Weiter geht´s:
Als Mister X aufgehört hatte zu trinken war er für ca. 2 oder 3 Monate ziemlich euphorisch. Alles kein Problem, mit Vollgas voraus. Er war sehr liebenswürdig, zuvorkommend, gesprächig, aufmerksam und familienorientiert.
In der Zeit habe ich unser zweites Kind geboren und habe sein nettes Verhalten einfach gut gebrauchen können und dankbar angenommen.
Als ich nach dem Wochenbett wieder fit war, habe ich drauf bestanden, dass er jetzt aber wirklich endgültig in seine Wohnung zieht damit die räumliche Trennung auf unbestimmte Zeit vollzogen ist. (Seine Wohnung ist nur 800m von meiner entfernt)
Er war nicht begeistert, fügte sich dann aber doch meinen Wünschen nach Autonomie und Abstand. Unsere Abmachung lautete, unter der Woche schläft er in seiner Wohnung, am Wochenende kann er bei uns übernachten und wir zusammen Familienleben gestalten. Zum Essen und um die Kinder zu sehen konnte er jeden Tag nach Feierabend kommen, wie es ihm beliebte.
Ab da fing er ganz schön an zu routieren, bzw. ich vermute mal, sein Suchtgehirn war endgültig trocken gelaufen und verzweifelt auf der Suche nach neuen Ersatzbefriedigungen und einer besseren Version von sich selbst. Er machte sehr viel Sport, gab auf Arbeit 100% und nochmal 120% beim Outdoor-Hobby wo ihm bald vorschwebte, es vom Amateur in den Profi-Bereich schaffen zu wollen.
Ungefähr in diesem Zeitrahmen begann auch seine ambulante Therapie, die er zu dem Zeitpunkt noch nicht als besonders nutzbringend empfand. Er hat sich oft darüber ausgelassen, wie sehr ihn dieses Gefühlsgelaber nervt.
Tja ratet mal für wen da nicht mehr viel Zeit übrig war, eigentlich schon fast so wie zu Saufzeiten… Es gibt einfach so viele wichtigere Dinge in Mister X´s Leben als Frau und Kinder. ![]()
Dazwischen ist er dann mal für längere Zeit krankheitsbedingt ausgefallen, weil er sich mit den 300% Leistung jeden Tag innerhalb kürzester Zeit körperlich runtergerockt hatte. Das nahm er zähneknirschend zur Kenntnis und trat von da an etwas kürzer, bei mir und den Kindern kam das aber nicht an.
Seine psychische Verfassung blieb die selbe wie zu Saufzeiten, nur ohne Alkohol. Dadurch gab es keine suffbedingten Dramen und Auseinandersetzungen mehr, zum glücklich-sein mit ihm hat das aber nicht gereicht. Ich will nicht nur Nebendarsteller in Mister X´s Leben sein und die Kinder haben erst recht Besseres verdient.
Für mich selbst kristallisierte sich in dieser Zeit immer mehr mein eigenes Wertesystem heraus, was für mich in welcher Reihenfolge wichtig ist und auch dass ich nicht damit leben kann, wenn Mister X und ich nicht in den Grundwerten überein stimmen.
Mir ist die Familie und die Kinder am wichtigsten, das Wohl meiner Kinder liegt mir sogar mehr am Herzen als mein eigenes - solange ich für sie verantwortlich bin. Mister X waren zu dem Zeitpunkt seine Luftschlösser am wichtigsten, welchen Stellenwert er mir und den Kindern genau gab, weiß ich nicht. Sicher ist, die Nr. 1 waren wir nicht.
So lief das noch ein paar Monate, er und ich wurden immer frustrierter von einander und es zeichnete sich für mich (mal wieder) die endgültige Trennung ab. Wenn der Typ sich „trocken“ genauso verhält wie „nass“, brauch ich ihn nicht.
Er fand mich auch nur anstrengend weil ich immer nur Sachen von ihm wollte und ihn überhaupt nicht bei seinen Lebensträumen (Profi-Bereich seines Hobbys) unterstützt habe… und das war ihm wichtiger als alles andere. Seine Vision war nicht „Familie“ und ich hatte bereits eine (unsere zwei kleinen Kinder).
So kam es nach nicht mal ganz einem Jahr seiner Trockenheit wieder zu einem Beziehungsende-Gespräch, das beste das ich je hatte ![]()
Ehrlich, wir waren uns so einig. Er fand er liebte mich nicht mehr so sehr, er mag mich nur noch, genauso ging es mir nach all der Zeit auch. Wir waren uns einig, dass wir unser Möglichstes tun würden, damit es den Kindern gut geht und ansonsten alles wie vernünftige Leute regeln würden.
Tja und dann wies ich ihn darauf hin, dass ich aber nicht für immer alleine bleiben werde. Erstmal natürlich schon und ich würde den Kindern nie einen Ersatzpapa vor die Nase setzen, er bleibt der Papa und fertig. Nur ich selbst möchte mein Leben nicht dauerhaft allein verbringen und wenn ich mich in ferner Zukunft wieder neu verliebe, dann werde ich auch eine neue Beziehung mit einem anderen Mann eingehen.
Da wurde er stumm und nachdenklich, ich ging schlafen, er ging zu sich nach Hause.
Am nächsten Tag wollte er wieder unbedingt mit mir reden. Er erlebte gerade sowas wie seinen emotionalen Show-down. Oberflächlich hatte er gedacht und nicht mehr gefühlt, dass ich ihm doch ziemlich viel bedeute (er war ja besessen von Suchtersatzverhaltensweisen), die Vorstellung ein anderer Mann könnte mit mir mein Leben teilen, versetzte ihn in rasende Eifersucht, bis hin zur Mordlust (ob das emotional gesund ist lass ich jetzt mal dahingestellt). So lag er also wieder auf Knien vor mir und schüttete mir sein Herz aus und ich war ratlos, denn ich wusste nicht was ich davon halten sollte und ich liebte ihn halt wirklich nicht mehr.
Mister X ging es so schlecht, dass er sich krankschreiben ließ und ne Überweisung zum Psychologen bekam, er pausierte ein paar Sitzungen bei der ambulanten Alkoholtherapie, ging aber zu den Einzelgesprächen.
Dann passierte etwas, dass mich doch wieder einwilligen ließ, uns als Familie doch noch eine Chance zu geben: Mit seinem emotionalen Zusammenbruch löste sich anscheinend seine psychische Suchtstruktur soweit auf, dass er einen neuen Zugang zu seinen Gefühlen bekam. Er fand die Liebe zu seinen Kindern (an der Stelle hab ich immer Pipi in den Augen). Er beschrieb es mir so, dass er plötzlich fühlen und annehmen kann, wie die Liebe und Zuneigung, die Kinder für ihre Eltern haben, bei ihm ankommen. Wie Kinder dich anschauen und ihr Blick sagt; ich bin froh dass du da bist.
Er hatte es bis zu diesem Zeitpunkt nicht wahrgenommen ![]()
Es waren keine Lippenbekenntnisse, seit dem hat er sich verändert und seinen Kindern und mir einen Platz ganz oben auf seiner Prioritätenliste gegeben.
Er geht weiterhin zur Therapie, er macht noch ein bisschen Sport und einen guten Job auf Arbeit, manchmal geht er seinem Hobby nach und den Rest der Zeit ist er für seine Kinder und mich da, greifbar und präsent. Nicht weil er muss oder es seine Pflicht ist, sondern weil er will, er macht es gerne.
Ist er psychisch/emotional gesund geworden?
Jedenfalls kommt es mir so vor, dass die Suchtstruktur seines Denkens und Fühlens weg ist. Als wäre es ein Wahrnehmungsfilter zwischen ihm und der Welt gewesen, der auch ohne Alkohol noch lange weiter funktioniert hat.
Als Familie haben wir ab da gut miteinander funktioniert (er und ich konnten schon immer gut zusammen arbeiten), die Beziehung als Paar ist eine andere Baustelle. Seit dem letzten Beziehungsende ist nun ein 3/4 Jahr rum, seine letzte Bierflasche ist sogar schon 1 3/4 Jahre her… Ich liebe ihn nicht. Vielleicht wollte ich ihn gerne lieben aber in meinem Bauch sitzt in Bezug auf ihn ein kalter Klumpen Angst. Er ist etwas kleiner geworden und ich entspannter aber ich traue ihm nach wie vor nur soweit über den Weg, wie ich ihn einschätzen kann.
Ich mag ihn wirklich sehr, meinen besten Kumpel Mister X. Liebe und Vertrauen gehen bei mir Hand in Hand, das eine scheint ohne das andere nicht wachsen zu können. Wenn aus „sehr mögen“ neues Vertrauen wird, dann wird aus diesem Vertrauen vielleicht wieder eine kleine Liebe?
Ich wünsch´es mir, denn mir fehlt das Gefühl von Liebe für einen Mann an meiner Seite.
Liebe Grüße an euch von Alba, die jetzt ein gutes Leben hat.
![]()