Mit mir selbst zufrieden leben

  • Hallo

    ich kann ette`s Frustration schon verstehen, aber ob es immer umsonst ist, glaub ich nicht.

    Als mein Mann mal wieder in der Entgiftung war, hatte ich ein Gespräch mit seinem Therapeuten. Dieser fragte mich, ob eine Trennung für mich die bessere Lösung wäre, wenn es mir nicht gut geht habe ich das Recht, die Ehe zu beenden.
    Ich konnte das damals nicht annehmen, aber ich hatte es im Kopf und da hat es gearbeitet und mir letztendlich geholfen, den Absprung zu schaffen.

    Vielleicht bleibt einiges, was hier geschrieben wied, auch bei manchen im Kopf und arbeitet, dann hat es ja seinen Zweck erfüllt.
    Aber das erfahren wir dann meist leider nicht.

    Schöne Grüße

    julchen

  • Dank dir, Julchen,

    ja, so ähnlich sehe ich auch. Und - jeder von uns hat sein Illusionskuscheldeckchen, unter dem er die Dinge verborgen hält, die er noch nicht in der Lage ist, zu ertragen. An dem Deckchen wird zwar von außen immer mal gezogen und geruckelt. Wenn aber der Einzelne nicht selbst bereit und stark genug ist, das auszuhalten, was unter dem Illusionskuscheldeckchen steckt, nützt all das Ziehen und Ruckeln nix. Er wird es erst dann loslassen, wenn er sich soweit fühlt, es auszuhalten.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Hallo Ette,

    Empathie ist leider ein oftmals genutzes Wort für Mitgefühl, nämlich der Versuch, Gefühle zu teilen oder gar ein Eindringen in die Persönlichkeit des Gegenübers. Schnell befinde ich mich dann in der berühmten "ein-Meter-Schutzzone" rund um denjenigen selbst und das kann äußerst gefährlich sein.

    Empathie bedeutet für mich, die Fähigkeit mein Gegenüber von außen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, seine Gefühle zu verstehen, ohne diese jedoch notwendigerweise auch teilen zu müssen, um dann meine Erfahrung, aber auch nur meine, mitteilen zu können.

    In meinem Thread habe ich es so formuliert:

    Zitat


    Und so nehme ich dann jeden Schreiberling im Ganzen wahr und ihn ernst in seinem Fehlverhalten, denn ich kann mir vorstellen, auch mal auf der anderen Seite zu sein. Ich kann es mir vorstellen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass Menschen hier nicht nur Hilfe suchen, sondern auch verstanden werden wollen, dass sie Kommunikation benötigen, auch in anderen Lebenslagen, denn oft diente doch auch der Alk als Mittel zum Zweck.


    Leider nimmt derjenige dann grenzüberschreitende Worte wahr, die aber nach sorgfältigem Zurücklesen ausgeräumt werden könnten. Nur, da bin ich mir dann selbst die Nächste, dazu habe ich wirklich keinen Nerv mehr. Dann muss ich erstmal loslassen und abwarten, um mich irgendwann wieder auf einer vernünftigen Ebene annähern zu können.

    Ich glaube auch, dass Julchen Recht hat, indem sie schreibt, irgendetwas kann hängenbleiben. Vielleicht braucht derjenige einfach Zeit und wird sich zu gegebener Situation daran erinnern können.

    Aber Frust ist es trotzdem manchmal. Da bewundere ich Kaltblut, er hat die richtige Einstellung dazu.
    Nur befürchte ich, wird es mir nicht ganz gelingen, aber "nichts ist unmöglich", wie ich erkennen durfte!

    Einen Tag ohne Alkohol? Dann darf ich ja gar nichts mehr, dann ist das "schöne" Leben vorbei!

    Und mit Alkohol? Da durfte ich wirklich nichts mehr und ich konnte auch nichts mehr!
    Schönes Leben? Ein "Kackapippipot-Leben" war das :P :P !!! Zumindestens das letzte schwerste Jahr. Da war nichts auch nur ansatzweise schön!

    Vielen Alkoholikern fällt es schwer, sich vorzustellen, was "nach dem Alkohol" kommt. Hier stehen Angst, Unsicherheit und Unvermögen im Vordergrund.
    Nur derjenige, der wirklich seine Krankheit angenommen hat und eine Grundehrlichkeit zu sich selbst aufbauen kann, der an seinem eigenen "Unvermögen" und an seiner eigenen "noch nicht erkannten Stärke" arbeitet, kann den Jackpot gewinnen, den Jackpot des wirklich zufriedenen Lebens!

    Ich habe hier extra nicht "zufriedenes trockenes Leben" geschrieben, denn es wäre schön, wenn ich Dich damit einbeziehen könnte, in den Jackpot des zufriedenen Lebens!

    Ich wollte Dir sowieso schon mal schreiben. Wir haben nämlich eine Gemeinsamkeit, so ne unfähige Führungskraft von Chef, wie ich bei Dir las! :) Auch das habe ich hinter mir gelassen, aber ein paar kleine Bomben ausgelegt. Sie trafen auch und das tat so ungeheuer gut! :) :)

    Frohe Pfingsten

    Lobanshee

  • Guten Morgen lobanshee,

    wieder einmal, wie auch mehrfach in meiner realen SHG, ist mir bei deinem Posting aufgefallen, dass sich Alkohol- und Co-Abhängigkeit nicht sehr unterscheiden.

    Wenn ich überlege, wie ich immer wieder gehofft habe, dass mein Ex-Freund etwas gegen seine Sucht tut und dabei nicht nur das vordergründige „ich hab ihn ja so lieb“ in Betrachte ziehe, sehe ich genau das, was du beschreibst.

    Angst vor dem alleine leben, Unsicherheit, wie denn ein selbstbestimmtes Leben aussehen kann oder soll und mein Unvermögen, meine Grenzen zu setzen und zu vertreten, haben mich aushalten und hoffen lassen. Solange ich mich auf „meinen Alki“ konzentrierte, brauchte ich für all diese Dinge keine eigene Verantwortung übernehmen. Es hing ja alles an seinem Trinken. Ich konnte die Angst, die Unsicherheit und das Unvermögen durch die Sorge um ihn ignorieren, mir „wegsorgen“, so wie ein Alkoholiker sich diese Gefühle „wegtrinkt“. Und genau wie ein Alkoholiker hatte ich zu Anfang derbe Entzugserscheinungen. Kein Saufdruck, aber „Liebesdruck“. Immer wieder habe ich mich auf Gespräche eingelassen, darauf gewartet, dass „er“ anruft oder immer wieder einen fadenscheinigen Grund gefunden, es denn selber zu tun. Ich konnte auch prima die Realität verleugnen, indem ich mir Argumentationen „strickte“ die eine Erklärung für mein Verhalten darstellen sollten und die alles, nur nicht abhängig waren. Pustekuchen, als ich anfing, ehrlich mit mir umzugehen, konnte ich die Augen leider nicht mehr davor verschließen, dass alle meine „logischen“ Argumente nix anderes waren, als eine Legitimation, weiter mein „Suchtmittel“ zu benutzen.

    Oftmals bin ich wutentbrannt aus der Gruppe nach Hause gefahren, weil irgend jemand mir eine Rückmeldung gegeben hat, die meine „Vermeidungsargumentation“ entlarvt hat. Wenn ich ein paar Tage darüber nachgedacht hatte, konnte ich es nach und nach mir selbst gegenüber zugeben, dass der- oder diejenige recht gehabt hat. So bin ich Schrittchen für Schrittchen meiner Ehrlichkeit mir gegenüber näher gekommen. Hab langsam aber sicher MEINE eigenen Defizite, die mich in die Co-Abhängigkeit trieben, anerkannt und kam somit in die Lage, mich und leben zu verändern.

    Heute kann ich sagen, dass die Dinge, die mich am meisten ärgerten, wenn sie mir zurückgemeldet wurden, die waren, die mich am meisten schmerzten und die genau meine Abhängigkeit ausmachten. Und da hast du, julchen, recht. Es blieb was hängen und gärte und wuchs, solange, bis ich mir selbst gegenüber nicht mehr verleugnen konnte, was da eigentlich lief. Heute kann ich auch dankbar sein, dass mir jemand die Finger in meine Wunden gelegt. Das konnten diejenigen war nur, weil sie schon ein anderes Verständnis ihrer und meiner Abhängigkeit hatten als ich selber.

    Ich war in der tiefsten Phase meiner Co-Abhängigkeit zu einer ehrlichen, kritischen Selbstreflektion gar nicht mehr in der Lage. Hätte ich mein co-abhängiges Verhalten nicht immer wieder gespiegelt bekommen, wäre ich wahrscheinlich der Meinung, in dem Moment gesund geworden zu sein, als mein „Ex“ auszog oder spätestens dann, als er nicht mehr trank.

    Ach – Chef hab ich jetzt einen ganz netten ;) Und der andere, warten wir mal 10 Jahre, dann sehen wir, was aus ihm geworden ist. Ich hab schon einige der jung-dynamischen auch wieder abstürzen sehen.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Und noch etwas ist mir im Laufe meiner „Co-Bearbeitung“ aufgefallen. Ich stamme aus einer dysfunktionalen Familie. So, wie in meiner realen SHG keiner in einer funktionierenden Ursprungsfamilie groß geworden ist. Da gibt es welche, die wurden im Übermaß geliebt und auf einen Sockel gestellt, in einer Art und Weise, wie sie uns im erwachsenen Leben nie wieder passiert. Sie suchen also ihr Leben, dieses Gefühl der absoluten Überflieger-Einzigartigkeit, das sie aus ihren Familien mitgenommen haben. Wieder andere, wie zum Beispiel auch ich, wurden abgewertet, lieblos behandelt und auch geschlagen, sobald sie nicht so agierten, wie die Eltern sich das vorstellen.

    Ich habe in meinem emotionalen Gedächtnis Verhaltensstrategien gespeichert, wie auf einer altmodischen Magnet-Kassette, die mir in dieser Familie ein seelisches Überleben möglich machten. Und bei einer solch altmodische Kassette kann ich lernen, das Gespeicherte durch neue Erfahrungen zu „überspielen“.

    Brav sein, perfekt sein, mich so verhalten, dass ich nicht auffalle und damit meine Eltern mich liebhatten, weil ich als Kind alleine verloren gewesen wäre. Nun, als Erwachsene, muss ich es üben, die damals überlebensnotwendigen Verhaltensweisen, aufzugeben. Ich bin nicht mehr verloren, wenn ich alleine bin. Ich bin auch ein liebenswerter, wertvoller Mensch wenn ich NICHT perfekt bin oder so, wie ich meine, dass andere mich wollen. Mir sind Menschen begegnet, für die ich nur zwei Dinge tun muss, um angenommen zu sein: einatmen und ausatmen, also einfach nur leben. Das sind gute Erfahrungen, die so langsam das, was auf meiner „emotionalen-Gedächtnis-Kassette gespeichert ist, überschreiben. Ich habe meine Fehler und meine Stärken, die ich im Laufe meines Lebens entwickelt habe. Aber ich bin noch lange nicht zu alt, um mich zu verändern. Ganz im Gegenteil. Vielleicht bin ich jetzt erst stark genug, mich ehrlich zu betrachten.

    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Ach Ette, ich danke dir von Herzen, dass du meine Gefühle so gut ausdrücken kannst!!!
    Mir haben auch manchmal die Antworten hier nicht gefallen, und doch haben sie mir sehr zu denken gegeben, zum lernen.
    Aus dem Schmerz heraus geheilt. An Körper und Seele.

    Gestern erlebte ich meine innere Zufriedenheit mit allen Sinnen:
    Beim Spazierengehen durch die Natur.
    Ich fühlte den Wind im Gesicht,
    roch den süßen Holunderblütenduft,
    schmeckte - fast - den fruchtigen Geschmack auf der Zunge,
    hörte das Quaken der Frösche im Teich,
    sah das frische Grün der Felder und
    spürte die weichen und doch rauhen Grannen der Ähren.

    Und neben mir der Mann, mit dem ich alt geworden bin ( :roll: ) und noch älter werden will. Im fast Schweigen. Weil Worte gestört hätten.

    Dir einen schönen Tag wünscht Gotti.

    Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.

  • Hallo Gotti,

    das hab ich eben bei meinem Morgenspaziergang, der eher ein zügiges Marschieren war, auch mit allen Sinnen empfunden. Nix war in mir außer der Freude über all diese Herrlichkeiten und einem Gefühl der Dankbarkeit und Demut, Teil dieses wunderschönen Ganzen zu sein.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Guten Morgen Ette und auch guten Morgen Gotti

    Ich lese ja schon lange bei Euch mit.
    gerade ...Dein letzter Beitrag liebe Ette bringt "es" wieder bei mir hoch.
    Ich wurde geliebt,solange ich funktionierte.
    War das nicht der Fall(schlechte Noten oder sonstiges "nicht passendes " Verhalten) wurde mit mir icht mehr gesprochen.Tagelang nicht!
    Seelische Schläge.Ich habe mir dann unseren Familienhund als Tröster gesucht und schon damals mein "Glück" draussen und bei sportlicher Betätigung sowie beim Lesen gesucht.

    Eine falsche Reaktion meiner Eltern,(die mittlerweile beide über 80 sind,geistig und körperlich noch rege)
    ...und ich bin wieder das kleine Kind.
    Möchte wieder türenknallend davonlaufen.

    Manchmal "krame ich in mir 'rum" und überlege,ob meine Suchtkrankheit eine Folge dieser "Erziehungsmethoden" ist ,d.h. wenn mir was nicht passt,flüchte ich .
    ...und irgendwann war die Flucht in den Alkohol eine Sucht.

    ??
    Schwierige Gedanken am "frühen" Morgen".....
    werde später sportlich tätig werden und meinen "Ausgleich" suchen!:-)
    liebe Grüsse an Euch!

    Backmaus

  • Zitat von Backmaus


    Ich wurde geliebt,solange ich funktionierte.
    War das nicht der Fall(schlechte Noten oder sonstiges "nicht passendes " Verhalten) wurde mit mir icht mehr gesprochen.Tagelang nicht!
    Seelische Schläge.Ich habe mir dann unseren Familienhund als Tröster gesucht und schon damals mein "Glück" draussen und bei sportlicher Betätigung sowie beim Lesen gesucht.

    Liebe Backmaus,

    das kenne ich nur allzu gut. Ich kann mich an Situationen erinnern, in denen ich weinend im strömenden Regen mit unserem Hund spazierenging, weil ich das Gefühl hatte, wenigstens der versteht mich. Ich hab mich in Bücher geflüchtet, was aber auch immer wieder negiert wurde.

    Und auch das Türknallen hat mich lange begleitet. Inzwischen versuche, bei solchen Impulsen tief durchzuatmen und zu gucken, ob jetzt Klein-Ette wieder mal agiert oder warum sonst dieser Impuls zur Flucht kommt.

    Ich kann mir auch gut vorstellen, dass der Alkohol deine Form der Flucht war. Meine war auf jeden Fall das mich Bemühen und Sorgen für andere.

    Lg und viel Spaß beim Sporteln. Ich geh jetzt erst mal Frühstücken.

    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Guten Morgen

    ich glaube schon, dass die Flucht in den Alkohol, wie Backmaus schreibt, von der Erziehung herrührt.

    Ich wurde als Kind nie groß beachtet, meine Mutter hat alles gemacht, was mein Vater wollte, bei meinen Geschwistern fand ich keinen Anschluss, ich fühlte mich immer unwichtig. Dann wurde ich vierzehn Jahre alt und lernte meinen Mann kennen und war auf einmal,das erste Mal in meinen Leben, Hauptperson. Ich war was wert!
    Natürlich hängte ich mich an diesen Mann, machte alles um ihn nicht zu verlieren. Wenn ich merkte, es läuft nicht so, wie es sein sollte hab ich lieber weggeschaut, sonst wär ich ja wieder allein gewesen. Hab 30 Jahre lang weggeschaut und merk erst jetzt, dass ich auch ohne Bestätigung von außen was wert bin!
    Wenn meine Eltern in meiner Kindheit geschafft hätten mir Selbstwertgefühl zu geben, hätt ich diese Sucht nach gebraucht werden nicht gebraucht.

    julchen

  • Hallo Ihr,

    das, was Backmaus schreibt, kenne ich auch allzu gut.
    Auch meine Mutter ignorierte mich oft tagelang. Selbst das Essen musste ich mir nach der Schule dann selbst zubereiten.

    Wir hatten eine Dackelin, sie war wie eine kleine Schwester für mich, sie spürte immer ,wenn ich traurig war und kuschelte sich an mich.

    Wie oft ging auch ich mit ihr im strömenden Regen spazieren, mit Tränen, die mit den Tropfen um die Wette über's Gesicht liefen.

    Da ich dieses Schweigen nicht ertragen konnte, kam ich oft angekrochen, obwohl ich manchmal nicht mal wusste, was ich eigentlich verbrochen hatte.
    Manchmal schubste mich mein Vater regelrecht zu ihr hin, weil auch er dieses Schweigen nicht ertrug.
    Mein Stolz wurde so oft gebrochen.

    Erst vor ein paar Jahren konnte ich in einem gemeinsamen Mutter-Tochter-Urlaub mit ihr sehr offen über alles reden.
    Das tat so gut. Seitdem haben wir ein sehr herzliches Verhältnis.

    Dennoch habe ich immer noch eine Höllenangst vor potentiellen Konflikten mit ihr.
    Das steckt so tief drin.
    Ich weiß nicht, wie stabil ich ihr gegenüber wäre, sollte sich mal ein ernsthafter Streit anbahnen.
    Es ist ganz gut, dass wir 80 KM weit auseinanderwohnen.

    Liebe Ette,
    Dir wünsche ich noch ein entspanntes Restpfingsten,

    LG

    Thelma

  • Guten Morgen,

    nun ist das entspannte Pfingstwochenende schon wieder fast eine Woche her und die Tage sind wie im Flug vergangen. Viel zu tun, einige Aufregungen und auch ein paar Situationen, die nicht gerade angenehm waren. Meine Grenzen zu bewahren, war in dieser Woche eine der Hauptaufgaben. Das ist immer wieder mit Auseinandersetzungen verbunden, die manchmal ganz schön kräftezehrend sein können. Nicht immer finden sich Lösungen, die für MICH zufriedenstellend sind. Dann muss ich, manchmal zähneknirschend akzeptieren, dass es ist, wie es ist. So, wie ich irgendwann akzeptieren musste, dass ich meine Vorstellung von Beziehung mit „meinem Alki“ nicht leben konnte.

    Allerdings habe ich nicht nur akzeptiert, dass dies so ist. Inzwischen habe ich auch meine Vorstellung von Beziehung revidiert, weil ich gemerkt habe, dass es mir viele Freiheiten und Entlastungen bringt, wenn ich meine Zufriedenheit nicht davon abhängig mache.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Guten Morgen,

    grad eben wurde mir bewusst, dass ich das erste Mal sein Monaten keinen Horror davor habe, zur Arbeit zu gehen. Dabei wurde mir ganz leicht ums Herz und das Bewusstsein, den richtigen Schritt getan zu haben, war ganz deutlich. Dabei hatte ich lange gezögert, etwas zu unternehmen, um meine berufliche Situation zu verändern. Wieder einmal stelle ich fest, dass die Strukturen hier sehr ähnlich waren wie in der Zeit, als ich mit mir selber kämpfte, ob ich mit „meinem Alki“ Schluss mache oder nicht. Immer mit dem Bestreben, wir/ich schaffe/n das schon, hab ich mich angestrengt und angestrengt. Jetzt ist auf einmal alles ganz leicht. Die Arbeit beginnt, wenn ich im Büro bin und endet, wenn ich dort rausgehe. Nicht mehr so wie früher, dass der erste Gedanke beim Wachwerden und der letzte vor dem Einschlafen sich um die Probleme dreht, die ich dort habe. Ein schönes Gefühl.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
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  • Hallo Mö,

    es ist nett, dass du nach mir fragst. Mir geht es recht gut. Mein Gefühl ist nicht jeden Tag gleich gut, aber das ist, denke ich, normal. Ich weiß, dass ich eine Menge Fortschritte in den letzten Jahren gemacht habe und doch finden sich immer einmal wieder neue "Baustellen", an denen es gilt, genauer hinzugucken. Im Moment gucke ich wieder sehr genau und das erfordert Zeit. Daher kann ich hier nicht so präsent sein, wie ich es vorher war. Das ändert sich sicherlich wieder. Mal sehen....

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Guten Morgen,

    es ist erstaunlich, wie ruhig und angenehm so ein Leben werden kann, wenn nicht mehr die Sorge um einen trinkenden Angehörigen meine Tage bestimmen. Wenn ich nicht arbeiten muss, stehe ich auf, wann ICH es für richtig halte. Ich gehe aus dem Haus, wann ich will und muss mir keine Sorgen machen, dass zu hause womöglich einer aus Frust, dass ich nicht da bin, trinkt.

    Wenn ich hier lese, finde ich zig Hinweise darauf, wie gut es mir geht, da ich mich mit Dingen, wie sie hier beschrieben werden, nicht mehr auseinandersetzen muss. Ich genieße es im Moment richtig, einfach so vor mich hinzuleben. Will nicht mehr die Perfekte sein, sondern will mich wohlfühlen. Lerne neue Dinge nicht mehr unter dem Fokus, wo kann ich damit punkten, sondern weil sie mich einfach nur interessieren. Ich gehe zur Arbeit und ernte manches Lächeln, weil ich entspannt sein kann und mir keinen Druck mehr antue. Genieße Zusammensein mit Menschen und freue mich genauso darauf, wieder die Wohnungstür hinter mir zuzumachen. Manchmal beschleicht mich ein Art Melancholie und ich nehme sie an, denn ich weiß, sie geht wieder vorbei.

    Ich hätte vor ein paar Jahren, als ich mitten im Chaos mit „meinem Alki“ steckte, nie gedacht, dass ich einmal so entspannt leben könnte. Früher war ich immer am Jagen und Hetzen und meine Tage hätten 48 Stunden haben können. Zufrieden war ich dabei nie, denn kaum war das Eine erreicht, hatte ich den nächsten Plan. Nun ist mein Plan, zufrieden zu sein. Ich finde, es ist ein guter Plan.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
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  • Guten Morgen,

    das Wochenende steht vor der Tür und ich mache eine Entdeckung an mir, über die ich mich richtig freuen kann. Früher hatte ich Freitagmittag das Empfinden, das ganz Wochenende durchschlafen zu können, weil ich mich von der Woche absolut ausgelaugt und aufgebraucht fühlte. Heute freue ich mich einfach auf ein paar Tage, an denen ich nicht unbedingt früh aufstehen muss und die Zeit so verbringen kann, wie es mir Spaß macht. Ich habe andere Sachen vor, als nur zu schlafen. Das zeigt mir, dass meine Entscheidung richtig war, etwas für mich zu verändern.

    Als ich mit meinem trinkenden Partner zusammen war, konnte ich mir nicht vorstellen, überhaupt jemals zur Ruhe zu kommen und ein „normales“ Leben zu führen. Ich wünschte mir nichts mehr als Normalität. Und doch war ich, selbst als er nicht mehr mit mir lebte, zu einer Art Normalität nicht in der Lage. Verabredungen, Termine und jede Menge Unternehmungen, damit ich nicht alleine zu hause sein musste, waren in der Anfangsalleinezeit eine Art Suchtverlagerung um das Loch, das durch seinen Weggang entstanden war, zu füllen. Heute muss ich nicht mehr jede freie Stunde verplanen, Sondern kann auch einmal einfach in meine Sofaecke gekuschelt vor mich hinträumen oder mit ganz offenen Augen durch Felder und Wiesen streunen. Ohne anderen Sinn und Zweck, als mich einfach an dem zu freuen, was mir vor die Augen kommt.

    Mehr und mehr habe ich das Empfinden bei mir angekommen zu sein. Das heißt für mich, dass ich mich auch nicht mehr über so viel aufregen muss, denn ich kann viel besser akzeptieren, dass andere Menschen anders sind und es mir nicht ansteht, sie nach meinem Willen zu verändern. Eine sehr befreiende Erfahrung.....

    LG
    Ette

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  • Hallo Ette,

    du liest dich richtig gut, das freut mich.

    Ich lass dir mal einen lieben Gruß hier
    Nicole

  • Hallo und guten Morgen,

    Rosita und Nicole,

    dank euch für die lieben Worte.

    Grad, beim Lesen, ist mir mein Apellohr wieder eingefallen. Das war früher ziemlich ausgeprägt. Sobald es hieß „jemand müsste mal dies oder jenes tun“, war ich vorne dran. Auch wenn es um Hilfe jeglicher Art ging, ließ ich lieber meine privaten Belange sausen, um zu helfen. Das hat sich inzwischen geändert. Wenn mich jemand direkt um Hilfe anspricht, überlege ich, ob ich das leisten kann und will und sage dann entsprechen zu oder ab. Vor Jahren schon hatte mir nämlich eine kluge Frau die Hausaufgabe gegeben, mein Apellohr nicht dauernd offen zu halten. Es war manchmal schon schwer, denn schließlich dachte ich, wenn ich nicht tue, was nötig ist, wird es nicht richtig gemacht oder aber ich stehe als eine Person da, die nicht hilfsbereit ist. Ich ließ also im Grunde von außen entscheiden, ob ich etwas tue, egal ob Hilfe oder Dinge, zu denen kein Anderer Lust hatte. Ich konnte es nicht aushalten, wenn sich für eine Aufgabe niemand zur Verfügung stellte und habe mich dann selbst gemeldet.

    Inzwischen kann ich gut unterscheiden, ob das, was erforderlich ist, auch „meins“ ist. Und ich habe nur mehr selten Probleme, gegebenenfalls NEIN zu sagen. Es ist für mich ziemlich normal geworden, nicht immer „hier“ zu rufen, wenn Aufgaben verteilt und Hilfestellung gefordert wird. Ich habe meine Grenzziehung dahingehend verbessert, erst für mich zu überprüfen, ob ich Zeit, Ressourcen und Willen habe, mich einzubringen. Aber wie gesagt, es war eine Entwicklung, die sich über Jahre hinzog. Dabei habe ich aber auch festgestellt, dass es durchaus in Ordnung ist, nein zu sagen. Niemand guckt mich deshalb schräg an oder meidet mich aus diesem Grund. Es war alles nur mein eigenes Kopfkino, was mich nicht nein sagen ließ.

    Und auch mir selbst gegenüber bin ich diesbezüglich nachsichtiger geworden. Denn ich habe festgestellt, dass etliche Ansprüche, die ich so an mich selbst stelle, gar nicht meine eigenen sind, sondern anerzogen. Ich lebte Vieles so, wie meine Eltern es mir beigebracht hatten, ohne zu überprüfen, ob das auch das ist, was ich selbst will. Ich wurde als Kind und Jugendlich oft als Schlampe bezeichnet, weil ich ein anderes Ordnungsempfinden als meine Mutter hatte. Das saß im Hinterkopf ganz schön tief und hat bis in die Gegenwart gewirkt. Aber auch das bessert sich und es ist für mich deutlich entspannter, meine eigenen Ansprüche an mich nach MEINEM Empfinden zu leben.

    LG
    Ette

    Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute.
    ("Handbuch des Kriegers des Lichts" v. P.Coelho)

  • Liebe Ette, guten Morgen!
    Dein Bericht spiegelt mich glasklar.

    Zitat

    Sobald es hieß „jemand müsste mal dies oder jenes tun“, war ich vorne dran.


    Wie ich das kenne :!:
    Daran arbeite ich auch mit ganzer Macht. Das schlechte Gewissen deswegen wird immer weniger, denn ich kann nicht alle *retten*. Sobald *Hilfe* gerufen wurde, war ich da.
    Heute halte ich mich mehr und mehr zurück, da es mir nicht guttut.
    Wie oft wünsche ich mir dann, auch einmal Hilfe zu bekommen. Aber - darauf kann ich lange warten.....................
    Wünsche dir einen schönen und entspannten Sonntag.
    Rosita

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