Hallo,
es ist mir schon so lange ein Bedürfnis, hier einiges aufzuschreiben, aber ich wusste nicht, wo anfangen, wo aufhören...
Die letzten Monate waren sehr anstrengend und haben viel Kraft gekostet. Ich habe viel gearbeitet, bekam eine ziemlich heftige Grippe, und ich habe meine Mutter die letzten beiden Monate ihres Lebens begleitet. Sie ist im Dezember gestürzt und hat sich davon nicht mehr erholt.
Ich schrieb hier schon davon, dass unser Verhältnis nicht gerade das beste war und ich durch die Tatsache, dass mein Bruder (Mutter und Bruder wohnten zusammen) nasser Alkoholiker ist, die Besuche sehr eingeschränkt habe. Wenn ich zu ihr gefahren bin, dann war es oft sehr widerwillig. Das tut mir heute unsagbar leid und weh, auch wenn die Situation sehr schwierig und problembehaftet war, was durch die Trauer nicht in Vergessenheit gerät.
Es gibt vier Dinge, die ich hier dazu sagen möchte:
Veränderung ist möglich, auch wenn man eigentlich davon überzeugt ist, dass dies nicht mehr geschehen wird. Durch die intensive Begleitung meiner Mutter hat sich noch eine Nähe bei uns beiden entwickelt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Friedlich Momente, vertraute, schöne und viele Stunden ruhiges Zusammensein, für die ich unendlich dankbar bin und in denen ich viel gelernt habe und durch die mir viel bewusst geworden ist.
Dann wurde ich auch immer wieder auf schreckliche Weise mit dem Alkoholismus und entsprechendem Verhalten des Bruders konfrontiert. Er brachte es fertig, rotzbesoffen - und das nicht nur einmal - ans Sterbebett seiner Mutter zu kommen, so betrunken, dass er kaum noch gehen, geschweige denn sprechen konnte...
Ich komme aus sehr schwierigen familiären Verhältnissen, Es gab in den letzten Wochen einige sehr schwierge Situationen, denen ich ausgesetzt war (weil ich bei meiner Mutter sein sollte und es Dinge zu regeln gab, wo es um Würde und Menschlichkeit ging) und wo mich meine Vergangenheit zeitweise schier einholte.
Ich könnte ich ganze Seiten damit füllen, zu was ein nasser Alkoholiker alles fähig ist. Das will ich nicht - mir zuliebe.
Ich habe im geschützten Bereich des Forums sehr viel geschrieben, immer und immer wieder - und habe unsagbar große Unterstützung erfahren, für die ich sehr dankbar bin und die mir sehr geholfen hat, diese Zeit zu überstehen.
Ja, Punkt vier ist: ich habe nicht getrunken! Ich bin inzwischen ein Jahr und acht Monate trocken, und ich spüre festen Boden unter mir. Es gab keinen einzigen Moment in dieser letzten Zeit, in dem ich hätte trinken wollen oder müssen.
Zur Zeit brauche ich noch viel Ruhe und Aus-Zeit, die ich mir auch nehme. Ich will viel für mich sein, es arbeitet noch viel in mir, das spüre ich. Ich denke viel und gerne an meine Mama, und ich bin traurig, dass sie nicht mehr da ist. Aber es gibt immer auch schöne Dinge, die ich bereit bin zu sehen und an mich heranzulassen.
Liebe Grüße von Wacholderfrau