Beiträge von Perdita

    Guten Morgen, gerade noch

    nachdem ich gestern deine Antwort gelesen habe Nayouk24 , bin ich ins grübeln gekommen. Warum es so lange gedauert hat bei mir, bis ich jetzt wirklich bereit bin, der Abstinenz oberste Priorität einzuräumen. Wobei ich auch letztes Jahr der ehrlichen Überzeugung war, dass ich das schon tun würde. Aber in der Rückschau wirken meine ergriffenen Massnahmen eher wie kleinere kosmetische Korrekturen auf mich.

    Mir wurde hier von verschiedenen Seiten aufgezeigt, wie gefährlich das Setting ist, da zu leben wo andere Urlaub machen. Und noch dazu in der Rolle einer Gastgeberin zu sein. Daraufhin habe ich mit meinen kosmetischen Korrekturen angefangen, und irgendwie bin ich ja auch wohlbehalten durch die Saison geschlittert, was rückblickend auch ein grosser Anteil von "Glück gehabt" war, weil nur Leute hier waren, die aus Solidarität mit der frisch trockenen Alkoholikerin keinen Alkohol getrunken haben.

    Das hätte auch anders ausgehen können, und mit anders meine ich schlimm.

    Ich will mich nie wieder auf "Glück gehabt" verlassen müssen was meine Abstinenz angeht. Ich hatte leicht reden, klar, kein Problem, ich geh im ersten Jahr auf keine Konzerte, treffe mich nicht mehr in der Kneipe mit meinen Freunden, nehme nicht an Firmenfeiern teil etc, weil ich das ja sowieso nicht getan habe.

    Als es aber darum ging, meine persönlichen gefährlichen Situationen anzuschauen und zu eliminieren, gehörte ich dann doch plötzlich zu denen, die sagen, "ja, schon, aber mein Fall ist anders, ganz speziell." Ist er nicht. Hat eine Weile gedauert bis ich begriffen habe, dass es der Sucht herzlich egal ist, wie speziell meine Situation doch seie und ich sie deswegen nicht ändern könne.

    Mir ist inzwischen klar geworden, dass das Leben ändern, nunja, Veränderungen beinhaltet. Und Veränderungen sind ja manchmal auch anstrengend, und doch gehe ich mit einem besseren Gefühl dem kommenden Sommer entgegen. "Glück gehabt" aus der Planung zu streichen gibt mir ein Gefühl der grösseren Sicherheit, auch wenn die äusseren Umstände erstmal fragiler wirken.

    Guten Morgen,

    gestern habe ich gute Neuigkeiten gekriegt. Ich arbeite hier für zwei verschiedene Parteien, einmal den laufenden Betrieb hier vor Ort (Gäste, Instandhaltung) und für die zweite Partei, die in D wohnt, baue ich eine alte Scheune auf dem Gelände zum Wohnhaus aus. Der Ausbau ist die Arbeit die ich sehr gerne mache, aber nicht mehr umsonst als Freundschaftsdienst machen kann/will.

    Und mit denen hatte ich gestern ein langes Telefongespräch, sie sehen das völlig ein, und werden mir heute rückwirkend einen grösseren Betrag überweisen und ebenfalls ab anfang Jahr krieg ich jetzt monatlich einen Betrag als Lohn. Das ist kein Handwerkerlohn, aber das wollte ich auch gar nicht. Es ging mir eher darum, dass meine Arbeit irgendwie anerkannt wird und nicht alles als gegeben hingenommen wird.

    Und natürlich entlastet mich das erstmal, wieder bisschen Geld zu haben. Das grosse Geld hol ich dann im Sommer, wenn ich zu einem richtigen Handwerkerlohn in der Heimat arbeiten gehe. Ich bin grad sehr erleichtert, weil es so aussieht als ob das klappen würde, diesen Teil von meinem Leben aufzuräumen und in Bahnen zu lenken mit denen ich einverstanden bin. Potential für Unzufriedenheit aus dem Weg schaffen für eine stabilere Abstinenz.

    Wie toll! Jetzt kann ich mir eine Glasrand-Schleifmaschine kaufen, die wollte ich schon lange. Die braucht man, wenn man mit Buntglas arbeitet, zum Beispiel für Tiffany-Lampenschirme, oder für Fenster. Ich habe in meinem Haus Sprossenfenster, und möchte beim einen Fenster mit der Zeit, eine Glasscheibe nach der andern, durch Motive in Buntglas ersetzen. Wie man es von Kirchenfenstern kennt, die Sainte-Chapelle in Paris ist ein schönes Beispiel dafür.

    Hat kein Geld aber braucht Kirchenfenster in ihrer Bude? Ja, ja, unbedingt! Nobel geht die Welt zugrunde.

    Guten Morgen,

    mir geht es auch heute gut, ich habe nur sehr Muskelkater. Das Dasein als Lehmgrubenarbeiterin scheint Muskeln zu beanspruchen, die ich sonst nicht benutze. Ich habe gerade in einem andern Faden von einem Bandscheibenvorfall gelesen, das hat mich daran erinnert, auch auf meinen Körper zu achten, damit er nicht kaputt geht. Heute also eine Pause von diesen Bewegungen.

    Ich will sowieso draussen noch einiges erledigen, bevor es ab morgen wieder regnet.

    Ich wünsch euch allen einen schönen Tag.

    Mir geht es gerade sehr gut, ich bin ganz happy mit meiner neuen Lehmgrube. Gestern ist auch mein Fachbuch über Lehmbau angekommen und ich werde gleich eine Testreihe mit verschiedenen Testfelder anlegen, um das ideale Mischungsverhältnis für den Lehm aus dem Boden hier rauszufinden.

    Ich hatte gar nicht vor, in dieses Thema einzusteigen, aber nun bin ich da gelandet. Es kann nicht Schaden, wenn ich lerne, wie ich meinen eigenen Lehmputz herstellen kann, weil dieses Haus ein altes Fachwerkhaus ist, das in den 80er Jahren schlecht renoviert wurde. Alle meine Schubladen und Schränke sind schon aufgeräumt, deswegen bin ich dazu übergegangen, das Haus "aufzuräumen" und ein Zimmer pro Winter zu renovieren. Ich werde in Zukunft also noch öfters Lehmputz brauchen.

    Ich kann mich immer noch jeden Tag drüber freuen mit Energie statt Kater aufzuwachen, es ist wirklich ein ganz anderes, besseres Leben.

    mich interessiert es wieso ihr sowas anschaut.

    Am Anfang habe ich alles was ich zu dem Thema gefunden habe gelesen und geschaut, weil ich wissen und verstehen wollte, was mit mir los ist. Das hat nachgelassen, inzwischen schau ich mir sowas mal an, wenn ich drüber stolpere. Einfach weil es eines der Themen ist, die mich interessieren. Und obwohl ich weiss, dass ein siebenminütiger Beitrag im ÖR mir wahrscheinlich nichts Neues erzählen wird ;)

    Guten Morgen,

    ich musste gestern tatsächlich recht energisch werden Kazik , aber jetzt ist die Weinpflanze von der Ostwand an die Südwand umgehängt, und das bekommt sowohl Wand als auch Pflanze viel besser.

    Ich habe gerade einen Gesprächstermin mit einer Bekannten ausgemacht, die diesen Sommer für zwei Monate hierher kommen möchte, auch schon öfters hier war. Sie weiss noch nicht, dass ich nicht hier sein werde, aber das wird unter anderem Thema sein beim Gespräch. So ganz "nach mir die Sintflut"-mässig zu gehen schaffe ich dann doch nicht.

    Nun kann man sich natürlich fragen, warum ich so ein Getue um meine Abwesenheit mache. Es ist, weil ich zur Zeit die einzige hier bin, die funktioniert. Die andern haben entweder ein sehr fortgeschrittenes Alter oder psychische Probleme (keine Sucht). Das funktioniert schon leidlich als Team, wenn jemand den Überblick bewahrt. Das fängt schon mit so kleinen Sachen an wie Briefkasten leeren und up to date bleiben mit Rechnungen, damit Internet und Strom nicht ausgeschaltet werden, und geht dann weiter über irgendwie erreichbar sein, Buchungsplan erstellen, Zimmer sauber machen, kochen, einkaufen usw...

    Und das bin halt ich, und es wird gefühlt immer mehr, "Perdita macht das schon." Aber Perdita hat keine Lust mehr hier die allumfassende Mutter zu geben, die sich um alles kümmert. Vorallem weil das auch so eine Einbahnstraße ist, die irgendwann bis hin zu Pflege führt. Und für Pflege bin ich nicht zu haben. Das ist etwas, das ich ausnahmsweise auch schon klar kommuniziert habe.

    Und doch habe ich das Gefühl, dass ich schleichend genau auf diesen Punkt zusteuere. Ich will das nicht! Ich fühle mich im Handwerk zuhause, weder in der Pflege noch in der Gastronomie. Deswegen kommen für mich beinahe täglich mehr Gründe dazu, warum ich hier mal eine Weile weg will. Die dann den Gründen gegenüber stehen, warum ich hier bleiben will. (Meine Katzen, mein Haus, mein Garten...)

    Und da kommt dann diese Bekannte ins Spiel, ich wäre mit einem viel besseren Gefühl weg, wenn ich wüsste, dass hier zumindest irgendjemand verlässlich erreichbar ist. Sei es nicht für die Gäste, so zumindest für mich. Ich möchte schon gerne ab und zu hören, wie es Menschen und Katzen geht.

    Naja, mal schauen, was bei diesem Gespräch so rumkommt. Jetzt muss ich eine Lehmgrube graben gehen, ich habe etwas zuwenig Lehm-Verputz bestellt für meine Lehmwand mit Flächenheizung, muss ich meinen eigenen Verputz machen. Sand und Stroh hab ich schon besorgt, fehlt noch der Lehm.

    Ich wünsche euch allen einen schönen Tag.

    Guten Morgen,

    ich habe jetzt noch ungefähr eine halbe Stunde, dann muss ich hier weg. Meine Waschmaschine liegt im sterben, und sie geht extrem laut zugrunde, vorallem wenn sie in den Schleudergang geht. Deswegen ist waschen zur Zeit immer: Wäsche rein, anstellen, und nix wie weg. Ich hab jetzt aber keine Lust, youtubevideos zu gucken, wie man Waschmaschinen repariert, dieses eine Mal wird sie es schon noch schaffen. (Sag ich mir schon seit Wochen...)

    Ich geh sowieso gleich raus, ich will heute den Wein (die Pflanze)umhängen. Das ist eine Rankepflanze, und da wo sie jetzt entlangwächst, wächst sie schlecht, sie greift Bausubstanz an. Und es nützt nichts, wenn ich Innen das Zimmer schick mache, während es von aussen von der Weinpflanze aufgefressen wird! Sobald die umgeleitet ist, ich hoffe, sie lässt das noch mit sich machen, kann ich mich um den tragenden Balken dahinter kümmern, der von der Feuchtigkeit angegriffen wurde.

    Es ist schon auch ein Bedauern da, dass ich diesen Sommer nicht hier sein werde, weil ich mich dann z.B. nicht um meinen Garten kümmern kann, aber der Entschluss steht fest. Die psychische Gesundheit als Teil der Abstinenz hat Vorrang.

    Guten Morgen,

    vielen Dank für eure Antworten, Nayouk24 , Lebenskuenstler und Thalia1913 . So unterschiedlich sie sind, konnte ich dadurch mein diffuses Gefühl doch etwas klarer sehen. Dass auch die kleinen, alltäglichen Dinge in meinem Leben ihren Platz und ihre Berechtigung in einem Alkoholiker-Forum haben dürfen, weil sie mehr oder weniger mit der Sucht verwoben sind.

    Und diese Sucht bleibt ja nun ein Leben lang ein Teil von mir. Ich habe festgestellt, dass ich damit nicht mehr hadere. Natürlich hätte ich mir das nicht ausgesucht, wenn ich im Nachhinein wählen könnte, aber da es jetzt halt so ist, habe ich das akzeptiert. Ich habe einen Abgrund in mir drin, und der zwingt mich dazu, achtsam mit mir selber umzugehen, das ist ja auch nicht das schlechteste.

    Ich würde mich auch "erst" als abstinent bezeichnen, und noch nicht als trocken. Dass ich abstinent lebe, kann ich klar messen, welchen Trocknungsgrad ich schon erreicht habe, nicht ganz so klar. Durchgetrocknet bin ich jedenfalls noch nicht, wenn ich mich mal als Wandverputz betrachten darf.

    Ich muss auf meiner Baustelle zur Zeit warten, bis erste Schichten endlich trocken sind, damit ich weitermachen kann. Ich bin da sehr unwirsch: "warum seid ihr immer noch nicht trocken?!?" aber dann, wer bin ich, solch ungeduldige Fragen zu stellen?

    Guten Morgen zusammen,

    ich habe heute mal eine allgemeine Frage, ausgehend von dem was du, Thalia1913 geschrieben hattest:

    Und vorher das genaue Hinschauen; und die eigene Befindlichkeit nicht nur wahrzunehmen sondern auch zu benennen

    ich finde das genaue Hinschauen wichtig, es ist ja eine Form der Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit hatte mir gerade am Anfang sehr geholfen. Aber sie ist, zumindest bei mir, kein Selbstläufer, sie kommt mir immer mal wieder abhanden und dann wurschtel ich so vor mich hin bis ich wieder irgendwo steckenbleibe, und erst dann wieder genau hinschaue, was eigentlich los ist.

    So eine Art Tagebuch hilft mir sehr, beim genauen Hinschauen, aber manchmal fange ich an, hier was zu schreiben und denke mir dann: "ja, aber was hat das mit Sucht zu tun, welche Berechtigung hat das in einem Alkoholiker-Forum?" und lösche es dann wieder. Und dann wieder denke ich, dass der Gefühlshaushalt schon einiges mit Sucht zu tun hat, egal, ob er nun ausgewogen oder durcheinander ist.

    Was mich nun zu meiner Frage führt, ob es denn in Ordnung ist, wenn es hier in meinem Faden auch mal Einträge von mir hat, die auf den ersten Blick nichts mit Sucht zu tun haben. Weil bei mir einfach nicht immer Drama ist, oft plätschert mein Leben beschaulich vor sich hin. Bis ich dann immer mal wieder merke, dass die Beschaulichkeit nur noch eine dünne Decke ist, die ich über Gefühle werfe, die schon lange in mir gären.

    Auf meiner to-do Liste für 2026 steht, auch "schlechte" Gefühle sehen, zulassen und handeln bevor sie (unnötigerweise) zu gross werden. Und ich dachte mir, vielleicht sehe ich sie früher, wenn ich mehr schreibe.

    Guten Morgen,

    in mir denkt es viel, seit meiner Entscheidung in der Heimat arbeiten zu gehen, bzw im Sommer nicht hier zu sein. Ich hatte mich mit dieser Entscheidung schwer getan, weil so vieles hier an mir hängt, inzwischen. Ich bin da nicht Stolz drauf, aber irgendwie ist es so gekommen, dass ich beinahe den ganzen Betrieb alleine schmeisse. Ich mache "in der Saison" durchgängig Arbeiten, die ich nicht sonderlich mag und die ich nie haben wollte, und kaum übernimmt man sie, bleiben sie an einem kleben.

    Und da kamen dann so Gedanken, wie dass denn gehen soll, und das wahrscheinlich ziemliches Chaos sein wird. Und dann kamen neue Gedanken für mich: dann gibt es halt Chaos, und vielleicht bricht auch das ganze, nennen wir es mal Projekt, zusammen. Dann ist das so.

    Diesen einen Schritt bin ich noch nie zurück getreten. Ich habe immer versucht, alles noch irgendwie zusammen zu halten. Aber warum eigentlich? Wenn das Projekt zusammenbricht, wenn ich mich mehr rausnehme, dann ist es zu krank um zu überleben.

    Ich hatte viel drüber nachgedacht, woher meine Unzufriedenheit kommt, da sie kein Wesenszug von mir ist. Wahrscheinlich eine Art Überlastung, ich bin nicht mehr bereit, mich aufzuopfern, bloss damit alles noch ein Jahr, und noch eins, schleppend durchgebracht werden kann. Vielleicht greifen langsam diese Veränderungen eines abstinenten Lebens, von denen ich hier schon viel gelesen habe.

    Ich dachte, wenn ich nicht mehr trinke, löst sich von selber alles in Wohlgefallen auf. Das war eine naive Hoffnung, wie ich nun weiss. Ich selber muss die Dinge ändern.

    Mir scheint, es wird einige Veränderungen geben, und doch fühle ich mich angesichts des drohenden Trümmerhaufens seltsam erleichtert.

    Da bin ich wieder, die Entscheidung ist gefallen, obwohl ich noch etwas mehr als 12 Stunden bis zur Deadline habe. Ich bin wirklich froh, dass ich wieder im Forum schreibe, ich habe gemerkt, dass mir das hilft, mich zu sortieren.

    Die Möglichkeit, ein paar Monate in der Heimat arbeiten zu gehen, hatte ich nur der vollständigkeit halber auch geschrieben. Als es aber geschrieben war, habe ich danach ständig daran denken müssen.

    Nicht nur, dass meine finanzielle Lage dann wieder für ein Jahr oder so geklärt ist, ich bin dann im Sommer auch weg, wenn die Gäste wieder kommen. Der letzte Sommer hat zwar gut geklappt, weil kaum Alkohol getrunken wurde, aber dieses Setting will ich trotzdem nicht mehr haben. Die ständige Sorge, ob die nächsten Gäste die kommen, welche sind, die "gerne" trinken, immer wieder der Diskussionsgegenstand sein, warum wir hier keinen Alkohol mehr ausschenken.

    Und ich habe mich auch unwohl dabei gefühlt, der Grund zu sein, warum es keinen Alkohol gibt. Es war ja über die Weihnachtstage auch hier im Forum bei manchen ein Thema, "wenn sie/er weg ist, können wir endlich die Weinflasche öffnen." Ich will meine Abstinenz niemandem überstülpen, aber ich will auch keinen Alkohol mehr um mich rum haben, auch nicht das sogenannte normale Trinkverhalten.

    Deswegen bin ich ganz einverstanden mit dieser Entscheidung, damit ist meine Lage zwar nicht langfristig geklärt, aber mittelfristig reicht mir erstmal. Ich habe auch einen Job gefunden, den ich gerne mache, wir müssen jetzt noch schauen, welche drei Monate genau ich weg sein werde.

    Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen, ich fühle mich, als hätte ich aktiv etwas getan um meine Abstinenz weiterhin zu schützen und nicht mehr machtlos den/meinen Umständen ausgeliefert zu sein.

    Und ich wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

    Hallo zusammen,

    auch hier sind die Weihnachtstage ohne grössere Ruckler vorüber gegangen, ganz kurz hatte ich ein schlechtes Gewissen, als einer ausgerufen hat: "wir können uns ja nicht mal besaufen!". Das war aber erstens nur ein dummer Spruch, und zweitens habe ich mir erlaubt, das schlechte Gewissen nicht zuzulassen, weil, es ist jedem unbenommen, sich zu besaufen. Ich hatte von meinen "Mitbewohnern" nie verlangt oder gefordert, dass sie auch keinen Alkohol mehr trinken, sie haben das von sich aus angeboten und gemacht. (Worüber ich sehr froh bin)

    Nun kommt das Jahresende mit schnellen Schritten immer näher, es ist meine Deadline. Ich will mir bis dahin über einige Fragen etwas klarer werden, sie müssen nicht abschliessend geklärt sein, aber die to-do-Liste für das nächste Jahr muss bis dahin geschrieben sein. Kleinere Sachen stehen da auch schon drauf, aber die eine grosse, existenzielle Frage habe ich noch nicht kleingestückelt gekriegt.

    Ich muss mein Leben ändern, weil es in dieser Form nicht mehr weitergehen kann. Ich habe schlicht und ergreifend kein Geld mehr, und das, obwohl ich jeden Tag sieben bis neun Stunden arbeite. Seit ich abstinent bin, bin ich eine sehr viel bessere Arbeitskraft geworden, Kater, Antriebslosigkeit, schlechte körperliche Verfassung sind weg, ich stehe nun morgens immer mehr oder weniger beschwingt auf, "man reiche mir die Kreissäge, wo ist das Brecheisen?"

    Dadurch habe ich im letzten Jahr auch sehr viel geschafft, was mich mit Freude erfüllt, aber es schleicht sich zunehmend eine Unzufriedenheit ein. Essen, ein Schulterklopfen und gute Wünsche als Lohn stehen für mich nicht mehr im richtigen Verhältnis zur geleisteten Arbeit. Ganz davon abgesehen, dass ich mit guten Wünschen keine Rechnungen bezahlen kann.

    Deswegen muss ich nun für mich entscheiden, wie es weitergehen soll. Suche ich mir hier eine Arbeit gegen Geld? Wird schwierig wegen der Sprachbarierre (Sprache lernen steht auf der to-do-Liste)und ich werde kaum noch Zeit haben, hier was zu tun. Gehe ich den Sommer über in meiner Heimat arbeiten? Möchte ich eigentlich nicht, aber ich würde halt in wenigen Monaten so viel verdienen, dass es wieder für ein Jahr hier reicht. Oder trete ich hier mal in ernsthafte Lohnverhandlungen? Damit tue ich mich sehr schwer, aber unangenehme Gespräche führen üben steht ja auch auf meiner to-do-Liste...

    Naja, ich hab ja noch vier Tage Zeit, eine Entscheidung zu fällen. Jetzt muss ich erstmal meinen Kamineinsatz abholen gehen, ich habe ein Schnäppchen in den Kleinanzeigen ergattert!

    Ich wünsch euch allen einen schönen Tag.

    Guten Morgen,

    ich sitze wieder bei meinem Verzögerungs-Tee, ich bin mental noch nicht bereit für die kalte Baustelle. Die ganz ekligen Arbeiten sind bald vorbei, wo ich abends entweder ganz schwarz vor Russ bin, wegen Schornsteinarbeiten, oder ganz weiß wie ein Gespenst, vom Staub. Heute werde ich keins von beidem sein, ich habe frisch gewaschene Haare und eine neue Garnitur Arbeitsklamotten an.

    Solcherart frisch gewandet bin ich immer sehr etepetete auf meiner Baustelle unterwegs: "Igitt, das fass ich nicht an, das ist voller Russ!" "Bäh nein, das mach ich nicht, das staubt!" aber es gibt auch noch genug Dinge, die ich heute als feine Dame machen kann, die keinen Dreck machen. Die Elektrik neu verlegen, oder die Fenster putzen...

    Da scheitert es bei mir immer schon.

    Als du das gestern geschrieben hattest, dachte ich auch: "ja, was ist eigentlich aus dem Plan geworden, das Fenster zu putzen?!?"

    Ich mache einen entspannten vorweihnachtlichen Tag. Weihnachten selbst ist bei mir nicht so präsent, wir haben einen Baum geschmückt und werden morgen Abend was schönes essen, aber da wir mehrere sind, haben wir das aufgeteilt, ich muss morgen bloss einen Käsekuchen backen.

    Am Anfang meiner Abstinenz hatte ich ständig Heisshunger auf Käsekuchen, in dem Land in dem ich lebe gibt es aber weder Käsekuchen noch etwas vergleichbares, deswegen blieb mir nichts anderes übrig als zu lernen, wie man selber Käsekuchen backt. Dann habe ich ständig Käsekuchen gebacken, aber jetzt schon lange nicht mehr, zum Leidwesen der anderen. Morgen backe ich nun wiedermal einen.

    Ich wünsche euch allen auch einen entspannten vorweihnachtlichen Tag.

    Ach, eine Tasse Tee im Warmen gönn ich mir noch, bevor es ab auf die kalte Baustelle geht. Als es mir vor ein paar Wochen ziemlich schlecht ging, wollte ich eigentlich nur ein Fenster putzen. Da hatte ich dieses Fenster mal genauer angeschaut, und der Rahmen hatte einen Wasserschaden, war stellenweise morsch. Ehe ich mich versah, hatte ich das ganze Fenster aus der Wand gerissen, um den Rahmen zu reparieren/ersetzen. "Das war jetzt dumm, Perdita."

    Ein Loch in der Wand anfang Dezember erfoderte zügiges Handeln, es musste schnell ein neuer Fensterrahmen gebaut werden. Das war dann so der Startschuss, bei genauerer Betrachtung, musste der Kamin auch rausgerissen werden (der war hässlich) und neu gebaut, und die Wände, und wenn wir grad dabei sind, der Boden!

    Wenn es mir nicht gut geht, hilft es mir immer, was körperliches zu tun. Inzwischen geht es mir wieder besser, aber das Zimmer als Baustelle ist noch geblieben, da geh ich jetzt hin, weitermachen.

    Ich wünsch euch allen einen schönen Tag!

    Ich hatte vorgestern ein seltsames Erlebnis: ich hatte mir die Tage einen Dip gekauft von einer Marke, die ich bisher nie gekauft hatte. Und als ich ihn vorgestern öffnen wollte, dachte ich, naja, schaun wir halt mal sicherheitshalber doch noch die Zutatenliste. Und es war tatsächlich so, dass da Weinessig drin war. Also tabu für mich. Und das seltsame daran waren die ersten Gedanken, die mir in den Kopf gekommen sind.

    "Mein Gott, man muss ja nicht päpstlicher als der Papst sein, hätte ja auch sein können, dass ich es gar nicht gelesen hätte. Ich kann das jetzt schon essen." Das dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, und ich hab den Dip dann nicht gegessen. Aber ich war verblüfft, dass ich sowas gedacht habe, weil ich mich bisher immer als sehr vorsichtig eingeschätzt hatte, geradezu ängstlich darauf bedacht, Alkohol ausm Weg zu gehen.

    Und dann plötzlich so locker flockig über Weinessig hinwegsehen wollen, weil ich ja so toll stabil abstinent seie.

    Da hab ich die letzten beiden Tage öfters dran gedacht. Ob das ich war, die übermütig wird, oder ob das die Suchtstimme war, mit einer ganz neuen Masche.

    Da bist du nicht alleine, ich neige zum gleichen Verhalten😬

    schön zu hören, dass ich damit nicht die einzige bin, obwohl ich dich überhaupt nicht so wahrnehme hier im Forum. Ich habe das Gefühl, dass du die Entwicklung, die ich nun anstrebe, schon gemacht hast.

    "Nur nicht trinken, reicht nicht", so oft gelesen hier, aber so richtig umgesetzt habe ich das noch nicht. Es ist mein Umgang mit (auch kleinen) Konflikten, der mich regelmässig aus der Bahn wirft. Bei auftretenden Problemen sofort alle Rollos runter, es ist geschlossen, passt sehr gut dazu, sich dann in Selbstmitleid zu suhlen und sich wegzuschiessen. Das ist aber keine Option mehr.

    Ich weiss gar nicht, warum ich mich so schwer damit tue, Probleme einfach anzusprechen. Wenn ich vom Gegenüber gezwungen werde, geht es mir danach nämlich immer besser. Naja, ich muss das jetzt üben, auch mal Gegenwind auszuhalten, und dann werde ich mit der Zeit hoffentlich lernen, dass mich das nicht gleich umbringt :)

    Guten Morgen,

    ich habe mich lange nicht mehr gemeldet, und möchte mich als erstes bei denen entschuldigen, die mir im Oktober ihre Erfahrungen mitgeteilt hatten, mir Mut gemacht hatten, die Situation vorab zu klären, woraufhin ich einfach nichts mehr geantwortet hatte. Das tut mir leid.

    Da sind wir nun auch gleich beim Thema Kommunikation, das mich umtreibt. Ich wurde hier im Forum erkannt und gelesen. Ich hatte noch zu nassen Zeiten, als ich das Forum neu gefunden hatte, ganz begeistert davon zwei, drei Personen erzählt. Sollte man nicht tun, habe ich zu spät gelernt. Zu wissen, dass hier nun mindestens eine Person mitlesen kann, die mich kennt, hat was mit mir gemacht.

    Ich gehöre zu denen, die relativ offen damit umgehen Alkoholiker zu sein, aber ich find es zwei ganz verschiedene Dinge, mich als trockene Alkoholikerin zu outen, oder zu wissen, dass Personen die mich kennen meine daraus resultierenden innersten Zweifel, Ängste, Verwerfungen mitlesen können.

    Aber ich habe nun (innerlich) lange genug rumgeheult, es ist jetzt nicht mehr zu ändern. Mein erster Impuls, aus lauter Schreck nichts mehr zu schreiben, hat sich als schlechte Strategie rausgestellt. Ich habe gemerkt, dass mir der Austausch in meiner Selbsthilfegruppe doch wichtiger ist, als mir vorher klar war.

    Vorallem weil ich mich durch mein altbekanntes Problem, so schlecht in Kommunikation zu sein, zu bockigem Schweigen zu neigen, wiedermal in eine unmögliche Situation gebracht habe, die mich belastet. Und diese Belastung möchte ich ausm Weg räumen, weil sie die Stabilität meiner Abstinenz angreift. Ich hatte/habe zwar keinen direkten Suchtdruck, aber ein ungutes Gefühl. Als wäre das Eis, auf dem ich mich bewege, das sich sonst dick und stabil anfühlt, plötzlich wieder dünner geworden.

    Das ist nicht gut, das nehme ich jetzt in Angriff, das muss weg!

    Liebe Grüsse

    Hi Mattie,

    Im weiteren Verlauf des Buchs hieß es dann auch, zu jeder lebenslangen Abstinenz gehöre eine zurückliegende Geschichte mit Rückfällen.

    diesem Spruch, "Rückfälle gehören dazu" bin ich schon verschiedentlich begegnet, unter anderem auch in der Klinik, in der ich meinen Entzug gemacht hatte. Ich verstehe zwar, daß er wohl ermutigend gemeint ist, im Sinne von "nun nicht aufgeben!" aber ich finde diesen Spruch sehr gefährlich. Ich habe ihn aus meinem Denken gestrichen, weil ich damit die Hintertür sperrangelweit öffnen würde. Mein Suchthirn wäre sofort zur Stelle: "Hier, gucke, sagen alle, Rückfälle gehören dazu, wir hatten unsern noch nicht, der steht uns noch zu."

    Ich habe auch keine Geschichte mit Rückfällen, einfach, weil ich es nicht mal geschafft hatte, Trinkpausen zu machen. Hatte ich mir zwar jeden Morgen vorgenommen, aber abends war das wieder vergessen.

    Für mich wäre es sehr schlimm, wenn ich einen Rückfall hätte, weil ich weiss, dass es nicht bei einem Abend oder zwei bleiben würde. Ich wäre sofort wieder drin, und ich weiss nicht, ob ich es nochmal schaffen würde aufzuhören. Deswegen ist ein Rückfall für mich nichts Harmloses, das in den besten Familien vorkommt, sondern eine Katastrophe, die ich mit allem meinem Denken und Verhalten tunlichst vermeiden will.