Hallo!
Auf mich wirkst Du unausgeglichen, stimmungsschwankend und sehr wütend.
Auch ich war in den ersten Monaten schwankend, genauer wütend. Wütend darauf, diese schlecht beleumundete Krankheit zu haben und mich dann auch noch regelmäßig (in meiner ambulanten Therapie) mit Leuten auszutauschen, die ich zumeist nicht als standesgemäß angesehen habe.
In dem Buch von Röhr (Sucht-Hintergründe und Heilung) wird die Wutphase im Anschluss an die erste Einsicht, alkoholkrank zu sein, schön beschrieben.
Ich übertrug meine aufgestaute Wut und meinen Frust auf Außenstehende, weil ich diese Krankheit nicht einfach wie ein schmutziges Kleidungsstück abstreifen konnte. Gegen sie gibt's keine Pillen, auch ein kleiner chirurgischer Schnitt ist gegen sie nicht möglich. Sie war und ist einfach da und wie mit Klebstoff an mir festgeklebt. Und das machte mich unglaublich wütend.
Diese Wut ließ ich dann an anderen aus, z.B. gewissen Teilnehmern meiner SHG, die nicht den nötigen Ernst und die Disziplin an den Tag legten, nur wegen ihrer "dämlichen" MPU zur ambulanten Therapie gingen, sich dort eher bespaßen ließen, als sich ernsthaft mit ihrem Problem auseinander zu setzen und die ich für intellektuell unterlegen hielt. Letzteres ließ ich sie auch deutlich spüren.
Was fällt auf: Genau so wirkst Du auf mich, wenn Du in regelmäßigen Abständen zum Rund-Um-Keulenschlag ausholst.
Mit zunehmender Abstinenz hat sich mein Blickwinkel verschoben. Das fällt mir heute nach knapp 3 Jahren (ok 2 1/2 Monate fehlen noch) besonders auf. Ich sehe die Dinge heute deutlich gelassener und distanzierter, als in meinem ersten Jahr. Der Focus hat sich etwas verschoben.
Damals dachte ich, was wollen die LZT schon. Ich bin jetzt ein paar Monate clean und somit auch einer von ihnen. Nein. Das war ich nicht. Der Körper ist schnell entgiftet, aber die Entgiftung des Geistes dauert sehr lange.
Ich bin damals zu hart mit vielen Mitstreitern ins Gericht gegangen, so wie Du jetzt.
Gib dir mehr Zeit. Wenn Du mal wieder Frust schiebst, reagier dich mal an frischer Luft ab, mach einen langen Spaziergang, nimm das Rad oder geh ins Fitnesstudion, um dich auszupowern. Das verschafft dir emotionale Entkrampfung.
Und noch was: Die Universitäten sind voll mit Dissertationen. Wer sagt, das die von dir ausgewählte das Rad der Abstinenz neu erfindet? Auf mich wirkt der mehrfache Hinweis auf dieses Elaborat "aufgeblasen". Was ist eine Dissertation? Eine geistige Abhandlung, die ein Gremium für würdig genug hält, es mit einem Doktortitel zu schmücken. Das war es auch schon.
Eine direkte Frage, auch wenn Du hier gestellte Fragen nicht gerne beantwortest: Warst Du vor deiner "Alkoholkarriere" auch schon so austretend und ausfallend, wenn dir was nicht passte?
Gruß
Carl Friedrich