Hallo Somadi,
auch ich gehöre zu der Co-Community in diesem Forum und habe deinen Faden aufmerksam gelesen.
Ich möchte dir ein paar Gedanken und Erfahrungen von mir da lassen.
Aber ich weiß, dass er aufhören könnte, weil es im Frühjahr/Sommer oft Monate lang keine Abstürze gibt. Gut, Bier gibt es fast täglich, aber im Sommer oft auch alkoholfrei.
Das war meine große Falle, die mich viele Jahre lang hat Extrarunden auf dem Karussell drehen lassen. Mein Noch-Mann hat auch viele Trinkpausen eingelegt. Ich kannte nur dieses Wort und dieses Phänomen nicht. Das habe ich erst verstanden, als ich mich im Oktober 2024 hier angemeldet habe. Am Wochenende hat er nicht getrunken, im Urlaub hat er nicht getrunken und auch zwischendurch viele Wochen hintereinander nicht, wenn es ihm gesundheitlich schlecht ging. Also wie kann er Alkoholiker sein, wenn das doch geht? Er ist ja nicht der Penner auf der Parkbank, der morgens schon den Wodka auspackt, sondern ein erfolgreicher Unternehmer und Geschäftsführer. Diese Unkenntnis hat mich in der Rückschau 10 Jahre lang Extrarunden in dem Karussell drehen lassen, voller Ängste, unerfüllter Zuwendungen und Aufmerksamkeit.
Heute Abend sind wir bei Freunden eingeladen. Da trinkt er sowieso nie. Er trinkt nur alleine zu Hause. Ich verstehe dieses Trinkverhalten nicht…
Auch das kenne ich. Teilweise war er der einzige, der auf Anlässen nicht getrunken hat, dafür wurde das wann anders im Verborgenen nachgeholt. Und wieder war der Gedanke da, er kann aufhören, wenn ich ihm nur klar machen kann, wie ich darunter leide. Und wenn ich ihm dann den Rücken freihalten und noch mehr Aufgaben übernehme, damit er nicht so gestresst ist, dann klappt das bestimmt. Vergiss es…. Das ist der größte Mist, den man sich selbst antuen kann.
Körperliche Gewalt (mir und dem Hund oder anderen Personen gegenüber) wäre eine klare Grenze, aber das befürchte ich nicht wirklich.
War bei mir auch so, schließlich war mein Mann nie gewalttätig mir gegenüber und ich war ja seine Seelenverwandte und unsere Beziehung ist so viel besonderer als andere und deswegen ist es gar nicht so schlimm. Mein Mann ist im August diesen Jahres einer unserer Töchter gegenüber gewalttätig geworden im angetrunkenen Zustand, weil sie seinen Alkohol weggenommen und gedroht hat, mir davon zu sagen. Und seitdem bin ich schlimmer psychischer und emotionaler Gewalt ausgesetzt. Soviel dazu.
Fahrer war und ohnehin nie in Gegenwart meines Mannes etwas trinke, und sei es auch nur eine Tasse Glühwein. Schließlich will ich ihn zu nichts animieren.
Auch das kenne ich. Der Eiertanz zwischen den Veranstaltungen und Festen. Wie schaff ich es, damit er ja nicht in Versuchung gerät oder die Möglichkeit hat, sich etwas zu besorgen? GAR NICHT!!! Genauso ein Mist, den wir Co‘s uns einreden, damit wir die KONTROLLE behalten. Nur die hat man nicht und wird sie durch dieses Verhalten auch nie bekommen.
Dennoch stellt sich bei mir ein Gefühl ein, das mir sagt, ich versage auf ganzer Linie…
Das ist genauso großer Mist. Das lösch mal ganz schnell von deiner Festplatte. Du bist eine gebildete, emanzipierte Frau. Du hast ein Problem erkannt und dir Hilfe gesucht. Und nun liegt es an dir, was du daraus machst. Hier hat niemand versagt. Alle hier in diesem Forum haben etwas in ihrem Leben geändert, in dem Moment der Anmeldung. Mir hat das Forum mein Leben gerettet, im übertragenen Sinne. Den Weg gehen musste ich aber selbst. Die Schritte waren am Anfang ganz klein und ich bin auch manchmal umgekehrt, aber ich war mir und meinen Kindern etwas schuldig. Und auch meinem Mann, dem ich nur auf seinem Weg helfen konnte, indem ich ihn fallen lasse. Und ich kann dir sagen, dass ist alles andere als einfach nach über 20 Jahren Ehe, zwei Kindern und gemeinsame berufliche Existenz.
Das hat mich große Überwindung gekostet, denn das dominierende Gefühl ist neben der Traurigkeit aktuell Scham.
Meine Scham war groß. Erst recht, als es schlimmer wurde und er seinen Zustand nach außen getragen hat. Mir hat es geholfen dieses Gefühl in einen Gegenstand zu verwandeln. Warum ist der da? Was hab ich damit zutun? Was hab ich falsch gemacht? Und dann gab es da nichts mehr, wofür ich mich zu schämen brauchte.
Weißt Du, ich bin der Problemlöser in der Familie, immer stark, immer ansprechbar… Ich würde nicht sagen, dass ich diese Rolle unbedingt brauche oder mich darin sonne, es war halt immer so, weil ich einfach rational bin, nie Probleme gemacht hab. Auch im Freundeskreis und im Kollegenkreis hab ich irgendwie diese Rolle ergattert. Und jetzt hab ich wohl das größte Problem von uns allen.
Ja, das ist vielleicht auch ein Charakterzug, der das Co-Verhalten begünstigt. Ich war immer die Macherin, der Fels in der Brandung, die Unzerstörbare und immer schön der Sonnenschein. Ich war immer für jeden da, der Problemlöser, den man unendlich seinen Rücksack übergeben konnte.
damit verpasst er mir aber faktisch eine Maulsperre. Denn wenn ich das Thema anspreche, wird er sagen: „Was willst Du denn? Ich mache doch genau das, was ich soll, nicht trinken.“
Dreh das mal um! Das ist schön, dass er das jetzt tut. Ändert aber leider nichts an der Tatsache und der Problematik. Es ist jetzt ausgesprochen, weil sein Verhalten dich so belastet und wenn er das Nicht-Trinken aufrecht erhalten kann, dann kann er es ja auch den anderen so richtig zeigen und alles ist gut. Wird nur wahrscheinlich nicht passieren.
Es gab auch Menschen, als sie meine Geschichte hörten, die sich dann zurückgezogen haben. Damit wollten sie offensichtlich nichts zu tun haben.
Das wäre auch mein erster Gedanke gewesen. Kann es nicht vielleicht viel eher so sein, dass sich da jemand mit einem ähnlichen Problem konfrontiert fühlt und sich mal schnell zurückzieht, bevor das auffällt?
Liebe Somadi, ich hoffe ich war nicht zu direkt oder zu pessimistisch, aber das ist meine Erfahrung zu dem Thema. Und ich möchte dir diese Gedanken mitgeben. Und um es auf die Spitze zu treiben …… frag dich mal: Was ist, wenn es schlimmer wird? Was ist, wenn Nachbarn, Freunde, Kollegen und Kunden etwas mitbekommen, weil er sich nicht mehr unter Kontrolle hat? Was ist wenn er Job und/ oder Führerschein verliert? Was ist, wenn er aufgrund seines Konsums erkrankt? Was ist, wenn du wegen seiner Sucht allen Luxus verlierst? Brauchst du das alles um etwas zu ändern oder hindert dich das dann erst recht?
Das ist mir passiert und noch viel mehr. Ich habe viel zu lange die Augen verschlossen und mich hinter der Liebe und dem „in guten wie in schlechten Zeiten“ versteckt. Aber die Sucht ist egoistisch und nimmt nur und hinterlässt nur Schäden. Und die Einbahnstraße geht steil bergab.
LG ☀️