Hallo zusammen,
ich bin wieder zu Hause und melde mich zurück. Ich hatte nur Tablet und Handy dabei, und auf beiden tippe ich nur mit einem Zeigefinger. Sehr mühsam, deswegen keine Posts vor mir in den vergangenen Tagen.
Mir geht es gerade nicht gut, ein kleiner Familienkonflikt (hat nichts mit Trinken zu tun), der mich zu Hause erwartet hat, wirft mich überraschend aus der Bahn. Ich fühle mich schutzlos und zerbrechlich. Vermutlich hätte der Alk diese Gefühle verdeckt, nun treten sie offen zu Tage. Ich hatte vor einem Jahrzehnt mal eine behandlungsbedürftige Depression, ich hoffe von ganzem Herzen, dass sie nicht zurückkehrt und es sich nur um eine vorübergehende Verstimmung handelt. In meinem Kopf scheint Watte zu sein, und mir ist zum Heulen. Vielleicht hilft das Schreiben hier.
Die Woche im Hotel ist gut gelaufen. Ich hatte erzählt, dass ich in früheren Zeiten immer Wein mit aufs Hotelzimmer genommen habe. Diesmal hatte ich Eistee und diverse Snacks dabei und es hat gut funktioniert. Der erste Abend war gewöhnungsbedürftig, da ruckelte es noch ein bisschen, aber schon am zweiten fühlte es sich vertrauter an.
Die schwierigsten Situationen kamen für mich überraschend: Nach der vierstündigen Hinfahrt mit dem Auto habe ich zum ersten Mal seit vielen Jahren in dieser Situation nicht nach dem ersten kühlen Bier des Tages Ausschau gehalten, sondern bin gleich zu meinen Leuten zum Kaffee. Auch nach der stressigen Rückfahrt habe ich mich nicht mit Glas Wein in den Relaxsessel gesetzt, sondern Tee gemacht. Das fühlte sich auch gewöhnungsbedürftig an, aber ich habe das hinbekommen, und von richtigem Saufdruck kann ich eigentlich nicht sprechen. Es war nur anders als sonst, eben, wie oben schon einmal erwähnt, ein "Überschreiben der Software". Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass solche Situationen mit der Zeit immer leichter zu bewältigen sein werden.
Ich habe darüber nachgedacht, dass das größte Risiko für mich ich selbst bin. Es gibt, abgesehen von dem weiter oben beschriebenen Weißwein-Trüppchen, kaum Leute in meinem Umfeld, die mich zum Trinken zu animieren versuchen, im Gegenteil, die haben alle kaum etwas mit Alkohol zu tun. Es gab in der vergangenen Woche ein Jazzkonzert, und auf dem Hinweg kam mir der Gedanke, hui, wie blöd, du wirst dich da nicht an der Flasche Bier festhalten wie sonst, sondern Cola trinken. Das habe ich innerlich nur mit mir allein abgemacht, ich brauchte nirgendwo eine Erklärung abzugeben, denn die Leute, in deren Begleitung ich war, trinken sowieso bei solchen Anlässen nur Wasser.
Ich bin dafür gewappnet, in den nächsten Wochen weitere innere Auseinandersetzungen zu führen und mir Strategien vorab zu überlegen. Wobei ich manches voraussehe, anderes mich überrascht. Auch darauf muss ich vorbereitet sein. Und ich hoffe sehr, dass sich die Euphorie wieder einstellt, die mich in den ersten drei Wochen getragen hat. Aber auch wenn nicht, halte ich das aus, bis es wieder besser wird.
Als schwierig entpuppt sich für mich dieser verdammte Gedanke "Wie jetzt, wirklich für IMMER keinen Wein mehr?" Ich lese das auch in anderen Fäden, dass andere damit hadern. Mein Konzept dagegen ist jetzt, daran zu denken, was es bei diesem neuen Leben auch niemals mehr wieder geben wird: Der erste Bier schon um 14 Uhr, obwohl ich noch arbeiten muss; auf Partys der Blick auf die Weingläser der anderen, um bloß nicht mit zu schnellem Trinken aufzufallen; die Peinlichkeit, wenn um 22 Uhr jemand anruft, und ich kann kaum noch sprechen; die rot unterlaufenen Augen, die rötliche Gesichtsfarbe; die Flaschenbatterie in meinem Leergutversteck ...
Übrigens hatte ich die leeren Flaschen bei uns im Keller für mich als Mahnmal noch stehengelassen, und das hat eigentlich auch funktioniert, weil ich immer beim Hingucken dachte, da will ich nicht mehr hin. Gestern Abend noch habe ich nun alle entsorgt, und - Schock - da war noch eine volle Flasche Rotwein dabei!!! Mir ist das Herz in die Hose gerutscht, aber es war dann doch relativ einfach, den Inhalt mit zugehaltener Nase ins Waschbecken zu kippen.
Mein Fazit also der vergangenen Woche: Saufdruck blieb aus, aber die Umgewöhnung läuft nicht geschmeidig, sondern ruckelnd. So wie es jetzt ist, ist es auszuhalten. Und ich hoffe, meine Stimmung verbessert sich bald. Das Lesen im Forum hat mir in den letzten Tagen Unterstützung bedeutet, und das heutige Schreiben tut mir auch gut.
Bis bald und viele Grüße
Mattie