Hallo,
am Montag hatte unser Schwiegersohn Geburtstag...
Noch paar Tage vorher meinte er, er wolle nix feiern oder so, am liebsten würde er sich irgendwo verkriechen. Am Sonntag aber packte es ihn und er lud doch die engsten Verwandten zum Essengehen ein. Seine Mutter plus Lebenspartner, seinen Vater, Bruder mit Frau. Meine Eltern und uns. Und meinen Exmann...
Wir kamen gleichzeitig da an. Und ich sah und roch sofort, was los war mit dem Ex. Ich sehe das sofort, das ist jahrelanges Training, sozusagen
, das werde ich wohl immer drauf haben bei ihm. Ex setzte sich dann auch genau uns gegenüber...
Und bestellte erstmal ein Bier. Das ist neu, bisher hat er, wenn Dante und ich dabei waren, immer Unalkoholisches getrunken. Er tut sich da jetzt keinen Zwang mehr an. Und er wurde immer betrunkener, hatte anscheinend mächtig vorgeglüht. Und ich sah ihn mir so an. Zitternde Hände, er kriegte kaum einen Bissen vom Essen problemlos in den Mund. Und sein Geruch, den er verströmte, zeigte mir, er ist auf dem Weg in die Ungepflegtheit, ihm ist das realtiv wurscht geworden, wie er wirkt.
Erbse war erst angetan vom Opa, aber ziemlich schnell mied sie ihn. Ich meine, die Kleinen bekommen da mehr mit, als du denkst. Es hat ihr garnicht gepasst, und als er sie anfasste, am Ohr, da hat sie sehr heftig reagiert. "Lass das Opa, ich mag das nicht!" Sie ist da sehr selbstbewusst, gut so!
Im Laufe des Abends dachte ich, wie gut ist es, da raus zu sein! Aus diesem ganzen Suchtkreislauf. Und ich sagte laut:" Ich bin echt froh, dass mein Mann nüchtern ist, welche Wohltat!"
So viele Erinnerungen kamen zum Vorschein, aber sie waren ohne den Schmerz, den ich mal verspürte. Es waren einfach Erinnerungen, so wie ich mich an bestimmte Lebensdinge erinnere. Die mir nichts mehr bedeuten. Ich dachte, wie hast du dich damals gegrämt in solchen Situationen. Wieder einmal zerstörte Hoffnung war dann da, wieder mal der Gedanke, er hat sich nicht an die Absprache gehalten. Wieder mal die Scham vor den anderen Leuten. Wieder mal Wut und Frust, wieder mal hätte ich den Abend nicht genießen können.
Das kann ich jetzt. Ich habe meine Enkelin geknuddelt und mit ihr ein wenig geredet. Ich habe mein Essen genossen und der Jasmin-Tee dort war Spitze! Wir sind in's Auto gestiegen und in Ruhe nachhause gefahren, voller Freude, dass es dem Schwiegersohn anscheinend ganz gut ging mit seinem Geburtstag, der erste, seit 14 oder 15 Jahren oder so ohne "Sie".
Wieder einmal mehr sehe ich, wie die Sucht ist. Mein Exmann ist nur noch eine Karikatur seiner selbst. Das ist schade, ich kenne ihn nunmehr seit 31 Jahren und ich weiß, wie er mal war, damals. Davon ist kaum noch was zu merken. Ich habe ihn mit Interesse angesehen, denn ich sehe ihn nun mit Abstand. Ich sehe, wie Sucht ist, ich sehe das ganz deutlich. Sucht macht kaputt, macht stinkend, macht blöde redend. Macht zitternd und aufgedunsen. Und macht einsam. Denn es hat kaum jemand mit ihm reden wollen, können. Also die Sippe vom Schwiegersohn hat da eh kein Interesse, die sind mit ihrem eigenen Alkoholkonsum beschäftigt
, meene Jüte, auch die... Aber Dante und ich oder meine Eltern, der Schwiegersohn, niemand hatte Lust zu einem "Gespräch", was ja auch nicht wirklich möglich war. Und die Kleine meidet ihn.
Ganz ehrlich, ich bin heilfroh, meinem Leben eine Wendung gegeben zu haben. Eine Wendung in die Freiheit und Selbstbestimmtheit. Eine Wendung in das Leben! Ich muss nicht mehr abhängig sein von den Befindlichkeiten des Säufers. Nur angespannt, was nun wieder kommen mag. Mich verantwortlich, schuldig, unwert fühlen. Zum Schluss mittrinkend... Ich bin so sehr traurig und voller Trauer um meine Tochter und den Kleinen. Wäre ich jetzt noch in diesen Suchtstrukturen, ich glaube, ich wäre schon zerbrochen. So aber kann ich die Trauer fühlen und weinen, aber ich kann auch das Leben genießen. Das geht beides nebeneinander, ich hätte es nicht gedacht.
Ich fühle sehr große Erleichterung darüber, habe auch schon viel mit meinem Mann darüber geredet. Wir wissen beide, um was es uns geht, nämlich um Leben. Leben, Lachen, Lieben. Liebe! Und um Klarheit. Um Vertrauen. Um Zusammenhalt in Lebenskrisen, die dich aus den Latschen hauen, erbarmungslos. Und das geht nur ohne Abhängigkeit. Ohne Suff, Drogen. Das Leben ist klar, das tut weh und es vernebelt nicht den Schmerz. Ich muss und darf alles spüren, die Freude genau so wie den Schmerz. Aber nur dadurch lebe ich doch.
Heute ist wieder beides in mir, die Trauer und die Freude. Ich gehe nachher meine langjährige Freundin besuchen. Und ich bin weiterhin krank geschrieben und warte nun darauf, dass die Therapie beginnen kann. Dafür habe ich alles in die Wege geleitet. Das Leben lebt so. Es puckert, es kitzelt, es schmerzt und kneift. Aber all das spüre ich.
Aurora