Hallo Los,
puuhh, du bringst wirklich schweres Gepäck mit. Aber schön, dass du hier her gefunden hast. Hier kannst du alles aufschreiben, was dir auf der Seele brennt und vielleicht auch durch die Anonymität all das aussprechen, das du sonst nicht sagen kannst oder willst.
Ich kann mich (zum Teil) ganz gut in deine Lage versetzen, weil ich ähnliches in den letzten 1,5 Jahren erlebt habe, nur halt, dass ich die angehörige Ehefrau und zweifache Mutter war. Die Sache, wenn das Kartenhaus immer höher und die Angst immer größer wird, dass bald ein Windstoß daherkommen könnte, kenne ich. Ich habe von morgens bis abends funktioniert, alle anstehenden Pflichten erledigt, gearbeitet, mich um die Kinder gekümmert und Tag und Nacht überlegt, was ich tun könnte um meinem Ehemann irgendwie zu helfen, seine Stimmungsschwankungen, seine Trinkerei, sei Desinteresse am Familienleben, seine Beleidigungen und Beschuldigungen und meinen dauerangespannten Zustand ertragen. Mir war bewusst, dass ich Raubbau an meiner Seele betreibe, doch ich sah keinen Ausweg. Ich wusste genau, dass meine massiven Schlafstörungen bereits ein lautes Alarmzeichen einer sich anbahnenden Depression waren. An der Seite des psychisch erkrankten Mannes (bei ihm ist es auch nicht nur der Alkohol) dachte ich zeitweise, ich werde selbst verrückt. Ich bin gefühlt 3x/Woche an dem Punkt gestanden, an dem mir klar war, ich muss mich trennen. Ich sah das als einzig richtigen Weg an, bis ich um mich kurz darauf lauter Stoppschilder und geschlossene Türen sah. Irgendwie habe ich es immer wieder geschafft weiterzumachen. Ich dachte, ich müsste. Ich war verzweifelt und habe mich auch geschämt. Geändert hat meine Mühe gar nichts, denn der Mann fühlte sich selbst ja total gesund und hat dafür mir diagnostiziert, dass ich in die Psychiatrie gehöre. Zeitweise hatte ich das Gefühl, ich lasse mich freiwillig einliefern.
Seit 4 Monaten sind wir nun nach einer Eskalationssituation getrennt. Die Familie zusammenzuhalten und meinem Mann zu helfen...beides ist mir nicht gelungen. Eines musste ich ganz hart lernen: ich kann niemandem helfen, der keine Hilfe will - auch nicht, wenn es sich einmal um den liebsten und damals empathischsten Ehemann handelt. Ich kann mir heute nicht vorwerfen irgendetwas nicht versucht zu haben. Doch ich frage mich, wie es gekommen wäre, hätte ich viel früher sehr radikal gehandelt und den Mann vor die Wahl gestellt: Alkohol und Depression oder die Kinder und ich. Ich war nicht mutig genug. Ich war zu mitleidend und habe viel zu viel abgenommen. Ich habe immer den kleinen verletzten Jungen in ihm gesehen. Doch wann hat er meine Wünsche und Sehnsüchte gesehen? Wann hat er sich gefragt, ob er mir nicht vielleicht doch ein bisschen zu viel zumutet? Wann hat er wenigstens ein bisschen Verantwortung für seinen Zustand übernommen? Müsste man sich als Ehepaar nicht irgendwie abwechselnd entgegenkommen und sein Bestes geben?
Was das Alleinesein mit den Aufgaben und Pflichten die Kinder, die Arbeit, den Haushalt betreffend hat sich für mich seit der Trennung rein gar nichts geändert. Es ist wie davor, als wir noch zusammen waren. Es erschüttert mich, denn ich merke, dass ich tatsächlich alles alleine und selbst gemacht habe.
Ist denn deine Frau derzeit in Behandlung? Ist sie medikamentös eingestellt? Du nimmst ihr eigentlich so ziemlich alles ab. Sie arbeitet nicht, sie macht nichts im Haushalt, trägt keine Verantwortung. Wäre es denn möglich, dass sie wenigstens kleine Aufgaben übernimmt - zumindest mal für sich selbst? Kann sie sich im Alltag durch irgendetwas als selbstwirksam erleben?
Ich habe, wenn ich die diversen Probleme meine Mannes recherchiert bzw. Ärzte und Psychologen befragt habe, immer wieder den Rat erhalten die Familie zu informieren - zumindest den engsten Kreis. Solange das wahre Ausmaß verheimlicht wird, muss der Erkrankte tatsächlich nichts tun. Diesen Rat habe ich leider erst befolgt, als ich selbst nicht mehr konnte und in eine Depression gerutscht bin, nachdem ich schon 1,5 Jahre an zeitweise schweren Schlafstörungen litt und am Ende keine Nacht mehr länger als 2h schlafen konnte. Da war ich an einem Punkt angelangt, an dem auch ich mich nicht mehr im Stande sah mich angemessen um unsere Kinder zu kümmern. Meine Therapie begann zum Glück bereits nach einer Woche zu greifen und nun kämpfe ich mich immer weiter zurück. So traurig es ist, manchmal hilft es nur anzunehmen, dass man dem Angehörigen nicht helfen kann. Du hast ja selbst berichtet, dass du dir bereits eine Auszeit nehmen musstest. Einfach weiterzumachen ist ein Spiel mit dem Feuer. In den 1,5 schlimmen Jahren habe ich parallel dazu immer Selbstfürsorge betrieben. Damit konnte ich meinen Kopf über Wasser halten. Hätte ich das nicht gemacht, wäre ich wahrscheinlich schon früher zusammengebrochen. Wirklich hilfreich war es nicht.
Wie erlebt euer Kind seine Mutter? Kann es sich bei der Mutter sicher fühlen? Schont es die Mutter? Kann es Kind sein? Kann es sich der Mutter zumuten? Zeigt es irgendwelche Auffälligkeiten? Gibt es außer dir noch eine andere stabile Bezugsperson? Wie erlebt es dich? Kennt es dich glücklich und entspannt?
Ich kann das Gefühl dich nicht von deiner Frau trennen zu können sehr gut nachempfinden und verstehen. Man hat sich ja als Ehepaar einmal etwas versprochen. Es gab vermutlich auch einmal sehr schöne, unbeschwerte Zeiten. Auch wenn ich noch sehr verletzt bin, bin ich trotzdem auch noch immer sehr traurig über die Wendung, die unser Leben genommen hat. Getrennt bin ich eigentlich gegen meinen Willen, doch noch länger zu bleiben, wäre auch nicht mehr gegangen. Es habe nicht nur ich als Ehefrau sehr gelitten, sondern leider auch unsere Kinder. Trotz allem hast auch du wie jeder Mensch das Recht auf ein glückliches Leben. Kannst du neben und mit deiner Frau glücklich sein?
LG, Saphira