Hallo zusammen,
dies ist mein allererster Versuch, mir selbst Hilfe zu holen. Mein Mann ist Alkoholiker.
Wir sind seit 31 Jahren zusammen. Seit wann er trinkt , kann ich gar nicht richtig sagen. Sein Vater war schon Alkoholiker, immer gedeckt von der gesamten Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis Alkohol immer präsent und "normal". Als wir zusammen kamen, war er mein bester Freund. Wir konnten über alles reden, haben uns super ergänzt, hatten eine innige Beziehung.
Wie gesagt, wann der Alkohol zur Sucht wurde, kann ich gar nicht zeitlich festmachen. Da war nur immer mehr schlechte Laune, Unzuverlässigkeit, Antriebslosigkeit, Lügen und Gleichgültigkeit.
Der erste große Knall ereignete sich 2014. Ich kam von der Arbeit nach Hause und fand ihn volltrunken auf dem Sofa, als er auf unsere damals 3jährige Tochter aufpassen sollte. Ich fand einige seiner Alkoholverstecke und war völlig schockiert. Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte, dass ich dieses Ausmaß so gar nicht auf dem Schirm hatte. Er ging für 3 Wochen zur Entgiftung in die Klinik, begann eine Therapie, und anfangs schien er wieder reflektierter und motivierter. Er machte seine Übungen zuhause, besuchte sehr lange auch noch regelmäßig eine Selbsthilfegruppe in der Klinik, die von einem der Therapeuten dort geleitet wurde.
Doch irgendwann schlichen sich wieder alte Verhaltensweisen ein. Es häuften sich wieder Lügen, schlechte Laune und Gereiztheit, er war mir und meiner Tochter gegenüber extrem unfair, abweisend und gleichgültig, zog sich immer mehr zurück. Ich hatte zwar immer wieder Verdachtsmomente, aber er hatte jedes Mal eine Erklärung. Im Nachhinein kann ich nicht nachvollziehen, warum ich ihm das immer wieder geglaubt habe. Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst nicht unfair sein und ihn vorverurteilen und womöglich falsch verdächtigen wollte.
Vor drei Monaten bin ich dann zufällig auf ein Versteck einer riesigen Ansammlung leerer Flaschen gestoßen. Da machten dann auch plötzlich sein Verhalten und seine Wesensveränderungen Sinn. Ich war völlig am Ende. Mein Verdacht und meine Befürchtungen hatten sich bewahrheitet.
Ich selbst bin eigentlich ein lebensfroher, positiver Mensch, stehe morgens schon gut gelaunt auf, lachen gerne, habe immer irgendwelche Ideen und Pläne, was ich noch machen möchte. Aber auch ich habe mich verändert und mag diese Person, zu der ich geworden bin, überhaupt nicht. Ich bin oft unendlich traurig, weine viel, wenn es niemand mitkriegt, habe mittlerweile ein ziemlich schwaches Nervenkostüm, bin gereizt und explodiere leicht. Für meinen Mann habe ich nur noch Verachtung übrig, das kleinste Fehlverhalten von ihm triggert mich. Wir haben seit Jahren eigentlich schon keine Partnerschaft mehr, keine Zweisamkeit, kein richtiges Familienleben. Familie sind nur meine Tochter und ich.
Vor 3 Monaten, als ich erkannt habe, dass er einen Rückfall hatte, haben wir uns getrennt. All die Lügen, Enttäuschungen und Verletzungen waren zu viel. Meine Tochter und ich waren völlig am Ende. Ich wollte nur noch, dass es aufhört, weh zu tun, dass wir wieder durchatmen können, und dass meine Tochter keinen Schaden davonträgt, oder zumindest den angerichteten Schaden so gut es geht zu begrenzen.
Mein Mann ist also vor 3 Monaten ausgezogen. Er hat sich unmittelbar in ärztliche und psychologische Behandlung begeben und nimmt regelmäßig Termine bei seinem Suchtberater wahr. Die ersten Wochen hatten wir überhaupt keinen Kontakt. Danach haben wir ab und an gemeinsam am Haus gearbeitet. Er scheint verändert, selbstreflektiert, klar, positiv. Wir reden viel, und ich habe ihn einmal zu seinem Suchtberater begleitet, weil dieser das vorgeschlagen hatte. Er ist nun seit 3 Monaten abstinent und sagt, dass es ihm so viel besser geht und ihm vieles viel leichter von der Hand geht. Er arbeitet daran, sich selbst nicht mehr so viel Stress oder Druck zu machen und mit Stress von außen besser klarzukommen, und das scheint sehr gut zu funktionieren.
Wir haben uns in den letzten 2 Wochen wieder einander angenähert, hatten schöne Momente. Ich merke, dass bei mir wieder Gefühle aufkommen, die lange nicht mehr da waren. Aber ich merke auch, dass ich mich nicht ganz auf ihn einlassen kann, dass mein Kopf blockiert, dass meine von mir aufgestellten Schutzmauern riesig sind, weil ich wahnsinnig Angst davor habe, dass das wieder nur eine Phase sein könnte.
Auf der einen Seite weiß ich natürlich, dass es in keiner Beziehung immer nur glatt läuft, dass eine Ehe auch Arbeit bedeutet, dass Alkoholismus nicht irgendwann vorbei ist, und Enttäuschungen in einer Beziehung immer mal vorkommen. Auf der anderen Seite habe ich dieses Ohnmachtsgefühl, genau das nicht mehr aushalten zu können. Ich merke, dass ich am Ende meiner Kräfte bin, dass ich mich nach Ruhe, Harmonie und Sicherheit sehne, nach einem Stück Unbeschwertheit.
Es gibt keine Garantien, klar, und irgendwelche Prognosen wären auch Quatsch, aber gibt es denn überhaupt Fälle hier, wo es jemand wirklich geschafft hat, trocken zu bleiben, wo die Ehe gehalten hat?
Liebe Grüße, S.