Beiträge von Kurswechsel

    Meldet sich denn dein Suchtgedächtnis bei dir? Und wenn ja, wie tut es das.

    Wie ist das derzeit noch bei Dir?

    Ja, manchmal meldet sich mein Suchtgedächtnis, aber nicht in bestimmten Situationen oder Mustern – eher so plötzlich, aus dem Nichts. Dann kommt so ein Gedanke wie: „Ach, wäre das schön heute Abend beim Kochen ein paar Bier zu trinken.“ Es ist kein starkes Verlangen, mehr wie ein kleiner Moment, in dem diese alten Gewohnheiten versuchen, sich zurückzuschleichen. Aber ich erkenne das ziemlich schnell und lasse mich nicht weiter darauf ein.

    Um so schöner ist es doch, nach vorne zu schauen….schauen, was jetzt alles geht und was noch möglich ist.

    Da hast du natürlich vollkommen recht, Stern. Ich bin auch niemand, der der Vergangenheit hinterherjammert – das bringt ja nichts, außer vielleicht Falten. Ich würde mich als Optimist bezeichnen … na ja, realistischer Optimist mit Blick nach vorn trifft es wohl besser.

    Manchmal rufe ich mir solche Sachen einfach ins Gedächtnis, um zu schätzen, wie gut die Situation jetzt ist. Und vielleicht auch, um meinem Suchtgedächtnis gleich klarzumachen, dass es sich seine Umgarnungsversuche sparen kann – ich falle darauf nicht mehr rein! Alkohol ist für mich definitiv keine Lösung mehr!

    Am Anfang habe ich mich manchmal gefragt, ob ich denn schon von „damals“ oder „früher“ reden darf.

    Hallo Alex,

    ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich „damals“ schreiben soll. Klingt schon ein bisschen komisch, wenn ich bedenke, dass ich gerade mal 40 Tage (ah, Moment – heute sind es schon 40!) abstinent bin. Aber wie du so schön geschrieben hast, bringt „damals“ diesen Cut, den Abschluss eines Kapitels, einfach besser rüber. Man könnte fast sagen, ich rede von „damals“ wie von einer vergangenen Ära. Fehlen nur noch Geschichtsbücher und ein bisschen epische Hintergrundmusik ^^

    Die Tage ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie viel Raubbau ich die ganzen Jahre an meinem Körper betrieben habe. Und damit meine ich nicht nur den Alkohol und seine unmittelbar gesundheitlichen Auswirkungen (Stichworte: Nervenzellen, Körper-Kreislauf, Leber, Bauchspeicheldrüse, Leber etc.). Das war mir sogar während meiner „Säuferkarriere“ klar. Aber was mir erst jetzt richtig auffällt, sind all die anderen Baustellen, die sich dazu gesellt haben. Da fragt man sich: Wie hab ich das all die Jahre bloß ausgehalten?

    Hier mal ein kleiner Überblick über meinen persönlichen „Schadensbericht“:

    1. Mangelnde soziale Kontakte
    Ich war nie der Typ für feucht-fröhliche Kneipenabende. Lieber alleine saufen – einsam, aber effektiv. Und was ich dabei alles hab schleifen lassen, wird mir jetzt erst klar. Freundschaften? Fehlanzeige. Gemeinschaft? Nada. Kein Wunder, dass sich das irgendwann auch auf die Psyche schlägt. Damals war die einzig wichtige Verbindung die zwischen mir und der Flasche.

    2. Ernährung – oder: Pizza, Chips und Schokolade
    Klar, ab und zu gab’s auch mal einen Salat. Aber meistens war die Reihenfolge: Alkohol -> Hunger -> „Hauptsache fettig, salzig und danach noch was Süßes“. Von den Kalorien fang ich gar nicht erst an – ich glaube, ich hab damals das Doppelte von dem gegessen, was ich heute schaffe. Wenn ich mir vorstelle, was ich meinem Körper da zugemutet habe, wird mir ganz schwindelig. Und nein, das liegt diesmal nicht am Alkohol.

    3. Komplettes Ignorieren meines Körpergefühls
    Heute merke ich, wenn ich müde bin, und geh ins Bett (auch wenn der Schlaf mir noch Probleme bereitet - siehe vorherige Beiträge). Oder ich gönn mir eine Pause, wenn ich erschöpft bin – sofern meine Kinder das zulassen. Damals? Müdigkeit war einfach ein weiteres Problem, das man mit Bier „lösen“ konnte. Zack, Flasche auf, Müdigkeit weg. Oder zumindest ignoriert. Genial. Nur leider nicht nachhaltig.

    4. Geistige Selbstvernachlässigung
    Früher hab ich mich mit seichten Serien während meines Suffes berieseln lassen. Hauptsache Ablenkung. Es war auf jeden Fall nichts, das mich fordert oder inspiriert. Jetzt? Bücher, Dokus, Schach, Sport – ich hab echt einiges nachzuholen.

    5. Lebensfreude? Fehlanzeige!
    Damals hab ich nicht nur mich selbst vernachlässigt, sondern auch das Schöne in der Welt gar nicht mehr wahrgenommen. Vollmond, Vögelgezwitscher, Sonnenuntergänge? Egal. Ein gutes Gespräch? Überbewertet. Heute sehe ich all das – und ich genieße es.

    Sicher gibt es noch mehr, was mir erst nach und nach auffallen wird. Aber schon diese paar Punkte zeigen mir, wie sehr ich mich in der Vergangenheit selbst ignoriert und vernachlässigt habe. Klar, die Sucht war der Ursprung von allem. Aber trotzdem macht es mich im Nachhinein traurig, wie lange ich das so mitgemacht habe.

    Auf der anderen Seite: Ich hab es geschafft, diese Spirale zu durchbrechen. Und dafür bin ich unendlich dankbar. Und ich will auch nie wieder zurück, denn da ist noch so viel mehr.

    Was kann mir der Alkohol denn im Gegensatz dazu schon bieten…

    kann ich nicht nur den Alkohol dafür verantwortlich machen. Die Leber hat auch ohne Alkohol viel zu tun.

    Hallo Hartmut, das kann natürlich sein. Ich wollte einfach mal die Erfahrungen der anderen Forenteilnehmer zu diesem Thema einholen. Für mich lag der Zusammenhang nahe, da ich ansonsten einen gesunden Lebensstil führe, keine Medikamente nehme und aktuell keine größeren Probleme habe, die mich belasten könnten. Dass ich jedoch ausgerechnet immer um 3 Uhr wach werde (im Zusammenhang mit der Leberarbeit nach der chinesischen Lehre), finde ich schon recht komisch. Aber wer weiß, vielleicht mache ich mir einfach zu viele Gedanken. Ich hoffe einfach, dass es sich mit der Zeit von selbst legt.

    Ich wollte mich mal wieder melden – mir geht es insgesamt wirklich gut! Meine alten Routinen habe ich hinter mir gelassen, und der neu begonnene Sport tut mir unheimlich gut. Allerdings habe ich aktuell Probleme mit dem Schlaf.

    Nach Beginn meiner Abstinenz habe ich anfangs schlecht geschlafen, was ja auch normal ist nach einer Zeit des Raubbaus am Körper. Das hat sich nach etwa zwei Wochen gelegt – ich schlief plötzlich so gut wie seit zehn Jahren nicht mehr. Doch seit einer Woche, etwa einen Monat nach meinem Start, schlafe ich wieder schlecht: Es dauert ewig, bis ich einschlafe, und ich wache Punkt 3 Uhr morgens auf, genau wie damals während meiner Trinkzeit. Gedankenkarussell habe ich nicht. Morgens bin ich völlig gerädert.

    Zu meinen Trinkzeiten konnte ich das mit der Leber und der chinesischen Organuhr erklären, wonach 3 Uhr die Leber stark arbeitet. Und natürlich wirkt sich das Zellgift insgesamt negativ auf den Schlaf aus. Aber warum passiert das jetzt, wo ich abstinent bin? Hat jemand ähnliche Erfahrungen?

    Glaubst du kann es sein, dass es durch grüne Äpfel kam? Ich habe in der letzten Zeit 2-3 pro Tag gegessen.

    Natürlich können bestimmte Nahrungsmittel oder ihre Assoziationen Trigger sein, aber auch allgemeine Situation oder es spielen mehrere Faktoren zusammen. Ob grüne Äpfel für dich tatsächlich ein Auslöser sein könnten, kannst letztlich nur du selbst herausfinden. Verbindest du etwas Bestimmtes mit ihnen? Warum kommst du auf diese Idee?

    Im Grunde kann dich vieles triggern. Es ist wichtig, die „üblichen Verdächtigen“ möglichst zu meiden, aber natürlich kannst du nicht alles vermeiden. Ich persönlich verbinde zum Beispiel Dinge wie Kochen, Serien schauen, Grillen, Urlaub, Fahrradtouren, Restaurantbesuche oder Gartenarbeit mit Alkohol. Klar, bestimmte Situationen meide ich, aber auf Dinge wie Kochen oder Fahrradfahren möchte ich nicht verzichten. Deshalb hilft es mir, zu lernen, mit solchen Situationen umzugehen.

    Wenn mein Suchtgedächtnis dann doch mal wieder aktiv wird, hilft es mir besonders, mir bewusst zu machen, dass ich Alkoholiker bin und es bei einem Bier nicht bleiben würde. Ich stelle mir vor, wie ich in den „Fahrstuhl“ einsteige, der mich immer tiefer nach unten fahren lässt – das macht mir Angst und hilft mir, stark zu bleiben.

    Außerdem hilft es mir, die aufkommenden Gedanken bewusst wahrzunehmen, sie aber nicht als Teil von mir selbst zu betrachten. Ich sehe sie wie eine vorbeiziehende Wolke: Sie kommen, aber sie gehen auch wieder. Unterstützend greife ich dann auf Maßnahmen aus meinem persönlichen „Notfallkoffer“ zurück – zum Beispiel esse ich etwas oder trinke viel Wasser.

    Das finde ich interessant .
    Hier hatte auch mal jemand geschrieben, dass er keinen O-Saft mehr trinken kann, weil der früher immer mit Alkohol gemischt wurde.

    Ich kann das nachvollziehen. Ich verbinde auch einige alkoholfreie Getränke oder Gewürze (besonders Zimt) mit Alkohol und lasse möglichst die Finger davon. Ich versuche damit zu vermeiden, mein Suchtgedächtnis unnötig zu triggern und Gedankenspiralen aufkommen zu lassen. Das ist meiner Meinung nach der sicherere Weg, um nicht wieder bewusst oder unbewusst in alte Muster zu verfallen.

    Wenn die Gedanken nicht aufhören, werde ich vielleicht rückfällig früher oder später. Deswegen probiere ich die Gedanken aus dem Kopf zu bekommen. Das wäre auch meine Bitte an Euch, ob jemand vielleicht einen Tipp für mich hat wie ich die Gedankenspirale unterbrechen kann.

    Hallo Axel!

    Diese Gedankenspiralen kenne ich.

    Wenn sich das Suchtgedächtnis meldet, versuche es zu beobachten, quasi wie von außenstehend zu betrachten. Sag dir: „Okay, da ist wieder dieses Bild. Das ist nur mein Suchtgedächtnis, das sich meldet. Es bedeutet nichts, und ich muss nichts damit machen.“

    Wenn die Gedanken kommen, stehe auf, geh spazieren, mach Sport oder ruf jemanden an. Alles, was dich in den Moment holt, hilft.

    Such dir Unterstützung – ob in Meetings, hier im Forum oder im Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Das nimmt Druck raus und erinnert dich daran, dass du nicht allein bist. Mach bitte nicht alles mit dir alleine aus!

    Der Geruch und Geschmack von Whisky haben dich abgestoßen – halte dir das vor Augen. Dieses Bild von „Whisky und Zigarre“ ist nur eine Illusion. Frag dich: „Warum sollte ich etwas tun, das mir nicht guttut und mir nicht mal gefällt?“

    Diese Gedanken bedeuten nicht, dass du scheiterst – sie sind nur ein Zeichen, dass du achtsam bleiben musst.

    Alles Gute und bleib dran - Kurswechsel!

    Was löst den jetzt eigentlich wirklich die Wut in mir aus? Was triggert mich wirklich?

    Ich finde es unglaublich spannend, was du geschrieben hast. Vor meiner Saufkarriere habe ich mich sehr intensiv mit Themen wie Emotionen, Achtsamkeit und insbesondere dem Buddhismus beschäftigt. Viele Erkenntnisse aus Büchern wie dem, das du erwähnst, haben ja oft Parallelen zum Buddhismus.

    Dein Beispiel mit dem ABC-Denken hat mich an eine eigene Erfahrung erinnert, die ich gerne teilen möchte. Sie zeigt, wie man A-C auch „andersherum“ denken kann:

    Ich war einmal in der Situation A, nämlich als „langsamer Fahrer“. Ich habe mich bewusst exakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten, da ich pünktlich zu einer Verabredung unterwegs war (und ehrlich gesagt fahre ich generell nicht gerne zu schnell). Hinter mir fuhr jemand, C, der regelrecht ausgerastet ist – dichtes Auffahren, Lichthupe, Gestikulieren, das volle Programm. Durch den Gegenverkehr konnte er nicht überholen.

    Früher, während meiner Saufkarriere – und vermutlich auch heute in manchen Momenten – hätte mich so etwas massiv getriggert. Ich wäre wütend geworden, hätte ihn vielleicht absichtlich noch weiter provoziert, langsamer gefahren oder ihn ausgebremst. Doch damals war ich völlig ruhig und entspannt. Was mich aber wirklich überrascht hat, war, dass ich statt Wut eine tiefe Traurigkeit gespürt habe – eine Traurigkeit, die aus Mitgefühl resultierte. Ich wusste in diesem Moment, dass dieser Mensch, C, ein Problem haben musste, mit dem er nicht zurechtkam. Warum sonst sollte er in dieser Situation derart ausrasten? Ich war selbst erstaunt, wie ich in dieser Lage Mitgefühl entwickeln konnte.

    Was will ich damit sagen?

    Es ist nie hoffnungslos. Man kann nicht nur lernen, mit seinen Emotionen umzugehen, sondern sie sogar „umformen“. Das ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es geht darum, einen neuen Umgang mit ihnen zu finden. Diese Erkenntnis gibt mir aktuell wieder viel Zuversicht, auch mit meinen momentanen Stimmungsschwankungen und negativen Emotionen zurechtzukommen.

    Danke dir, Alex, dass du mich daran erinnert hast. Dein Text hat mich wieder ein großes Stück weitergebracht.

    An dieser Stelle fällt mir noch etwas ein: Ich lese auch gerne Hartmut, der mich mit seiner klaren und direkten Art immer wieder inspiriert und wachgerüttelt hat. Sein Tenor ist ja: „Ich saufe nicht mehr, weil ich weiß, dass ich Alkoholiker bin.“ Das klingt vielleicht trivial , aber wenn man das wirklich verinnerlicht, ändert es alles. Wenn man weiß, dass der Fahrstuhl mit jedem Schluck Alkohol nur nach unten fährt, fragt man sich: Warum sollte ich freiwillig meinem Körper und meiner Psyche schaden wollen? Natürlich versucht das Suchtgedächtnis immer wieder, einen zu überreden. Aber wenn man sich klar macht, dass man durch einen Rückfall sofort wieder in der Spirale gefangen ist, bleibt der Kurs eindeutig: nicht saufen!

    Ich sehe hier eine klare Parallele zu den Gedanken und Emotionen. Auch das Suchtgedächtnis ist etwas, das sich über die Zeit entwickelt und gefestigt hat. Es ist immer da, bewusst oder unbewusst, und versucht, uns zu beeinflussen. Doch wenn man eine klare Linie verfolgt – nämlich nicht mehr zu saufen –, dann kann man auch damit umgehen.

    Das erinnert mich an Alex seine Formulierung: „…es von außen beobachten.“ Genau darum geht es. Wir sind weder unsere Gedanken noch unsere Emotionen, und auch nicht unser Suchtgedächtnis. Wir können all das einfach aufziehen lassen, beobachten und wieder loslassen. Denn der Kurs, den wir verfolgen, ist klar: nicht mehr zu saufen!

    Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken verständlich und nachvollziehbar ausdrücken.

    Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Samstag – wir haben heute eine Menge vor, und ich freue mich schon sehr darauf.

    Der Alkohol kann auch ein Gleichmacher sein und nun spürst du die Bandbreite der Emotionen. Das würde ich durchaus als Gewinn sehen. Auch die negativen Gefühle gehören ja zum Leben dazu.

    Die Gefühle, die ich jetzt spüre, kommen oft in einer Intensität, die mich überrascht. Aber wie du sagst, es ist ein Gewinn, sie wahrzunehmen, statt sie zu betäuben. Es ist natürlich nicht immer leicht, die negativen Gefühle auszuhalten. Aber ich merke, dass ich durch Meditation und Achtsamkeitsübungen immer besser lerne, in solchen Momenten bei mir zu bleiben.

    Wie Alex_aufdemweg so schön geschrieben hat: „Betrachte den Gedanken von "außen". Dem Gedanken selbst schenke ich Aufmerksamkeit und dann geht er wieder. Wenn Du versuchst ihn gar nicht zu denken, kommt er immer wieder.“ (das als Zitat einzufügen hat irgendwie nicht geklappt, nach fünf Versuchen habe ich aufgegeben ^^ )

    Und so versuche ich jetzt auch mit negativen Emotionen umzugehen.

    Hallo zusammen,
    gestern war ein wirklich guter Tag (vor allem im Vergleich zu Sonntag - siehe oben). Ich war das erste Mal seit etwa sieben Jahren wieder beim Kampfsport, und es hat mir unglaublich gutgetan. Ich habe endlich mal wieder am eigenen Laib gespürt, dass Glücksgefühle auch ohne Alkohol entstehen können – das war eine richtig schöne Erfahrung. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich es mit dem Sport nicht gleich wieder übertreibe, denn ganz so frisch bin ich ja auch nicht mehr

    Das Beste daran: Während meiner sonst üblichen “Saufzeit” hatte ich gestern keinen einzigen Gedanken an Alkohol.^^