Ich grüße euch. Nun also auch unter den vielen anderen traurigen die meine Geschichte: Ich habe einen Freund, der neben seinen anderen Süchten auch Alkoholiker ist. Er hat mit dem Trinken begonnen, kurz bevor ich ihn kennengelernt habe (etwa vor 5-6 Jahren & seine damalige Freundin hatte mit ihm Schluss gemacht), sprich ich kenne ihn nicht wirklich anders. Er wirkt eigentlich nie betrunken, denn er trinkt vor allem Bier - ist also (wie sagt man) Pegeltrinker?!, nur in wenigen Sequenzen habe ich ihn erlebt, wie er wirklich richtig besoffen (und dabei auch agressiv) war und das ist auch schon eine Weile her, sprich bis vor vielleicht 2-3 Jahren. Er hat in seinem Leben auch schon sehr sehr viele Drogen genommen (weiß ich aus Erzählungen von ihm), hat sich viele Jahre auch Heroin gespritzt und mehrere Therapien gemacht. Ich habe mir nie viele Gedanken darum gemacht, mich beruhigt: es ist ja nur Bier und er wirkt ja auch nicht betrunken und ist im Gegensatz zu den vielen anderen harten Sachen, die er genommen hat, völlig harmlos. Zudem war ich selbst auch mit meiner eigenen Sucht beschäftigt. Ich habe viele Jahre an seiner Seite gekifft, bin aber seit Anfang diesen Jahres erfolgreich und auch gern! sauber. Ich weiß also auch aus eigener Erfahrung, was es bedeutet süchtig zu sein.
Mittlerweile steht er morgens auf und macht das erste Bier auf, und trinkt bevor er in den Tag startet. Vor kurzem erst habe ich von dem Thema Co-Abhängigkeit gehört und mich immer mehr in die Materie Süchte und Abhängigkeiten eingelesen und stelle für mich fest, dass ich ebenso ein Paradebeispiel eines Co´s bin. Ich habe ihn über die Jahre immer wieder mit Geld unterstützt, durch meinen eigenen Drogenkonsum war immer etwas Berauschendes daheim, er hat Essen von mir bekommen, weil er dafür nie Geld hatte, er konnte mein Auto (unentgeltlich) mitbenutzen, weil ich es selbst sehr selten brauche, habe ihm im Haushalt geholfen, habe viele Demütigungen (z. B. Lügen und Fremdgehen) manchmal schon fast als selbstverständlich hingenommen, etc. Alles entwickelte sich in eine Richtung der Verselbstständigung, irgendwann sage er nicht mehr dein Auto, sondern mein Auto, irgendwann kam nicht mehr die Frage, darf ich fahren, sondern die die Ansage ich fahre jetzt, irgendwann war ich ganz selbstverständlich sein Sparschwein etc.
Seit ich selbst keine berauschenden Drogen mehr nehme (zum Teil auch schon vorher), habe ich natürlich auch gesehen, was er mit mir anstellt und mich auch mit vielen Streitereien und Kämpfen dagegen gewährt, bin aber doch auch nie wirklich konsequent meinen Ankündigungen gefolgt. Ich meinte immer, ich muss mir selbst mehr wert sein und doch bin ich nach der Trennung vor ca 1,5 Jahren nach einem halben Jahr Pause wieder jeden Tag bei ihm gewesen und habe ihn wieder weiter als „Kamerad“ unterstützt. Letztendlich habe ich ihn immer entschuldigt, er hat ne schwierige Zeit, er ist wie er ist und ich lieb ihn ja und er hilft mir ja auch ganz viel, usw. usw. Ich hatte auch schon eine Therapieeinrichtung für ihn gesucht (in dem Irrglauben, das irgendwie beeinflussen zu können), jedoch bin ich nicht dazu gekommen, das mal mit ihm zu besprechen:
Vor etwa 4 Wochen habe ich - durch Schnüffelei - herausgefunden, dass mein Freund nicht nur Alkohol zu sich nimmt, sondern seit - wahrscheinlich - 1/2 Jahr auch wieder Bleche raucht. Das hat mich so dermaßen geschockt, dass ich vorerst den persönlichen Kontakt zu ihm weitestgehend unterbrochen und mein Auto versteckt habe. Ich hab für mich gelitten und mich umfassend über das Thema Co-Abh. informiert und viele Dinge für mich erkannt und das alles natürlich jetzt noch immer und immer mehr! Ich bin auch süchtig, gebraucht zu werden, habe mich (schäm) jahrelang unbewusst daran ergötzt. Aber ich habe das alles für mich erkannt und bin die ersten Schritte gegangen: Ich hatte diese Woche mein erstes Therapie(einzel)gespräch und habe mir eine Selbsthilfegruppe gesucht, die ich ab nächster Woche besuchen werde. Es geht mir den Umständen entsprechend gut, manchmal bin ich sehr wütend, manchmal sehr traurig, aber ich lebe wieder mehr ein Stück mehr mein Leben. Aber weil ich noch so viele Steine beiseite räumen muss, vor denen ich jetzt noch große so Angst habe, wie z. B. Autoschlüssel einfordern, Grenzen setzen, mein Leben leben, etc., hoffe ich, auch hier ein wenig Unterstützung zu finden. Immer wieder schlittert ein Gedanke durch meinen Kopf, der mir sehr sehr schwer fällt zu vergessen: ich muss ihn loslassen aber doch irgendwie lenken, damit er für sich erkennt, was er da macht, denn manchmal denke ich, er hat es selbst noch nicht mal realisiert. Ich bin mir einfach völlig unsicher, was ich tun soll, Hilfe zur Selbsthilfe?, oder schüre ich dann wieder meine eigene Co-Sucht? Paradox das Gefühl, den besten Freund zu verlieren, der mir aber doch auch so viele Sachen angetan hat, die ein Freund einfach nicht tut.
Ein weiterer Gruß. Das was du soeben gelesen hast, habe ich am Freitag in meiner Vorstellung geschrieben. Und nun ist Sonntag und ich bin wieder einen Schritt weiter gegangen. Ich bekam gestern einen Anruf meiner Mutter: es ist mal WIEDER ein Strafzettel gekommen - noch aus der Zeit als er mein Auto wie seines benutzte. Das hat mich so wütend gemacht. In meinem Kopf war nur noch der Gedanke, so ein Arsch. Immer und immer wieder, jede Woche etwas neues, ein neuer Tritt in den Bauch, der mich wieder zwingt, mich wieder mit ihm zu beschäftigen, immer wieder auf meinem Rücken, denn wer soll es sonst bezahlen? Wieder die Wut im Bauch, die mich auffrist, weil egal, was ich tue, ich sowieso nicht ernst genommen werde.. wieder und immer wieder nur er und sein scheiß Egoismus. Ich bin zu ihm gegangen mit der ganzen Wut und ohne klaren Gedanken und ohne Mitleid. Ich habe vor ihm meine ganzen restlichen Sachen gepackt. Habe grenzenlos ALLES mitgenommen. Handtücher, Cremes. Meine Schlüssel und Autoschlüssel verlangt und eingesackt. Ihm seine Schlüssel wieder gegeben. Ich bin durch die ganze Wohnung gegangen und habe einfach alles eingepackt und war dabei ganz ruhig, ohne böse Worte und ohne nette Worte. Dabei sah ich, was kommen musste, sein großer Fernseher nicht mehr da... dann hab ich sogar die Mikrowelle, die ich ihm geschenkt habe, mitgenommen, mit dem Satz, ich will nicht, dass die auch noch verkauft wird. Ansonsten hab ich eigentlich nicht viel gesagt. Danach war ich so fertig, dass ich fast einen Zusammenbruch hatte, ich konnte kaum noch sprechen, nichts mehr denken. Ich hab überhaupt nichts mehr gespürt. Weder Leid noch ein Gefühl der Erleichterung, Ich saß einfach nur kraftlos bei einer Freundin und existierte garnicht. Irgendwann bin nach Hause gegangen und hab irgendwann auch geschlafen. Merkwürdige Träume haben mich begleitet und der erste Gedanke nach dem Aufwachen galt ihm, jedoch noch immer ohne wirkliche Emotion. Den Tag habe ich damit verbracht, meine ganze Wohnung umzuräumen und meine schweren Futonmatraze zu verfluchen und sie getreten und sie angeschrien: auch du kriegst mich nicht klein, auch wenn du noch so stur und schwer und aalglatt bist - was für eine Metapher für meine jetztige Situation ![]()
Erst nach dem Aufräumen wurde mir klar, was ich da eigentlich getan habe, habe angefangen zu leiden, habe angefangen mir Gedanken über ihn zu machen, sein leidendes Gesicht vor mir gesehen. Ich ich ich ich, Arschloch. Das ist wohl das Los eines jeden Co´s. Man fühlt sich danach immer wie der letzte Arsch, weil man immer wieder vergisst, was einem der andere Mensch alles angetan hat. Mir geistert wieder der Gedanke durch den Kopf. Loslassen und lenken. Aber habe ich ihn gelenkt, wenn ich so handele, ohne viele Worte gehe? Ist das überhaupt möglich? Will ich denn seine Projektionsfläche sein? Ich lebe und atme und frage mich, wann denn endlich der Gedanke und das Gefühl der Erleichterung eintritt? Wie ernst nehme ich mich denn selbst? Ich weiß, es gibt keinen Weg zurück. Das muss ich jetzt durchziehen. Muss jetzt konsequent sein, auch wenns total weh tut, denn sonst nehme ich mich selbst auch nicht mehr für voll. Wer weiß, was kommt. Ich bete jeden Tag für ihn, dass die Engel ihm zum Wohle aller Wesenheiten immer das geben, was das Richtige für ihn ist. Und ich bete jeden Tag für mich - auch zum Wohle aller Wesenheiten -, dass ich ein guter Mensch bleibe.
Einen lieben Gruß in die Nacht.
kk.