Angewohnheiten nach dem Alkohol?

  • hallo wachhund,

    lies doch mal nach, was lilly im meinem thread als letztes gepostet hat...

    lieben gruß
    marla

  • Zitat von Wachhund

    Mir ist aufgefallen das sich bei so manchem die "Sucht" verlagert hat.

    Vom "Alkohol trinken", ins "Alkohol jagen".

    Das Viele es mit der Verdammung von Alkohol in Ihrem Leben genau so übertreiben wie so manch anderer mit der Sucht selbst.

    Hallo Frank!
    Einer meiner besten Freunde ist schwerer Alkoholiker... Eine Zeitlang - ich trinke jetzt seit 8 Wochen nicht mehr - war ich drauf und dran, ihn zu verdammen, damit ich mich selbst reinwasche... Er ist der Alkoholiker, ich bin ja jetzt... Ich habe aber einen neuen Umgang mit ihm gefunden... Er animiert mich nicht mehr mit Worten zum Trinken, obwohl er auch in meiner Gegenwart trinkt... Wir sind Freunde geblieben - und er trinkt jetzt zumindest weniger, ist in meiner Gegenwart nicht besoffen. Früher war er oft stockbesoffen und hat die Selbstkontrolle total verloren.
    Immer wenn ich ihn verdamme - und das kommt vor - leugne ich mein eigenes Problem. Insofern verstehe ich Deine Beobachtung.
    Grüße von
    Jean

    Wenn ich mir selbst nicht erlaube, dass es mir ohne Alkohol gut geht - wer soll es dann für mich tun?

    Trocken seit November 2006

  • Hallo Frank,
    möchte mal zu ein paar Dingen hier antworten.

    Ich verdamme Alkohol nicht mehr. Anfangs, als ich trocken wurde, hatte ich panische Angst vor Alk und hasste ihn auch. Ich hatte Angst, mich noch mal mit einem so übermächtigen Gegner einzulassen, der mich so oft niedergestreckt hatte. Und ich wußte, das ich den nächsten Kampf nicht überleben würde, das war Fakt.
    Aber ich wußte auch noch nicht, wie ich trocken bleiben konnte. Ich tappte anfangs noch im Nebel herum, bis sich mir erst nach und nach der Weg zeigte. Das am Wegesrand Abgründe waren, war mir klar, es galt, sie rechtzeitig zu erkennen. Also ging ich ganz langam und vorsichtig, einen Schritt nach dem anderen und ich achtete darauf, immer auf dem Weg zu bleiben, dem Abgrunde nicht zu nahe zu kommen.
    Was parktisch bedeutete, ich hiel mich im ersten Jahr jeglicher Feier oder Party fern.
    Ich verdamme auch keine Menschen, die Alkohol konsumieren, denn nicht alle, die Alkohol trinken, haben ein Problem damit. Viele können sehr wohl damit umgehen, ich aber nicht. Deshalb brauch ich aber nicht missionarisch tätig werden, ich sprech niemanden darauf an, außer es ist sehr auffällig, aber es kann jeder zu mir kommen und sich bei mir Rat und Hilfe holen.

    Du erwähnst Alkohol in Gedanken, Worten und Taten.
    Solange sich noch alle Gedanken mit Alk beschäftigen, auch wenn man ihn nicht konsumiert, aber vielleicht möchte, nennen wir das hier "Nasses Denken". Auch immer wieder drüber reden, was man gern trank, halte ich für nasses Gedankengut. Zu Taten weiß ich jetzt grad nix.
    Aber man kann lernen, seine Gedanken zu lenken, dazu gehört Übung und Ablenkungsmechanismen, besonders in der ersten Zeit, um trocken bleiben zu können.

    Du fragst, ob es auch "still und heimlich" geht, sich vom Alk zu lösen, ohne sein Umfeld umzumodeln, dazu von mir ein ganz klares NEIN !
    Das wäre nie mein Weg gewesen, meine Freunde und Familie müssen schon wissen, was mit mir ist, es schützt mich auch selber.
    Aber bei mir kam die Lösung von bestimmten "Freunden" automatisch, ich wußte damals nicht, das ich das tun muß, ich tat es instinktiv. Auch weil ich merkte, ich habe mit diesen Menschen nichts mehr gemeinsam, ihre Gesellschaft gab mir nix mehr. So löste ich mich nach und nach von ihnen, aber ich habe dafür viele neue Freunde gefunden. Es ist nie zu spät, sich einen neuen Bekanntenkreis aufzubauen, und man wird ihn später sehr zu schätzen wissen. Meine neuen Freunde trinken entweder gar keinen Alkohol, oder nur sehr wenig, in meiner Gegenwart allerdings nie. Sie können darauf für die Zeit meiner Anwesenheit verzichten. Auf Partys und Feiern sieht das anders aus, dort wird Alk konsumiert, was ich nicht verhindern kann, aber da er mir schon lange egal ist, ist das für mich unerheblich. Als er mir noch nicht egal war, mied ich allerdings strikt diese Veranstaltungen.

    Und JA, man schafft es, einfach NEIN zu sagen. Ich tue das mit den Worten: Ich trinke keinen Alkohol. Kommen weitere Nachfragen, ob ich denn nie trinke und warum nicht, sag ich: Ich bin Alkoholikerin und kann mit Alkohol nicht umgehen. So einfach ist das, aber ich weiß auch, wie schwer es ist, es die ersten Male zu sagen, dazu gehört Mut und Überwindung. Eine andere Möglichkeit sehe ich zumindest für mich nicht.

    Ich würde mich persönlich keinesfalls als verschroben bezeichnen, aber wer würde das schon gern von sich selber behaupten :lol:
    Ich dachte anfangs, wie soll ich denn nu ohne Alk gut drauf kommen ?
    Aber diese Angst war vollkommen unbegründet. Ich bin von Natur aus ein heiterer und geselliger Mensch, der gern mit anderen zusammen ist und für den diese Kontakte sogar lebensnorwendig sind. Ich kann mit Freunden herzlich lachen und rumalbern, auch ernste Gespräche führen, je nach Situation.
    Ich denke, wer von Natur aus ein heiteres Wesen hat, der hat das auf jeden Fall auch nüchtern, für mich kann ich nur sagen, das es nüchtern erst richtig zum Vorschein kam :lol:
    Ich bin gern mit Menschen zusammen, auch mit Kindern und freue mich darüber, nie mehr denken zu müssen, merken die was, riechen die was ? Ich kann völlig unbeschwert die Zeit mit ihnen geniessen.

    Lieben Gruß an Dich
    Lilly

  • Hallo Wachhund,
    mit Alkohol ganz ungezwungen umgehen kann kein Alkoholiker. Das Suchtgedächtnis macht uns da einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Aus diesem Grunde entwickeln sich die "Marotten". Das geschieht erst im Laufe der Abstinenz.
    Auch ist Alkoholismus keine Folge übertriebenen Konsums sondern schlicht & ergreifend eine Krankheit, die, wenn man sie nicht behandeln lässt, langfristig zum Tode führen kann, & wo nicht, zum Korsakov-Syndrom.
    Auch ich habe da eine gewisse Entwicklung hinter mir, die mit völligem Unverständnis bei bestimmten Verhaltenweisen der Abstinenzler anfing & jetzt bei einer ziemlichen Eigenkonsequenz gelandet ist, die, gleicht man beide Positionen jetzt ab, für einen "Frischling" ziemlich krass ausfällt. Ich bin übrigens längst nicht am Ende dieser Entwicklung, glaube ich.

    Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
    Vor uns liegen die Mühen der Ebenen. (Bert Brecht) 8)

  • Hallo Wachhund,

    als ich noch nicht begriffen hatte, dass ich wirklich Alkoholikerin bin, dachte ich ähnlich wie Du. Die trockenen Alkoholiker, die ich kannte, befassten sich meiner Meinung nach übertrieben mit dem Thema Alkohol - insbesondere nämlich dessen Vermeidung, und beschnitten mich in meiner persönlichen Freiheit, indem sie um Rücksicht baten.

    Nun befinde ich mich in der selben Situation und begreife erst jetzt, wie wichtig es ist, besonders am Anfang, sich zu schützen. Alkohol zu verdammen ist Unsinn. Wir wissen hier sicher alle, wie gut Alkohol schmecken kann und wie entspannend ein Glas Wein sein kann, wie ein Bier zischt. Viele von uns sind aber hier, weil wir Alkohol sogar dann trinken mussten, wenn er uns nicht einmal mehr schmeckte, notfalls musste der abgestandene Mist vom Vorabend schon morgens in den Hals. Von Entspannung kann für einen Alkoholiker nicht ín diesem Sinne die Rede sein, meine ich, es ist für so manch einen nur noch die Entlastung vom Saufdruck. Sich da zu schützen, angewidert oder ablehnend auf Alkohol und Werbung zu reagieren, ist für manche von uns lebenswichtig. Mag sein, dass es dann und wann übertrieben wirkt, aber jeder geht anders damit um. Hauptsache ist doch, dass man trocken bleibt, auch wenn man Bierdeckel gar nicht mehr so schön findet wie früher vielleicht mal.

    LG, Meni

  • Dienstag, ja? Da habe ich meine erste Therapiestunde, aber nachmittags um halb vier. Ich werde morgens an Dich denken.

    Das mit dem Wegpacken der Sachen finde ich gut, es symbolisiert für mich nicht nur Deine innere Einstellung, sondern schützt Dich auch. Für mich wird es durch Dein Posting nun immer die "Bierdeckelgeschichte" sein, wenn ich mich mit solchen Dingen auseinandersetze.

    Die mentale Veränderung macht mir auch noch Angst, aber das gehört wohl dazu.

    LG, Meni

  • Pauli,

    wenn ich Dich lese, könnte ich vor Freude heulen. Ich habe noch ein paar Bremsklötze, die sich durch die Veränderung eben ergeben, Deine positive Einstellung macht mir immer wieder Mut. Nicht für das Trockenwerden, sondern für das Rundherum, die Bewältigung der Scham, die Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind und die ich verletzt habe, um die ich nun kämpfe usw. Aber Du weckst in mir wirklich immer wieder diese Aufbruchsstimmung, dieses Bewusstsein, dass, egal, was passiert, ich dem nüchtern besser begegnen kann.

    LG, Meni

  • Hey Frank,

    ich freu mich für Dich, dass es am Dienstag endlich losgeht.
    Als ich 'damals' auf der Entgiftungsstation ankam, war ich innerlich auch echt froh. War es doch ein Zeichen (für mich), dass jetzt endlich die Reise losgeht. Und ich bin immer noch unterwegs und frue mich noch jeden Tag über meine Entscheidung.

    Ich wünsche Dir, dass Du auch erfolgreich die Reise antrittst. Wirst sehen, Du wirst es keine Sekunde bereuen!

    Liebe Grüße

    pauly

    Es ist nicht leicht, das Glück in sich selbst zu finden,
    doch es ist unmöglich, es anderswo zu finden.

    Agnes Repplier

    Abstinent seit Oktober 2006

  • Hei Pauli,

    wenn ich jetzt richtig liege bist Du gerade auf der Entgiftung. Ich schreibe jetzt trotzdem mal. Ich stehe auch noch ziemlich am Anfang.

    Es ist fuer einen Alkoholiker einfach wichtig, einen Weg zu finden, vom Alk fern zu bleiben -- und wenn das heisst, ihn zu verabscheuen: warum nicht. Wie schon berichtet war der Alkohol zum Schluss fuer die meisten kein Vergnuegen mehr. Die Abscheu ist also durchaus berechtigt. Ich kann mir vorstellen, das ich jemanden, der weiss, dass ich nicht mehr saufe und mir ein Bier anbietet, ihn dieses ins Gesicht schuetten wuerde mit den Worten: "Lass es Dir schmecken".

    Ich denke das ist normal wenn man einmal die Gefahr von dem Dreck erkannt hat. Genausogut koennte Dir jemand eine Portion Gift anbieten. Wie wuerdest Du darauf reagieren?

    In diesem Sinne ich wuensche Dir alles Gute und wenn Du wieder da bist schreib mal wie's Dir ergangen ist ;)

    Michael

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