"Das arme Kind" soll der Arzt bei meiner Geburt gesagt haben. Meine Mutter schwört aber, dass sie nur ganz wenig, um anzustoßen, am Sekt genippt habe. Sie war gerade auf einer Feier.
Als Kind mochte ich die süßen Liköre und ich glaube hier hatte ich auch schon die erste Wirkung gespürt.
Mit 16, 17, 18 ging es dann los. Am Wochenende, bei Feiern, mit Freunden bei mir Zuhause. Niemals alleine, das war mir völlig fremd.
Meine Eltern hatten einen unerschöpflichen Wein - Vorrat im Keller. Da konnte ich unbemerkt was abzweigen. Ich weiß noch wie meine Mutter einmal in meinem Kleiderschrank das Leergut gefunden hat - zig Flaschen. Da war was los. Sie wollte mich zur Suchtberatung schleppen, ich habe ihr den Vogel gezeigt.
Als Studentin habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich ein Alkoholproblem haben könnte. Ich habe dann einen Selbsttest gemacht und nichts mehr getrunken. Nach drei Tagen haben mich meine Freundinnen gebeten aufzuhören, weil meine Stimmung unerträglich wurde.
Ich bin ins Ausland gegangen. Dort war eine noch heftigere Trinkkultur als hier. Als meine trinkfesten Eltern mich besucht haben meinten sie anerkennend, dass ich jetzt "den letzten Schliff bekommen" habe.
Alkohol war vollkommen normal, wenn ich mit anderen zusammen war. Jemand der keinen Alkohol trinkt wäre für mich "ein trockenes Brötchen" gewesen.
Auf diesem Hintergrund habe ich meinen Mann dann mit Ende 20 kennen gelernt. Er sagt retrospektiv dass er damals schon Alkoholiker war. Es fällt mir schwer das zu glauben.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir zusammen gekommen wären, wenn ich es nicht selbst normal und gut gefunden hätte, dass abends getrunken wird.
Manchmal habe ich mich schon gefragt ob ich stellvertretend über ihn meine eigene Sucht kontrolliere. Als er das erste Mal in der Reha war (vor 12 Jahren glaube ich) da hat mir seine Therapeutin die Leviten gelesen, dass wir Alkohol im Haus haben, dass ich selbst Alkohol trinke in seinem Beisein.
Da habe ich Zuhause gar nichts mehr getrunken. Nur wenn ich weg war, aber das war dann nicht mehr oft - ich war ja nun älter - und dann auch nicht viel. Das ist mir auch nicht besonders schwer gefallen.
Ich habe es ihm aber immer übel genommen, dass ich "wegen ihm" nichts mehr trinken darf. Für mich war das ein Verlust.
In seiner zweiten Reha wurde mir gesagt es sei ein Zeichen von Co-Abhängigkeit, wenn ich wegen ihm selbst nichts trinke. Als i-Tüpfelchen war damals am Ende des Angehörigen-Seminars ein Pärchen "aufgetreten": sie Alkoholikerin, seit vielen Jahren trocken, er der Ehemann. Beide supersüße, tolle Leute. Sie hat dann erzählt, dass es ihr gar nichts aus macht, dass er Wein Zuhause lagert und trinkt, das sei seins. Er hat erzählt wie er das genießt. Aber kam für mich nicht in Frage. Alleine trinken fand ich seltsam.
Ich habe es aber vermisst. Und wenn mein Mann dann doch wieder getrunken hat, dann war ich richtig sauer: ich bin abstinent und du säufst trotzdem!
Nachdem er schließlich länger trocken war, nachdem er die richtigen Medikamente bekommen hatte und nachdem alles so viel besser wurde - dachte er, er kann jetzt ein alkoholfreies Bier trinken, dann ein Radler, dann ein Bier... Das war mir recht. Ich konnte auch wieder was trinken. Ich habe das genossen. Es ging auch erstaunlich lange gut.
Ich habe aber nie mehr viel getrunken. Ich habe immer den Rückwärtsgang eingelegt, sobald ich den Rausch gespürt habe. Da war bei mir Schluss. Mir war es immer wichtig nüchtern ins Bett zu gehen. Wenn ich weg war habe ich Zuhause noch Tee getrunken und bin auf geblieben, um runter zu kommen. Wir hatten ja einen Alkoholtester und wenn ich dachte jetzt habe ich bestimmt viel, dann habe ich gepustet und es war immer unter 0,5 . Ich habe mich dann gewundert, dass man damit sogar noch Autofahren dürfte. Mir kam es mehr vor.
Ich kürze jetzt mal ab:
Erst durch den epileptischen Anfall meines Mannes ist bei MIR jegliche Lust auf Alkohol komplett weg gegangen. Ich selbst habe seit damals, Anfang Januar, keinen Tropfen mehr getrunken und auch überhaupt keine Lust mehr darauf gehabt. Ich glaube ich weiß jetzt was "zufriedene Abstinenz" heißt. Früher dachte ich immer es bedeutet, dass jemand den Verzicht auf Alkohol kompensiert bzw. es halt schafft "trotzdem" zufrieden zu sein. Jetzt glaube ich, es heißt, dass ich Abstinenz gar nicht mehr als etwas Nachteiliges sehe, sondern tatsächlich froh damit bin. Ohne Gefühle von Verlust. Sondern dem Gefühl von Gewinn. Für mich war der Anfall ein Tiefpunkt, der bei mir Klick gemacht hat.
Ich glaube dennoch nicht, dass ich Alkoholikerin bin. Ich habe früher sicherlich Alkoholmissbrauch betrieben. Und ich hatte Glück, dass es nicht zur Sucht wurde.