Hi Ihr,
ich bin hier sicher mit am längsten trocken.
Das hat aber nichts zu sagen für diesen Text, weil ich an dem Punkt, den ich hier darstellen will, schon relativ bald war.
Bei mir hatte sich die Lebensqualität nach dem Aufhören innerhalb weniger Wochen um gefühlte Größenordnungen verbessert und wirklich alles ging um Größenordnungen leichter. Was natürlich auch daran lag, dass ich genug gesoffen habe, dass der Spaß eigentlich schon Jahre vorher vorbei war und ich die ganzen Probleme nicht mehr hatte, die aus den Abstürzen resultierten.
Gleichzeitig habe ich auch absolut akzeptiert, dass es für mich keine Rückkehr zu einem entspannten Trinken mehr geben kann, weil ich einfach so bin, dass ich einen Rausch will und zwei drei Bier immer nur Antrinken sein würden.
Heute sehe ich das als Kennzeichen der Sucht, ich bin damals mehr dem nachgegangen, wie die Gefühle tatsächlich waren.
Es war meine innere Überzeugung, dass Saufen das Leben schöner macht, die im Nachhinein betrachtet suchtgesteuert war, und die ich beim aufhören kognitiv auseinanderargumentiert hatte. Danach konnte ich mir da nichts mehr vormachen, ich fand Alkohol dann widerlich, und deswegen ist das nie ein Kampf gewesen.
Und ich hatte eine ausgeprägte Anfangseuphorie, sicher auch, weil es sich für mich als wesentlich einfacher herausstellte, als ich befürchtet hatte.
Selbst das Feiern ging nüchtern besser, wobei ich damit nicht Saufveranstaltungen meine, aber lockeres geselliges Beisammensein, weil ich dann einfach einen klaren Kopf hatte, nicht mehr schlecht aufgefallen bin, am nächsten Tag noch wusste, worum es ging und kein Kater, das Gesamtfeeling. Und ich habe nüchtern oft viel Spaß mit anderen Menschen. Nicht mit allen natürlich.
Auch in anderen Bereichen war ich zwar nicht immer rundum glücklich und zufrieden, aber ich bin es nüchtern anders angegangen. Habe Lösungen gefunden, die keine Schnapsideen waren.
Aus Gründen, bin ich immer noch ein sehr überzeugter Trockener und würde nicht mehr anfangen, wenn ich es könnte.
Kognitiv wie emotional.
Im Rückblick sind die Zeiten, in denen ich wirklich mal Spaß beim Trinken hatte, einfach nicht wiederholbar. Aus Gründen des Erwachsenseins, des Kontrollverlustes, des anderen Lebensstils, und vor allem aus Gründen meines Lebensgefühls.
Das ist für mich schlicht eine Wohlfühlfrage und im Rückblick ist die kognitive Erkenntnis, dass schon Jahre, bevor ich aufgehört habe, der Spaß vor allem in meiner Vorfreude aufs Trinken bestand, aber in Wirklichkeit nicht mehr auftrat, mit der emotionalen Erinnerung, wie schlecht es mir tatsächlich ging, untrennbar verbunden.
Egal wie schlecht es mir in den vergangenen 26 trockenen Jahren mal ging, ich hatte nie den Gedanken ans Trinken dabei. Ich denke, das liegt daran, dass ich erstens freiwillig aufgehört habe, mir das nie verboten habe, und ich die sehr tiefsitzende Überzeugung, also mehr als nur Gedanken, habe, dass ich wirklich nichts verbessern würde.
Ich habe schon vor vielen Jahren gesagt, wenn ich denken würde, es würde mir besser gehen, wenn ich wieder anfange, dann würde ich das machen. Bis jetzt war ich immer davon überzeugt, das würde mir nichts bringen. Und ich sehe nichts vor mir, was daran etwas ändern könnte.
Vom Lebensgefühl her weiß ich immer und bis ins Innerste, dass es mir nüchtern besser geht als wenn ich trinken würde.
LG