Beiträge von Zwieback

    Die Sucht ist sehr clever, aber wir sind ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Für uns Alkoholiker gibt es nur einen richtigen Weg, und der ist verdammt richtig, alle anderen Wege sind falsch. Im Grunde weiß das jeder von uns, ob einer schon sehr lange trocken ist oder noch ganz am Anfang steht….(selbst diejenigen, die noch nass sind wissen das, kommen aber nicht aus der abwärt-Spirale)

    Wäre da nicht die Sucht, die uns immer wieder verarschen will und uns immer wieder irgendwelche geschmückten Lügen anbietet…,Genau deshalb ist diese Gemeinschaft hier für mich eine endlose Fortbildung, die ich nicht nur für notwendig halte, sondern die mir mittlerweile auch viel Spaß macht.

    Weshalb Fortbildung? Meine Sucht wird zwar mit der Zeit immer leiser und leiser, aber auch raffinierter und dadurch gefährlicher. Ich möchte ihr immer etliche Schritte voraus sein, nicht nur einen Schritt weiterdenken, sondern zehn. Deshalb halte ich es auch nicht für übertrieben, in diesem Fall mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

    👴🏻

    Früher, als es noch keine Navis gab, gab es Landkarten. Das hat prima funktioniert. Auf der Landstraße ist man einfach rechts rangefahren und hat mühselig seinen aktuellen Standort analysiert. Als man dann irgendwann wusste, wo man war, konnte man mithilfe der Karte die Richtung einschlagen, in der das Ziel lag.


    Problematischer war es auf der Autobahn. Man reduzierte die Geschwindigkeit von 120 auf 90 und versuchte, sich sehr zu konzentrieren, ob die kommende Ausfahrt die richtige war oder nicht. Alle Insassen, Kinder inbegriffen, mussten still sein, damit der Fahrer die richtige Entscheidung treffen konnte. Und es kam, wie es kommen musste: Auf den darauffolgenden Schildern erkannte man schnell, dass man komplett in die falsche Richtung fuhr.

    Das ist sehr ärgerlich, aber das Gute daran ist: Nach vielen unnötig gefahrenen Kilometern kann man wenden, zurückfahren und einen erneuten Versuch starten, um sein Ziel zu erreichen.

    Ich hatte vor einiger Zeit hier geschrieben, dass ich mir sehr schlimm vorstelle, wie es früher gewesen sein muss, ohne Internet und ohne Forum. Darauf hatte jemand geantwortet: „Ja, man ist einmal falsch abgebogen, und schon hatte man wieder den Salat.“ Das war ein Denkanstoß für mich, heute diesen Text zu schreiben. Deshalb: Danke, Forum!

    Zum Trockenwerden gehörte für mich immer auch das Loslösen vom Alkohol , ihm immer weniger Raum zu geben. Das bedeutet nicht, die Sucht zu vergessen. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass sie da ist.

    Guten Morgen,

    Als ich das gelesen habe, habe ich mir die Alkoholsucht bildlich als einen Gegenstand vorgestellt, den ich in einen Vakuumbeutel lege und die Luft mit einem Vakuumgerät komplett aus dem Beutel sauge, und dabei denke: So viel Raum reicht der Sucht, mehr braucht sie nicht, um zu existieren. 😄

    Ich hatte hier letztens geschrieben, dass mich das Forum wachgerüttelt hat. Genau solche Texte sind es, die mich wachrütteln. Dankeschön.


    Früher, also vor vielen, vielen Jahren, als ich noch sehr jung war hatte ich mal auf der Arbeit von einem Arbeitskollegen gehört: „Hast du mitbekommen, der... war in der Entzugsklinik und ist jetzt trocken?" Da fragte ich: „Was meinst du mit trocken? Was heißt das?" Er erklärte mir, dass …..ein großes Alkoholproblem hat, in einer speziellen Klinik war und dort behandelt wurde, und dass er jetzt trocken ist.

    Ich schaute ihn an und verstand es nicht ganz. Er sagte zu mir: „Trocken ist, wenn ein Alkoholiker keine Kontrolle mehr hat, also unkontrolliert trinkt, und wieder ein normales Leben führen möchte. Dafür gibt es eine Klinik, in der man behandelt wird, und danach will und darf man nie wieder trinken , man ist dann trocken." Das fand ich damals lustig.

    Viele Jahre vergingen. Ich habe viel gesoffen und sehr viel Mist gebaut.

    Immer wieder war es mein Ziel, abstinent zu leben oder kontrolliert zu trinken — nur „trocken" sein, das wollte ich nicht. Dieses Wort „trocken" war für mich so schlimm, dass ich mich nicht damit identifizieren wollte und konnte. Erst hier im Forum habe ich den Sinn in diesem Wort verstanden.


    Das ständige Lesen hier im Forum hat mich wachgerüttelt.

    Du hast hier sowas von Recht !!! 👍

    Man sagt doch, er oder sie hat sich das Hirn weggesoffen. Das trifft bei mir, soweit ich das beurteilen kann, zu, wenn ich hier im Forum lese. Es gibt so viele Texte, bei denen ich beim Lesen denke: „Mensch, das ist aber schön erklärt, das muss ich mir merken”, oder: „Das finde ich sehr interessant, das darf ich nicht vergessen.” Und wenige Minuten, nachdem ich es gelesen habe, ist es weg , ,ich kann es mir nicht merken. Das trifft nicht auf alles zu, was ich hier lese, aber auf sehr viele Sachen, und das ist sehr ärgerlich. Also dieses Verblöden durchs Saufen habe ich in dem Text auf mich selbst bezogen.😗

    Hallo, sehr viele nasse Jahre habe ich gedacht und gewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Doch es ging weiter, immer weiter, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

    Nun bin ich etwas über zwei Jahre trocken, sehr glücklich und froh darüber, aber auch etwas traurig, weshalb es bei mir nicht schon viel früher geklappt hat. So viele, aus damaliger Sicht “schöne” Jahre sind besoffen an mir vorbeigezogen, selbst das Aufwachsen meiner beiden Kinder bedeutete damals mehr oder weniger nur Stress für mich. (Während ich das hier gerade schreibe, kullern ein paar Tränen über mein Gesicht.)

    Wie ist es bei euch? Werdet ihr manchmal auch sentimental und traurig, wenn ihr zurückblickt und denkt: Mensch, ich hätte viel früher aufhören müssen beziehungsweise können?

    Und deine Meinung interessiert mich natürlich auch sehr, Hartmut. Wie ist es bei dir? Denkst du manchmal: Ich bin nun 19 Jahre trocken, hätte aber 20 Jahre trocken sein können, wenn ich ein Jahr früher aufgehört hätte?

    Hallo Dalida,

    Meine Gedanken: wenn ich ein Alkohol-“Problemchen“ hätte und eine neue Beziehung beginnen würde, dann würde ich meinen täglichen Konsum auf 2-3 Bierchen reduzieren und das vielleicht als Trauer Begründung verpacken…. Ich hoffe, dass der Anfang eurer Beziehung nicht das schleichende Ende deiner Abstinenz ist. Alles Gute🙋🏻‍♂️

    Ich möchte noch etwas zu meiner damaligen Sichtweise (vor zwei Jahren) sagen, als ich mich entschlossen hatte, abstinent zu leben.


    Es gab zu Anfang meiner Abstinenz zwei Kategorien: eine, die für meine damals geplante Abstinenz förderlich war, und eine nicht förderliche Kategorie.

    Den Satz „Heute trinke ich nicht” habe ich damals als nicht förderlich eingestuft, ja sogar als gefährlich. Denn wenn ich sage: „Heute trinke ich nicht”, sagt meine Sucht-Stimme: „Ah, okay, heute also nicht. Gut, dann bis morgen” oder „Meld dich einfach wieder, wenn’s so weit ist” …. Weil ich das aber nicht wollte, mochte ich diesen Satz nicht.

    Was für den einen passt, passt für den anderen nicht. Wichtig ist eigentlich nur eine zufriedene Abstinenz, egal wie.😊

    Heute“ war ja am Anfang nur der Zeitraum, den ich tatsächlich beeinflussen konnte. Mal so gesagt: Morgen kann ich heute sowieso nicht trocken bleiben. Wenn morgen da ist, ist es wieder heute. Das Suchthirn bekommt damit keinen späteren Termin im Kalender, sondern jeden Tag dieselbe geschlossene Tür.

    Mit diesem „Heute trinke ich nicht” konnte ich, seit ich hier im Forum bin, überhaupt nichts anfangen, weil ich nicht nur einfach “heute nicht trinken wollte“, sondern den großen Wunsch hatte, diesen Horror in meinem Leben ein Ende zu setzen.

    Danke fürs Erklären, Hartmut . Nun kann ich mit dem Text etwas anfangen.😉

    Hallo @ JEB

    Ich habe seit meiner Jugend denselben Hausarzt. Ich habe den Hausarzt noch nie gewechselt, weil ich mit ihm sehr zufrieden bin.

    Ich habe ihm schon vor sehr vielen Jahren gesagt, dass ich viel zu viel trinke, auch harte Sachen. Seine Reaktion war immer wieder: ‚Ja, dann nehmen wir mal Blut ab und prüfen die Leberwerte.’ Nach dem Ergebnis hat er immer wieder auf eine beruhigende Art und Weise gesagt, dass die Leberwerte zwar erhöht sind, aber alles noch halbwegs im Rahmen ist. Also ja, Alkohol ist schädlich, aber aktuell gibt es keinen Handlungsbedarf. Wenn Sie mit dem Alkohol aufhören, wäre es gut, und wenn nicht, ist es auch in Ordnung.

    Ich schätze ihn als Allgemeinmediziner sehr, aber ein Allgemeinmediziner kann in meinen Augen selten ein Alkoholismusexperte sein.



    Ich finde nur, du selbst kannst am besten wissen, wo du herkommst und wo du hin willst. Deshalb höre auf dein inneres Ich, und falls dein inneres Ich dir sagt, dass du eine Alkoholikerin bist, dann ist die Aussage deines Mediziners brandgefährlich.


    🙋🏻‍♂️

    Hallo aennie,

    Alkohol hat in unserem Leben sehr viel kaputtgemacht und leider auch viele negative Spuren hinterlassen. Das Gute ist aber, dass wir den Zerstörungsprozess gestoppt haben. Wenn dir die Therapie guttut, sei froh darum. Wenn es aber nichts bringt, dann lass den Kopf nicht hängen – das Wichtigste, was du hast, bist einzig und allein du.

    Und du bist gerade auf dem besten Weg, alles wieder auf die Reihe zu kriegen. Das braucht aber Zeit. Hab Geduld mit der Abstinenz. Es kommt nicht Schlag auf Schlag etwas Positives. Manchmal passiert eine Weile kaum etwas, und manchmal kommen schlagartig mehrere erfreuliche Ereignisse durch die Abstinenz aufeinander.

    Ich wünsche dir weiterhin alles gute 🍀

    Noch was: Heute war ich wieder mit meiner Frau in der Stadt bummeln. Meine Frau sagt zu mir: „Schatz, ich geh mal da drüben auf der anderen Straßenseite in die Boutique. Wartest du bitte hier kurz, es dauert nicht lange.” Ich sage: „Klar.” Wie gewohnt waren es gefühlte 40 Minuten, als sie wieder aus der Boutique kam. Sie sagt zu mir: „Sorry, hat es lange gedauert?” Ich lächle und sage: „Nö.”

    Ich habe mir in der Zeit, in der sie in der Boutique war, ein leckeres Eis gekauft. Ich habe mich über das schöne Wetter gefreut und mir die vorbeigehenden Leute, Autos und Motorräder angeschaut.

    Es ging mir in den 40 Minuten gut.

    Früher wäre ich in diesen 40 Minuten vor Wut gekocht. Entweder wäre ich in die Boutique gegangen, hätte meine Frau übelst angeschaut und ihr mit meiner Mimik anmerken lassen, dass ich mich nicht verarschen lasse, oder ich hätte gewartet, bis sie aus der Boutique kommt, sie mehr oder weniger angeschnauzt, und wir wären, ohne ein Wort zu wechseln , nach Hause gefahren. Nun bin ich auch nicht die Ruhe in Person, aber den extremen Aggro-Scheiß bin ich los. Früher wollte ich den Kummer immer wegsaufen, aber zu verstehen, dass der ganze Kummer erst durch das Saufen entsteht – das zu kapieren, war für mich ein langer Weg. 😢

    Und für was stehen die Kugeln? In drei Farben und genau fünf.

    „Das ist symbolisch gemeint: Wenn man all die Farben nimmt, die es gibt, und diese zum Beispiel mit fünf multipliziert, und sich diese Kugeln vorstellt – also in Fünfergruppen, jede Farbe für sich betrachtet – dann ist alles so, wie es eigentlich sein soll. Wenn man nun aber sehr viel und sehr lange trinkt, dann entsteht im Kopf sehr viel Chaos, und diese symbolischen Kugelgruppen werden durcheinandergemischt. Um das wieder ordentlich zu sortieren, muss man trocken sein und Geduld haben. So war es bei mir: Im Laufe meiner Trockenheit hat sich sehr vieles automatisch sortiert. Die Kugeln haben wieder zueinander gefunden, zu der Gruppe, zu der sie hingehören. Das Chaos wurde immer weniger. Ich habe früher viele Sachen probiert, um diesem Chaos entgegenzuwirken, das Problem war aber, dass ich immer weiter gesoffen habe. Es war ein unendlicher Kreislauf aus Wut, Verzweiflung und saufen ,besser kann ich es nicht erklären.“

    Hallo aennie, ich beschreibe mich ganz kurz: Ich habe sehr früh angefangen, ziemlich viel zu trinken. Das habe ich sehr lange gemacht, und mein ganzes Leben war stark durch Wut geprägt.

    Stell dir kleine Kugeln vor: fünf rote, fünf weiße, fünf blaue…. von jeder Farbe fünf Stück, schön sortiert. Je mehr und länger man säuft, desto mehr vermischen sich diese Kugeln. Erst wenn man seinen Zustand annimmt und trocken wird, sortieren sich diese farbigen Kugeln langsam, und man sieht alltägliche Dinge wieder viel lockerer und positiver – aber es braucht Zeit.

    Ich hoffe, dass ich dir mit meinem Beispiel etwas helfen konnte. Alles Gute 🙋🏻‍♂️

    Hallo JEB

    Die Person, die am allermeisten durch meinen Alkoholismus traumatisiert sein dürfte, ist meine Frau. Nach zwei Jahren meiner Trockenheit ist es für sie gerade mal okay, dass ich nicht mehr trinke🙁. Eigentlich hätte ich mir von ihr mehr Anerkennung erhofft, aber es ist für mich okay das es ihr fast egal ist😄

    Aber ich bin für mich selbst trocken geworden – das ist das Allerwichtigste für mich. Ich weiß, warum ich hier in diesem Forum bin, und was andere Leute davon denken und halten, interessiert mich gar nicht. Du kannst in die Ecken koxxen, und trotzdem wird es Leute geben, die sagen: „So schlimm war es doch gar nicht bei dir. Ich verstehe gar nicht, weshalb du mit dem Trinken aufgehört hast.”

    Du weißt, weshalb du hier in diesem Forum bist – genauso wie ich weiß, weshalb ich hier bin. Das ist es, worauf es ankommt. es gab mal so eine Werbung im Fernsehen. Ich glaube, Bonduelle….

    Da wird im Zeichentrick, ungeeignetes Gemüse auf eine witzige Art und Weise herausgefiltert….So in der Art filtert mein Kopf seit meiner Trockenheit. Alles raus, was meine Abstinenz gefährden könnte.

    Alles Gute🙋🏻‍♂️

    Ich habe all die Jahre gedacht, dass Alkohol saufen normal sei. Nun weiß ich, dass kein! Alkohol saufen normal ist, und mit diesen normal kommt man sehr gut klar, wenn man es zulässt, auch von mir alles gute 🎉