Beiträge von Mitten_im_Sog

    Liebe Aurora,

    vielen Dank für deinen Zuspruch und dafür, dass du deine eigene Geschichte so offen teilst. Es berührt mich, wie viel du selbst durchgemacht hast. Wir sind auch fast 30 Jahre zusammen.

    Wir waren heute beim Hausarzt und haben die Einweisung für die stationäre Entgiftung bekommen. Erleichterung! Übermorgen wird noch Blut abgenommen - nüchtern… 🤨da hilft mir manchmal nur Galgenhumor, um das alles auszuhalten.

    Ich denke, dass ich hier gut aufgehoben bin und den Austausch brauchen werde, gerade wenn es nicht reibungslos läuft. Im Moment bin ich innerlich klar und stabil, aber natürlich gefordert und belastet. Deshalb habe ich mich krankschreiben lassen, weil ich merke, dass ich gerade nicht arbeitsfähig bin. Meine eigene Gesundheit ist mir wichtig, zumal ich unser Einkommen alleine bestreite.

    Und ja, ich habe in der Vergangenheit auch zu viel Rücksicht genommen. Ich habe dieses emotionale Auf und Ab mitgemacht, mir oft jedes Wort überlegt, um ihn nicht zu triggern, mich in sinnlose und anstrengende Wortgefechte verwickeln lassen und mich viel zu oft gerechtfertigt und erklärt. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich weder bei seinen Depressionen noch beim Alkoholkonsum so an ihn herankomme - und dabei meine eigene Energie und Lebensfreude aufs Spiel setze.

    Jetzt möchte ich einfach Ruhe, Frieden und ein gutes Leben. Eigentlich haben wir dafür gute Voraussetzungen. Eigentlich... der Rest wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen.

    Ich werde weiter berichten.

    Coco

    Liebe orangeblau   Rennschnecke   Elly   Aurora
    erstmal wieder danke für eure Antworten, die ich verstehe und genauso akzeptiere, wie die Regeln hier und damit verbunden, Betroffenen, die noch zu nah dran sind und vielleicht mit der Abstinenz zu kämpfen haben, keine 'Hintertür' zu öffnen, wenn bestimmte Begriffe irgendwie dehnbar erscheinen...Ich verstehe die Absicht dahinter, stehe momentan aber zu meinem Weg.

    Ja, Sucht ist knallhart und das erlebe ich jetzt mit meinem Mann in dieser Wucht seit vier Wochen.

    Es geht um meinen Mann - in erster Linie - und natürlich auch um mich (ohne Suchthirn, ohne irgendwelche Suchterfahrung) - nur, ohne die Sucht meines Mannes müsste ich als Angehörige hier weder lesen, schreiben, noch nach Erfahrungsaustausch suchen.

    Ja, es sind meine Gedanken, doch ich rede ja auch mit meinem Mann und kenne ihn gut. Ich weiß, dass ich die Schritte nicht für ihn gehen kann, aber ich möchte ihn dabei unterstützen, ihn ermutigen, dass es sich lohnt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger möchte ich machen. Morgen steht der erste Schritt an, wenn wir gemeinsam zur Hausarztpraxis gehen und darauf habe ich tatsächlich die letzten Tage hingearbeitet. Er ist immer noch Willens und bereit - und ich hoffe sehr, auch körperlich dazu in der Lage. Die letzte Nacht war ziemlich anstrengend, weil er dauernd aufgestanden ist und ich auch kaum Schlaf hatte. Dafür schlief er heute fast den ganzen Tag - Schlafen ist nicht-Trinken und somit gut.

    Ich habe heute auf dem Balkon Kaffee getrunken, dann einen Kuchen gebacken und später meine Mutter zum Tee bei mir gehabt. Anschließend 2 Stunden spazieren im Wald. Das sind Dinge, die ich für mich mache und die mir guttun.

    Ich sehe mich eher im Begleiter-Modus, weniger im Retter-Modus. Das muss er wirklich selbst tun, aber auf dem Weg dahin begleite ich ihn und versuche dabei immer, auch auf mich zu achten. In den letzten Wochen fühle ich jedenfalls eine Klarheit, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte, was das Thema Alkoholsucht angeht.

    Ich wünsche uns allen einen guten Start in die neue Woche.

    Guten Morgen zusammen,

    ich schreibe einfach ein bisschen weiter, ohne Erwartungen auf schnelle Reaktionen. Irgendwie braucht es ja eine Weile in so einem Forum.

    Gestern Abend war ich in einer anderen SH-Gruppe und dort die einzige Angehörige. Neben einer weiteren Frau waren dort nur Männer - das nur als reine Beobachtung. Es war gut, ich bekam viel Raum und ein lebhafter Austausch kam in Gang. Ich wurde motiviert, meinen Mann gern mitzubringen oder dass er auch alleine kommen könne. Man kann sich wohl vorstellen, wie unterschiedlich so eine ca. 15 Personen große Gruppe zusammen gesetzt ist... Das war bisher auch immer das, was mich zurückgehalten hat - die Vorstellung, dass der kleinste gemeinsame Nenner der Gruppe der Alkohol ist – was fast ironisch klingt, wenn man über "kleinsten..." nachdenkt.

    Es war jedenfalls gut, all die Gedanken und Meinungen zu hören von Menschen, die selbst suchtkrank waren oder sind.

    Mir fällt weiter auf, dass auch hier fast durchgängig von "Alkoholiker" gesprochen wird - was ja faktisch stimmt. Mir geht es eher um das Stigma, das diesem Wort anhängt. Ich frage mich, ob es nicht hilfreicher wäre, öfter von einer Alkoholsucht als Krankheit zu sprechen. Nicht, um etwas zu beschönigen, sondern um die Dimension der Erkrankung sichtbarer zu machen. Gerade in einer Gesellschaft, in der Alkohol so tief verwurzelt und überall verfügbar ist...

    Und noch ein Gedanke, der mir beim quer Lesen immer mal wieder kommt - ist wirklich als Anregung gedacht: ich frage mich, ob diese Frage "lebenslang abstinent?" nicht manchmal zu früh kommt (auch wenn Abstinenz absolut notwendig und unumgänglich ist). Für jemanden wie meinen Mann wäre sie im Moment völlig überfordernd. Er könnte sie nur theoretisch beantworten und das "Suchthirn" kann sich ja eh kaum vorstellen, überhaupt die Entgiftung zu schaffen, diesen ersten (so wichtigen) Schritt. Ich finde es besser, den Weg der kleinen Schritte konsequent zu gehen. Ist ja bei anderen Dingen ohne Suchtbezug oft ganz ähnlich...

    Versteht jemand, was ich meine?

    Ich wünsche allen hier ein gutes Wochenende und bedanke mich fürs Lesen.

    Coco

    Ich war erleichtert dass er sich freiwillig hat einliefern lassen. So konnte ich zur Ruhe kommen, er musste sich um sich selbst dort kümmern und hatte medizinische Unterstützung.

    Ist das ein Kontakt für dich?

    Ja, ich werde ganz bestimmt auch diese Erleichterung spüren.
    Der Suchtberater der Caritas ist ein sehr empathischer und engagierter Mensch und hat die Komplexität verstanden und sogar angeboten, dass ich mit meinem Mann zu ihm kommen kann, obwohl er eher für den Landkreis zuständig ist. Das fand ich super! Den kurzfristigen gemeinsamen Termin hat mein Mann körperlich nicht geschafft - obwohl ich es da noch mit Drängen, Bitten, Weg versperren versucht hatte. Es konnte nicht klappen und es war auch kein Drama letztlich. Ich habe weiter telefoniert und eben diese Kontakte geknüpft. Das finde ich schon recht viel für diese Zeit.

    Liebe Grüße
    Coco

    Liebe Aurora,

    vielen Dank für deine Antwort und auch deine Fragen.

    Ja, er ist seit 3,5 Wochen wirklich hilflos - obwohl er sich bisher immer noch seinen Wodka kaufen konnte.. Da ziehe ich eine Grenze und nehme ihm das nicht ab. Jedoch habe ich ihn vorgestern begleitet. Nicht, um ihm den Alkohol zu kaufen, aber um schlimmere Stürze als zuhause erlebt zu verhindern. Es wäre absolut sinnlos, wenn er sich jetzt so kurz vor dem letzten Schritt ernsthaft verletzen würde. Es muss einen Kompromiss geben (dürfen) zwischen 'Grenze ziehen und Selbstschutz' und 'Empathie und für Sicherheit sorgen', finde ich. Nichts ist nur Schwarz oder Weiß.

    Einverstanden ist er und genau das ist in diesen 3,5 Wochen passiert - von totaler Blockade und aggressiver Abwehr (wenn Notruf, dann...) bis hin zu seiner Bereitschaft, jetzt ebenfalls mit mir gemeinsam ins Tun zu kommen. Er WEISS, dass er da alleine nicht mehr rauskommt und dass die Sucht wie eine Barriere vor allem steht.

    Ich bin hier im Forum - genauso wie in der Selbsthilfegruppe - um beide Perspektiven von anderen zu sehen. Ich sorge schon lange immer wieder gut für mich, habe mir meine Lebensfreude bewahrt. Es war auch nicht durchgängig alles schlecht, wobei ich inzwischen weiß, dass es für eine funktionierende Partnerschaft auf Dauer nicht reicht, wenn es 'ganz ok ist', weil er z.B. mal nicht eskaliert, abwertet usw. ...Zwischendurch haben wir uns aber auch emotional verloren, d.h. ich habe plötzlich gemerkt, dass ich über Trennung nachdenke, war oft wütend, frustriert, traurig, dann wieder wütend und ärgerlich. Das hat mir auch geholfen. Ich glaube, dass ich nicht unbedingt die 'klassische' Co-Abhängige bin, zumindest bin ich mir der Fallstricke und Muster usw. durchaus bewusst. Und ja, es macht natürlich auch was mit mir und deshalb will ich so nicht weitermachen. Gleichzeitig kenne ich meinen Mann und weiß jetzt auch (wieder), dass ich gerne mit ihm zusammen in diese Zukunft gehen möchte.

    Jetzt warte ich auf den Termin meiner Hausärztin, um mit ihm gemeinsam hinzugehen, damit sie eine Einweisung zur stationären Aufnahme ausstellen kann - damit es nicht an Formalitäten scheitert, wenn der Aufnahmeanruf kommt (er steht auf der Warteliste - und ist damit einverstanden). Die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe wäre im Moment zu viel - ich schütze ihn nicht davor, habe ihm auch angeboten, mitzukommen. Will ihn aber nicht drängen, sondern freue mich im Augenblick über diese 'kleinen' (eigentlich riesengroß!), aber sehr entscheidenden Wendepunkte.

    Ich weiß, dass es schwierig ist, ein Bild zu zeichnen in so einem Forum. Ich will ja auch niemanden erschlagen mit zu viel Text auf einmal. Deshalb für heute erst mal genug. Und danke fürs Lesen!

    Guten Abend in die Runde,

    ich bin Angehörige (Ehefrau) und habe mich vor kurzem hier angemeldet und vorgestellt.

    Mein Mann steht nun kurz davor, den Schritt in eine körperliche Entgiftung mit anschließender Reha zu gehen. Dazu würde ich gern eure Erfahrungen hören – vor allem, wie der Übergang von einem kritischen Zustand zu Hause hin zu einer geordneten Entgiftung gelingen kann.

    Kurz zu unserer Situation: Das Alkoholproblem besteht seit vielen Jahren. Alkohol war für meinen Mann lange ein Mittel zur Schmerz- und Stressregulation – erst Bier und Wein, später immer wieder Phasen mit Hochprozentigem. Er hat es über Jahre geschafft, den Konsum zu kaschieren und zu kompensieren, auch wenn es uns beide schon lange belastet hat.

    In den letzten Monaten ist der Konsum jedoch massiv eskaliert: täglich mindestens eine Flasche Wodka. Am 03.08. ist sein Körper endgültig zusammengebrochen (medizinisch nennt man das wohl 'Dekompensation'): starke Schwäche, mehrere Stürze, Kreislaufprobleme, kaum Essen, starke Schmerzen in beiden Leisten. Ich war mehrfach kurz davor, den Notruf zu wählen.

    Zu Beginn dieser Krise hat er sich noch massiv gewehrt, war verbal sehr angespannt und hat jede Form von Hilfe abgeblockt. In dieser Zeit sind wir trotz allem wieder näher zusammengerückt. Er hat gemerkt, dass ich nicht 'nur den Alkohol' sehe, sondern die gesamte Belastung: körperliche Beschwerden, psychische Themen, alte Traumata, Überforderung. Das hat viel verändert. Ich habe gemerkt, dass es für uns beide besser ist, wenn er den Schritt selbst (!) gehen will und ich ihn unterstütze, statt ihn gegen seinen Willen über die 112 in eine Klinik zu bringen. Auch wenn ich weiß, dass das eine Option bleiben muss.

    Ein Teil dieser Belastungen sind auch seine seit 2021 bestehenden ME/CFS‑ähnlichen Symptome mit PEM (Verschlimmerung der Symptome nach schon geringer Belastung), die allerdings nie ärztlich abgeklärt wurden. Er hat über Jahre versucht, diese Beschwerden mit verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln zu stabilisieren – wie viele Betroffene, die kaum medizinische Unterstützung bekommen. Sein tiefes Misstrauen gegenüber Ärzten ist durch frühere traumatische Erfahrungen zusätzlich gewachsen. Alkohol wurde für ihn schließlich zur 'Lösung' für diese körperlichen und seelischen Schmerzen – mit entsprechendem Absturz.

    Was ich bisher getan habe (seit 2 Wochen ins Handeln gekommen):

    • Kontakt zur örtlichen Suchthilfe der Caritas (2 hilfreiche Telefontermine)
    • gestern erster Austausch in einer gemischten Selbsthilfegruppe für Angehörige und Betroffene
    • heute Telefonat mit einem weiteren Suchtberater der Selbsthilfe, der auch bei den Anträgen für die anschließende Reha unterstützt
    • parallel habe ich ihn in der Klinik hier auf die Warteliste der Suchtstation setzen lassen (für die Entgiftung)
    • mein Mann ist inzwischen bereit, mit mir zur Hausärztin zu gehen, um eine Einweisung für die Entgiftung zu bekommen
    • die Notaufnahme bleibt eine Option, falls es akut kippt – aber ich hoffe auf einen geordneten Weg
    • ich habe eine Übersicht für die Ärzte erstellt, damit sie die Komplexität erkennen (inkl. einer Liste der NEMs)

    Meine Fragen an euch:

    • Wie habt ihr den Übergang von einem kritischen Zustand zu Hause in eine stationäre Entgiftung erlebt?
    • Was hilft Angehörigen in dieser Phase, in der man zwischen Notruf, Hausarzt und Klinik balanciert?
    • Wird in der Klinik auch auf Begleitprobleme wie Trauma, Depression oder körperliche Beschwerden zumindest ein Stück weit eingegangen?
    • welche Reha-Suchtkliniken (für gesetzlich Versicherte) sind empfehlenswert?
    • Was hat euch oder euren Partnern geholfen, nach der Entgiftung wirklich dranzubleiben?

    Vielen Dank fürs Lesen und eure Erfahrungen.

    Coco

    Hallo zusammen, ich (62) lebe mit meinem alkoholabhängigen Ehemann (57), der körperlich und emotional stark entgleist. Zusätzlich hat er seit etwa fünf Jahren ME/CFS‑ähnliche Symptome mit starken Schmerzen. Den Alkohol nutzt er zur Schmerzdämpfung und steckt inzwischen in einer Abwärtsspirale, die uns beide überfordert.

    Ich suche Austausch mit Angehörigen, die Wege gefunden haben, Grenzen zu setzen und sich selbst nicht zu verlieren.