Guten Morgen!
Zuallererst vielen lieben Dank für die lieben Nachrichten gestern, das bestätigt mich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
So, der Tag 11 ist geschafft...hätte ich fast geschrieben...
Ich kann mich noch nicht entscheiden, ob ich wieder Tage zähle oder nicht. Es gibt ja kein Ziel, das erreicht werden muss, für immer kann man nicht zählen.
Gestern verlief ganz passabel, auch wenn ich recht nachdenklich war. Ich habe hier viel gelesen und in meinem Kopf war ordentlich was los.
Ich war bei meinem Arzt und bin nochmal eine Woche zu hause, um mich zu sortieren (an den Spießrutenlauf in der Arbeit nächste Woche will ich jetzt noch nicht denken). Ich hatte das Thema angesprochen, dass ich immer froh war, einen nüchternen Tag geschafft zu haben und dass ich dann wieder in den "Hauptsache, Du hast überlebt"-Modus wie in meiner tiefsten Phase der Depression gekommen bin (auch nüchtern). Er fragte mich dann, ob ich den Tag auch mit Leben gefüllt habe und ich musste zugeben "nein"...Ich habe meine Aufgaben erfüllt, stillgehalten und gewartet...mehr nicht. Ich war ja froh, dass ich das, was getan werden musste, geschafft habe. Die Leere, die entstand, wenn ich nicht trank habe ich dann mit Spielen und Fernsehen gefüllt. Das tat mir ja nicht gut. Auch die Selbstkritik sagte mir, dass ich nicht genug mache, überall nur das Soll schaffe, wenn überhaupt. Früher hieß es "Wo ich bin, ist Vorne!" Wo jetzt meine Grenzen (nach dem Burnout) sind, herauszufinden, ist schwer und bedarf Ausdauer. Die habe ich aber nur, wenn ich nicht trinke.
Heute werde ich bevor Mini-Toffi nach hause kommt, raus fahren, ein Buch und etwas Proviant mitnehmen und dort mindestens 2h bleiben. Ich will schauen, welche Frühblüher man schon sehen kann, hören, welche Vögel schon da sind und hoffe, dass die Sonne scheint. Alles Zeichen für einen Neuanfang. (Und Sport ist absolut nicht mein Ding)
Vorher muss ich noch ein paar Dinge erledigen, die liegen geblieben sind.
Was meine Rückfälle angeht, habe ich mir die HALT-Regel noch einmal angeschaut. Ich habe echt mit Einsamkeit zu kämpfen. Ich fühle mich manchmal, als würde ich alleine versuchen, die Stellung zu halten. Hilfe in Anspruch zu nehmen fällt mur 1. ohnehin schwer und hat immer seinen Preis, der mir in einigen Angelegenheiten zu hoch ist. Ich habe Schwierigkeiten, Sozialkontakte zu knüpfen und zu halten, weil ich oft das Gefühl habe, nicht richtig rein zu passen. Dann ziehe ich mich meist zurück und irgendwann bricht der Kontakt ab.
Durch eine Therapie habe ich verstanden, dass vieles davon aus meiner "Erziehung" stammt. Ich hatte Leistung zu bringen, auf Abruf bereit zu stehen und durfte kaum raus und Kontakt zu anderen haben (dann hätte ich ja merken können, dass da in unserer "Familie" was nicht stimmt). Mir wurde eingeredet, ich sei nichts wert, ein Klotz am Bein und mache nur Mist, die anderen wollen mich gar nicht dabei haben und tun nur so. Irgendwann lernte ich, mich unsichtbar zu machen und mich in meinem Kopf zu verkriechen, nur nicht auffallen, dann wird es nicht so schlimm. Und ich gewöhnte mich daran, alleine zu sein. Ich hatte mich dank Therapie aus diesem Sumpf befreien können, wurde aber zwei Mal durch falsche Partner wieder rein gedrückt. Das führt natürlich auch dazu, dass ich es nicht so mit Vertrauen habe - in andere und in mich.
Eingesehen habe ich, dass ich hier auf offene Ohren stoße und zumindest mit dem Thema Alkohol hier nicht einsam bin. Der Alltag sieht allerdings anders aus. Ich bin alleinerziehend mit einem Kind, das nicht der Norm entspricht und dadurch einen sehr hohen Betreuungsbedarf hat. Beruflich habe ich einen Job, der keine Fehler erlaubt, wenn auch nur in Teilzeit. Für soziale Kontakte bleibt da kaum Zeit und wenn Mini-Toffi mal bei Papa ist, bin ich von der Fülle der Dinge, die ich tun könnte und müsste oft so überwältigt, dass ich in Schockstarre verfalle und einfach gar nichts mache. Unternehme ich etwas Schönes, bekomme ich entweder nicht genug davon und falle danach in ein Loch oder ich habe schon vorher Zweifel, ob die anderen mich wirklich sehen wollen oder nur höflich sind. Das kann ich noch nicht wieder richtig einordnen. Ich bin auf der Suche nach einem Weg, aus diesem selbstmitleidigen "Dazu fehlt mir die Zeit" und "Schön, was andere in ihrer Freizeit machen, ich habe niemanden, mit dem ich die Aufgaben teilen kann und mich mal um mich kümmern". Die Umstände lassen sich ad hoc nicht ändern, aber ich kann hoffentlich meine Einstellung dazu ändern und nicht einfach auf bessere Zeiten warten.
Der Text ist jetzt recht lang geworden und auch gefühlt unsortiert, aber ich muss jetzt in die Gänge kommen, sonst wird das heute nichts.
Liebe Grüße und habt einen guten Tag!🌞