Guten Abend in die Runde,
ich bin Angehörige (Ehefrau) und habe mich vor kurzem hier angemeldet und vorgestellt.
Mein Mann steht nun kurz davor, den Schritt in eine körperliche Entgiftung mit anschließender Reha zu gehen. Dazu würde ich gern eure Erfahrungen hören – vor allem, wie der Übergang von einem kritischen Zustand zu Hause hin zu einer geordneten Entgiftung gelingen kann.
Kurz zu unserer Situation: Das Alkoholproblem besteht seit vielen Jahren. Alkohol war für meinen Mann lange ein Mittel zur Schmerz- und Stressregulation – erst Bier und Wein, später immer wieder Phasen mit Hochprozentigem. Er hat es über Jahre geschafft, den Konsum zu kaschieren und zu kompensieren, auch wenn es uns beide schon lange belastet hat.
In den letzten Monaten ist der Konsum jedoch massiv eskaliert: täglich mindestens eine Flasche Wodka. Am 03.08. ist sein Körper endgültig zusammengebrochen (medizinisch nennt man das wohl 'Dekompensation'): starke Schwäche, mehrere Stürze, Kreislaufprobleme, kaum Essen, starke Schmerzen in beiden Leisten. Ich war mehrfach kurz davor, den Notruf zu wählen.
Zu Beginn dieser Krise hat er sich noch massiv gewehrt, war verbal sehr angespannt und hat jede Form von Hilfe abgeblockt. In dieser Zeit sind wir trotz allem wieder näher zusammengerückt. Er hat gemerkt, dass ich nicht 'nur den Alkohol' sehe, sondern die gesamte Belastung: körperliche Beschwerden, psychische Themen, alte Traumata, Überforderung. Das hat viel verändert. Ich habe gemerkt, dass es für uns beide besser ist, wenn er den Schritt selbst (!) gehen will und ich ihn unterstütze, statt ihn gegen seinen Willen über die 112 in eine Klinik zu bringen. Auch wenn ich weiß, dass das eine Option bleiben muss.
Ein Teil dieser Belastungen sind auch seine seit 2021 bestehenden ME/CFS‑ähnlichen Symptome mit PEM (Verschlimmerung der Symptome nach schon geringer Belastung), die allerdings nie ärztlich abgeklärt wurden. Er hat über Jahre versucht, diese Beschwerden mit verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln zu stabilisieren – wie viele Betroffene, die kaum medizinische Unterstützung bekommen. Sein tiefes Misstrauen gegenüber Ärzten ist durch frühere traumatische Erfahrungen zusätzlich gewachsen. Alkohol wurde für ihn schließlich zur 'Lösung' für diese körperlichen und seelischen Schmerzen – mit entsprechendem Absturz.
Was ich bisher getan habe (seit 2 Wochen ins Handeln gekommen):
- Kontakt zur örtlichen Suchthilfe der Caritas (2 hilfreiche Telefontermine)
- gestern erster Austausch in einer gemischten Selbsthilfegruppe für Angehörige und Betroffene
- heute Telefonat mit einem weiteren Suchtberater der Selbsthilfe, der auch bei den Anträgen für die anschließende Reha unterstützt
- parallel habe ich ihn in der Klinik hier auf die Warteliste der Suchtstation setzen lassen (für die Entgiftung)
- mein Mann ist inzwischen bereit, mit mir zur Hausärztin zu gehen, um eine Einweisung für die Entgiftung zu bekommen
- die Notaufnahme bleibt eine Option, falls es akut kippt – aber ich hoffe auf einen geordneten Weg
- ich habe eine Übersicht für die Ärzte erstellt, damit sie die Komplexität erkennen (inkl. einer Liste der NEMs)
Meine Fragen an euch:
- Wie habt ihr den Übergang von einem kritischen Zustand zu Hause in eine stationäre Entgiftung erlebt?
- Was hilft Angehörigen in dieser Phase, in der man zwischen Notruf, Hausarzt und Klinik balanciert?
- Wird in der Klinik auch auf Begleitprobleme wie Trauma, Depression oder körperliche Beschwerden zumindest ein Stück weit eingegangen?
- welche Reha-Suchtkliniken (für gesetzlich Versicherte) sind empfehlenswert?
- Was hat euch oder euren Partnern geholfen, nach der Entgiftung wirklich dranzubleiben?
Vielen Dank fürs Lesen und eure Erfahrungen.
Coco