Weiter im Text.
Was mir über die Jahre immer wieder aufgefallen ist: Da wird analysiert, wissenschaftlich auseinandergenommen, der neueste Podcast gehört, die nächste Erkenntnis gesucht und wieder irgendeine Theorie diskutiert.
Da frage ich mich manchmal: Wozu eigentlich? Was davon brauche ich konkret, um heute trocken zu bleiben?
Natürlich kann es interessant sein, sich mit neuen Erkenntnissen über die Sucht zu beschäftigen. Nur muss ich deshalb nicht jede neue Erklärung gleich auf meine eigene Abstinenz übertragen. Ob irgendwelche Neurotransmitter dieses machen und die Neuronen jenes veranstalten, mag wissenschaftlich durchaus interessant sein. Nur hat mich dieses Wissen nicht trocken gemacht.
Ich musste verstehen, dass ich alkoholabhängig bin, wie meine Sucht grundsätzlich funktioniert und welche Konsequenzen ich daraus ziehen muss. Und dann musste ich entsprechend handeln. Das war für mich der entscheidende Punkt.
Und manchmal frage ich mich schon: Wenn jemand seit Jahren trocken ist, zufrieden lebt und für sich einen funktionierenden Weg gefunden hat, warum muss er sich dann ständig mit neuen psychologischen Modellen, Podcasts und Erklärungen beschäftigen? Aus Interesse? Kann ich eventuell noch verstehen. Weil er sie für seine Abstinenz braucht? Oder weil er immer noch nach Erklärungen für seine eigene Sauferei sucht? ![]()
Da würde ich schon genauer nachfragen.
Denn wenn mein Weg funktioniert, muss ich ihn doch nicht bei jeder neuen Erkenntnis wieder auf den Prüfstand stellen. Ich muss meine Sucht auch nicht wissenschaftlich bis in die letzte Gehirnzelle zerlegen, um keinen Alkohol mehr zu trinken.
Das ist doch wie mit dem Rad. Das muss auch nicht ständig neu erfunden werden. Man kann es verbessern, hier etwas verändern, dort etwas ergänzen, damit es vielleicht noch runder läuft. Aber am Ende bleibt es ein Rad. Und Alkoholabhängigkeit gab es sogar schon, bevor irgendjemand auf die Idee kam, eines zu erfinden. ![]()
Natürlich wissen wir heute wesentlich mehr darüber, was bei einer Sucht im Gehirn passiert. Nur ändert das nichts daran, dass ich als Alkoholiker keinen Alkohol mehr trinken kann. Ich muss meine Trockenheit schließlich nicht bei jeder neuen Erkenntnis neu erfinden. Ich bin Alkoholiker. Deshalb saufe ich nicht mehr.
Und wenn morgen jemand wissenschaftlich herausfindet, warum das Rad rund ist, muss ich deshalb noch lange keine eckigen Räder ausprobieren. Obwohl das vielleicht sogar Spaß machen könnte. Nur meine Sucht versteht keinen Spaß. Die will saufen.