Liebe Sporty,
nun habe ich zwar einen Teil meiner eigenen Geschichte erzählt, aber es kommt mir so vor, als sei ich die eigentlich Antwort schuldig geblieben. Vermutlich musste ich mich erstmal sammeln und erinnern.
Jetzt probier ich es nochmal mit mehr Bezug zu dir ☺️
Wie haben ich das also gemacht?
Eigentlich ging es die ganze Zeit um das ausloten und setzen von Grenzen.
Zuerst kommt die Frage, wo deine persönlichen Grenzen liegen. Welche in Stein gemeißelt sind und/oder welche besonders wichtig für dich sind.
Dann kommen die Grenzen der anderen. In deinem Fall erstmal die deine Kinder und von dein Mann.
Mit der Abgeschlossenen Tür ziehst du ja auch eine Grenze, die du vor einer Weile noch nicht notwendig gefunden hättest. Ich denke das ist Übungssache und du bist auf einem guten Weg raus zu finden, was zu dir passt und was eben nicht oder nicht mehr.
Ich selbst habe da ganz klein angefangen. Auf Anrufe nicht mehr reagiert und nur selbst angerufen. Dann mir danach war oder ich ausreichend gut „sortiert“ war.
Nein gesagt, wenn etwas von mir verlangt wurde, das mir gegen den Strich ging, was ich vorher einfach gemacht hätte um Frieden zu haben.
Auch das startete mit banalen Dingen, wie Essenszeiten, Ausflugszielen oder so und endete dann damit, das ich zum Beispiel ablehnen konnte, wenn meinte Mutter uns besuchen wollte, obwohl uns das zu dem Zeitpunkt gar nicht gepasst hat.
Ich habe Regeln aufgestellt, für Besuche in meinem Zuhause. Hände waschen nach jeder Zigarette, ansonsten wird kein Kind angefasst. Null Alkohol- draußen und drinnen und auch nicht vor dem Besuch so das man es gemerkt hätte.
Zugegeben, mit der Zeit wurden es eine Menge Regeln ☺️ Vor allem, weil ich selbst mir immer wichtiger wurde. Aber auch, weil es reine Übungssache ist die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und dann auch zu benennen. Je genauer ich hin guckte, was ich wollte und was nicht, desto einfacher wurde es das zu formulieren und desto mehr konnte ich auch spüren, was für mich richtig und notwendig war.
Den Süchtigen macht das glaube ich total irre, wenn er sich so massiv anpassen muss. Mir wurde Kontrollwahn vorgeworfen und das sich immer alles komplett nach mir richtigen muss. Ein Stück weit war/ist da sicherlich etwas dran. Als mir irgendwann aufgefallen ist, dass meine Schmerzgrenze bei guten Freunden ganz anders aussah (zB beim Rauchen) habe ich den Zusammenhang erkannt, wie stark das aktuelle Verhältnis zu meinem Gegenüber da rein spielt.
Diese Suche nach Grenzen und Regeln für eine harmonischere Begegnung waren das zentrale Element in der Zeit, in der es noch nicht darum ging sich dauerhaft zu distanzieren. Ich habe mir ja lange einen „funktionierenden“ Umgang gewünscht und auch mit therapeutischer Hilfe nach Möglichkeiten gesucht, wie sich das umsetzen lässt. Meine Mutter war nur leider nicht in der Lage, selbst die kleinsten Grenzen zu akzeptieren.
Bei euch, liebe Sporty, gibt es ja eine positive gemeinsame Vergangenheit. Mit dieser Basis ist vielleicht eine viel sanftere räumliche Trennung mit anschließendem Umgang möglich, wer weiß.
Wobei ich die räumliche Trennung inzwischen für absolut wichtig halte! Wir hatten das auch mal vor, in die gleiche Gegend ziehen, ein gemeinsamer Bauernhof oder sowas wild romantisches 😂 Gott sei Dank habe ich vorher gemerkt - für uns wäre das der Supergau geworden 🙈
Natürlich wurde ich auch immer Mal nach meinen Eltern gefragt. Früher habe ich sowas gesagt wie wenig Kontakt, weit weg, irgendwas ausweichendes eben. Dann hatte ich eine sehr offene Phase, musste aber leider feststellen, wie wenig hilfreich Personen ohne ähnliche Erfahrungen da für mich waren. Es war eher so, das ich verunsichert wurde oder mich nach einem intensiveren Gespräch schlecht gefühlt hatte. Besonders schlimm wurde das, als ich mich für einen endgültigen Kontaktabbruch entschieden hatte. Ich begründe da auch nicht mehr groß. Wir haben keinen Kontakt mehr, meine Eltern sind krank und sind nicht bereit etwas an diesem Zustand zu ändern. Das verstehen nur ganz wenige. Leute die mich von früher kennen und damit auch Passagen aus meiner Kindheit noch am ehesten. Wobei da auch gerne mal sowas kommt: na ihr habt euch ja früher schon nicht verstanden. Es bleibt so ein Gefühl von Schuld übrig, weil man sich als Kind, gesellschaftlich gesehen, nicht von den Eltern abwenden darf. Ab und an wird auch sowas wie eine Begründung erwartet. So nach dem Motto… war es denn wirklich so schlimm, bist du sicher das dies oder jenes dein Verhalten wirklich legitimiert. Da habe ich eine Weile gebraucht um zu erkennen, dass ich mich vor niemandem Rechtfertigen muss (nicht einmal vor mir selbst 😎). Inzwischen sehe ich das als eine Frage der Loyalität mir gegenüber. Wer mich kennt und wem ich wichtig bin, der kann meine Entscheidung als richtig akzeptieren. Für mich richtig und für mich der einzig möglicher Weg. Da muss mir niemand mehr ins Gewissen reden oder sowas. Loyalität ist für mich extrem wichtig und ich bin auch selbst sehr loyal.
Freunde die einfach zu zuhören konnten, mir Halt gegeben haben oder die mir das Gefühl geben konnten - wenn ich so entscheide, dann wird es such richtig so sein. Diese Freunde und vor allem mein Mann haben mir diesen Weg allerdings deutlich erleichtert!
Inhaltliche Hilfe, habe ich allerdings nur von fachlich kompetenten außen stehenden bekommen können. Es gab sogar mal eine Mediation. Das war erstaunlich hilfreich und hat mich selbst klarer und gleichzeitig sanfter gemacht. Es hat aber auch deutlich gezeigt, wie aussichtslos der Wunsch nach harmonische Begegnung ist. Und es gab auf Seiten meiner Mutter ein Gesicht in der Mediation und eins im direkten Anschluss 😂
Von meiner Seite gab es zu jedem Zeitpunkt den Wunsch und den Willen für Kompromisse und Lösungen, damit eine gemeinsam Form der Begegnung weiterhin möglich wäre.
Absolute Voraussetzung war für mich aber die Krankheitseinsicht und der Wille etwas dagegen zu unternehmen. In meinem Fall kam das leider nie und irgendwann ist es dann wohl leider zu spät.
Dann kam der Kontaktabbruch….
Ich habe mit relativ wenigen Worten gesagt ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ab sofort und auf unbestimmte Zeit will ich keinen Kontakt mehr!
Wie das dann so ablief, danach darfst du mich jederzeit fragen, wenn es wirklich aktuell wird. Mit etwas Glück, muss es ja gar nicht so weit kommen. Euer Auszug bringt vielleicht genug Abstand oder eröffnet Möglichkeiten, wie ihr in Zukunft Familienleben anders gestalten könnt. Oder er öffnet deinen Eltern die Augen. Wer weiß…
Ich habe auch Angst, dass die räumliche Distanz nicht ausreicht, um von den Gefühlen befreit zu werden.
Am Anfang wird das auch sicher nicht so sein. Aber auch emotionalen Abstand kann man üben!
Angst ist aber kein guter Berater, sie hilft dir nicht weiter und sie kann dir auch nicht helfen etwas besser zu machen.
Ich selbst habe mich auch verrückt gemacht, wie es denn nun weiter gehen wird mit meiner Mutter, wenn ich mich nicht mehr kümmere. Ich bin auch eingeknickt und habe mich doch wieder informiert, aber immerhin nicht mehr eingemischt. Und nach und nach habe ich so viel Abstand bekommen, dass Sorgen oder überhaupt an sie denken mich nur noch ganz selten überraschen.
„Einfach“ nur ausziehen oder mit jemandem nicht mehr reden reicht wirklich nicht. Aber du kannst dir Hilfe suchen, du kannst üben, du kannst deine Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken.
Meine kleine Familie hier hat ein Maximum meiner Aufmerksamkeit verdient und daran arbeite ich jeden Tag. Mal sehr erfolgreich und auch mal weniger, aber ich gebe mein Bestes!!!
Mir tut zB dieses Forum aktuell sehr gut und es war spannend, mich so intensiv mit diesem Aspekt meiner eigenen Geschichte auseinander zu setzen. Ich lese hier sehr viel, es tut wahnsinnig gut mich verstanden oder bestätigt zu fühlen, aber unterschiedlichen Sichtweisen wie zB von Cadda bereichern meine eigenen Überlegungen ungemein. Danke, an alle die hier sind!
Für mich wird nämlich demnächst die nächste Stufe kommen und ich versuche mich auf Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Tod meiner Eltern vor zu breiten, mich rechtzeitig zu stärken und zu sammeln.
Ich fasse jetzt nochmal meine ursprüngliche Antwort zusammen, is ja schon recht lang geworden alles, mein Kopf ist ganz schön voll ☺️
So habe ich es bis hier hin geschafft:
1. Hilfe (Therapie, Mediator, Selbsthilfegruppen), Unterstützung, Menschen die eingeweiht sind, Rückhalt suchen und hoffentlich finden vom Partner und von echten Freunden.
2. Grenzen erkennen und Regeln finden, um diese Grenzen nicht zu überschreiten. Das geht auch gemeinsam/gegenseitig.
3. Räumliche Trennung. Selbst entscheiden können wieviel Nähe/Kontakt oder eben auch Abstand.
4. Wenn alles andere ausgeschöpft ist oder der persönliche Schmerzpunkt erreicht wurde. Kompletter Kontaktabbruch.
5. Ein wunderschönes Leben, ohne den ganzen Misthaufen permanent vor der Nase.
Diese Woche habe ich mit der Kinderärztin über ein völlig anderes Thema gesprochen, aber der Buchtitel fällt mir gerade wieder ein…
Grenzen Nähe Respekt
Da dreht es sich doch irgendwie immer drum. Ich glaub das mach ich mir zum Motto für sie nächste Zeit 😊