Hallo und ein frohes Neues Jahr hier ins Forum.
Ich hatte gestern meinen Termin bei der Suchtberatung. Es war ein richtiger Schritt.
Ich habe zunächst wöchentliche Termine. Wenn ich Interesse habe, könnten wir auch Hypnose versuchen, damit ich wieder mehr meinen Körper fühle und nicht nur mit dem Kopf arbeite. Es sei keine Hypnose mit „Schnipp, du bist wieder da“, sondern eher ein von ihr geleitetes In-mich-Fühlen, bei dem ich jederzeit die Kontrolle über mich behalte.
Die Therapeutin hat mir auch in Bezug auf Prozesse im Gehirn sehr verständlich erklärt, warum Verhaltensänderungen so wichtig sind, warum „einfach nicht mehr trinken“ nicht ausreicht, um dauerhaft abstinent bleiben zu können. Grob gesagt erklärte sie im Ergebnis, dass sich mein Gehirn hinsichtlich der durch Alkohol verursachten Dopaminausschüttung und damit verbundener Zufriedenheit im Laufe der Zeit eine Autobahn gebaut habe, die es immer wieder befahren will. Ich müsse neue Verknüpfungen (neue Wege)im Gehirn herstellen und ausbauen, deren Nutzung alternativ zum Alkohol zu einer Dopaminausschüttung und damit zu meiner Zufriedenheit führt. Diese neuen positiven Verknüpfungen entstünden aber nur durch neue Verhaltensweisen, die mir Spaß machen.
Da dachte ich an dich Soapstar , an deinen Bericht, dass du mit deinem Leben ohne Alkohol irgendwie unzufrieden bist. Die Therapeutin sagte mir, wenn ich z.B. Lesen total doof finde, dann wird das neue Verhalten „Lesen“ nicht zu einer neuen Verknüpfung mit Zufriedenheitsempfinden führen. Ich würde ein Buch lesen und mich dennoch nicht zufrieden fühlen und die Autobahn vor der Tür sei weiterhin da.
Je gefestigter die neuen Verbindungen im Gehirn werden, desto mehr baue es die Autobahn zu einer Bundes-, Landes-, Gemeindestraße zurück. Ein Pfad werde aber für immer bestehen bleiben, den mein Gehirn auch wieder ausbauen könnte. (Mir hat diese Erläuterung geholfen, meine Sucht besser zu verstehen. Und es ist ein schönes Bild für mich, mir vorzustellen, wie die Straße im Laufe der abstinenten Zeit zurückgebaut wird.)
Also heißt das für mich, alte liebe Hobbys, die ich vernachlässigt habe, zu reaktivieren. Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass mir Gesellschaft, der Kontakt zu anderen Menschen fehlt. Deshalb werde ich ab nächste Woche eine Selbsthilfegruppe besuchen. Diese Gruppe ist offen für alle Suchtformen, für Abhängige und Angehörige und es finden unabhängig von den Gruppenabenden gemeinsame Aktivitäten statt, Auch gibt es eine Gruppe, die sich einmal im Monat zu einem zwanglosen gemeinsamen Frühstück trifft. Da werde ich ebenfalls reinschnuppern. Eine Nachbarin fragte mich mal, ob ich nicht hin und wieder Lust hätte, auf einen Kaffee vorbei zu kommen. Ich habe ihr Angebot nie angenommen. Ich werde das nun umsetzen.
Ich habe gestern mit meinem Mann ausführlich über das Gespräch geredet. Ich erklärte ihm, welche von den 6 Punkten (Entzug, Verlangen, Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, soziale Belange, medizinische Belange) bei mir warum zutreffen und dass ich danach definitiv Alkoholikerin bin. Ich hatte das Gefühl, dass er anfängt, das zu verstehen, für sich zu akzeptieren, und welche Konsequenzen sich für mich daraus ergeben. Ich glaube auch, dass er selbst ins Grübeln gekommen ist.
So lehnte er den Vorschlag der Therapeutin, dass er sich immer nur zeitnah das Bier besorgt, was er samstags abends trinken will, nicht einfach ab, sondern erklärte, dass wir das so machen sollten, wenn es mir helfe. Und er fängt samstags immer später an und trinkt dann immer weniger. Heute meinte er sogar, dass es gar nicht richtig Spaß mache, allein oben in einem separaten Raum Bier zu trinken, und hat sich vorhin nur 2 Flaschen mitgenommen. (Er trinkt in meiner Anwesenheit gar nicht mehr.) Zu Silvester fragte er mich, ob ich Lust hätte, aufs Neue Jahr mit einem Fruchtsaftmix mit ihm anzustoßen. Wir haben beide den Jahreswechsel komplett ohne Alkohol gefeiert.
Es fühlt sich gut für mich an, wie es gerade läuft.
LG