Guten Morgen zusammen, ich bin heute wieder mal sehr früh (um fünf Uhr...) aufgestanden. Ich mach das manchmal mit Genuss, wenn ich so früh aufwache, einfach weil ich es kann! "Früher" mit Kater und Selbstvorwürfen undenkbar. Ich glaube, bei mir verändert sich gerade etwas, vielleicht beginnt die vielbesungene rosa Wolke zu verblassen?
Ich war mir die letzten fünf Wochen seit ich wieder zuhause bin aus der Klinik selber genug. Ich habe wann immer es möglich war draussen körperlich gearbeitet und dabei viel Zeit gehabt um nachzudenken. Das Thema meiner Alkoholsucht und der neuen Nüchternheit war sehr präsent. Ich habe auch jeden Tag sehr viel hier im Forum gelesen obwohl ich mich länger nicht mehr gemeldet habe. Das ging mir in der realen Welt genau gleich: ich hatte keine Lust auf soziale Interaktionen.
Es reichte mir, mit meiner Hacke und meinem Spaten übers Gelände zu ziehen und es umzugraben, Sitzplätze die seit Jahren überwuchert und zugewachsen waren, wieder freizulegen. Dabei hatte ich soooo viel vor, "wenn ich dann nicht mehr trinke". Sprachkurs, Kampfsport, ehrenamtliche Tätigkeiten, Yoga, Schwimmen, Lesezirkel, kein Verein in der Umgebung, dem ich nicht beitreten würde! Und dann? Erstmal gar nichts.
Ich habe die Diskussionen zum "für immer" die letzten Tage sehr interessiert verfolgt, auch weil bei mir ab und an dieser Gedanke sich sehr hoch auftürmte und "für immer" sehr gross, beinahe bedrohlich, wirkte. Da hat es mir sehr geholfen zu lesen, dass man "für immer" nicht heute angehen und erledigen muss, es etwas ist, das mit der Zeit langsam wächst. Um im Garten zu bleiben: ich habe den Samen dafür nun gepflanzt, es kann jetzt wachsen, es geht nicht schneller, wenn ich ungeduldig daneben stehe.
Ich musste das tatsächlich auch erst bei realen Pflanzen lernen, "kannst du nicht mal, irgendwie, SCHNELLER wachsen?!?"
Was dieses "für immer" für mich aber auch beinhaltet, ist, dass ich alle Zeit der Welt habe. Deswegen war ich auch nicht gestresst davon, dass ich noch nicht einen einzigen meiner vielen Pläne umgesetzt habe. Es fühlte sich für mich richtig an, mich erstmal eine Weile zurück zu ziehen, als müsste ich mich von einer schweren Krankheit erholen, was ja auch irgendwie der Fall ist. Damit meine ich nicht, dass meine Alkoholsucht heilbar ist, ich habe hier gelernt, dass ich sie nur stoppen kann, aber Körper und Psyche danken es mir, nicht mehr täglich mit Alkohol zugeschüttet zu werden.
Aber nun scheint diese Zeit des Rückzuges langsam zu enden. Vielleicht schüttel ich mich jetzt mal und beginne damit, aus der sozialen Isolation zu klettern, in die ich mich die letzten Jahre gesoffen habe. Beginne damit, ein nüchternes Leben aufzubauen. Ein bisschen ängstlich und zauderlich bin ich da schon noch, diese sozialen Interaktionen anzugehen. Weiss gar nicht mehr, wie das geht.