Ich bin da total zwiegespalten, was die Offenheit außerhalb des privaten Bereiches angeht. Einerseits fände ich toll, wenn mehr Menschen offenen über ihre Sucht in der Öffentlichkeit sprechen würden- einige Promis machen das vor.
Andererseits fehlt mir oft der Mut und ich fürchte doch anders beurteilt zu werden.
Das ist feige - weiß ich. Denn eigentlich kann sich das Bild vom völlig entgleisten Alkoholiker nur verändern, wenn es alternative Beispiele gibt.
Ich hatte eine Sportlehrerin die uns Schülern völlig offen gesagt hat ‚ich bin trockene Alkoholikerin- bei Kurstreffen bitte keinen Alkohol auch nicht im Kuchen o.ä. Danke‘. Das hat mich damals beeindruckt. Denn diese sportliche, fröhliche Frau assoziierte ich nicht mit meiner jugendlichen Sicht auf das Thema- obwohl ich damals selbst schon sehr viel trank.
In meinem ehemaligen Säuferkreis sind sehr viele oberflächlich erfolgreiche Menschen mit guten Berufen und netten Familien die schwere Alkoholiker sind.
Bei keinem von denen habe ich jemals mitbekommen, dass das Thema ist. Die Frauen lächeln es weg ‚ ach der xy - weißt ja wie er ist, liegt wieder mit Kater im Bett‘.
Man ersetze Alkohol in diesem Satz mit einer anderen Droge ‚ach der Xy hat gestern wieder so viel Ketamin eingefahren- der ist noch ganz fertig‘
Da würde niemand verschwörerisch lachen.
Der Konsum der Substanz Alkohol ist nicht nur gesellschaftlich gebilligt, sondern sogar gilt als besonders gesellig und sozial.
Ein Mensch der gerade offensichtlich die Kontrolle verliert ist ein ,wilder Hund‘ - aber wehe er sagt ‚ich bin alkoholiker‘- dann wird er innerhalb von Sekunden zur tragischen Figur, obwohl er vielleicht an seinem Verhalten nichts ändert- oder sogar zum positiven indem er abstinent wird.
Ich ärgere mich einerseits darüber, andererseits befeuere ich mit meiner Feigheit dieses System. Denn ich rede nur mit meinem engsten Umfeld offen.
Allen anderen sage ich ‚ich trinke keinen Alkohol‘ und fertig.