Beiträge von Mattie

    Sooo individuell ist unser Sucht nicht. Unser Ziel ist auch nicht individuell dauerhafte Abstinenz.

    Ich strebe nicht im Geringsten irgendeinen individuellen Weg an. Ich höre auf meinen Verstand und mein Bauchgefühl, ich reflektiere, ich ziehe Schlussfolgerungen aus eigenen früheren Erfahrungen, ich rede über meine Abstinenz mit Menschen, die mir wichtig sind, ich lese viel und ich wertschätze in höchstem Maß den Rat und die Meinung der anderen in dieser SHG. Meine Persönlichkeit auszuschalten funktioniert bei mir in keinem Lebensbereich. Ich bin dennoch guten Mutes.

    Viele Grüße

    Mattie

    Deshalb sind SHG so wichtig zumindest bis du dich und dein Umfeld geordnet und an dein neues Leben gewöhnt hast.

    Ja, unbedingt. Ich fühle mich hier gut unterstützt, aber ich überlege auch wieder Anschluss an die SHG zu suchen, in der ich früher einmal war. Ein realer Termin in der Woche wäre vielleicht eine gute Sache. Ich denke noch darüber nach.

    Es häufen sich bei mir nun Situationen, in denen ich früher getrunken hätte und die ich nun abstinent absolviere. Je öfter das passiert, desto stabiler fühle ich mich bei mitlaufender Achtsamkeit. Ich habe in anderen Fäden gelesen, dass Supermärkte, in denen man sich früher mit Alk versorgt hat, gemieden werden, weil sie triggern. Ich fühle das überhaupt nicht so. Ich gehe weiterhin in meinen Discounter, und wenn ich da am Wein vorbeikomme, dann denke ich doch nicht, oh, muss ich aufpassen, dass mir nicht eine Flasche in den Korb kommt. Das steht nicht einmal ansatzweise in meinem Verstand zur Diskussion. Ich weiß aus früheren abstinenten Zeiten, dass Suchtdruck aus dem Tiefsten meines Inneren kommt. Das hatte nie etwas mit schneller Verfügbarkeit zu tun, die mich in Gefahr brachte. Wenn Suchtdruck auftauchte, dann bin ich auch nachts um halb eins die halbe Stunde den Weg zur nächsten Tanke mit Nachtschalter gefahren. Er wurde aber niemals ausgelöst durch den Anblick einer Flasche Wein, im Gegenteil, im Supermarkt denke ich: Zum Glück brauche ich mir mit dem peinlichen Zeug den Einkaufswagen nicht mehr vollzuladen! Überhaupt sind in meinem Leben die Momente stark vertreten, in denen ich denke: Zum Glück ist das vorbei! Jetzt packe ich mir Pfirsich-Nektar ein, von dem ich früher dachte, wer trinkt so einen Mist, ist doch nur bisschen Frucht mit viel Zucker. Mir schmeckt das nun leider besonders gut :) Bis auf Weiteres, irgendwann, vielleicht schon bald, gehe ich diese schleichende Zuckersucht an.

    Es gibt allerdings auch Situationen, die mir gedanklich zu schaffen machen. Ich bin kein sehr geselliger Mensch, die entspanntesten Phasen habe ich, wenn ich mit mir allein bin, mein Mann in Sicht- oder Rufweite :) Ich bin gern mit meinen (erwachsenen) Kindern und deren Familien zusammen, aber einen Freundeskreis für Freizeitunternehmen habe ich nicht, wollte ich schon seit meiner Jugend nicht mehr, weil es einfach meiner Persönlichkeit nicht entspricht. Die Unternehmungen mit meinem Mann und unser gemütliches Zusammensein zu Hause reichen mir meistens voll und ganz. Ich habe allerdings drei beste Freundinnen, die ich aus der Grundschule und dem Teenageralter kenne. Sie wohnen irgendwo verstreut in Deutschland, man sieht sich 2-3 mal im Jahr. Das sind definitiv keine Saufkumpaninnen, das sind Herzensmenschen, aber bei unseren Treffen gehörte Alkohol (die klassische Flasche Wein am Küchentisch) immer mit dazu. Jede von den dreien hat einen anderen Zugang zu der Alkoholthematik, sie trinken alle zu viel, wir reden auch ehrlich darüber, aber ich bin da bestimmt nicht missionarisch unterwegs. Wir können uns wunderbar unterhalten, auch ohne Alk (war ja schon in Kindheit und alkfreier Jugend so), aber der Wein war in den letzten Jahren zweifellos immer ein 'Schmierstoff', der die seltenen gemeinsamen Abende unendlich lang und intensiv gemacht hat. Treffen mit diesen drei Frauen vermeide ich, bis ich noch viel stabiler bin. Das tut mir leid, aber ich erkenne, dass ich hier definitiv auf Risikominimierung setzen muss. Vielleicht weiche ich auch erst einmal auf Telefonate aus. Ja, ich weiß, irgendwann werden wir zusammen Tee trinken und Kekse knabbern, aber noch verlockt mich das nicht und ich sage diese Treffen lieber ab. Das hat übrigens nicht damit zu tun, dass die Frauen trinken würden - sie würden es wohl lassen, wenn ich sie darum bitte. Es liegt nun an und in mir, MIR würde der Alkohol fehlen. Wie an anderer Stelle schon einmal erwähnt: Ich bin irgendwie mein größtes eigenes Risiko, nicht die anderen oder die Umstände.

    Ich habe am Wochenende angefangen, das Haus umzugestalten - in Minischritten. Zunächst mal habe ich meine Kuschelecke umdekoriert und bin ganz begeistert, wie gut sich das anfühlt. Ich nehme mir jetzt für jeden Tag solche Kleinigkeiten vor, die mein Zuhause verändern. So fühlt sich die Abstinenz noch mehr nach Neuanfang an.

    Euch allen eine gute Woche

    Mattie

    Hallo zusammen,

    ich merke, wie sich nach vier Wochen Abstinenz mein Geschmackssinn verändert. Wow, wie lecker ist eine reife Nektarine, wie köstlich ein Mango-Sahnejoghurt ... Solche Genüsse habe ich mir während der Trinkzeit praktisch gar nicht gegönnt. Der Alk war immer wichtiger als diese kleinen Momente, in denen man sich etwas so Feines im Munde zergehen lässt.

    Mein Mann und ich kochen jetzt immer gemeinsam. Das ist sozusagen der Höhepunkt unseres Tages, nicht mehr der Moment, in dem die Weinflasche aufploppt. Ich habe schon immer gern gekocht, aber eher schnell und pragmatisch. Jetzt suchen wir uns aus diversen Kochbüchern einmal in der Woche komplizierte Mahlzeiten heraus, die wir dann zusammen nach einem Wochenplan auf den Tisch bringen. Samstag gehen wir dafür nun immer auf dem Markt einkaufen. Das macht Spaß und bedeutet eine große Veränderung zum Guten für uns beide.

    In anderen Fäden kam die Frage auf, warum es zu einem Rückfall kam. Ich kann das für mich ziemlich genau beantworten: Ich habe meine Abstinenz nie ernst genug genommen, ich habe zuvor niemals innerlich kapituliert. Ich habe stets gedacht, so, jetzt hast du deinem Körper lange genug Zeit zum Genesen gegeben, jetzt darfst du wieder. Allerdings habe ich nie angenommen, dass ich ab dem Zeitpunkt weniger trinke als zuvor. Wenn ich dem Suchtdruck nachgegeben habe, dann bin ich gleich los und hab die benötigte Menge an Bier und Wein (tägliche Dosis: 2 Fl Bier, 1 Fl Wein) besorgt, ohne mir noch lange vorzumachen, ich käme dieses Mal mit weniger aus.

    Mir geht es gerade gut. Ich finde mein Leben aktuell reicher und bunter, lasse mich von kurzfristigen Stimmungsschwankungen nicht aus dem Konzept bringen und blicke voller Optimismus in die Zukunft. Ich bin noch nicht ganz so antriebsstark, wie ich es mir wünschen würde. Die Arbeit zieht sich eher schleppend, ich muss mich immer zwingen und viel Disziplin aufbringen. Am liebsten lese ich in meiner Freizeit Sachbücher, Romane, Essays, Zeitungen in meinem Relaxsessel, dabei bin ich hundertpro entspannt. Allerdings wäre viel aufzuräumen und im Garten zu regeln. Aber ich warte einfach ab, bis mich ein Energieschub packt. Vielleicht heile ich ja noch, vielleicht passt sich mein Körper der neuen Gesundheit erst noch an. Die Zeit nehme ich mir. Die Arbeit läuft mir ja nicht weg :)

    Bloß nicht in den Stressmodus fallen.

    In diesem Sinne viele Grüße

    Mattie

    Ich habe für mich gelernt die Kraft der Negativen Emotionen umzulenken und ihre Kraft und Wucht zu nutzen auch etwas in meinem Leben zu ândern.

    Das hört sich sehr sinnvoll und effektiv an.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob meine Stimmungsschwankungen auf den Alkoholentzug zurückzuführen sind. Ich glaube eher, ich hatte das auch schon mit Alkohol, dass meine Laune manchmal aus scheinbar unerfindlichen Gründen hinauf- oder hinunter ging. Das kennen wohl die meisten, schätze ich. Unter Alkohol habe ich das nur nicht so hinterfragt oder mitbekommen, es lief einfach im Hintergrund. Unter Alkohol war ich viel unreflektierter als jetzt, da ich ständig in mich hineinhorche und die Zeichen zu deuten versuche.

    Ich lese fast jede Nacht in den älteren Fäden in diesem Forum und bin erstaunt, dass manche Aspekte meiner Trinkerei gar nicht so selten sind, wie ich das angenommen habe. Zum Beispiel: eine Userin schrieb, dass sie sich bei gesellschaftlichen Anlässen zusammenreißen konnte, aber auf dem Rückweg von dem Fest gleich an der Tanke vorbeiging, um sich Wein zu besorgen und sich die benötigte Restmenge zu Hause einzuflößen. Gut, ich war da vorausschauender und habe mir von vornherein meinen Vorrat zu Hause gehortet ... Aber ansonsten dachte ich, nur ich hätte mich so verhalten. Das Forum hilft mir enorm, mich in dem breit gefächerten Alkoholiker-Spektrum einzuordnen. Wir alle haben unterschiedliche Wege hinter uns, aber unsere Suchthirne ähneln sich..

    Ich habe auch den langen Faden über Suchtverlagerung gelesen, hätte da gerne noch etwas beigetragen, aber der ist schon viele Jahre alt. Einen neuen mag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eröffnen, aber ich will kurz erzählen, wie sich bei mir die Suchtverlagerung beim Nikotin gezeigt hat: Ich habe bis vor achtzehn Jahren sehr viel geraucht (klar, immer maßlos bei solchen Dingen), zwei Packungen am Tag, dann erst mit Nikotinpflaster aufgehört, und dann sah ich jemanden Nikotinkaugummis kauen und habe das versucht ... Mit dem Zeug hatte ich daraufhin die nächsten zehn Jahre das Vergnügen, ich kam nicht los von den Nikotinkaugummis (schweineteuer, übrigens!), und mein Umfeld fand das überaus eigenartig. Erst nach vielen Jahren schaffte ich es, auf normale Kaugummis umzusteigen, und die habe ich heute noch immer dabei.

    Mit der Alkoholabstinenz kommt natürlich das Verlangen nach Süßem bei mir. Ich bin jetzt einen Monat abstinent und noch lasse ich das zu, nehme mir alle Leckereien, die mir helfen, die Finger vom Wein zu lassen. Aber irgendwann muss sich das auch wieder einpendeln. Vielleicht schaffe ich ja mal einen gesunden Move und verlagere dann die Sucht auf Sport, wie ich es bei einigen anderen hier mit Bewunderung lese. Triathlon wird es wohl eher nicht mehr, aber Aquagym und Walking habe ich schon mal begonnen.

    Viele Grüße

    Mattie

    Ach, herrje, Lebensmut, das tut mir so furchtbar leid. Nach dem, wie ich dich hier erlebe, hatte dein Katerchen bei dir das beste Leben, das man als Katze haben kann. Komm gut über die Regenbogenbrücke, kleiner Kater.

    Ich hatte auch schon mehrere Katzen, von denen ich Abschied nehmen musste. Es ist immer schlimm. Aber wir, liebe Lebensmut, wissen, dass man solche Tiefs aushalten kann. Viel besser, als wenn wir auch noch Alkohol dabei trinken würden.

    Der Katerbruder braucht dich jetzt. Tröstet euch gegenseitig ein bisschen.

    Liebe Grüße

    Mattie

    Ich weiß grad dein Alter nicht, aber z.B. auch die Hormonschwankungen bei Wechseljahren können einen stinksauer machen :-).

    Mit dem Thema bin ich zum Glück durch. War auch nicht allzu dramatisch bei mir. Ich bin Anfang Sechzig.

    In der benachbarten Großstadt gibt es ein luxuriöses plüschiges Kino, da kann man auf urgemütlichen Sesseln mit bequemen Fußhockern das Leinwanderlebnis vollends entspannt genießen. Man wird schon im Foyer mit Sekt begrüßt und bestellt sich dann am Platz zB einen halben Liter Weißwein, Oliven und Käsevariationen als Filmbegleitung, wie ich es stets getan habe. Dieses Kino war jahrelang einer unserer Lieblingsorte zum Ausgehen.

    Jetzt will ich am Wochenende Downton Abbey sehen, und mein Mann und ich haben uns ein Kino herausgesucht, das wir nicht mit Alkoholkonsum verbinden. Da gibt es dann Popcorn und Cola light, und es fühlt sich kein bisschen nach Verzicht an. Und preiswerter ist es auch :) Ich freue mich darauf, wie ich mich immer darüber freue, eine Möglichkeit zur Veränderung zu entdecken. Nicht immer machbar, aber wo doch, da zögere ich auch nicht lange.

    Euch allen ein gutes nüchternes Wochenende

    Mattie

    Danke euch sehr!

    Neuer Tag, neue Laune :) Der Sturm hat sich gelegt.

    Simsalabim Was für eine witzige Idee, ChatGPT einzuspannen. Ich arbeite oft mit KI, aber auf die Idee, ihr meine Sorgen anzuvertrauen, bin ich noch nicht gekommen. Ich habe es gestern gleich ausprobiert, und es lenkt die Gedanken in gute Richtungen. Ja, das werde ich bestimmt öfter machen. Danke für den Tipp.

    Lebenskuenstler Deinen Beitrag lese ich mehrfach und verinnerliche ihn. Deine Gedanken und deine Perspektive helfen mir sehr. Ich weiß noch nicht so genau, wohin mein Weg führt, beruflich. Aber ich spüre, da bricht etwas auf, je länger ich hier mitlese. Wenn ich hier so vor mich hin jammere, erwarte ich keineswegs immer Ratschläge. Es hilft mir sehr, mich hier mitzuteilen und eure Reaktionen zu sehen. Ja, ich brauche Zeit und Geduld, und ich freue mich über jeden weiteren trockenen Tag.

    Helene Ich sehe es auch so, dass ich die Gefühle nicht unterdrücken sollte. Schreitherapie habe ich noch nicht ausprobiert, würde ich tun, wenn es ganz schlimm käme. Aber aktuell hilft mir gerade Schwimmen und Bewegung an der frischen Luft und dem Partner das eigene Befinden schildern. Das werde ich mir für zukünftige Launen merken.

    Obwohl die Anfangseuphorie leider erst einmal passè ist, spüre ich, dass ich Abstand zum Alk aufgebaut habe. Es fühlt sich ein bisschen so an, als sei in mir ein schwerer Vorhang herabgefallenen, der mich vom Wein und Bier trennt. Zu trinken ist aktuell nicht die kleinste Option, und wenn es mir mies geht wie gestern und die Tage davor, sage ich mir: "Halt es einfach aus, es ist kein Dauerzustand. Und mit dem heruntergekippten Glas Wein oder der Bierflasche neben dir ginge es dir noch viel, viel schlechter."

    So mache ich einfach immer weiter und zähle meine nüchternen Tage. Heute hat mich jemand gefragt, ob ich abgenommen habe. Habe ich nicht, da Lakritz & Schoko meine aktuellen Begleiter sind, aber offenbar verändert sich mein Gesicht nicht nur für mich im Spiegel. Man bemerkt etwas, das gefällt mir.

    Liebe Grüße in die Runde

    Mattie

    PS. Frage an die Technik-Affinen/Mods: Ich würde gerne aus mehreren Beiträgen in einem Post zitieren. Ich schaffe es, drei verschiedene Zitate aus drei verschiedenen Antworten zu sammeln und zu speichern, aber wie setze ich die dann in meinen Beitrag ein? Wo ist der Button 'Zitat auswählen und einfügen'? Kann mir das einer bitte erklären oder verlinken? Das wäre lieb.

    Wenn Du so lange trocken wärst wie ich, hättest Du mit dem Alkohol überhaupt kein Problem mehr, wärst dafür aber schon 85 Jahre alt. Willst Du das? Wohl eher nicht.

    Nein, das eher nicht, stimmt. Ich übe mich in Geduld.

    Gerade nervt mich eine andere Sache. Ich stecke aktuell voller Ärger und Wut, keine Ahnung, woher die kommen. Solche Zustände kenne ich auch aus der Zeit, als ich noch getrunken habe, insofern glaube ich nicht, dass es vor allem auf den fehlenden Alkohol zurückzuführen ist. Mit Alkohol hätte ich einfach noch mehr getrunken, um zu betäuben. Ich habe das nicht häufig, es ist bestimmt nicht behandlungsbedürftig, ich will dem nur nun, da ich trocken bin, irgendwie entgegenwirken.

    Ich denke natürlich an die HALT-Regel. Hunger finde ich problemlos zu lösen - einfach essen. Einsamkeit kann ich auch gut verhindern - Leute treffen, raus gehen, telefonieren. Müde bin ich auch nur kurz - dann lege ich mich dankbar ins Bett. Aber Wut? Was tue ich dagegen? Es ist diese Art von nicht zielgerichteter Wut, bei der man genervt ist von der Fliege an der Wand. Menschen, die zu laut lachen, nerven mich genauso wie Menschen, die eine Flappe ziehen. Ich bin gerade wirklich unleidlich, könnte wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gehen, bin keine gute Gesellschaft für irgendjemanden und ziehe mich zurück, bevor ich irgendwen vor den Kopf stoße. Der Rückzug hilft den anderen. Ich bleibe allein mit meinem innerlichen Sturm.

    Es besteht kein Saufdruck. Ich sehe nur die Gefahr, dass sich das Suchthirn bei solch einem Befinden irgendwann einklinkt.

    Deswegen mal meine Frage an die Runde: Was hilft, gelassener zu werden? Langfristig und auch kurzfristig? Meditation, Autogenes Training und Yoga sind mir nicht ganz unvertraut, ich habe allerdings keine ausgeprägte Routine darin. Gibt es noch andere Techniken und Tipps? Was macht ihr, wenn ihr wütend werdet?

    Viele Grüße

    Mattie

    Hallo erstmal toll, dass du es geschafft hast alte Routinen zu durchbrechen. Es ist der Beginn der Neuordnung des Lebens. Wir sind halt nun Mal " Gewohnheitstiere". Und bestimmten Gewohnheiten fast schon unbewusste Reflexe sind verdammt schwer umzuglernen. Deshalb kommt die es noch Holprig vor. " Nie mehr Wein" Ist auch so ein Reflex! Alles was " verboten " ist reizt. Verschleierter Saufdruck in meinen Augen. Bei mir hat es ungefähr ein Jahr gedauert bis ich ,außer ganz selten , mir gedacht habe jetzt würde dir ein Wein schmecken. Würde er mir wirklich schmecken ( Sauer, ect. ) ? NEIN ich würde dem Alkohol Teufel wieder reinlassen. Unsere Welt unser Leben lässt keinen Alkohol mehr zu! Außerdem haben wir ja schon für mindestens zwei Leben getrunken das müsste langen. Und noch etwas hat dir, mir, uns Alkohol gut getan? Nüchtern betrachtet NEIN gib es dir zu. Viel Erfolg auf deinem Weg. Es ist eine interessante Reise!

    Danke für deinen Beitrag und deine Mut machenden Worte! Ja, ich hoffe auch, dass sich mit der Zeit die neuen Gewohnheiten festigen. Ich bin so ein ungeduldiger Mensch und hätte am liebsten jetzt schon ein Jahr Abstinenz hinter mir. Mit allergrößter Bewunderung habe ich in der vergangenen Woche zum Beispiel den Faden über die zehnjährige Abstinenz von Thalia1913 gelesen. Es tut richtig gut, sich im Forum durch solche Beiträge zu lesen. Ich nehme davon sehr viel mit.

    Doctor W., du hast vollkommen recht, Alkohol hat nie wirklich gut getan. Es ist immer nur eine vom Suchthirn vorgegaukelte Vision. Im Verstand ist mir das sehr klar, obwohl ich erst am Anfang meines Weges bin.

    Viele Grüße

    Mattie

    Gefährlich wird es meines Dafürhaltens dann, wenn ein derartiges Trinken zur Gewohnheit wird. Da hat es mich dann erwischt. Ich griff zum Glas / zur Flasche fast schon automatisch, oftmals (ich würde fast sagen "in der Regel") bei geradezu banalen Situationen, eben weil es so üblich war, z.B. nach der Arbeit in der Garage bevor ich in die Wohnung ging. Wirklichen Grund dafür gab es nicht, ich hätte auch nichts trinken können - theoretisch, aber dennoch tat ich es...

    Das schlimme Schlüsselereignis muss somit gar nicht zwingend der Grund der Beginn der Abhängigkeit sein, denke ich mal. Wie der stete Tropfen den Stein höhlt, reichen auch kleine immer wiederkehrende Muster, Schemata und eben auch Gewohnheiten, um früher oder später in die Abhängigkeit zu geraten.

    Bei mir ist es ähnlich gelaufen: ein allmähliches Hineinschliddern in missbräuchlichen Gebrauch und in die Alkoholkrankheit. Kein konkreter Anlass. im Gegenteil, ein gutes Leben, zu dem allerdings zunächst der abendliche Wein gehörte, später dann auch noch das nachmittägliche Bier, um die Kreativität zu befeuern, und wer weiß, wie sich das in den nächsten Jahren gesteigert hätte. Ich mag mir das gar nicht ausmalen. Keine Flucht vor Konflikten, psychischen Problem oder desolaten Umständen, einfach nur strunzdumme Angewohnheiten, die ein toxisches Eigenleben entwickelten.

    Viele Grüße

    Mattie

    Und als ich aufgehört hatte, konnte ich Einiges nicht mehr betäuben und aussitzen, sondern musste grundsätzlich etwas an meinem Leben ändern.

    Danke für deinen Post, Lebenskünstler. Ich finde mich in weiten Teilen darin wieder.

    Grundsätzlich etwas an meinem Leben ändern: das finde ich schwer bis unmöglich, aber mir ist schon klar, dass ich damit einen Aufschrei provozieren könnte - 'musst du aber, sonst wird das nichts'. Ich bin Freiberuflerin, und das Bier ab etwa 14 Uhr gehörte neben meinen Laptop. Ich sehe nicht, wie ich mein Leben verändern könnte, ich kann nur diese Gewohnheit abstellen und mir stattdessen eine Tasse Tee auf den Schreibtisch stellen. Ich arbeite kreativ, und Alkohol gab mir seit einigen Jahren das Gefühl, mit ihm besonders effektiv zu arbeiten. Ich kann nicht den Lebensumstand, kreativ zu arbeiten, abstellen. Ich kann nur meine Gewohnheit ändern und mich mit jedem Tag ein Stück mehr davon überzeugen, dass ich ohne Alk sogar noch kreativer bin.

    Ich versuche das so. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht für mich.

    Viele Grüße

    Mattie

    Abstinent werden wollen, aber nach Aussen eine Trinkpause verkünden, ist ein Konstruktionsfehler.
    Damit habe ich jederzeit die Möglichkeit dem Druck nachzugeben, ein Hintertürchen eben und dieses Hintertürchen kennt das Suchthirn besser als ich und es wird mir bei der nächsten Gelegenheit die Tür weit aufmachen.
    Eine Trinkpause bedeutet, ich habe nicht akzeptiert, dass ich (als Alkoholiker) nie wieder Alkohol trinken kann.

    Hier fasst du das noch einmal sehr präzise zusammen, Nayouk, was ich Oscar oben sagen wollte. Danke und

    viele Grüße

    Mattie

    Bei der Absicherung meiner Abstinenz verlasse ich mich exakt auf einen Menschen: ausschließlich auf mich selbst.

    Hi Oscar, sorry, dass ich jetzt erst zum Antworten kommen. Mir geht es genau so: Ich verlasse mich ausschließlich auf mich selbst! Natürlich können mich die anderen nicht vom Trinken abhalten, aber wenn ich aller Welt erzählte, dass ich aktuell nur eine Trinkpause mache, betrüge ich mich damit auch selbst. Das ist eigentlich das, was ich sagen wollte. Ich rede mir dann ein, dass es tatsächlich nur eine Trinkpause war, und nun hätte ich meinem Körper eine Gesundheitspause gegönnt, und ich könne mein altes Leben wieder aufnehmen. Das war stets die Gefahr bei mir. Aktuell kann mir das zumindest nicht passieren, da ich für mich klar habe: abstinent für immer und dauerhaft gesund werdend.

    Viele Grüße

    Mattie

    Hallo zusammen,

    ich bin wieder zu Hause und melde mich zurück. Ich hatte nur Tablet und Handy dabei, und auf beiden tippe ich nur mit einem Zeigefinger. Sehr mühsam, deswegen keine Posts vor mir in den vergangenen Tagen.

    Mir geht es gerade nicht gut, ein kleiner Familienkonflikt (hat nichts mit Trinken zu tun), der mich zu Hause erwartet hat, wirft mich überraschend aus der Bahn. Ich fühle mich schutzlos und zerbrechlich. Vermutlich hätte der Alk diese Gefühle verdeckt, nun treten sie offen zu Tage. Ich hatte vor einem Jahrzehnt mal eine behandlungsbedürftige Depression, ich hoffe von ganzem Herzen, dass sie nicht zurückkehrt und es sich nur um eine vorübergehende Verstimmung handelt. In meinem Kopf scheint Watte zu sein, und mir ist zum Heulen. Vielleicht hilft das Schreiben hier.

    Die Woche im Hotel ist gut gelaufen. Ich hatte erzählt, dass ich in früheren Zeiten immer Wein mit aufs Hotelzimmer genommen habe. Diesmal hatte ich Eistee und diverse Snacks dabei und es hat gut funktioniert. Der erste Abend war gewöhnungsbedürftig, da ruckelte es noch ein bisschen, aber schon am zweiten fühlte es sich vertrauter an.

    Die schwierigsten Situationen kamen für mich überraschend: Nach der vierstündigen Hinfahrt mit dem Auto habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren in dieser Situation nicht nach dem ersten kühlen Bier des Tages Ausschau gehalten, sondern bin gleich zu meinen Leuten zum Kaffee. Auch nach der stressigen Rückfahrt habe ich mich nicht mit Glas Wein in den Relaxsessel gesetzt, sondern Tee gemacht. Das fühlte sich auch gewöhnungsbedürftig an, aber ich habe das hinbekommen, und von richtigem Saufdruck kann ich eigentlich nicht sprechen. Es war nur anders als sonst, eben, wie oben schon einmal erwähnt, ein "Überschreiben der Software". Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass solche Situationen mit der Zeit immer leichter zu bewältigen sein werden.

    Ich habe darüber nachgedacht, dass das größte Risiko für mich ich selbst bin. Es gibt, abgesehen von dem weiter oben beschriebenen Weißwein-Trüppchen, kaum Leute in meinem Umfeld, die mich zum Trinken zu animieren versuchen, im Gegenteil, die haben alle kaum etwas mit Alkohol zu tun. Es gab in der vergangenen Woche ein Jazzkonzert, und auf dem Hinweg kam mir der Gedanke, hui, wie blöd, du wirst dich da nicht an der Flasche Bier festhalten wie sonst, sondern Cola trinken. Das habe ich innerlich nur mit mir allein abgemacht, ich brauchte nirgendwo eine Erklärung abzugeben, denn die Leute, in deren Begleitung ich war, trinken sowieso bei solchen Anlässen nur Wasser.

    Ich bin dafür gewappnet, in den nächsten Wochen weitere innere Auseinandersetzungen zu führen und mir Strategien vorab zu überlegen. Wobei ich manches voraussehe, anderes mich überrascht. Auch darauf muss ich vorbereitet sein. Und ich hoffe sehr, dass sich die Euphorie wieder einstellt, die mich in den ersten drei Wochen getragen hat. Aber auch wenn nicht, halte ich das aus, bis es wieder besser wird.

    Als schwierig entpuppt sich für mich dieser verdammte Gedanke "Wie jetzt, wirklich für IMMER keinen Wein mehr?" Ich lese das auch in anderen Fäden, dass andere damit hadern. Mein Konzept dagegen ist jetzt, daran zu denken, was es bei diesem neuen Leben auch niemals mehr wieder geben wird: Der erste Bier schon um 14 Uhr, obwohl ich noch arbeiten muss; auf Partys der Blick auf die Weingläser der anderen, um bloß nicht mit zu schnellem Trinken aufzufallen; die Peinlichkeit, wenn um 22 Uhr jemand anruft, und ich kann kaum noch sprechen; die rot unterlaufenen Augen, die rötliche Gesichtsfarbe; die Flaschenbatterie in meinem Leergutversteck ...

    Übrigens hatte ich die leeren Flaschen bei uns im Keller für mich als Mahnmal noch stehengelassen, und das hat eigentlich auch funktioniert, weil ich immer beim Hingucken dachte, da will ich nicht mehr hin. Gestern Abend noch habe ich nun alle entsorgt, und - Schock - da war noch eine volle Flasche Rotwein dabei!!! Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, aber es war dann doch relativ einfach, den Inhalt mit zugehaltener Nase ins Waschbecken zu kippen.

    Mein Fazit also der vergangenen Woche: Saufdruck blieb aus, aber die Umgewöhnung läuft nicht geschmeidig, sondern ruckelnd. So wie es jetzt ist, ist es auszuhalten. Und ich hoffe, meine Stimmung verbessert sich bald. Das Lesen im Forum hat mir in den letzten Tagen Unterstützung bedeutet, und das heutige Schreiben tut mir auch gut.

    Bis bald und viele Grüße

    Mattie