Beiträge von JuSe

    Du hast recht, so hätte man es auch verstehen können. Natürlich hab ich mich auch irgendwo schuldig gefühlt.. Was hätte ICH anders machen können? Wie hätte ICH besser helfen können? War ich vielleicht oft zu verständnislos für sein Verhalten? Hätte ich die Trinkerei nicht schon viel früher als Krankheit sehen müssen? Sowas frag ich mich heute noch oft...

    Hallo Stern,

    zuerst Danke für Deine Nachfrage. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht antworte ich meistens: Meinem Verstand / meinem Kopf geht es jetzt gut. Meinem Herz geht es schlecht. Einerseits ist es die Erlösung , andererseits die Trauer um einen geliebten Menschen. Meine große Liebe!

    Er hat uns mit Schuld beladen, indem er für all sein Tun und Handeln stets einen Schuldigen gebraucht hat. Seien es die Eltern, die Pflege brauchten. Seien es meine Eltern, von denen er zuwenig finanzielle Unterstützung bekommen hat. Sei es ich, die ihr Schweigen gebrochen hat und sich Hilfe gesucht hat und ihn somit, seiner Ansicht nach, durch die Schweiße gezogen hat und ihn deswegen alle auslachen (was NIE jemand gemacht hat). Mit dem rechtfertigte er stets sein Trinkverhalten....

    Sogar sein 2. Führerscheinentzug war meine Schuld. Und auch ,dass er den Schein nie wieder bekommen wird. Das hat er mir noch mitgeteilt als ich in der Psychiatrie Angaben zu seinem Trinkverhalten gemacht habe. "Weil DU das denen gesagt hast und das so nun im Bericht steht, werde ich den Führerschein nie wieder bekommen" lautete seine Nachricht....


    Viele Grüße

    Juse

    Liebe Aurora,

    es ist traurig was Du durchmachen musstest aber es ist erleichternd dass du daran nicht krepiert bist. Meine Geschichte hört sich ganz ähnlich an, nur dass es bei uns "nur" 15 Jahre waren. Es hat genauso wie bei Dir angefangen. Der Unterschied ist nur dass ich es nicht geschafft habe zu gehen und er sich mit 49 Jahren umgebracht hat. Hätte er das nicht, wäre er ganz sicher daran verreckt. Er wusste es, dass er da nicht mehr rauskommt, aber er hat es bis zuletzt nicht zugegeben. Er hätte mich und meine Tochter und alle seine Mitmenschen die ihm helfen wollten, bis aufs letzte getäuscht und mit Schuld beladen. Erst jetzt wird mir bewusst wie schlimm das alles war. In der schlimmen Zeit, merkt man das gar nicht so. Man funktioniert und versucht zu überleben, Tag für Tag. Alles dreht sich nur um das Leid, diese elendige Sucht. Es ist die Hölle. Ich bin froh dass es dieses Forum hier gibt. Dass hier jeden Tag gegen diese Sucht gekämpft wird! Dass nichts totgeschwiegen wird. Nur Betroffene können einem verstehen.

    Liebe Grüße

    Juse

    Hallo Mine, ich habe genauso gedacht wie Du. Ich habe nur das gehört was ich hören wollte und ich habe fest daran geglaubt dass alles wieder gut wird, deshalb kann ich Dich so gut verstehen. Und das machst Du, weil Du ihn liebst. Keiner kann dich daran hindern zu hoffen!

    Hallo Mine,

    ich habe Deine Geschichte gelesen und drücke Dich ganz stark. Ich kann Dir sagen, dass ich Dich verstehe und Du die Hoffnung nicht aufgeben willst. Es ist nämlich die Liebe die einen hoffen lässt. Die Liebe verdeckt Dir manchmal die bittere Realität aber sie gibt auch Kraft durchzuhalten. Bei meinem Mann wurde es erst 2020 so schlimm mit der Trinkerei (mehrere Entzüge, 4 epileptische Anfälle nach kaltem Entzug etc.), die letzten 2 Jahre war er sogar trocken, weil er den Führerschein verloren hatte und das die schlimmste Strafe für ihn war.... Du kannst gerne meine Geschichte "Sucht und Suizid" lesen wenn Du magst. Nach den 2 Jahren ohne Alkohol, ging es ganz schnell: Er stürzte wieder in die Sucht, der Führerschein war gleich wieder weg nach 3,3 Promille am Steuer. Nach einem 3,5 wöchigem Aufenthalt in einer Klinik nach einem ersten Suizidversuch, hat er sich zuhause erhängt. Die Sucht stand über allem, über unserer Liebe, über der Angst wieder den Führerschein zu verlieren, über all dem was wir uns aufgebaut haben...Die Sucht hat ihn beherrscht... und er hat keinen anderen Ausweg mehr gewusst. Hilfe hat er nicht angenommen, er hat bis zum letzten Tag seine Sucht geleugnet! Ich bete und hoffe für Deinen Mann dass er durchhält, dass ihr es ihm wert seid, dass die Sucht ihn noch nicht ganz eingenommen hat! Ich hoffe dass seine Organschäden noch nicht allzu schlimm sind! Aber wichtig ist, dass Du Rückhalt hast, dass Du auf Dich und Deine Kinder schaust. Denn letztendlich ist jeder Erwachsene für sich alleine verantwortlich. Es liegt in seiner Hand ob sein Leben weitergeht oder ob er daran stirbt. Dass er dann euer Leben damit zerstört ist ihm hoffentlich bewusst. Meinem Mann war leider gar nichts mehr bewusst. Trotzdem wäre ich bestimmt auch noch 100 mal mit ihm durch die Hölle gegangen. Dass er nicht mehr da ist , ist heute nach 8 Wochen noch immer unfassbar für mich. Dass er sein Leben so weggeworfen hat, dass er sich so vernichtet hat, werde ich nie verstehen. Keine Sucht könnte für mich so groß sein, dass ich meinem Kind zu liebe nicht alles dafür gebe würde wieder gesund zu werden.

    Mein Verstand hat immer gesagt: "das wird nichts mehr, du musst dich und deine Tochter retten, bevor ihr Zugrunde geht!"...Mein Herz hat immer gesagt: "Du kannst ihn retten, gib ihn nicht auf....."Es hat mich zerfressen, so machtlos zu sein!

    Liebe Grüße

    JuSe

    Ich danke dir Juse, dass du uns in deiner Trauerphase noch die Kraft hast und uns schonungslos das Gesicht des Alkoholismus, mit allen seine Auswirkungen hier aufzeigst.

    Mein herzliches Beileid.

    Danke Hartmut! Es hilft mir jetzt wieder sehr bei der Verarbeitung und um zu versuchen das Unvorstellbare zu verstehen.. . Ihr Alle habt mir damals auch sehr geholfen, als ich angefangen hab hier zu schreiben. Solche Foren sind ein Segen

    Den Hinweis von Aurora (oder Elly?) von vor zwei Jahren auf mögliche Muster bei Dir (weil dein erster Mann auch Alkoholiker war, noch dazu gewalttätig) finde ich auch sehr wichtig - für Deine Zukunft.

    Hast Du vielleicht in deiner eigenen Kindheit schon übermäßigen Alkoholkonsum/Sucht im engen Umfeld erlebt? Das kann dazu führen, dass man sich unbewusst später solche Partner sucht, weil es vertraut ist, selbst wenn es schwierig war - und/oder dass man selbst wider besseres Wissen abhängig wird. Das ist mit ein Grund, warum hier so vehement für den Schutz der Kinder plädiert wird.

    Ich hatte eine Kindheit ohne jeglichen Kontakt mit Alkohol / Sucht im Umfeld. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, wunderbare fürsorgliche Eltern, eine tolle Verwandtschaft und tolle Freunde. Nie gab es hier Sucht o.ä. Mein erster Mann war vom Typ her ganz anders wie mein zweiter. Der erste war sehr dominant und "laut", ich war noch viel zu jung und naiv damals um die Probleme zu erkennen. Mein zweiter Mann war total anders, sehr ruhig und liebevoll. Ich wusste dass er diesmal der richtige ist. Natürlich frage ich mich oft warum mir das passiert, welche Fehler ich gemacht habe...

    Danke Rennschnecke,

    die Hoffnung stirbt zuletzt - ja das stimmt - es gab immer die Hoffnung für mich weil ich diesen Menschen unendlich liebte. Wir waren 15 Jahre zusammen und die ersten 10 Jahre hat Alkohol unser Leben nie beeinflusst. Er war zwar immer präsent aber nie so dass ich mir um unsere Zukunft Sorgen gemacht habe. Ja, er hatte auch eine schwere Kindheit, eine Herzkrankheit und seine Eltern waren sehr pflegebedürftig und bei uns zuhause. Er hatte es nicht leicht, aber zusammen haben wir soviel schon geschafft. Deshalb starb die Hoffnung für mich zuletzt. Es ist unendlich traurig...und jetzt ist jeder Tag eine Qual. Ich wäre mit ihm noch oft durch die Hölle gegangen...Ja mein Verstand sagte mir schon lange "es wird nichts mehr, du machst dich und deine Tochter kaputt", mein Herz sagt immer "du schaffst es uns zu retten, gib nicht auf....;(

    Liebe JuSe, ich moechte dir auch meine schmerzliche Anteilnahme ausdruecken, dich durch den Bildschirm ganz fest druecken. Moegen dir die Erinnerungen an die guten Zeiten mit ihm als Mann und Vater dir Kraft geben, zu trauern, Abschied zu nehmen und dich in eine weniger belastete Zukunft voranzutasten. Jene Zukunft, die er dir wuenschen wuerde und die er gesund mit dir beschritten haette. Depressionen sind leider eine furchtbare Belastung fuer die Seele und alle, die sie umgeben.

    Wenn es eines Tages fuer dich moeglich ist: Meiner Mutter hat im Austausch mit Betroffenen im Forum der AGUS Selbsthilfe positive Erfahrungen gemacht. Selbsthilfegruppen in Person werden auch angeboten. Vielleicht ist das etwas fuer dich, wenn die Zeit gekommen ist. Alles Liebe.

    Herzlichen Dank für Deine Worte. Ich habe schon von AGUS gehört und werde mich da umschauen. <3

    Liebe Juse,

    Das ist wirklich furchtbar, was ihr erlebt habt. Ich hoffe Ihr habt ein gutes Umfeld was Euch mit auffängt. Ich wünsche Dir auf jeden Fall ganz viel Kraft für die nächste Zeit. Für Dich und Deine Tochter.

    LG Momo

    Danke, wir haben zum Glück Familie die uns auffängt. Wir waren auch gerade beim Hausbauen, es ist fast fertig...Aber ich weiss nicht ob ich dort weiterleben kann wo er sich erhängt hat. Das Bild bekomm ich nicht mehr aus dem Kopf

    Danke! Es tut mir grad gut, die früheren Beiträge zu lesen. Es führt mir vor Augen wie schwer der Leidensweg für uns war und was ich alles versucht habe. Meine Tochter, 10 Jahre, hat alles miterlebt und ihre ersten Worte nach dem Unvorstellbaren waren: "Mama es war eine Erlösung für Papa...und für uns auch". Sie ist mein größter Halt, sie ist so unendlich stark.

    Danke Aurora, ich versuche es irgendwie zu begreifen. Es war doch nicht ausweglos! Wir hätten ein so wunderbares Leben haben können. Trotz der Sucht und all den Rückschlägen hätte ich nie geglaubt dass er sich umbringt. Dass er an der Sucht sterben kann und wird wenn er nicht aufhört, aufgrund Organkrankheiten , war mir bewusst aber dass er es nicht mehr ausgehalten hat kann ich nicht glauben. Ich weiss ich darf mir keine Schuld geben aber ich denke pausenlos daran was ich noch tun hätte können damit er es nicht macht. Es ist alles so schrecklich