Macht es einen unterschied ob ich sage, ich trinke keinen Alkohol oder sage ich bin trockener Alkoholiker?
Für mich persönlich macht das keinen Unterschied.
Nach außen erklärst du mit ‚Ich bin trockener Alkoholiker‘ natürlich deutlich, warum du ‚keinen Alkohol trinkst‘.
Ich habe für mich entschieden, nichts zu erklären. Mir ist es wichtig, mich nur bei mir zu erklären.
Es ist eigentlich nicht mein Ziel, Arbeitsstelle, Freund und Familie auszutauschen. Muss so etwas sein? Bei jeder Familienfeier wird getrunken. Soll ich hier fern bleiben?
Niemand muss Arbeitsstelle, Freunde und Familie austauschen. Vieles reguliert sich doch sowieso von ganz alleine.
Fernbleiben ist kein Austauschen. Und ‚fernbleiben’ wird hier schon so empfohlen.
Einfach, weil es wichtig ist, erstmal die eigene Abstinenz abzusichern. Die Alkoholsucht ist eine Sucht. Alleine mit dem Willen geht bei einer Sucht nichts zu steuern. Für Niemanden.
Die Abstinenz muss tief ins Innere gelangen, und das geht nun mal einfacher, je weniger Kontakt zu alkohollastigen Situationen ist.
Ich habe eingesehen und akzeptiert, dass meine Alkoholsucht nur gestoppt werden kann, nicht geheilt. Und das auch nur solange, wie ich keinen Alkohol trinke.
Mein alkoholfreies Zuhause ist meine ‚sichere Burg‘ geworden.
Und ganz ehrlich, was genau reizt dich daran, dich nüchtern mit saufenden Leuten an einen Tisch zu setzen?
Eigentlich würde ich gerne kontrolliert trinken, weil ich Bier gern mag, aber im Moment merke ich, dass das nicht funktioniert. Deshalb überlege ich, ganz auf Alkohol zu verzichten, um mir selbst und meiner Familie nicht zu schaden.
Eigentlich würdest du gern kontrolliert trinken? Weil du Bier magst?
Du hast doch selbst gemerkt, dass es einem Alkoholiker unmöglich ist, kontrolliert zu trinken. Kontrollverlust ist schlechthin das Merkmal für die Alkoholsucht.
Es gibt keinen Alkohol mehr. Weil es eben nicht mehr möglich ist, da irgendwas kontrollieren zu können.
Auch alkoholfreies Bier enthält Alkohol ….und der Schritt zum ‚richtigen Bier‘ ist nur winzig klein.
Jetzt stehe ich allerdings vor einer neuen Herausforderung: Wie kann ich in solchen Situationen stark bleiben?
Würde ich stark bleiben müssen, wäre mein nüchterner Weg sehr sehr schwer und auch holprig.
Stark sein im Zusammenhang mit der Sucht ist ein kämpfen gegen die Sucht. Stark sein würde bedeuten, dass ich schwach bin, wenn ich trinke.
Sucht hat aber nichts mit Schwäche zu tun und nüchtern bleiben nichts mit Stärke.
Jahrelange habe ich gegen die Sucht gekämpft, mich so schwach gefühlt, weil ich es nicht geschafft habe, nichts mehr zu trinken. Ich wollte stark sein und die Sucht besiegen. Viele Jahre habe ich damit verbracht. Dabei habe ich mich immer weiter verloren….weil ich mich so schwach fühlte….nicht stark genug war.
Erst, als ich erkannt habe, dass weder die Sucht noch das Nüchternbleiben was mit stark oder schwach sein zu tun haben, und erst, als ich akzeptiert habe, dass die absolute Abstinenz eine Notwendigkeit für mein nüchternes Leben ist, und erst als ich mich und meine Abstinenz an erste Stelle setzte, konnte ich zufrieden nüchtern werden.
Ich muss nicht stark sein. Weil ich auch nicht schwach war, als ich Alkohol getrunken habe und nicht damit aufhören konnte.
Ich bin ein Alkoholiker, der nun sein Leben alkoholfrei verbringen möchte, weil es mit Alkohol kein Leben mehr war und weil es mit Alkohol auch nie wieder ein Leben werden kann.
Und weil die Alkoholsucht eine lebenslange Erkrankung ist, die lediglich zum Stillstand gebracht werden kann, werde ich alles dafür tun, was mir möglich ist, damit ich diesen Stillstand nicht gefährde.