Ich kenne dieses Unvermögen mit der gewonnenen Zeit umzugehen. Auch ich habe nicht gemerkt, dass ich mir eine Beziehung schön gesoffen hatte auf die ich eigentlich gar keine Lust hatte. Die Wochenenden waren gefüllt mit Party und darauf folgenden Kater. Nüchtern hab ich alles wie wild mit Aktivität gefüllt. Sport. Yoga, aufräumen usw.
Irgendwann ist alles sortiert und geordnet, der Sport gemacht, Dinge erledigt. Dann muss man sie aushalten, die Zeit mit sich selbst. Und mit dieser fremd gewordenen Person ‚nüchternes Ich‘ erst mal klar kommen.
Die ist nicht immer laut und lustig, hat nicht immer einen Spruch Parat, sondern ist oft nachdenklich und bedürftig. Ich mag diese Person schon irgendwie aber sie ist mir auch ein wenig fremd. Etwas zu sortiert, relativ still, so gar nicht originell. Aber durch und durch authentisch. Sie muss nicht lügen und keine Show abziehen, sich nicht in den Vordergrund drängen und sich niemandem an den Hals werfen.
Nach und nach füllt sich die Leere etwas und ich gewöhne mich und werde innerlich ruhiger. Aber das ist ein sehr langsamer Prozess. Irgendwie auch interessant.
Ich hoffe irgendwann ist mir die andere Anna fremd. Die die lallend an der Theke sitzt und glaubt sie sei gerade total hinreißend. Die sich intellektuell findet mit einem teuren Rotwein lesend, um spätestens nach 2 Stunden verzweifelt irgendeinen Gelegenheitslover anzurufen und sich am nächsten Tag für alles zu schämen.
Ja das füllt auch ein Leben aus, aber schön ist anders. Hab Geduld mit dir und gib dir Zeit, dich mit deinem nüchternen Ich zusammenzuraufen. Immerhin wollt ihr ja einen Bund fürs Leben schließen!