Meiner Ansicht nach ist es nicht mit dem Versuch des kontrollierten Trinkens vergleichbar. Ich hole etwas aus, um zu erklären, warum ich das so sehe.
Der Vergleich wäre für mich nachvollziehbarer, wenn mein Leben weiterhin um das Leben meiner Mutter kreisen würde. Das ist aber nach dem ersten Schock des Wiedersehens, bei dem ich nach fast zwei Jahrzehnten mit dem massiv verschlechterten Zustand meiner Mutter konfrontiert wurde, also der Re-Traumatisierung zu Beginn letzten Jahres und dem damit verbundenen (langwierigen und schlimmen) Rückfall in alte Muster mittlerweile nicht mehr der Fall, auch wenn ich vor Ort bin.
Es ist eher eine Frage meines Energiehaushalts.
Die Vereinnahmung, die Wut meiner Mutter und die Manipulationsversuche abzuwehren, erfordert vor Ort jeweils so extrem viel Kraft und Energie, dass es mich sozusagen schreddert.
Wenn wir vor Ort sind, kostet es (zu) viel Kraft, nicht in den von Momo so treffend beschriebenen "Reaktionsmodus" zu verfallen. Ich fahre deshalb extrem selten hin (das letzte Mal an Ostern, davor Anfang September letzten Jahres).
Generell halten wir uns an unsere Pläne: Auch wenn sie volltrunken stürzt und wieder einmal ein oder zwei Tage im Krankenhaus ist, fahren wir nicht hin. Mein Mann ist auch beim letzten sehr schweren Sturz, der für sie schlimme Folgen hatte, erst wie geplant nach sechs Wochen gefahren, um Dinge zu erledigen, die sie nicht schafft. Der Pflegedienst fand das krass. Ich kann es gut mit meinem Gewissen vereinen. Es heißt ja nicht, dass mir und meinem Mann der Sturz nicht leid tut. Aber vor Ort hätten wir auch nichts an ihrem Zustand ändern können und sie wird ja gut versorgt.
Auch wenn wir vor Ort sind, versuchen wir den Reaktionsmechanismus zu durchbrechen: Wenn meine Mutter aus welchem Grund auch immer ihre Kontrolle verliert, reagieren wir nicht auf sie, sondern gehen konsequent aus dem Raum. Wir gehen nicht auf ihr Verhalten ein, auch wenn wir wieder zurückkommen. Auch am Telefon mache ich das so, aber da passiert es kaum noch. Der klare Schnitt verunmöglicht Reaktions-Ping Pongs und hilft mir dabei, bei mir zu bleiben. Denn ihr Verhalten ist ihrs und hat nichts mit mir zu tun. Ich verurteile sie auch nicht (mehr) für ihr Verhalten. Meine Mutter ist schwer krank und ihr Verhalten ein Resulat des Alkoholmissbrauchs und ihrer Persönlichkeitsstörung. Ich kann an diesen Krankheiten nichts ändern.
Was es zudem von einer Co-Beziehung unterscheidet: Ich führe mit meiner Mutter keine Beziehung und habe auch nicht den Anspruch, eine Beziehung mit ihr zu führen. Ich erfülle eine festumrissene Aufgabe für sie. Es fühlt sich mehr nach einer Arbeit an, die ich übernommen habe und die ich nun so gut ich es kann und in dem von mir gesetzten Rahmen erledige.
Ich denke nicht mehr an die Zukunft meiner Mutter, so schlimm sich das anhören mag. Ich handle pragmatisch und verbindlich. Dabei schaue ich vor allem auf mich selbst.
Für mich geht es zur Zeit darum, ganz gesund und schmerzfrei zu werden (eine sehr langwierige chronische Sache, die aber vor dem erneuten Kontakt zu meiner Mutter begann und die zum Glück abheilen wird) und dann wieder voll meine Arbeit aufzunehmen. In Teilen ist mir das bereits gelungen, worauf ich extrem stolz bin. Denn ich kriege die Balance zwischen Arbeit und zu viel Arbeit, die meinen Zustand wieder verschlimmert, mittlerweile ganz gut hin. Das ist für mich die Hauptsache und, wie gesagt, die Dinge, die ich für meine Mutter organisiere, vergesse ich mittlerweile sogar, nachdem ich sie aufgegleist habe.