Liebe Susi,
bitte entschuldige, dass meine Antwort so lange gedauert hat...
Die Frage nach der inneren Leere finde ich unheimlich schwierig, das ist ja fast schon gleichbedeutend mit der Frage nach dem Sinn im Leben. Als ich noch getrunken habe, hat mir mal jemand diese Frage gestellt und mich damit ziemlich aus der Bahn geworfen, denn ich wusste es einfach nicht. Ich wusste nicht, was der Sinn im Leben sein soll. Es gab Zeiten, da habe ich echt gedacht: "Wenn ich morgen einen tödlichen Autounfall haben sollte, wär's doch eigentlich auch wurscht, oder? Wen juckt's?"
Heute bin ich zumindest soweit, dass ich sagen kann, ich bin auf der Welt, um Spuren zu hinterlassen. Klingt vielleicht banal, aber ich sehe es tatsächlich so. Ich habe einen bestimmten Beruf erlernt, in dem ich jeden Tag mein kleines Schärflein zum allgemeinen Gelingen beitrage. Meinen Job kann jede andere auch machen, aber es ist die Art und Weise, wie ich es mache, das mich einzigartig sein lässt. Mein Wissen, mein Können, aber auch mein Lächeln, meine Scherze - ja, und auch meine Fehler und mein Umgang damit. Das bin ich.
Das Gleiche gilt für meinen Mann. Theoretisch könnte jede andere Frau seine Frau sein, aber eben nur theoretisch, denn in der Praxis hat sich herausgestellt, dass es eben meine Art ist, mit ihm umzugehen, ihn zu lieben, aber auch mit ihm zu streiten, die unsere Beziehung unverwechselbar macht. Das kann nur ich.
Und dann gehe ich weiter zu Freunden, Bekannten, Nachbarn.
Und so komme ich dann von Hölzchen auf Stöcksken - ich hinterlasse Spuren. Und wenn ich mal sterbe, habe ich vielleicht nichts Großartiges erfunden oder geleistet, aber ich habe durch meine bloße Existenz bzw. meine Art das Leben einiger Menschen mitgestaltet.
Aber das, liebe Susi, sind nur meine persönlichen Gedanken, es mag selbstverständlich sein, dass andere Menschen den Sinn in ihrem Leben anders definieren. Ich sehe mich in der Beziehung zu meinem Umfeld, und das füllt die Leere in mir auf. Und da, wo Beziehungen - egal, zu wem - nicht mehr ausreichen bzw. mich nicht mehr erreichen, ja, da bin ich mir selber genug. Und was ich mag bzw. nicht mag, womit ich mich gerne beschäftige, das alles habe ich den vergangenen Monaten lernen können, deshalb kann ich heute auch gut mit mir alleine sein. Das ging früher eben nicht. Da habe ich mich lieber vollaufen lassen, anstatt mich mit mir selber und meinen Bedürfnissen, Wünschen oder auch Defiziten zu beschäftigen.
LG
espoir