heute sind es 1 1/2 jahre oder 18 monate, dass ich den alkohol hinter mir gelassen habe.
genauer gesagt, ich hatte die letzte flasche geöffnet, kurz gezögert und den wein dann in den ausguss geschüttet. seither ist alkohol passé.
das gin g aber nicht von einem tag auf den anderen. im august war ich mit meiner familie im urlaub. und da hatte ich mir zum ersten male so richtig eingestanden, dass ich ein massives problem habe. es fing damit an, dass ich vor der ulrlaubsfahrt panik bekommen habe. eine ganz nacht im auto, die hälfte davon muss ich fahren. wie soll das gehen ohne alkohol? dann: im urlaub bekommen ja alle mit, wieviel ich trinke, wir sind ja immer zusammen. zu hause geht's ja mit heimlich saufen, flaschen verstecken, etc. ihr kennt das ja.
aber im urlaub? ich bin dann dazu übergegangen, große kanister wein zu kaufen (5 liter), damit keine flaschen plötzlich leer oder verschwunden sind. ich habe sogar den wein im kanister mit wasser verdünnt, so dass die weggesoffene menge nicht so auffällt. in der bar habe ich morgens heimlich café correto, als espresso mit einem schuss grappa bestellt, manchmal auch zwei. aber natürlich sind ja ehepartner nicht blöd und schon bald gab es ärger wegen meines konsums und zustands. da wir alkoholiker aber alkoholiker sind, hätte mich das sicher nicht abgehlaten weiter zu saufen.
was mir schließlich die augen geöffnet hat, war mein kinder zu sehen. durch den weinnebel hindurch kam die erkenntnis, dass ich sie groß weeden sehen will und dass sie ein recht auf einen vater haben.
und der blick in den spiegel, als ich mich wieder einmal vom pool zur verstekten flasche weggeschlichen hatte. wie unwürdig, beschämend und widerlich, den typen da im spiegel zu sehen. ich beschloss, jetzt reichts.
aber es hat dann noch einen monat gedauert, bis ich schließlich den mut fand, aufzuhören. in diesem monat habe ich zwar weitergetrunken, habe aber angefangen podcasts zum thema alkoholiker und alkoholfreies leben zu hören, bücher gelesen und viel nachgedacht. und am 22. september 2023 war es dann soweit.
und seither bin ich nüchtern. und ich bin glücklich darüber.
das schönste ist, dass ich seit mehreren monaten nicht mehr das gefühl habe, ich lebe "unnormal", also dass mir was fehlt, sondern, dass ich mich als kompletter empfinde. ohne alkohol zu leben, ist kein verzicht mehr, den ich mir erkämpfen muss, ohne alkohol zu leben ist das bessere leben, ist in vielerlei hinsicht ein neues leben. ich bin klarer geworden in meinen entscheidungen, empathischer, gelassener und zuversichtlicher (trotz dieser schrecklichen zeiten).
mit den versuchungen des suchtgedächtnisses habe ich weitgehend gelernt, umzugehen. kritischen situationen geh ich aus dem weg, mein umfeld hat meine abstinenz mittlerweile akzeptiert, reagiert nicht mehr verwundert oder agressiv und das verhältnis zu meiner familie ist wieder herzlich.
p.s. jeden morgen, wenn ich aus dem haus gehe, sehe, was mit mir passiert wäre, wenn ich nicht zu trinken aufgehört hätte: in einem café bei mir ums eck sitzt jeden tag eine frau, sie hat schon morgens ein erstes pils vor sich. im lauf der monate und jahre ist sie immer aufgedunsener geworden, manchmal schimpft sie vor sich hin, einmal ist sie vom stuhl gefallen. und ich wundere mich jeden tag aufs neue, dass sie noch da ist und immer noch einen neuen tag mit pils beginnen kann. eines tages saß sie vor einer tasse kaffe und als ich an ihr vorbei lief, sagt ich zu ihr: "bleiben Sie beim kafee, ich hab's auch getan." sie hat mich langsam angesehen und nur gesagt: "nein."