiten, finde ich jedenfalls tausend mal besser als Augen zu und durch.

    Ja hm… ich finde das ist ein ganz gefährliches und zweischneidiges Schwert.

    Als „Kind“ wünsche ich mir natürlich einen Elternteil der, nun endlich nüchtern, auch an meinem Leben teilnimmt. Wenn nun aber die Teilnahme an meinem Fest zu einem Rückfall führt, dann fühle ich mich doch trotzdem irgendwie verantwortlich - schlimmstenfalls fühle ich mich dann verantwortlich für den Tod von meinem Vater/meiner Mutter, was für eine schreckliche Vorstellung. Der Preis wäre mir persönlich viel zu hoch gewesen. Dabei ist es egal, ob der Rückfall direkt passiert oder in einem kurzen Zeitfenster danach.

    Im konkreten Fall von pgauguin hab ich gestern schon gedacht… Der Sohn weiß doch Bescheid und macht sich sogar Sorgen um seinen Bruder, das sind doch perfekte Vorraussetzungen, um eine gemeinsame Lösung zu finden.

    Bei meiner eigenen Hochzeit gab es zB Sekt, Saft, Häppchen, im direkt Anschluss an die Zeremonie, danach einen Ortswechsel zur eigentlichen Feier. In eurer Situation hätte ich den Alkohol am Standesamt komplett gestrichen und alkoholfrei angestoßen und diesen Teil einfach etwas in die Länge gezogen.

    Es ist doch möglich gemeinsam zu überlegen, ob es Möglichkeiten geben kann, bei denen alle Beteiligten glücklich sind.

    Mir selbst wäre die Anwesenheit von einem frisch trockenen Alkoholiker auf der Party eher unangenehm gewesen. Ich hätte gesplittet. Da mein Verhältnis zu meiner Eltern eher mies ist, wäre eine komplett alkoholfreie Party wohl nicht in Frage gekommen. Für den Schutz einer engen Freundin oder unserer Trauzeugen würde ich jederzeit ein Fest einfach komplett Alkoholfrei halten. Meine Kompromissbereitschaft richtet sich also nach Sympathie und enge der Beziehung.

    So oder so würde ich allerdings nie jemanden der frisch trocken ist so direkt konfrontieren. Dann lieber auf die Anwesenheit verzichten und auf Nummer sicher gehen.

    Was spricht gegen eine gemeinsame Zeremonie und einen feierlichen Abend am Tag vorher oder oder oder. Es gibt doch tausend Alternativen, wenn man offen darüber spricht.

    Zähne zusammen beißen, nur damit man irgendwie dabei ist und später mit einem Rückfall bezahlen.

    Also für mich wäre das keine Option gewesen und wird es auch nie sein.

    Oh und noch was…

    persönlicher Umgang des Vaters mit dem Kind, Reisemittel, Entfernung, tel. Erreichbarkeit, persönliches und von mir beobachtetesn Trinkverhalten in letzter Zeit),

    all diese Überlegungen legen die Annahme zugrunde, als Angehöriger hätte man irgendwie Einfluss auf das Verhalten des Alkoholikers. Das ist aber Quatsch, es ist IMMER eine unberechenbare Situation und es ist IMMER ein Risiko, das man dem Kind aussetzt.

    Was, wenn er an diesem einen Tag zum ersten Mal betrunken fährt und ein Unfall passiert. Was, wenn er alleine mit dem Kind ist, es gibt einen medizinischen Notfall und er kann nicht angemessen reagieren. Was, wenn dein Kind sich fürchtet, weil er so komisch riecht und es sich beim einschlafen irgendwie nicht sicher anfühlt, obwohl Papa doch eigentlich lieb ist.

    Liebe Flower, ich bin EKA und war als Kind auch mit dem Auto oder dem Zug auf Reisen.

    Für mich war es manchmal der blanke Horror, in einer unbekannten Umgebung zu sein und mein Vater oder meine Mutter war irgendwie so komisch, gefühlt nicht verlässlich. Was da wirklich los war kann ich natürlich erst heute komplett erfassen. Aber allein der Weg (ganz besonders Autofahrten) und auch die Besuche bei der Familie selbst hatten immer auch etwas belastendes.

    Meine Einstellung mag extrem erscheinen, doch meine Kinder besuchen nicht einmal Oma und Opa ohne meine Begleitung. Mein Mann ist ein nüchterner, absolut zuverlässiger Papa, aber der Opa ist Alkoholiker und das reicht mir als Unsicherheitsfaktor.

    Würde mein Mann trinken, dürfte er nicht einmal einen Tagesausflug mit den Kindern machen, geschweige denn Auto fahren oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

    Es geht ja nicht darum deinem Kind die Familie oder ein schönes Erlebnis vor zu enthalten.

    Es geht darum dein Kind vor einer unberechenbaren Situation zu schützen!

    Liebe Grüße, Lea (EKA und Mutter)

    Liebe Juli, die Wunde ist noch so frisch und gleichzeitig auch sehr alt.

    Trotzdem hätte ich ihm gern Liebe geschenkt, ihm vergeben, mir vergeben lassen.

    Mit solchen Gedanken habe ich auch immer Mal wieder gehadert, Rotz und Wasser geheult, wenn es im Fernsehen solche letzten Begegnungen oder letzten guten Jahre gab. Am Ende wird nochmal alles gut und man kann in Frieden Abschied nehmen. Was für eine schöne Vorstellung. Einerseits halte ich eine solche Wendung für ausgesprochen unwahrscheinlich und andererseits würden die tiefen Wunden, die durch eine lebenslange von Sucht geprägte Eltern Kind Beziehung entstehen wohl trotzdem nicht so einfach heilen.

    Mein Vater hat nicht viel und schon gar nicht Persönliches in seinen obligatorischen Grußkarten geschrieben. Aber die letzten Karten endeten mit Worten wie: „Ich freue mich auf ein Wiedersehen.“

    Hat er denn aktiv den Kontakt zu dir gesucht? Stand er vor deiner Tür? Hat er jemanden um Hilfe gebeten, damit der in seinem Namen um ein Treffen mit dir bittet? Hat er selbst Verantwortung dafür übernommen, ein solches Wiedersehen zu ermöglichen?

    Und selbst wenn er das alles getan hätte und du aus Angst vor diesem riesen Berg abgelehnt hättest… dann hätte auch dieses Verhalten seine Berechtigung und liegt in euer Vergangenheit begründet.

    Diese Vergangenheit hat er geprägt und nicht du.

    Auch ich trage diese unbeschreiblich tiefe Sehnsucht nach liebevollen Eltern in mir. Nur weil die Sucht gestoppt scheint und eventuell wirklich nicht mehr gesoffen wurde, muss sich aber leider nicht zwingend etwas an der Beziehung ändern. Und was in der Kindheit gefehlt hat, können ein paar gute Begegnungen niemals aufwiegen.

    Ich würde dich gerne trösten und dir Mut zusprechen, also sei sanft mit dir selbst und erlaube dir zu trauern.

    Liebe Grüße, Lea

    Ich hab das bewusst so geschrieben, weil es mir um die Wortwahl im Kopf und auch um diese extrem auffällige Abwehr gehen das Wort Alkoholiker ging ☺️

    Und das Zitat von Elly zeigt ja auch, dass der Begriff im Kopf von 9Leben durchaus existiert, als würde er hier oder wo auch immer häufiger verwendet werden.

    es kostet mich keine Überwindung, mein Verhalten bzgl. meines verstorbenen Mannes als co-abhängig zu bezeichnen: Das war ich durchgehend.

    Bei aller Wortklauberei 😎 nach diesem Satz würde ich vermuten, dass du ausschließlich dein Verhalten rund um den verstorbenen Mann als solches bewertest.

    Aber was ist mit ganz grundsätzlichen Co abhängigen Strukturen? Bist du nach deinem Selbstverständnis geheilt, nachdem dein Mann nicht mehr da ist? Warst du nach deiner Definition nie süchtig?

    Wo stehst du?

    Interessierte Grüße, Lea

    Liebe Juli, mein herzliches Beileid zu deinem Verlust!

    Jetzt gerade wird es greifbar, weil der „offizielle“ Verlust erst ein paar Tage zurück liegt. Ganz ehrlich betrachtet, hast du deinen Vater aber vor einer Ewigkeit an den Alkohol verloren 😢

    Ich heiße dich willkommen, hier bei uns im Forum. Schnell wirst du merken, wie ähnlich sich viele der Geschichten hier sind.

    Beim Lesen habe ich oft genickt und gedacht, wie gut ich das kennen, wir vertraut mir deine Gefühle sind. Der Tod von meinem eigenen Vater liegt nun bald zwei Jahre zurück und ich bin nach wie vor froh und dankbar mir seine Lebensumstände nicht mehr angesehen zu haben. Bestimmt war das ein ziemlicher Schock für dich und die Bilder werden dich vermutlich noch eine Weile begleiten.

    Aber weißt du was mir aus deinem Text am wichtigsten erschien…

    Die letzten zehn Jahre waren so ruhig und erholsam für mich, meine Schwester und meine Mutter.

    Du hast ein Recht auf eine eigenes Leben und ich freue mich so sehr über diese deine Worte!

    Dein Vater hat seine Wahl getroffen und es lag nie in deiner Macht ihm irgendwas zu verbessern oder schön zu machen. Du warst auch nie dafür verantwortlich, wie es ihm geht.

    Es freut mich, dass du hier her gefunden hast. Mir selbst hat der Austausch immer gut getan. Oder einfach die Möglichkeit meine Gedanken hier zu lassen, in dem Bewusstsein das es Menschen lesen, die verstehen, wirklich verstehen aus eigener Erfahrung.

    Noch einmal herzlich Willkommen und einen lieben Gruß, Lea

    Huhu

    wenn ich das so lese… welche Faktoren, welche Motivation, irrsinnig an der Hoffnung fest gehalten… dazu dann die Erinnerung an die Geschichte mit deinem Mann, die für mich als Leserin ein Musterbeispiel für Co-Abhängigkeit darstellt.

    Da frage ich mich dann schon, ob es dir bei der aktuellen Diskussion nicht eher darum geht, dich nicht selbst als Co Alkoholikerin benennen zu wollen.

    Ich bin da selbst auch manchmal hin und her gerissen bei diesen festen Begriffen, ab und an stelle ich auch Fragen oder mische mich ein. Es ist nur halt gar nicht meine Baustelle und mir deshalb letztlich doch eher egal.

    Für dich und deine Zukunft ist es aber doch ganz besonders wichtig, deinen Fokus weg von den Alkoholikern und hin zu dir selbst zu bewegen. Deine eigene Abhängigkeit zu erkennen und daran dauerhaft zu arbeiten. Ein verändertes Selbstbewusstsein ist dabei sicher ein guter und wichtiger Schritt. Eine glückliche suchtfreie Zukunft mit suchtfreien Beziehungen erfordert aber so viel mehr. Co Abhängigkeit endet ja nicht automatisch mit dem Ende deiner Beziehung, zumal es ja nicht du warst, die dem ganzen ein Ende gesetzt hat.

    Eventuell wäre auch für dich der erste Schritt das ehrliche Eingeständnis vor dir selbst 🤔

    Beim Schreiben merke ich gerade, dass mein Text sehr viel bewertender ist, als es sonst meistens meine Art war. Trotzdem lasse ich ihn jetzt so stehen. So kannst du lesen, was für ein Eindruck bei mir entstanden ist und bestenfalls etwas für dich daraus mitnehmen.

    Liebe Grüße, Lea