Hallo,
ich liege nicht besoffen am Bahnhof oder so, alles gut. Ich bin im Entzug geblieben.
Ich muss ehrlich sagen dass die Anfangszeit mich maßlos überfordert hat, du kommst hier morgens aus dem Krankenhaus an und dir werden von 4 unterschiedlichen Leuten die gleichen Fragen gestellt. Nacheinander.
Nach dem vierten Mal erzählen ging es mir langsam brutal auf die Nerven und neben dem Stress dann Blut abnehmen, Blutdruck messen, alles gleichzeitig. Ich bat einfach nur um eine kurze Auszeit und das war der Moment, als ich dann geschrieben hatte (s.o.). Ich wollte nur ganz kurz ankommen, ein Schluck Wasser trinken, kurz im Zimmer chillen.
Nach einer halben Stunde hatte ich mich dann, hab Medikamente bekommen und konnte mich langsam umsehen und so.
Die Truppe hier ist super, wir sitzen jeden Abend mit den Jungs gemeinsam in der Runde und spielen. Ab und zu nutze ich die Zeit für mich alleine und mache Fitnessübungen, lese, trinke Tee, gehe eine Runde spazieren.
Die Einrichtung an sich ist voll okay, das Team ist teilweise unprofessionell, redet z.b. in unserer Anwesenheit darüber, dass sie eigentlich einen neuen Job wollen, etc. Aber das ist auch zweitrangig und deren Problem, nicht meins. Ich glaube nur es könnte irgendwann unangenehm für Patienten werden die länger hier sind.
Was mir hart auf die Nerven ging, das Thema Blutdruck. Mein Blutdruck ist aktuell etwas höher, so an die 150/90. Zwischendurch war der auch auf 190, da habe ich mir dann Medikamente geben lassen aber selbst bei 150 wollen sie mir Medikamente gegen Entzugserscheinungen geben, das sehe ich heute in Anbetracht der Zeit überhaupt nicht ein. Nach einer Runde Sport, lesen, Ablenkungen, geht es meistens. Ich hab keine Entzugserscheinungen, ich bin glücklich über die mentalen und körperlichen Veränderungen, ich sehe immer wieder die Zeit vor Augen die ich verschwendet habe, und wie viel Druck teilweise die Beschaffung machte wenn der Sprit zuende ging.
Viele der Mitpatienten haben viel Geschichte hinter sich, sitzen das vierte oder teilweise achte mal hier, wollen jetzt in die Langzeittherapie, etc. Eine einsame Seele läuft hier völlig auf *edit abgeschossen herum und spielt permanent Glücksspiele auf seinem Handy. Diese Parallelen sind schon krass. Da denkt man sich natürlich auch, dass man soweit nicht kommen will. Ich verurteile da natürlich absolut niemanden sondern finde es super stark wenn man es immer wieder versucht!
Ich nehme keine Medikamente mehr, seit 2 Tagen. Möchte Montag oder Dienstag nach Hause. Ich werde die noch mit der Arbeit pausieren und mich dann langsam wieder an alles gewöhnen.
Wenn ich eins sagen kann an dieser Stelle, das allermeiste was mir geholfen hat war die Zeit für mich und schlichtweg die Zeit sich mit mir selbst zu beschäftigen. Therapiemäßig war in der kurzen Zeit natürlich nicht viel.
Wir alle sind so unendlich vielen Stressfaktoren jeden Tag ausgesetzt, dass wir uns selbst, unsere Werte und unsere Bedürfnisse hinten anstellen. Ich arbeite in einem Job bei dem es nur um das Wohlbefinden der anderen geht, nämlich der meiner Bewohner und meiner Mitarbeiter. Meine Kindheit und Jugend war grauenhaft. Ich habe so viel über mich selbst in den letzten Tagen nachgedacht. Viel öfter muss man sich, unabhängig von der Alkoholthematik mit sich selbst beschäftigen und sich Zeit nehmen für das, was einen glücklich macht. Und man muss das schlechte Gewissen den Arbeitgeber gegenüber ablegen wenn man mal krank ist oder wenn man sich auch wirklich mal eine Zeit für sich von der Familie nimmt. All das war für mich nie selbstverständlich weil ich wie ein Zombie mit Leistungsdruck durch meinen Alltag gerannt bin.
Ich war bis zuletzt nicht einmal mehr in der Lage die aller kleinste Entscheidung zu treffen, ich habe alles infrage gestellt, selbst wenn es die banalste Entscheidung war.
Sich so eine Auszeit zu nehmen, egal in welchem Form, ist das beste was man machen kann.
Ich werde sowieso permanent mit dem Thema Alkohol konfrontiert werden und ich werde aufgrund des Jobs und Verpflichtungen relativ zeitnah wieder in mein altes Leben müssen.
Aber wenn ich eins gelernt habe, dann das das Leben, das ich habe, eigentlich wunderschön ist doch das Selbstmitleid und Gesaufe hat mir dies verblendet. Diesen Knall hat es gebraucht um überhaupt wieder die Wertschätzung dafür zu bekommen, wo ich sie längst verloren habe.
Ich hab gesoffen wie ein Loch weil mir die Realität nicht gut genug war. Weil ich mehr Geld wollte, NOCH mehr Geld. Weil ich erfolgreich sein und gleichzeitig aber weniger arbeiten wollte. Weil alles besser, teurer, schöner werden musste.
Es gibt viele Dinge die ich bisher nicht verarbeitet habe, hier werde ich alle Hebel in Bewegung setzen um professionelle Hilfe zu finden, ebenso werde ich zur Suchtberatung gehen.
Ich weiß, dass ich normalerweise jetzt 4 - 8 Wochen Reha machen sollte, mein Trinkverhalten reflektieren und alles verändern sollte, aber das Risiko muss ich eingehen.
Ich gehe nicht mehr vom schlimmsten aus. Nö, ich will den Alkohol zerdeppern mit meinem Baseballschläger, dann räume ich die Scherben weg, und dann ist gut. Dann rege ich mich beim Rasenmähen im Sommer drüber auf, dass ich die Scherben in meinem Rasenmäher habe. Und dann werde ich mich an diesen Moment erinnern.
Selbst wenn ich rückfällig werden sollte, ich weiß dass ich in der Klinik menschlich behandelt werde. Dass ich entscheiden darf wann ich gehen kann, dass da Menschen sind die mich unterstützen. Aber ich werde nicht davon ausgehen, dass ich beim nächsten Geruch von Alkohol saufen will. Ich rieche eh ständig Desinfektionsmittel, das after shave stinkt nach Alkohol, die ganzen volltrunkenen Halbstarken bei uns am Wochenende ab 13 Uhr auf der Straße taumeln wenn ich einkaufen fahre weil ich in einem touriort lebe.
So wie jeder Mensch seine individuelle Geschichte in seinem Leben hat, so hat er auch seine individuelle Geschichte mit seinen Süchten. Wer wirklich aufhören will, wer sich selbst näher kennenlernt, selbstbewusstsein aufbaut, sich mit der Materie beschäftigt, der kann es auch schaffen. (Meiner Meinung nach)
Ich fühle mich stabil genug um den Versuch zu wagen und ich muss sagen dass ich mich, mein Leben, meine Frau, eigentlich alles inzwischen anders sehe.
Ich mache mir auch nicht vor, dass ich die Ausnahme im Universum wäre der jemals kontrolliert trinken kann. Das nüchterne Leben, ohne Kater, ohne Bierschiss, ohne die schlimmen Gedanken wen man eventuell am Vortag angerufen oder wen geschrieben hat, ist schön.
Blutdruck nach einer kurzen Ruhephase von 5 Minuten eben bei 130/97. Ohne Medikamente.
Seit gestern nehme ich keinerlei Medikamente.
Ich fühle mich gut und ich hoffe es bleibt so, wenn nicht, weiß ich, was zu tun ist. Und sollte ich saufen wollen, weiß ich auch was zu tun ist. Mich kostet ein Anruf bei der Suchtberatung inzwischen keine Scham mehr. Auch habe ich für mich einen Notfallkoffer zusammengestellt für solche Situationen.
Es ist verrückt wie viel sich verändert, mental und körperlich.
Ich gehe Mittwoch direkt zum Hausarzt und pausieren dann wenn ich Zuhause bin noch die paar Tage bis ich dann wieder arbeiten.
Ich werde mich zwischendurch immer mal wieder melden!
Peace und stark bleiben!
Liebe Grüße und bis demnächst!